ABZIEHBILDER? TANZROBOTER? EIGENES KREATIVPOTENTIAL? – Zur Ballettpremiere am 2. März in der Wiener Volksoper
ABZIEHBILDER? TANZROBOTER? EIGENES KREATIVPOTENTIAL?
Zur Ballettpremier am 2. März in der Wiener Volksoper
Ballett ist eine allzu flüchtige Kunst. Ein harter Job für diese jungen Menschen, die sich zur Tanzkunst hingezogen fühlen. Im heutigen Konkurrenzdenken wohl nur für diese Tänzer ein Traumberuf, welche sich in gewisse Spitzenpositionen hinauf arbeiten können. Durch immensen Arbeitseinsatz, ständiges Feilen an der Technik, aufwendige Probenarbeit. Durch beinharten Drill, um die Beine blitzschnell in die Höhe zu werfen und um militärisch korrekt angepasst in Reih und Glied zu posieren. Die Aufführungen des Wiener Staatsballetts können immer wieder mit positivem Zuspruch des Publikums rechnen. Ein gefordertes hohes tänzerisches Niveau auf internationalem Standard ist gegeben. Und die derzeitigen Solisten bieten, auch wenn sie nicht gerade einen großen Bekanntheitsgrad in der Stadt genießen, meist stimmige und sehr ansprechende Leistungen.
Schnell wieder verwischt sind die Spuren der Tänzer und deren Choreografen und Ballettchefs auf den Bühnen der Opernhäuser. Im Rückblick auf die verantwortlichen Ballettleiter vergangener Jahrzehnte an der Wiener Oper: Gyula Harangozó, Renato Zanella, Anne Woolliams, Elena Tschernischowa, Gerhard Brunner, sich an noch frühere Jahre erinnernd ….. was haben sie hinterlassen? Nichts Bleibendes, nichts eigenständig Markantes. Ist nicht beinahe alles bereits vergessen? Einzig und allein “Die Puppenfee” ist in die Ballettgeschichte eingegangen. Und dieses ansprechende Wiener Zuckerwerk hatte bereits im Jahr 1888 im Wiener k.k. Hofoperntheater seine Geburtsstunde erlebt. Und aus einem vorwiegend mit heimischer Jugend zusammengesetzten Wiener Ballettensemble ist nun eines herangewachsen, in dem man die im Lande geborenen Tänzer an einer Hand abzählen kann. Nicht allzu viel länger als ein Jahrzehnt hat dieser kulturelle Auflösungsprozess der bodenständiger Ausbildung und Formung der Kompanie gedauert.
Gemangelt hat es aber auch in jüngeren Jahren an Höhepunkten mit großen neuen Kreationen. In der weltweiten Tanzszene hatte es ab der Mitte des 20. Jahrhunderts einen heute unvorstellbaren Boom an phantasievollen Tanzschöpfungen der verschiedensten Stilarten gegeben. Etwa nur im deutschsprachigen Raum: Stuttgart ist Dank der choreografischen Schöpferkraft eines John Cranko vor beinahe fünf Jahrzehnten eine längere Zeitspanne zu einer Balletthochburg geworden. Für die Hamburger Opernkompanie ist ein ähnliches Kreativwunder durch John Neumeier in den 70er Jahren geglückt. Heute werden dagegen zumeist sehr perfekt funktionierende Tanzgeschöpfe herangezüchtet. Wesentlicher sollte man eher die Versuche ansehen – ja, zumindest Versuche – eigene Ideen zu entwickeln, ein eigenes Profil zu erarbeiten, das eigene Kreativpotential zu fordern. Dies ist zurzeit in Wien bloß bescheiden zu erleben. Kommt noch hinzu, dass zugkräftige abendfüllende Werke, pompös und mit traumhaften Melodien (klar, wunderbar: “Dornröschen”, “Schwanensee” etc.), von den Direktionen bevorzugen werden. Guter Kartenverkauf muss garantiert sein.
Ist die Premiere des Wiener Staatsballetts am 2. März in der Volksoper vielleicht nun gar als wichtigster Abend in dieser Saison anzusehen? Drei Tanzschaffende dürfen als Choreografen antreten, können ihre kreativen Fähigkeiten unter Beweis stellen: Der frühere Staatsopern-Solotänzer Boris Nebyla, der als Halbsolist engagierte András Lukács, sowie die heute als einsatzfreudige Ballettmeisterin arbeitende frühere Volksopern-Ballerina Vesna Orlic. Man versucht im neuen Programm auf Nummer sicher zu gehen. Musikalisch: Mit Maurice Ravels “Bolero” (Gestaltung: András Lukács), Claude Debussys “Der Nachmittag eines Fauns” (Nebyla); und schließlich hat Vesna Orlic für sich Carl Orffs “Carmina Burana” ausgewählt. Mit Chor und Orchester – über 100 Mitwirkende werden tanzend und singend auf der Bühne stehen – ist Wohlklang und ein überwältigendes Musikerleben garantiert.
Andererseits, alle Drei fühlen sich auch wieder angreifbar, verletzlich. Denn für alle diese Musikstücke gibt es der Reihe nach famose historische Vorgaben. Etwa von Wazlaw Nijinsky, Maurice Bejárt, Jerome Robbins sind berühmt gewordene choreografische Deutungen dieser Werke dokumentiert. Trotzdem, Kopf hoch in den Ballettsälen der Bundestheater, es muss etwas entstehen. Was haben diese Tänzer an Persönlichem auszudrücken, was können sie dem Publikum vermitteln? Eigene Aussage darf für die heutigen Tanzroboter-Artisten nicht verloren gehen. Boris Nebyla folgt in seiner “Nachmittag eines Fauns”-Interpretation den Vorlagen des ursprünglichen Librettos. Der Faun teils Tier, teils Mensch, dessen natürliche Instinkte, ungezähmter Drang, Zuneigung und schließlich Befriedigung. András Lukács versucht seinen “Bolero” in Richtung Tanztheater zu lenken. Ohne konkrete Erzählung, mit kraftvollen Schrittkombinationen in einfacheren Formationen.
In “Carmina burana” postiert Vesna Orlic auch alle Chorsänger (mit Kinderchor) auf der Bühne. Deutet die Poesie der Texte aus dem 11., 12. Jahrhundert aus, übersetzt die menschlichen Gefühle in wechselnden Gruppenszenen wie solistischen Partien. Orlic trägt als Ballettmeisterin wie als Stellvertreterin von Chef Manuel Legris die Hauptlast in der Volksoper. Dort ist die kleinere Abteilung des Wiener Staatsballetts beheimatet: 14 Tänzerinnen, 14 Tänzer sind hier zu betreuen. Vesna Orlic ist 1988 aus Belgrad an die Wiener Volksoper engagiert worden, hat sich zur führenden Ballerina entwickelt. Und ist nun seit der vorigen Saison als Ballettmeisterin und Stellvertreterin von Manuel Legris als die Verantwortliche hier im Ballettsaal tätig. “Meine Stärke ist, dass ich schon lange in der Volksoper bin, mich gut auskenne. Das ist sicher ein Vorteil.” Orlic wirkt ruhig, unaufdringlich, dezent zurückhaltend. “Ich versuche, menschlich mit den Tänzern zu arbeiten. Gemeinsam bilden wir ein vertrauensvolles Team.” Sie weist auch auf die Unterschiede zu dieser Zeit hin, als sie in die Volksoper gekommen ist: “Es läuft alles jetzt insgesamt viel schneller. Früher haben wir weniger gemacht, auch technisch. Jetzt müssen alle in guter Form sein. Die Körper werden immer begabter, härter, besser trainiert. Der Konkurrenzdruck ist enorm. Man muss weit mehr aushalten können als früher von uns abverlangt wurde.”
Hier in der weniger gewichtigen Dependence des Wiener Staatsballetts sind die Tänzertypen auch etwas anders ausgewählt als für die Haupttruppe im Haus am Ring. Deren Stärken sind den Anforderungen des Volksopern-Repertoires angepasst. Nicht ganz so klassisch ausgerichtet. Also für Operetteneinlagen, Showszenen in Musicals prädestiniert. Aber auch für die Ballett-Sequenzen in den Opernaufführungen wird man an die Staatsoper geholt. Insgesamt ist der gesamte Betrieb mit den Probenzeiten, der Aufteilung an zwei Häusern, den diversen Überschneidungen recht kompliziert zu managen. Harte, intensive Arbeit unter viel Druck. Also, erhobenen Hauptes auf zur Premiere von “Bolero” und “Carmina Burana” und den erotischen Single-Träumen des Fauns: Die Tänzer sind gut, die Choreografen feilen mit seriösem Handwerk an ihren Aufgaben, die Musik ist nicht zum Umbringen. Und auch das Wiener Publikum zeigt sich immer wieder für die Tänzer von seiner beifallsfreudigen Seite.
Meinhard Rüdenauer
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