Am 3.Juli des heurigen Jahres schlug die große Stunde für den aus Viterbo gebürtigen, feschen, ganze 24 Jahre jungen Tenor: Er ging aus dem Hans Gabor Belvedere-Wettbewerb als Gewinner im Bereich Oper hervor, wobei dem strahlenden Sieger ganz besonders der zusätzliche Publikumspreis freute, den er zum Hauptpreis mit einheimste. Und mit seinem Debut als Don Ottavio an der Grazer Oper konnte er sich der besonders großen Zustimmung des dortigen Opernpublikums erfreuen.
“Ich muß mich bei Johannes Erath, dem Regisseur, mit dem sehr gut zu arbeiten war, bedanken, dass er dieser Rolle eine solche Wichtigkeit verliehen hat. Endlich ein Don Ottavio der nicht den üblichen Schwächling darstellt, der für den Komtur den Rächer übernimmt und Don Giovanni mit jener Pistole erschießt, mit welcher der Vater seiner Geliebten zu Tode gekommen ist. Ich finde es schade, dass Erath so viele Buhs für seine Regie bekommen hat, die eigentlich vom psychologischen Standpunkt aus so interessant war.”
Sein Vorsingen in Graz und das Engagement an die dortige Oper fand schon lange vor dem Belvedere-Wettbewerb statt und er bewundert den Mut der Intendantin, Frau Elisabeth Sobotka, einem so jungen Mann sofort diese Rolle anzuvertrauen und ihn auch ohne Cover anzusetzen.
“Sie hat sofort nach dem Vorsingen entschieden, dass ich den Don Ottavio singen sollte und ich werde dafür Frau Sobotka immer in meine Gedanken und mein Herz einschließen. Ich war nach einigen Vorsingterminen schon entmutigt, niemand wollte meinen Ottavio, der angeblich zu wenig einem Tenore di Grazia entsprochen hätte. Hier in Graz passte alles.”
Der Weg auf die Opernbühne war dem im Zeichen des Widders geborenennicht unbedingt in die Wiege gelegt, zwar wollte der Großvater, dass die Mutter eine Opernsängerin werde, aber diese träumte doch nur von einer Pop-Karriere. Auch der Filius strebte Ähnliches an und hatte mit 17 bereits Verträge mit einer modernen Band. Er wurde damals von einer deutschen Gesangslehrerin betreut, bei der er sich in die deutsche Sprache einhören konnte und sogar aus dem Schwanengesang und der Dichterliebe sang.
“Da las meine Mutter in der Zeitung von einem Opernwettbewerb in Viterbo und ermunterte mich, dort anzutreten, da ich immer ein wenig Tamino und Nemorino ohne eigentlichem Studium dieser Arien trällerte. Aber ich hatte von meinem Vater eine CD von Placido Domingo geschenkt bekommen und mit dieser habe ich nun meine Nummern einstudiert, bin zum Bewerb angetreten und habe den Jugendpreis gewonnen. So habe ich mich entschlossen Opernsänger zu werden und wenn ich Domingo eines Tages treffe, muß ich ihm sofort sagen, dass er mein Glück herbeigeführt hat.”
Schon einige Monate später trat Poli neuerlich bei einem Wettbewerb in Rom an und gewann und Renata Scotto, die Jurypräsidentin, nahm ihn bei sich in ihrem Kurs in der Accademia di Santa Cecilia auf. Auch in Konzerten trat der junge Sänger jetzt bereits auf.
“Da aber die Primadonna lediglich Interpretation aber keine Technik lehrte, schlug sie mir vor, einen guten Gesangslehrer zu suchen. Und so ist seit zwei Jahren Romualdo Savastano mein Lehrer, der in Rom eine eigene Akademie hat, die A.R.T. Musica, in welcher ganzheitlich unterrichtet wird in einer Kombination aus Gesang und medizinischen Fächern wie Physiotherapie, Phonetik usw. Der Bruder des Gesangspädagogen, Antonio Savastano, war ein sehr bekannter Tenor in Italien, der sogar mit Pavarotti gesungen hat und oft für die Deutsche Grammophon mit Abbado gearbeitet hat. Wenn ich in Italien bin, arbeite ich vier Mal in der Woche mit dem Lehrer.” (Die Bezeichnung A.R.T. Musica ist aus den Anfangsbuchstaben der Vornamen der beiden Brüder und jenem der Mutter, nämlich Teresa, entstanden.)
Erst mit dem Gewinn eines weiteren Wettbewerbes in Fermo, der auch ein Stipendium in der Höhe von 10.000 € mit einschloß, war die Skepsis der Mutter und ihre Besorgnis für eine baldige, sichere Zukunft beseitigt, während der heimliche Wunsch des Vaters nach einem Opernsänger in der Familie sich endlich erfüllte.
“Gigliola Frazzoni, die neben Gianni Raimondi und Anita Cerquetti in der Jury saß, sagte damals: “Heute sangen viele junge Leute, aber der Jüngste hat gewonnen.”
Die Matura hat Poli in Viterbo abgeschlossen, das Klavierstudium in Terni mußte letztlich wegen des Gymnasiums und der beginnenden Gesangsstudien zurückgestellt werden.
“Wenn ich in Viterbo bin, wohne ich bei meinen Eltern, mit meinem Vater gehe ich gerne auf die nahen Seen, etwa dem Lago di Bolsena, fischen. Der Vater ist jetzt schon in Pension, hat Messingteile für Geländer, Auslagen, schicken Betten und Lampen erzeugt und repariert mit großer Geduld die Geräte, die ich bei meinem ungeschickten Angeln kaputt mache. Meine Mutter ist Geschäftführerin einer Reinigungsfirma. Als Sport betreibe ich gerne Reiten – allerdings habe ich kein eigenes Pferd – betreibe Nordic-Walking, was wieder gut für Kreislauf und Rücken ist, schwimme oder versuche mich auch im Capoeira, dem brasilianischen Kampftanz mit Musikbegleitung. Ich lese gerne und viel, auch Goethe und Hölderlin zählen – natürlich immer mit der Übersetzung daneben – zu meinen Lieblingsautoren, ich höre gerne Musik, jede Musik die melodisch ist, von den Opernkomponisten habe ich immer schon Puccini geliebt und ich bin aber auch ein besonderer Fan von der Gruppe Queen mit Freddie Mercury, dessen Art, das Publikum zu faszinieren mich immer wieder begeistert.”
Hat Antonio Poli bisher nur in eher kleineren Partien gesungen – da sind der Arturo aus der Lucia ebenso darunter wie der Hirte und der Steuermann im Tristan oder kleine Rossini- und Mozart-Partien, so stehen in nächster Zeit Aufgaben wie der Belmonte in Rom, dort auch der Ismaele im “Nabucco” unter Muti und unter dem selben Maestro bei den Salzburger Festspielen der Malcolm in Verdis “Macbeth” sowie die Partie des Fischers in der konzertanten Aufführung von Strawinky´s “Le rossignol” und die Partie des Almerik in Tschaikowsky´s “Jolanta”, ebenfalls konzertant an der Seite von Anna Netrebko, an. Auch beim diesjährigen Neujahrskonzert im La Fenice tritt der Künstler auf, das Konzert wird von RAI 1 und von Kultursender ARTE live übertragen. Ebenfalls sind Auftritte in Glyndebourne im Falstaff geplant. Für 2012 gibt es ein Projekt in Graz, über das er aber noch nicht sprechen kann. Der Lenski wäre jedenfalls eine Wunschpartie des Sängers.
“Viele Sänger sagen bei schwereren Partien sofort zu, kommen aber bei mangelnder Kontrolle ihrer Stimme in Schwierigkeiten und scheinen dann nicht die Geduld zu haben, neu zu lernen. Immerhin hat auch ein Corelli, als er am Höhepunkt seiner Karriere Schwierigkeiten bemerkte, längere Zeit pausiert und bei Lauri Volpi gelernt. Mein Lehrer sagte mir am Beginn des Studiums, dass ich wohl eine schöne Stimme hätte, was auch andere sagten, dass ich aber genügend Zeit benötige, um mit ihm zu lernen – mindestens 4 bis 5 Jahre – um genügend Kontrolle über die Stimme zu gewinnen. Viele Sänger beginnen erst ihre Karriere, und besinnen sich dann erst auf die technische Basis.
Ich glaube, viele Agenten geben dem Sänger zu wenig Zeit für eine ruhige Entwicklung auf der Bühne, einige von ihnen haben ein wenig Musik gehört und werden darauf sofort zu Sängervermittlern. Mein Agent – er war auch Sänger – fragt mich immer, wie gefällt Dir diese oder jene Rolle, geh zu deinem Lehrer, besprich Dich mit ihm und sage mir nach zwei, drei Wochen, was Du darüber denkst. Er geht langsam vor und ich danke Gott, dass ich ihn gefunden habe.”
Antonio Poli ist sich der Verantwortung bewußt, die er seiner Stimme schuldig ist, aber auch des Glücks, das man als angehender Künstler haben muß: eine gute Stimme, einen guten Lehrer und auch die uneigennützige Unterstützung durch seine Familie, für die er dankbar ist.
“Ich liebe nicht die Einsamkeit während langer Probenzeiten, aber ich sehe das nicht als Opfer, oder besser, ich nehme dieses Opfer gerne an, denn beim Aufwachen oder beim Einschlafen frage ich mich immer, ob ich auch das Beste für meinen Gesang getan habe, ich darf nichts vernachlässigen, denn sonst hätte Gott dieses Geschenk auch einem anderen Mann geben können, aber so hatte eben ich das Glück und muß dafür dankbar sein.”
In Graz sprach mit dem Künstler Peter Skorepa