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24. Jahrgang
JULI/AUGUST/SEPTEMBER
2011
174
- - - - -
Anton Cupak
03.07.2011
19:53:28
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Film/Tv Aktualisiert: 01.12.2011 00:38:22
 
 
Ab 2. Dezember 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
JANE EYRE
USA / 2011
Regie: Cary Fukunaga
Mit: Mia Wasikowska, Michael Fassbender, Jamie Bell, Judi Dench u.a.
 
Was trennt Literatur von Trivialliteratur? Nicht unbedingt die Story. Hätte eine andere als Charlotte Bronte die Geschichte des Waisenkindes erzählt, das sich so stark im Leben behauptet, wäre wohl schlimmer Kitsch daraus geworden. Arme Hauslehrerin kommt zu verschlossenem Gutsherrn und gewinnt sein Herz… na, das klingt eigentlich eher nach Courths-Mahler. Das Buch ist erstaunlich, und die neuestes Verfilmung auch. Denn man erinnert sich an das, was man von dem Regisseur Cary Fukunaga kennt, nämlich „Sin Nombre“, eine entsetzliche, tragische Geschichte um Kriminalität und Menschenhandel in Mittelamerika, wie sie radikaler nicht sein konnte. Aber auch Regisseure lassen sich nicht gerne in Schubladen schieben – und so schuf der 34jährige (!) nun eine tadellose Verfilmung, die das England des 19. Jahrhunderts nicht nur in den stimmigen Bildern eines Historienfilms, sondern auch in der Mentalität der Menschen beschwört.
 
Wobei von Anfang an klar ist, dass diese Waise Jane Eyre etwas Besonderes ist, ein Geschöpf, das sich nicht in die Opferecke schieben lässt. Nach den Kinderszenen trägt sie das Gesicht von Mia Wasikowska und überzeugt hier mit einer ruhigen Entschlossenheit weit mehr, als sie es in der hektischen „Alice im Wunderland“-Verfilmung als Titelheldin vermochte. Jane hat sich ihre Bildung ertrotz und kommt als Hauslehrerin nach Thornfield Hall. Wie angenehm und unerwartet (warum erwartet man von Menschen nur das Schlechteste? Nun, bis dahin hat es ja auch gestimmt, was Janes Umgebung betraf!) hier einem warmherzigen Menschen zu begegnen, und niemand hätte diese Haushälterin Mrs. Fairfex in ihrer Menschlichkeit und trockenen Güte schöner spielen können als Judi Dench.
 
 
Der Hausherr Mr. Edward Rochester ist dann der Ire Michael Fassbender, der rasch zu den führenden Gesichtern der Leinwand aufgerückt ist, ein schmaler, eleganter Mann, der natürlich ein Geheimnis hat und nicht nur deshalb auf Frauen (auf der Leinwand und im Zuschauerraum) wirkt  – die erste Gattin, die so viel Unglück bedeutet, zieht sich geradezu (bis „Rebecca“) durch die englische Literatur, und es ergäbe wieder eine äußerst triviale Geschichte, würde sie nicht so schön und selbstverständlich erzählt. Wie sich Jane und Edward an einander annähern (wobei das Problem der verbotenen Sexualität natürlich elegant herumschwebt), ist psychologische Feinarbeit ohne den höheren Kitsch, der hier sonst dazu gehört. Freilich, das Happyend nach Umwegen, ein blinder Mann, dem eine liebende Frau die Hand reicht… aber selbst da wahren Darsteller und Regisseur das empfindliche Gleichgewicht.
 
Das Paar ist nicht farblos, es sind gemessene, gescheite Menschen mit sehr feinem Innenleben. Die „bösen“ Verwandten und Bekannten dürfen etwas mehr auftragen, aber besonders delikat ist der seit seinem „Billy Elliott“ erwachsen gewordene Jamie Bell als Pastor, der auf Janes Hand verzichten muss, weil sie viel zu stark ist, eine Vernunfts-Versorgungsehe einzugehen. Cary Fukunaga überzeichnet nicht und lässt’s nicht tremolieren – das ist eine wirklich bemerkenswerte Umsetzung dieses Romans.
 
Renate Wagner
 

 
 
Ab 2. Dezember 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
ALLES KOSCHER
Regie: Josh Appignanesi
Mit: Omid Djalili, Richard Schiff u.a.
 
Wie unendlich schwierig der theoretisch immer wieder angestrebte Dialog zwischen den Konfessionen ist, wissen wir alle. Und er wird umso härter, je humorloser er verläuft. Wann immer die Kunst versucht, da eine Prise Ironie in das Thema zu würzen, kann einem das fürchterlich schlecht bekommen. Dennoch wird es immer wieder gewagt – auch in dem Film „Alles koscher“ von Regisseur Josh Appignanesi. Wie immer man zu dem Endprodukt steht - es ist doch gut, dass es jemand versucht hat.
 
Zugegeben, die Situation ist nicht wahrscheinlich, aber gänzlich unmöglich ist sie nicht – schließlich sind nicht alle Leute grenzenlos vernagelt, intolerant, feindselig. Also könnte doch ein muslimisches Paar ein hilfloses Judenbaby angenommen und in der Gemeinschaft aufgezogen haben, ohne viele Worte darüber zu verlieren: Da wächst ein Moslem auf, der keine Ahnung hat, dass er mit dem schönen Namen Solly Shimshillewitz auf die Welt gekommen ist … Das zumindest ist die Handlung dieser Komödie, die heikel auf einem schmalen Grat balanciert, denn ihr Hauptdarsteller Omid Djalili ist ein wahrer Brachialkomiker, der hier keine Tragikomödie, sondern mehr als einmal Klamotte spielt. Und doch…
 
Wir sind in London, da mischen sich die Leute, die einander sonst aus dem Weg gehen, was soll man tun, wenn die Juden so nahe sind? Mahmud Nasir ist ein braver, aber nicht unbedingt enthusiastischer Moslem – dass sein Sohn die Tochter eines gnadenlos-fundamentalistischen Imans heiraten will, entzückt ihn nicht gerade, aber man wird natürlich versuchen, den künftigen Schwiegervater des Sohnes vorzuspielen, dass man die Religion superernst und schwer nimmt. Als Heiratspapiere für den Sohn nötig werden, kommt Mahmud Nasir – und nur er – auf sein schreckliches Geheimnis. Er ist eigentlich Jude.
 
Das nagt nun den ganzen Film an ihm, das treibt ihn in die Arme eines jüdischen Nachbarn (selbstironisch: Richard Schiff), der ihn erst gar nicht bei der Tür hereinlassen will, dann aber die ebenso schwierige wie komische Aufgabe auf sich nimmt, den Neo-Juden, der sich ehrlich um die Kenntnis seiner Wurzeln bemüht, in die Grundbegriffe der anderen Religion einzuweihen. Regisseur Josh Appignanesi macht sich über die Moslems so schrankenlos lustig über die Juden (orthodoxe Rabbiner sind auch keine angenehmen Zeitgenossen): Stur, vernagelt und mit Vorurteilen behaftet erscheinen die Herrschaften hüben und drüben, und als Mahmud, der so possierlich nach seiner Identität sucht, auffliegt, weisen ihn beide Gesellschaften empört von sich… Wie das Leben so spielt. Und nur im Kino ist ein doch noch versöhnliches Happyend möglich, das jene in die Ecke stellt, die dorthin gehören, nämlich die gnadenlosen Fanatiker.
 
Und eines macht einfach nachdenklich: Ob Hauptdarsteller Omid Djalili (kein Mann der darstellerischen Feinarbeit, wie schon erwähnt) das typische Käppchen des Muslim trägt oder die Kippa des Juden – er erscheint absolut glaubwürdig als der eine wie der andere. Was eigentlich beweisen sollte, dass die Abgründe nicht so unüberwindbar wären, wie man es immer befürchtet. Und dass möglicherweise Äußerlichkeiten die inneren Widerstände bedingen.
 
Renate Wagner
 

 
 
Ab 2. Dezember 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
IN TIME
USA / 2011 
Regie: Andrew Niccol
Mit: Justin Timberlake, Amanda Seyfried, Olivia Wilde, Cillian Murphy u.a.
 
Es gibt viele Arten von Sci-Fi-Filmen, die meisten gefallen sich in Brutalo-Action irgendeiner Art („Real Steel“ war neulich ein solcher). Aber es gibt auch die „philosophischen“, die sich fragen, wie man in der Zukunft wohl leben wird. Und Drehbuchautoren wandeln offenbar immer irgendwie auf den Spuren einer gar nicht schönen neuen Welt im Sinne von George Orwell und denken sich die kompliziertesten, aber durchaus auch faszinierendsten Systeme aus, die alle eines gemeinsam haben – die Unterdrückung des freien Menschen.
 
In der Realität wissen wir schon, worum wir uns in der Zukunft raufen werden – um Wasser beispielsweise. Hier haben wir es mit einer noch trickreicheren Geschichte zu. Hier ist Zeit der größte Wert, der gnadenlos gehandelt wird. Jeder Mensch wird 25 Jahre alt – und bleibt da stehen (das heißt, dass man kein altes Gesicht in dem Film sieht). Die restliche Lebenszeit beträgt ein Jahr, sie läuft einer Uhr gleich am Arm des Menschen, man verdient Zeit durch Arbeit, man bezahlt in Zeit für jede Dienstleistung, und so kann bei Teuerungen das Leben sehr viel kürzer werden: Noch nie ist der Begriff „Zeit ist Geld“ so direkt umgesetzt worden. 
 
Natürlich gibt es auch in dieser Welt (wie immer, wo es um Menschen geht) die Reichen, Mächtigen, Skrupellosen, die Zeit bis zur Unsterblichkeit horten, und die Armen, die verzweifelt um ihr Überleben kämpfen: Die Mutter des Helden (Olivia Wilde) fällt tot in seine Arme, Sekunden zu spät, bevor er ihr etwas von seiner Zeit abgeben und sie damit retten könnte…
 
Hat man diese Vorgabe des von Andrew Niccol geschriebenen und inszenierten Films einmal begriffen, springt die Geschichte in die übliche Action-Story über. Justin Timberlake, der in kürzester Zeit dermaßen ins Filmgeschäft eingestiegen ist, dass man meint, ihm in jedem dritten Film zu begegnen, gibt einen jungen Mann, der sich gegen das auferlegte Schicksal wehrt – zumal als er von einem verzweifelten Langlebigen, der nichts anderes will als endlich sterben, Hunderte von Lebensjahren geschenkt bekommt. Nun ist er frei, das System zu bekämpfen. Und weil die großen Konzerne, die „Zeit“ handeln wie jedes andere Gut, natürlich die Bösen sind, ist man voll auf seiner Seite. Amanda Seyfried, die glupschäugige Tochter des Zeit-Tycoons, empfindet ebenso, und der Rest sind Bonnie & Clyde-artige Überfälle auf die Zeitbanken und „on the run“ des Pärchens, mit dem geheimnisvollen, immer glänzenden Cillian Murphy auf den Fersen…
 
Die ganze Sache mit der Zeit als Währung ist allerdings so komplex, dass man sie in einem Sci-Fi-Thriller nicht wirklich auflösen kann – auf der Höhe seiner sozio-philosophischen Vorgaben bewegt sich der Film nicht, wirklich nach- und durchdenken darf man die Geschichte nicht, da wird sie löchrig. Also muss man am Ende mit der Hetzjagd und dem Happyend des attraktiven Paares zufrieden sein.
 
Renate Wagner 
 

 
 
Ab 25. November 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
 
 
DER GOTT DES GEMETZELS
Carnage / USA /   2011
Regie: Roman Polanski
Mit: Kate Winslet, Jodie Foster, Christoph Waltz, John C. Reilly u.a.
 
„Der Gott des Gemetzels“ (2006) ist das erfolgreichste Stück, das die französische Schriftstellerin Yasmina Reza (persisch-ungarisch-jüdischer Abstammung – das ist ein Cocktail!) seit ihrem Sensationserfolg von „Kunst“ geschrieben hat. Berechtigt, denn sie braucht nur vier Personen und einen Theaterabend, um die ganzen hohlen gesellschaftlichen Gerüste, die wir so gerne als wahr ausgeben, gnadenlos so niederzureißen und zu demolieren, dass am Ende jeder mit leeren ideologischen Händen dasteht… Für die Theater ist das Stück allezeit ein Gewinn: ein einziger, unaufwendiger  Schauplatz, eine durchgehende Handlung, vier Paraderollen für vier großartige Schauspieler – dergleichen senkt schon den Produktionskostenanteil erheblich. Für den Film ist dies natürlich alles andere als ideal: Schauspieler in einem Wohnzimmer einzusperren, ist für eine „bewegliche“ Kunstform, die sich mit Leichtigkeit und Geschwindigkeit von Ort zu Ort bewegt, geradezu kontraproduktiv.
 
Nun, in der Inszenierung von Roman Polanski birst die Leinwand vor Spannung, denn er kann eben nicht nur „Film“ im konventionellen Sinn machen, sondern auch mit Schauspielern umgehen. Und mit was für welchen! Ein Quartett, wie es idealer nicht ausgedacht und aufeinander gehetzt werden konnte, begegnet sich mit aller konventioneller Höflichkeit: Penelope Longstreet, sehr links und sehr „bewusst“, was recht und richtig ist auf dieser Welt, und ihr etwas primitiverer Gatte Michael (er kommt erst in Fahrt, wenn er die Klospülungen erklären darf, die er erfolgreich verkauft) haben sich entschlossen, Großzügigkeit walten zu lassen. Ein Junge hat am Spielplatz ihrem Sohn zwei Zähne eingeschlagen, aber nein, sie werden keinen großen Wirbel darum machen, sie finden es nur korrekt, sich mit dessen Eltern darüber zu unterhalten.
 
Und diese kommen - Nancy Cowan, einmal grundsätzlich ganz schuldbewusst und mit den entsprechenden Demutsgesten (man kennt dergleichen aus dem Tierreich), während der mit seinem Handy verwachsene Gatte das ist, was die Amerikaner „a snakefucker“ nennen, also in unserer Terminologie ungefähr ein Scheißkerl: Wie aus seinen dauernden Telefonaten hervorgeht, bei denen er sich durch keinerlei gesellschaftliche Höflichkeit stören lässt, läuft da eben eine ganz schmutzige Geschichte mit dem von ihm vertretenen Pharma-Konzern, wo es um nichts anderes geht, als die bedenklichen Folgen eines Medikaments nicht etwa zu beseitigen, sondern bloß unter den Teppich zu kehren…
 
Mit wem beginnen? Vielleicht mit Christoph Waltz, mit dem Yasmina Reza jene gnadenlosen Technokraten hinstellt, für die nur Geld und Gewinn zählt, die die Worte „Anstand“ oder „Moral“ nicht einmal buchstabieren könnten, weil sie sie nicht kennen? Waltz ist brillant, er ist widerlich, er ist komisch, und manchmal kann man nicht umhin, ihn angesichts der anderen Heuchler in seiner brutalen Ehrlichkeit fast sympathisch zu finden. Er hält durchgehend richtig die Pose der ultimativen Belästigung: Wie kommt seine Frau dazu, ihn da zu diesen lächerlichen Bürgern zu schleppen, nur weil sein Sohn gerauft hat? Das gehört doch nun einmal dazu…
 
Im Grunde findet das auch der Klospülungen- Verkäufer, hinreißend dargestellt von John C. Reilly, der schon in seinem ganzen Habitus klar macht, wie sehr er von seiner „intellektuellen“ Frau schreckhaft untergebuttert wird. Eigentlich möchte er auch aufbegehren – und wie sich in diesem Quartett auch immer andere Allianzen bilden, wie sich die Gewichte der Überlegenheit, Unterlegenheit, der Kampfbereitschaft, des Erschreckens über die Aggression der anderen immer wieder ändern, ein empfindliches Gleichgewicht auf allerhöchster Ebene, so zeigt Yasmina Reza am Ende die Solidarität der Männer, die einfach nicht verstehen, wie Frauen eigentlich ticken und um was sie so viel Wasser machen…
 
Kate Winslet spielt eine jener Frauen, die immer auf Konsens und Vermittlung aus sind, was aber letztlich gar nicht echt ist, denn wenn man allzu sehr an ihren Nerven zerrt, dann reißen sie auch ganz dramatisch, und dann kann die Mitwelt nur staunen, wie viel Wut sie in sich hineingestopft hat, die gelegentlich ja doch ausbricht. Der Druck, der sich in dieser Konfrontation aufbaut, ist gewaltig, und Kate Winslet ist herrlich, gerade weil sie auf weiblicher Ebene eine so andere und so gleichwertige Gegenspielerin hat.
 
Jodie Foster, mit ihrem bekannten Zug von Verbissenheit um den Mund, gibt die von ihrer Unantastbarkeit der richtigen Überzeugungen geschwollene Gutmenschenfrau, an der die Autorin fast am zynischsten sägt, bis das ganze Gebäude in Stücke fällt, weil ihr letztlich alle anderen drei (auch der Gatte) ideologisch den Boden unter den Füßen wegziehen. Na ja, wenn man auch als angeberische „Coffeetable Literature“ einen Kokoschka-Katalog hinlegt, der eine Rarität ist, und die Besucherin darauf kotzt, weil ihr offenbar der wunderbare Apfelkuchen, den man ihr kredenz hat, nicht bekommen ist… au weia. Das ist zum Brüllen komisch und so brillant, dass es wirklich unter die Haut geht.
 
Ja, Yamina Reza beherrscht vollendet die Kunst, durch ihre Figuren gänzlich klar zu machen, was sie meint, und Polanski ist der Regisseur, das Wohnzimmer der Longstreets mit einer Spannung zu füllen, die oft über einen Krimi hinausgeht. Was als gesittetes Gesellschaftsstück beginnt, entwickelt sich zum  Psychothriller und erweist sich letztlich als gnadenlose Demaskierungs-Farce der nur scheinbar braven Bürger unserer Wohlstandswelt.
 
Renate Wagner  
 
 

 
 
Ab 24. November 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
 
 
BREAKING DAWN - BIS(S) ZUM ENDE DER NACHT - TEIL 1
The Twilight Saga: Breaking Dawn - Part 1 / USA / 2011
Regie: Bill Condon
Mit: Kristen Stewart, Robert Pattinson, Taylor Lautner u.a.
 
 
Für viele Leute ist der Erfolg der „Twilight Saga“ von Autorin Stephenie Meyer so rätselhaft wie jener von „Harry Potter“ – hier geht es um ein junges Mädchen namens Bella Swan, die sich zwei Verehrer der besonderen Art ausgesucht hat: Edward Cullen ist ein Vampir, Jacob Black ist ein Werwolf, und beide der irrationalen Species leben im ländlichen Amerika mit den Normalmenschen zusammen – und bekämpfen einander. Viele Romane lang, die man nicht gelesen haben muss, denn andere haben es millionenfach getan und die Autorin millionenfach reich gemacht, indem man die Jugend mit der Überzeugung füttert, das Unirdische existiere, hoch lebe das Paranormale… Im Film bringt man das schneller hinter sich als mit Lektüre, aber alles, was man bisher in drei Teilen gesehen hat, wirkte immer gleich, nur die Fachleute-Fans werden da (wie bei Harry Potter) irgendwelche Unterschiede ausmachen.
 
Bislang hat es Bella jedenfalls geschafft, sich von Edward Cullen lieben zu lassen, ohne dass er zugebissen hat – sie ist noch Jungfrau, noch kein Vampir. Wenn nun mit dem vierten Teil der endgültige Showdown ansteht, also der Vampir / Werwolf-Verschnitt nur noch begrenzt zu melken ist (es sei denn später endlos mit den DVD-Cassetten-Boxen), hat man sich – auch wie bei Potter – entschlossen, den vierten Film zumindest in zwei Teilen herauszubringen. „Breaking Dawn - Bis(s) zum Ende der Nacht“ ist jetzt im Kino, und wenn es für die Liebhaber der Bücher (die natürlich ohnedies wissen, wie es weiter- und ausgeht) auch unendlich spannend wirkt, wenn Bella endlich, endlich ein Vampir wird… man hält es schon noch ein Jahr bis zu Teil 2 und dem endgültigen Ende aus.
 
Man merkt schon, wie sehr dieser Teil gestreckt wurde, um abendfüllend zu werden. Wenn Teenager-Mädchen im Zuschauerraum auch vielleicht ihrerseits von solchen Traumhochzeiten träumen, so sind die Vorbereitungen doch endlos, die Zeremonie auch, und bis das glückliche Paar endlich nach Brasilien unterwegs ist und sich auf einer Insel bei Rio niederlässt… Mann o Mann, muss man da warten, dass etwas passiert. Aber keine Angst: Wir erfahren zwar, dass der wilde Vampir-Gatte in der Hochzeitsnacht das Ehebett zerlegt hat, aber zu sehen bekommt man davon nichts: Dieser Film ist so keusch, als sei er in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gedreht, ein paar lange Küsse ist das höchste der Gefühle. Na ja, man muss ja nicht alles sehen.
 
Dann knickt die Geschichte schnell zur Tragödie über – Bella ist schneller mit einem riesigen Schwangerschaftsbauch bestückt, als es normal ist, Kunststück, ein Vampir (kein Wälsung) wächst ihr im Schoss, und jetzt wird alles sehr problematisch, abgesehen davon, dass die Vampire und Werwölfe schon wieder auf einander losgehen und Bellas wölfischer Liebhaber sich auf die Seite der Vampire stellt… Aber wie das weitergeht, klärt sich wohl erst in der Zukunft, Tatsache ist, dass Bella bei der Geburt des Vampirtöchterchens stirbt und nur zu ewigem Leben erwachen kann, wenn sie denn auch eine Vampirin wird…
 
Das ist die Aufgabe von Kristen Stewart, auf deren sympathischer Persönlichkeit der Film ruht, und wenn sie auch auf unauffällige Art hübsch ist, so mutiert sie doch immerhin von der strahlenden Braut zur schwerkranken, hohläugigen Schwangeren – um den Zuschauer am Ende als weißgesichtige, strahlend geheimnisvolle Vampirin to be zu entlassen… die Maskenbildner haben mitgeholfen, aber sie bringt schon, was sie soll.
 
Was man von den Männern nicht behaupten möchte, aber können Millionen Teenager irren, die sich offenbar in das bleiche, leere Gesicht von Robert Pattinson verknallt haben? Wer statt dessen Schulbubi Taylor Lautner mit seiner grimmigen Miene wählt, zeigt auch keinen wesentlich besseren Geschmack. Und doch sind es, wie bei Potter, diese Darsteller, die durch die Serie durchgezogen wurden und offenbar stark ihren Erfolg mitbestimmen.
 
Das ist nicht leicht nachzuvollziehen, zumal so schlichte Dinge wie Handlung, Dialog, echte filmische Skills abseits von den üblichen Computertricks (Regie: Bill Condon) hier so gut wie nicht bedient werden – aber wohl auch vom Publikum nicht gefordert: Die bereits triumphierend rapportierten Kassenberichte sprechen für sich.
 
Renate Wagner
 
 

 
Ab 25. November 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
DIE FRAU, DIE SINGT
Incendies / Kanada, Frankreich / 2010
Regie: Denis Villeneuve
Mit: Lubna Azabal, Mélissa Désormeaux-Poulin, Maxim Gaudette u.a.
 
 
Man hat das Theaterstück „Verbrennungen“ des libanesischen Autors Wajdi Mouawad, auf dem dieser Film basiert, einst in Wien gesehen, und im Gegensatz zu anderen Stücken (etwa dem „Gott des Gemetzels“) passt es vorzüglich für das Kino – viele Schauplätze, viele Handlungsebene, hier kann man ausleben, was sich auf der Bühne zusammen drängt.
 
Für den Auslands-„Oscar“ 2011 nominiert (allerdings den Dänen für eine Familiengeschichte anderer Art unterlegen), behandelt dieses große und mit über zwei Stunden auch lange franko-kanadische Drama einen der tragischen Stoffe der Weltliteratur, in unsere Zeit versetzt: Es ist die Geschichte von Iokaste, die ohne es zu wissen mit ihrem eigenen Sohn Ödipus Kinder zeugte… Diese Kinder, ein „ganz normales“ Zwillingspaar um die 20, die in Montreal leben, hatten es bei ihrer aus dem Ausland eingewanderten Mutter Nawal Marwan immer mit einer „seltsamen“ Frau zu tun, die sie meist nicht wirklich verstanden haben. Und ihr Testament verstärkt alle Rätsel noch: Sie verkündet, dass die Zwillinge einen Halbbruder hätten und sie diesen in der mütterlichen Heimat, im Nahen Osten, suchen mögen…
 
Wajdi Mouawad ist selbst als Frankokanadier aufgewachsen und hat sich solcherart auf der Suche nach seinen eigenen Wurzeln begeben. Denn abgesehen von der unfasslichen Tragödie, die die Geschwister schrittweise aufdecken, als sie in den nicht genau bezeichneten „Nahen Osten“ fahren (es ist wohl der Libanon, vom Bürgerkrieg zerrissen, in Blut gebadet, „dieses Land ist ein Schlachtfeld“) – vordringlich geht es doch wohl darum, den jungen Einwanderern, die in den neuen Ländern völlig integriert sind, zu zeigen, woher ihre Eltern kamen, mehr noch: Was sie gelitten haben.
 
Die Mutter etwa 15 Jahre lang im Gefängnis, wo man sie als „die Frau, die singt“ kannte – und, wie man in vielen, eindrucksvollen Rückblenden sieht, sie hat gesungen, weil sie die Schmerzensschreie der Gequälten übertönen wollte. Von ihrem Folterer vergewaltigt und schwanger, setzen sich die Geschwister durch eine fast kriminalfilmartige Handlung mit vielen rätselhaften Wendungen auf die Spur dieses vermeintlichen Halbbruders… Und während sie eine Welt kennen lernen, die mit der ihren absolut nichts zu tun hat, muss auch dem Kinobesucher klar werden, dass es kulturelle Abgründe gibt, über die man wahrscheinlich nicht hinwegkommt.
 
Regisseur Denis Villeneuve hat das Drehbuch zusammen mit dem Autor geschrieben und sich mit einer Handvoll großartiger Schauspieler, von denen man keinen kennt, auf eine eindrucksvolle, beklemmende, manchmal vielleicht eine Spur zu pathetisch erzählte Reise begeben, aus der jedenfalls viel zu lernen ist. Etwa, wie fern der so genannte „Nahe“ Osten ist.
                                         
Renate Wagner 
 
 

 
 
Ab 18. November 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
FENSTER ZUM SOMMER
Deutschland / 2011 
Regie: Hendrik Handloegten
Mit: Nina Hoss, Mark Waschke, Fritzi Haberlandt u.a.
 
Zu den schmerzlichsten Erfahrungen des Menschen zählt, dass er nur nach vorne leben kann. Zweite Chancen mag es geben, aber nichts kann ungeschehen gemacht werden. Da die Realität uns mit solcher Gnadenlosigkeit im Griff hat, kann nur die Kunst ausweichen – in diesem Fall die Literatur. Man erinnert sich etwa an „Biographie“ von Max Frisch, ein Stück, in dem er seine Protagonisten immer wieder leben und verschiedene Variationen ihres Verhaltens ausprobieren lässt (um am Ende natürlich immer an derselben Stelle zu landen – so viel dumpfe Schicksalsgläubigkeit hat man doch, dass uns tief das Gefühl eingepflanzt ist, gegen das Schicksal könne man ohnedies nichts tun…).
 
In dem Roman „Fenster zum Sommer“ schickte die zu Unrecht weitgehend vergessene österreichische Schriftstellerin Hannelore Valencak ihre Heldin auf eine Zeitreise zwischen verschiedenen Ebenen ihrer Existenz. Man kann es vielleicht als Traumspiel bezeichnen, es steckt viel Poesie und Trauer in der Geschichte um Juliane, die zu Beginn mit August glücklich durch eine Sommerwelt zu ihrem Vater nach Finnland fährt (Regisseur Hendrik Handloegten hat in seiner Jugend dort gelebt, vielleicht reizte ihn das Ambiente, obwohl es leider nur eine geringe Rolle spielt). Wenn sie eines Morgens erwacht und sich in einer ganz anderen Gegenwart findet, im winterlichen Berlin als Dolmetscherin in einer Firma, an der Seite eines Mannes, der sich an sie klammert, aber von dem sie weiß, dass er absolut nicht der Richtige ist… da begibt sich diese Juliane (und in der Literatur, im Kino ist das ja wo wundervoll möglich) auf die Suche nach ihrer Zukunft: Wo ist August? Ja, er existiert, und als sie ihn findet, versucht sie mit allen Mitteln, ihr Schicksal an das des Mannes, der sie noch gar nicht kennt, zu knüpfen…
 
Und da ist noch eine Parallelhandlung, ihre Freundin Emily auf verzweifelter Suche nach dem „Richtigen“, die eines Tages ins Auto läuft, und Juliane meint, sie hätte das verhindern können… Wenn sie das Leben, wie sie offenbar kann, wieder zurückspult, wird sie es dann besser machen? Na ja, man ahnt es natürlich. Schicksal. Wenn Emily jung unter einem Auto sterben soll, wird das auch in der anderen Variante des Lebens geschehen. Wenn Juliane und August für einander bestimmt sind, dann – für so viel Hoffnung muss Platz sein im Kino.
 
Das Ganze mag vielleicht manchmal etwas konstruiert und sogar verschroben anmuten, aber es wird quasi schwebend gespielt: Nina Hoss ist so ein Wesen, das man zwischen die Welten stellen kann, sie hat etwas so wundervoll Unirdisches. Dazu ist Fritzi Haberlandt in der Bodenhaftung, die sie hier zeigt, der ideale Kontrast. Und Mark Waschke, dessen Gesicht sich seit „Habermann“ auf der Leinwand so positiv und nachdrücklich eingeprägt hat, ist die Idealbesetzung für den „sympathischen“ Liebhaber, während Lars Eidinger eben die Funktion hat, genug Negatives auszustrahlen, damit die Heldin ihn unbeschadet abservieren kann. So weit muss die immanente Dramaturgie dieser Geschichten schon bedient werden… Aber alles in allem lässt man sich von Regisseur Hendrik Handloegten doch willig in die seltsame Welt einspinnen, die er hier entfaltet.
 
Renate Wagner  
 
 

 
 
Ab 18. November 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
DER GANZ NORMALE WAHNSINN - WORKING MUM
I Don't Know How She Does It / USA /  2011         
Regie: Douglas McGrath
Mit: Sarah Jessica Parker, Pierce Brosnan, Greg Kinnear u.a.
 
 
Im Hollywood-Kino ist alles schön, auch die Verzweiflung einer überarbeiteten Mama, die wie Carrie Bradshaw aussieht – na ja, es ist ja schließlich Sarah Jessica Parker. Kate ist eine Investmentbankerin mit zwei kleinen Kindern und dem klassischen Problem der amerikanischen Karrierefrau: She wants it all. Den Beruf mit seinem Nervenkitzel und dem Erfolg, selbst wenn sie sich mit ihrem Chef nicht einlässt, und der – Hollywood! – sieht immerhin aus wie Pierce Brosnan nach Bond. Und natürlich die Kinder, denn die sind das absolut Beste in ihrem Leben, unverzichtbar, wunderbar – bloß nicht so sehr, dass man sich ausschließlich darauf konzentrieren wollte… Und wenn der Gatte, ein erfolgreicher Architekt, auch nicht zum Hausmann taugt, dann gibt es trotz des Hilfspersonals, das man sich leisten kann, den „ganz normalen Wahnsinn“ einer „Working Mum“.
 
Also flitzt unsere immer attraktive, wenn auch nicht mehr ganz taufrische Hauptdarstellerin ununterbrochen zwischen Wohnung und Büro hin und her, ganz abgesehen von den Flügen rund um Amerika, um ein finanzielles Riesenprojekt zum Laufen zu bringen. Aber man muss ja auch noch die perfekte Mutter spielen, für die ärgerlich kritische kleine Tochter, vor allem aber für die anderen Mütter!!! Zu Beginn zerquetscht Kate einen wunderschönen gekauften Apfelkuchen, um beim Kinderfest vorgeben zu können, sie habe ihn selbst gebacken… solche Details machen den Wahnsinn klar, der hier waltet. Und indem der Film von Douglas McGrath  immer wieder kleine Ausritte ins scheinbar Dokumentarische macht und „Mums“ Kolleginnen im Muttersein oder ihre Mitarbeiter im Büro befragt, erreicht er sein Bestes, um sinnlose Rituale, um künstlich aufgebauten Wettbewerbsdruck, um die ganz alltägliche Fiesheit der Durchschnittsmenschen aufzudecken, die das Leben der anderen (hoffentlich auch ihr eigenes!) so schwierig und stressreich machen.
 
Am Ende will Mama alles und bekommt es auch: Immerhin ist Hollywood so weit, Frauen nicht in die Küche zurück zu schicken (es gab Filme mit dieser Tendenz), sondern ihnen auch so etwas wie berufliche Selbstverwirklichung zu erlauben. Allerdings muss man seinem Chef schon einmal ganz klar sagen, dass das Wochenende der Familie gehört, nicht wahr? Und basta! Die Prioritäten der Fünfziger-Jahre-Fernsehserien sind einfach nicht zu zerstören.
 
Sarah Jessica Parker, fest entschlossen, sich auf der Leinwand zu halten, wenn schon der alte Fernsehruhm nie mehr zurückzuholen ist, „zerspragelt“ sich in ihrer Rolle und erweckt immer wieder glaubhaft den Eindruck, dass sie dauernd fest durchatmen muss, um die nächste Hürde zu bewältigen – und die übernächste türmt sich auch schon auf. Fast wie im richtigen Leben. Der Ehemann, der eigentlich nur seine Arbeit tun und mit Familienproblemen (und den Problemen seiner Frau) nicht wirklich belästigt werden will, ist in der glatten Freundlichkeit von Greg Kinnear (immer ein bisschen abwesend, weil auch er nur seinen Job im Kopf hat) überzeugend aufgehoben.
 
Und Pierce Brosnan, der hart daran arbeitet, noch ein „Leben nach Bond“ zu haben? Er ist halt nicht mehr der Alte, die schlanke, scharfe Silhouette des 007 ist weg, ist der Weichheit der paar Kilo zu viel, der paar Jahre zu viel gewichen, um noch in vorderster Front der Hollywood-Herrenriege zu kämpfen. Da reicht es nur noch für Komödien wie diese mit ihren halben Wahrheiten, die ja doch nur in der B-Liga laufen…
 
Renate Wagner
 
 

 
 
Ab 11. November 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
EINE DUNKLE BEGIERDE
A Dangerous Method / USA / 2011
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Christopher Hampton
Mit: Keira Knightley, Michael Fassbender, Viggo Mortensen, Vincent Cassel, Sarah Gadon u.a.
 
David Cronenberg lässt Gangster und Horror auf der Leinwand erblühen wie wenige Regisseure sonst. Nun hat er direkt in der Realität eine Konstellation gefunden, die es mit jedem Drehbuch aufnehmen kann. Man kennt sie aus der Geschichte der Psychoanalyse: der „Fall Sabina Spielrein“ wurde von der Wissenschaft und vom Klatsch immer wieder begeistert aufgegriffen, könnten die handelnden Personen doch interessanter kaum sein – Sigmund Freud, der Übervater persönlich, Carl Gustav Jung, einige Zeit sein präsumptiver Nachfolger, und eine schöne, reiche russische Jüdin namens Sabina Spielrein. 
 
Es wurde eine Dreiecksgeschichte, bei der allerdings Jungs Frau die Betrogene war (von Sarah Gadon als das demütige Opfer verkörpert). Was sich hier in der Schweizer Klinik Burghölzli begab, war ein klassischer Fall von „Übertragung“ (das heißt, die Patientin verliebt sich auf jeden Fall in den Arzt wie die Schülerin in den Lehrer, Machtverhältnisse aufgelöst in Gefühle) – aber hier in diesem Fall nicht nur von Seiten der Patientin, sondern auch des Arztes wirksam: Michael Fassbender, der in kürzester Zeit in Hollywood zu vielen Hauptrollen aufgestiegen ist (zuletzt X-Men und Centurion, demnächst in Jane Eyre zu sehen), spielt die glatte Fassade des Arztes, der nahezu Todesangst hat, sich von seinen Gefühlen wegreißen zu lassen (und damit seine Stellung, seine Existenz, seinen Wohlstand aufs Spiel zu setzen), glänzend.
 
 
 
 
Die „Heilung“ der Sabina Spielrein konnte nur erfolgen, weil hier im Freud’schen Sinn der klassische Fall eines wirklich tragisch-schmutzigen Geheimnisses aufgeklärt und bewusst gemacht, sprich auch ausgesprochen und eingestanden werden musste: Papa Spielrein hatte die kleine Tochter geschlagen – und weil sie Schmerz und Demütigung nicht nur als solche empfunden hatte, sondern schon im Kindesalter als sexuelle Lust, konnte sie als Erwachsene damit nicht mehr umgehen. Keira Knightley spielt diese Verdrängung als zuckendes Bündel Mensch, das zu Beginn tatsächlich irrenhausreif scheint. Besonders bemerkenswert dann ihre Darstellung der Anstrengung, in ein normales Leben zurückzukehren – eine „oscar“-reife Leistung. Schließlich hat die Therapie à la Freud gegriffen und sie ist sogar selbst später Psychoanalytikerin geworden. Ein Happyend mit Jung gab es nicht, nur eine leidenschaftliche, von Cronenberg auch in den Exzessen geschilderte Sex-Affäre.
   
Und schließlich geht es um den klassischen Fall der Rivalität zweier bedeutender Wissenschaftler: Sigmund Freud hatten wir erst kürzlich auf der Leinwand, als er in Gestalt eines eher mürrischen Karl Markovics Kollegen Gustav Mahler analysierte. Nun ist er in Gestalt von Viggo Mortensen nicht weniger knurrig und in sich versponnen, wobei Cronenberg auch allerlei persönliche Ressentiments in das Geschehen würzt – der ältere Mann gegen den jüngeren, der finanziell schlechter gestellte Freud gegen den so reich verheirateten Jung, die Eifersucht des „Übervaters“ gegen den Nachwuchs, der eigene Wege geht statt brav bei der Stange zu bleiben - etwa mit Ausflügen in die Metaphysik, die der eiserne Rationalist Freud einfach nicht nachvollziehen, noch weniger akzeptieren kann… Und schließlich das Misstrauen des Juden (dem Cronenberg durchaus etwas jüdischen Verfolgungswahn gibt) gegen den Nichtjuden…Viggo Mortensen, so oft der souveräne Gangster, der Hintergründige, ist großartig in Freuds schwer eingestandenen Seelenkrämpfen, wenn er sich wiederum von Jung ablöst.
 
Dazu noch als eine farbige Gestalt: Vincent Cassel als Otto Gross, der Balanceakt zwischen überreichen intellektuellen Mitteln und seelischem Absturz.
 
Gedreht wurde teilweise in Wien, Belvedere und Kaffeehäuser liefern den Glanz der Kaiserstadt, aber man sollte den Film nicht als Kostümschinken missverstehen, wie es schon geschehen ist: Da geht es wirklich ganz tief in jene Abgründe hinab, deren Existenz erst Freud wissenschaftlich fundiert hingewiesen hat… Schließlich ist stammt das Drehbuch von dem britischen Dramatiker Christopher Hampton, und das ist wirklich Qualitätsarbeit.
 
 
Heiner Wesemann
 
 

 
 
Ab 11. November 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
 
 
ANONYMUS
Anonymous / GB, Deutschland / 2011
Regie: Roland Emmerich
Mit: Rhys Ifans, Vanessa Redgrave, Joely Richardson, Derek Joacobi u.a.
 
 
Es gibt Themen, die kehren in der Wissenschaft und in den Medien immer wieder. Es handelt sich um Rätsel, die man nicht lösen kann, also periodisch neu aufbereitet. „War Shakespeare Shakespeare?“ ist dabei eine Lieblingsfrage der Literaturgeschichte. Und da gerade dieser Dichter von „Hamlet“ und „Romeo und Julia“, von „Der Kaufmann von Venedig“, „Macbeth“ und „Othello“, der Königsdramen, Römerdramen und großen Komödien vom „Sommernachtstraum“ bis zur „Widerspenstigen“ eine absolut einmalige Präsenz und Popularität auf den Bühnen der Welt genießt, findet man dafür auch breites Interesse. Der deutsche Regisseur Roland Emmerich hatte nach vielen Katastrophenfilmen, die er in Hollywood eher im Dutzend billiger ablieferte, offenbar Lust auf etwas Anspruchsvolles. Er drehte einen opulenten Historienfilm darüber, dass Shakespeare nicht Shakespeare war – und zaubert eine prächtige Geschichte, die Hand und Fuß hat.
 
Man kennt die Theorie, dass Edward de Vere, der 17. Earl of Oxford, Shakespeares Werke schrieb und sie dem Schauspieler aus Stratford unterschob, da er durch seine Stellung als Adeliger keine Möglichkeit hatte, sich als Dramatiker zu „outen“. Neuerdings hat der Autor Kurt Kreiler dies in seinem Buch „Der Mann, der Shakespeare erfand“ (Insel Verlag) so überzeugend dargelegt, wie man nur argumentieren kann, wenn es den letzten Beweis natürlich nie gibt. Die Indizienkette wiederum, so überzeugend sie gefügt sein mag, wird von den Gegnern dieser Theorie doch wieder zerpflückt. Emmerichs Drehbuchautor John Orloff stützte sich übrigens nicht auf dieses Buch, aber jeder, der von dem Thema „angezündet“ wird, kann beruhigt danach greifen, er wird das meiste dargelegt finden, was er im Film sieht und noch viel mehr.
 
 
 
Rhys Ifans (eben noch auf der Leinwand Englands prominentester Drogendealer „Mr. Nice“) spielt den reifen Earl of Oxford, einen Mann, der unter schwerem Druck am Hof der nun alten Queen Elizabeth I. lebt, die einst seine Geliebte war. In Rückblicken erlebt man beide jung, der Earl dann stürmisch dargestellt von Jamie Campbell Bower. Ein guter Teil des Geschehens – es ist der überzeugendste – spielt sich in der Welt des Theaters ab. Der Earl nimmt Details seiner Werke direkt aus dem Leben um sich und schreibt seine Stücke so heimlich, als beginge er damit Hochverrat (in gewisser Hinsicht tut er es auch). Er wird beengt von seiner Familie, dem mächtigen und infamen Schwiegervater William Cecil, Elizabeths engstem Berater (David Thewlis). Er benützt Ben Jonson (Sebastian Armesto) als gut bezahlten Mittelsmann, einen Strohmann für seine Werke zu finden. Der mittelmäßige Provinzschauspieler William Shakespeare (Rafe Spall) kommt zum Zug. Und der Earl sitzt im Zuschauerraum und sieht zu, wie ein anderer den Applaus für seine Werke entgegennimmt… Wenn Shakespeare, auch nicht dumm, den Earl erpresst, um Geld für die Errichtung des Globe-Theaters zu bekommen, und Christopher Marlowe ermordet, weil dieser hinter sein Geheimnis kommt, könnte man das eventuell noch glauben, ebenso wie die Hofintrigen und die politischen Komplikationen in unruhevollen Zeiten, wo kein Kopf fest auf den Schultern saß, auch nicht der eines Earl, der früher mit der Königin geschlafen hat.
 
Zur Räuberpistole wird der Film angesichts der privaten Verstrickungen rund um de Vere und die Königin, die sich am Ende haarsträubend zu Blutschande-Dramen ausweiten, ohne dass man dem Film seine Gunst entziehen würde. Dazu ist er zu gut und spannend gemacht, zu prächtig ausgestattet (die Babelsberg Studios haben brillant gearbeitet), atmosphärisch zu stimmig. Und zu gut besetzt, darunter mit Englands derzeitiger Theaterlegende Derek Jacobi – und mit einem besonderen Clou in der Darstellung der Elizabeth I.: Dass die alte Königin  eine wunderbare Rolle für eine harsch intelligente Vanessa Redgrave ist, das konnte man sich an zehn Fingern (oder viel weniger) ausrechnen. Dass nun, da ihre schöne Tochter Natascha Richardson so tragisch verstorben ist, die verbliebene, nicht so hübsche, aber ebenso begabte Joely Richardson sich als die ideale Ausgabe der jungen, spritzigen, unternehmungslustigen Elizabeth erweist, ist eine Besetzungspointe von hoher Qualität.
 
Der Endeffekt des Films – über Shakespeare nachlesen und sich fragen, ob der Mann aus Stratford wirklich diesen Kosmos aus Bildung, Ausbildung, weltmännischer Erfahrung, psychologischer Einsicht und dichterischer Imagination schaffen konnte, oder ob ein Lord mit dem Background wie de Vere hier nicht tatsächlich der überzeugendere „Verdächtige“ ist.
 
Heiner Wesemann  
 

Ab 11. November 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
WHAT A MAN
Deutschland / 2011 
Drehbuch, Regie, Produktion: Matthias Schweighöfer
Mit: Matthias Schweighöfer, Sibel Kekilli, Mavie Hörbiger, Thomas Kretschmann u.a.
 
Wie alles auf der Welt sich ändert, so verschiebt sich auch im Film immer das Darstellerangebot. Wer total „in“ war, verschwindet plötzlich, neue Gesichter tauchen permanent auf, besetzen plötzlich Hauptrollen. Seit einigen Jahren gibt es im deutschen Film zwei blonde junge Männer, den Österreicher Robert Stadlober und den Deutschen Matthias Schweighöfer. Bei Stadlober ist einem stets ein bisschen unheimlich, der tickt anders als die anderen. Bei Schweighöfer beginnt man wohlwollend zu lächeln – so blond, so nett, so sympathisch.
 
Was macht ein Schauspieler wie Matthias Schweighöfer, der gerade 30 ist und durchaus auf Erfolge zurückblicken kann – er hat immerhin ebenso im Film den „Roten Baron“, das deutsche Flieger-As Richthofer, wie im Fernsehen Friedrich Schiller persönlich verkörpert. Wartet er nun auf weitere Promi-Rollen (er war übrigens auch schon Reich-Ranicki als junge Ausgabe, schwer vorstellbar, aber doch)? Womit beschäftigt er sich, wenn er als Drehbuchautor, Regisseur, Produzent und sein eigener Hauptdarsteller nun den ersten ganz „eigenen“ Film vorlegt? Matthias Schweighöfer greift nicht übertrieben hoch. Er belässt es bei den eigenen Beziehungsgeschichten…
 
Immerhin hat er Humor, es macht ihm nichts, wie ein Idiot dazustehen, wenn ihn die süß-fiese Mavie Hörbiger mit Thomas Kretschmann betrügt: Man sieht sogar, wie seltsam die beiden es treiben (mit Schaukeleffekten). Hauptdarsteller Alex, der nette Junge, wird abserviert. Was nun? Lernen, wie man sich als „echter Mann“ aufführt, damit man die miesen Frauen selbst behalten kann und sie einem aus der Hand fressen?
 
Ein kleines Stationen-Movie durch den Lernprozeß: Versuchen wir es mit Boxen.Üben wir Anmache in der Disco. Es gibt da auch männliche Selbsthilfegruppen, die zum Härtetraining antreten (was den Frauen im Publikum zwischen Schmunzeln und Hohngelächter allerlei Heiterkeit abringen wird). Und alles nur, damit auch Alex endlich erkennt, was jeder Kinobesucher weiß, seit sie auf der Leinwand erschienen ist: Sibel Kekilli ist „es“ natürlich, ist „sie“ vielmehr, na, die Richtige. Jetzt, wo sie auch schon im „Tatort“ gelandet ist, soll sie nur aufpassen, dass sie nicht die „sympathische Türkin vom Dienst“ wird, das könnte zuerst für sie, dann für das Publikum langweilig werden. Aber in diesem Happyend vor Mavie ins Ziel zu gehen, gerade weil die die blonde Hübsche ist, das funktioniert schon noch
 
Matthias Schweighöfer, dem man seine mittlerweile 30 Lebensjahre kaum ansieht, ist der „herzige Blonde“ des deutschen Films, und er tut auch hier nichts dagegen, zelebriert vielmehr, wie liebenswert, ungeschickt und herzensnett er ist. Das könnte natürlich, wenn er genügend Fans hat, eine harmlose Erfolgskomödie werden, die es an der Kasse krachen lässt. Aber wenn heutigen Kinobesuchern die Geschichte des Schüchternen, der auszog, in der Frauen- und Männerwelt das Fürchten zu lernen, einfach zu schlicht-possierlich ist? Na ja, wie dem auch sei – nett ist die Sache jedenfalls. Und selbst wenn es Komödien mit Bodenhaftung gibt, es muss ja nicht sein.
 
Renate Wagner
 

 

Ab 11. November 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
KRIEG DER GÖTTER
Immortals / USA /   2011
Regie: Tarsem Singh                                                                                           
Mit: Henry Cavill, Mickey Rourke, Freida Pinto, Luke Evans, Stephen Dorff, John Hurt u.a.
 
 
Für einen Film wie diesen passt nur eine Bezeichnung, und die lautet „Schlachtplatte“: Aber keine so raffinierte, wie sie etwa Quentin Tarantino anzurichten pflegt, sondern nur frontale, miese, ekelhafte Brutalität. Und damit erledigt sich die Auseinandersetzung mit dem Gebotenen schon. Man kann nur rasch die Fakten herunterleiern für jene, die dergleichen ja doch gerne haben – aber in Erinnerung war „300“ dagegen Feinarbeit!
 
Losgeschlagen und gewütet hat ein indischer Regisseur Tarsem Singh. Erzählt wird ein seltsamer Verschnitt aus griechischen Helden- und Schauermythen, wobei Mickey Rourke, der sich in seiner optischen Grauslichkeit (mit zerkratztem Gesicht), seinem Sadismus und den butrünstigen Aktionen seiner Rolle suhlt, als König Hyperion der „Böse“ ist: Er rast gleich frontal auf die höchsten Götter los. Als Göttervater Zeus ist Luke Evans, der in den „Drei Musketieren“ ein ziemlich unauffälliger Aramis war, kaum vorhanden – mächtigster der Götter, wie bitte? Wenn er sich in einen Bettler verwandelt, dann sieht er aus wie John Hurt, aber diesmal nur faltig, nicht wirklich nachhaltig…
 
In den Kampf mit dem Bösen geschickt wird Henry Cavill, bisher mit einer Nebenrolle in den „Tudors“ bekränzt: Das wird einer der vielen vergeblichen Versuche sein, ein neues Gesicht zu kreieren, das eine einzige Hauptrolle überlebt. Dieser Theseus, immerhin einer der größten Helden des antiken Kosmos (bei Richard Strauss träumt Ariadne von Theseus…),  zeichnet sich hier durch schwere Persönlichkeitsschwäche aus. Freida Pinto, die schöne Inderin, trumpft als Priesterin Phaedra hier nicht, Stephen Dorff als allzu menschlicher Dieb auch kaum. Was fällt einem noch dazu ein? Viel Krach, viel Blut. Ach ja, und in 3 D. Das war’s.
 
Renate Wagner
 
 

 
 
Ab 4. November 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
ZWEI AN EINEM TAG
One Day / USA / 2011
Regie: Lone Scherfig
Mit Anne Hathaway, Jim Sturgess, Patricia Clarkson u.a.
 
Die Grundidee zu diesem Film kennt man von einem Theaterstück von Bernard Slade, das – nächstes Jahr, gleiche Zeit – seine Protagonisten alljährlich zu einem Ehebruch-Wochenende zusammentreffen lässt. Auf der Bühne begegnet man ihnen aber nur sechsmal, dann sind immer einige Jahre vergangen, sie haben sich optisch (je nach Zeitgeist und Alter) spürbar verändert und können auch viel über ihr Leben erzählen.
 
In dem Roman von David Nicholls, der spürbar ein Kitschprodukt sein dürfte und hier verfilmt wurde, kommen die beiden Beteiligten von 1988 in Edinburgh jedes Jahr am gleichen 15. Juli zusammen, der Film führt bis 2010, und das erweist sich als dramaturgisch mühsam und gar nicht so unterhaltend und voll von Möglichkeiten, wie man erwartet hätte. Regisseurin Lone Scherfig hat sich auch kaum bemüht, über den triefenden Effekt hinaus wirklich halbwegs kritische Zeitbilder zu liefern. Dabei sind die einzelnen Jahres-Episoden von sekundenkurz bis ziemlich lang, also zumindest dahingehend nicht allzu stereotyp. Aber am Ende bringt es nicht so viel ein.
 
Wie das schon so ist mit Büchern und Filmen, wo Leser bzw. Zuseher von Anfang an so viel gescheiter sind als die Leute, um die es geht: Das Happyend von Emma und Dexter müsste wirklich nicht so lange auf sich warten lassen, aber das Aneinander-Vorbei und die Missverständnisse sind halt der schmerzlich-schöne Teil der Liebe. Außerdem gibt es ein wichtiges soziales Element, das einigermaßen durchgehalten ist: Emma ist ein Kind der Mittelschicht, und dort bleibt sie auch, ob als Kellnerin oder dann als ambitionierte Autorin, sie trägt immer Kleider von der Stange. Dexter hingegen kommt aus besseren Kreisen, das sieht man nicht zuletzt an seiner eleganten Mama, und er driftet als Moderator in die Glitzerwelt des Fernsehens ab, die zwar als ziemlich Talmi erscheint, aber eine zeitlang passen er und Emma schon gar nicht zusammen. Sie hat einen netten Freund, er heiratet die falsche Frau, die ihn kurz oder lang erst mit dem Baby allein lässt, dann mit reichem Freund abpascht und am Ende die kleine Tochter wieder bei ihm ablädt. Da ist er sozial dann schon so gesunken, dass er dann viel besser zu Emma passt, man sieht sogar eine äußerst diskrete Liebesszene, bevor es ernst wird, ist schon wieder abgeblendet…
 
Aber weil das Ganze auf genau dem Kitschroman beruht, den man in der Vorlage versäumt, stirbt Emma bei einem Unfall auf einem Fahrrad, und der einsame Papi mit kleiner Tochter kann sich nur trösten, wenn vor seinem geistigen Auge in Rückblende alle jung und wunderbar wieder da sind, Emma, seine Mutter (die man später mit Kopftuch und tragischer Miene, Achtung: Krebs! erlebt), und so geht dieses Jahr-für-Jahr-Stückwerk, das mühsam gelaufen ist, auch mühsam zu Ende, auch wenn die Schauplätze zwischen Schottland (anfangs), London (Achtung: rote Telefonzelle) und Frankreich wandern.
 
Immerhin - Anne Hathaway. Außer noch Keira Knightley hat der gegenwärtige englischsprachige Film keine stärkere Persönlichkeit, und sie, die Amerikanerin, hat sich auch darum gerissen, die Engländerin zu spielen, die heimischen Briten haben über ihre Akzent-Versuche nur gelächelt, aber darstellerisch… ja, da war sie auch schon besser. Regisseurin Lone Scherfig, dänische Filmemacherin, die mit „An Education“ den Briten schon scharf gekommen ist, hat sich hier ganz in Zucker und Honig gehüllt und Heldin Emma vom klischierten grauen Mäuschen (mit großer runder Brille!) auf die übliche Art zum schönen Schwan werden lassen, wenn auch nicht glamourös, so doch seelenvoll mit tiefem Blick und scheuem Lächeln, das liegt alles schrecklich auf der Hand. Jim Sturgess, 30, noch nicht in der A-Liga der englischen Schauspieler, wird vielleicht nie dort landen, ist sympathisch, handelt aber das Auf und Ab von Leben und Karriere etwas beiläufig ab. Und auch Patricia Clarkson, die normalerweise von der Nebenrolle bis zur Hauptrolle alles souverän meistert, hat man schon interessanter erlebt. Woran es krankt? Eigentlich an allem. Saure Romantik, die einem ungut im Magen liegt.
 
Renate Wagner
 

 
 
Ab 4. November 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
AUSHILFSGANGSTER
Tower Heist / USA / 2011
Regie: Brett Ratner
Mit: Ben Stiller, Eddie Murphy, Matthew Broderick, Téa Leoni, Alan Alda, Casey Affleck, Judd Hirsch u.a.
 
 
Es war nur eine Frage der Zeit, bis die „hochkarätigen“ Gangster der Wall Street, die arme Leute um das bisschen Ersparte bringen, anklagend auf der Kinoleinwand vor den Vorhang gerufen werden. Hier sieht dieser Bernie Madoff-Typ  aus wie Alan Alda, verbindlich, scheinbar „sehr nett“, Besitzer eines supernoblen Appartmenthauses à la Trump Tower, der großzügig bereit ist, gnadenhalber das Geld seiner armen kleinen Angestellten zu nehmen, um es angeblich zu vermehren…. Auch wenn er längst weiß, dass ohnedies schon alles den Bach runter ist – kein Problem, wenn man persönlich seine Schäfchen im Trockenen hat. Und todsicher ist, dass einem nichts passieren kann. Er hat ja recht: Wenn schon Untersuchungshaft, dann darf er sie doch in seinem luxuriösen Penthouse verbringen, und wenn die FBI-Beamten noch so mit den Zähnen knirschen…
 
Der Film, den man angesichts von Hauptdarstellern wie Ben Stiller und Eddie Murphy für eine wilde Komödie halten will, zäumt das Thema von einer anderen Seite auf, ist nur bedingt heiter und bedingt turbulent. Da geht es offenbar um eine Charakterrolle für einen spürbar gealterten, ein paar dramatische Falten im Gesicht tragenden Ben Stiller. Anfangs ist er der buckelnde Angestellte an sich, der bemühte Erfüllungsgehilfe der Großen – der Mann, der seinen ganzen persönlichen Ehrgeiz darein setzt, sich für den Chef zu zerreißen und dafür zu sorgen, dass das Personal im Wohnluxustower so funktioniert, dass die hochmütig einherschwebenden Bewohner am Ende noch den Hintern ausgewischt bekommen (metaphorisch gesprochen). Aber dann merkt er, was sein Chef den armen Angestellten angetan hat, und so findet sich ein Fähnchen von Aufrechten zusammen, die eine echte Loser-Partie sind (Matthew Broderick, Casey Affleck u.a.), um zur Rache anzutreten – sprich: den Safe im Penthouse auszuräumen, wenn der Obergangster einmal doch zu einem Verhör muss.
 
Fürs Kriminelle brauchen brave Angestellte Hilfe, Eddie Murphy bietet sich an, und er ist eigentlich der tragische Fall dieses Films, denn die absolute Nebenrolle des schwarzen Fachmanns für Illegale könnte von jedem gespielt werden und würde nicht auffallen. Wie Murphy versucht, mit seiner ewig gleichen Nervensäge-Krawall-Masche hier aufzufallen und darüber hinweg zu spielen, dass er in der Geschichte letztlich keine Funktion hat als seinen Namen aufs Plakat zu setzen, ist tragisch. Keinesfalls haben wir es mit einer jeden Gaunerkomödien zu tun, für die er normalerweise steht.
 
Stiller und die Seinen sind auch eher langatmig unterwegs, einzig Tea Leoni als FBI-Agentin mit Haare auf den Zähnen bringt etwas Pepp ins Spiel. Bis sich dann im letzten Teil des Films etwas wahnsinnige, tatsächlich noch nicht da gewesene Action ergibt, wenn roter Luxus-Sportwagen (der angeblich einmal Steve McQueen gehört hat) aus dem Penthouse-Fenster gehievt wird… und Weiteres sollte nicht verraten werden, es ist tatsächlich der einzige sehenswerte Clou des Films, und dass ein paar tolle Gags nicht eben an Glaubwürdigkeit kranken, nimmt man nicht übel, weil sie wirklich vergnüglich sind.
 
Renate Wagner
 

  
 
Ab 4. November 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
REAL STEEL – STAHLHARTE GEGNER
Real Steel / USA /   2011
Regie: Shawn Levy
Mit: Hugh Jackman, Dakota Goyo u.a.
 
Der Mensch schafft sich ab. Als im 19. Jahrhundert die ersten Maschinen aufkamen, konnte man noch auf Fortschritt hoffen, auf die Erleichterung der Lebenssituation der lebendigen Menschen. Glücklicherweise ahnt man Entwicklungen nicht voraus – wie sich der Mensch aus seiner Welt herauskatapultiert und es offenbar nicht einmal merkt. Wann werden in der Formel 1 Autos ohne Fahrer auf die Piste gehen, von außen gelenkt? Dieser Film denkt sich diese Situation für Boxer aus. Wer braucht noch Menschen, wenn man Blechmonster aufeinander krachen lassen kann? Na, wenigstens steht noch ein Mensch „am Hebel“…
 
So viel zur Ausgangssituation dieses Sci-Thi-Krach-Thrillers, der zum Großteil die schrecklich lautstarken Kampfszenen der Blechmonster (die wiederum an das erinnern, was man aus „Transformer“ kennt) bietet, andererseits eine Menschen-Schiene, die das mittlerweile schon sehr klischierte Motiv von einem pfiffigen Kind bedient, das seinem Vater einiges über das Leben lehrt. Man lernt also Charlie Kenton kennen, einst selbst Boxer, jetzt in der Roboter-Boxszene und dort ziemlich unten, als sein altersschwacher Roboter in einem Kampf in Stücke gelegt wird - und da bekommt er noch ein Problem: seinen zehnjährigen Sohn, der nach dem Tod der Mutter nun dem Vater aufs Auge gedrückt wird. Das ist aber, wie das Leben im Kino schon so spielt, seine große Chance: Denn der Junge pusht wieder etwas Leben in den resignierten Papa, die gemeinsame Leidenschaft fürs Robot-Boxen lässt sie in die Welt der großen Kämpfe aufsteigen, nachdem sie sich ein Schrottplatzmodell nach allen Regeln der Kunst aufmotzen und regelrecht „trainieren“…
 
„Real Steel“ bezieht sich auf die Roboter-Boxer, überlebensgroß riesig, aus echtem Stahl außen, dazu ein hoch gezüchtetes Innenleben, sonst könnte man sie ja nicht lenken: Und die Boxszenen, die mit allem Karacho der Welt vor sich gehen, wurden von Regisseur Shawn Levy regelrecht „choreographiert“, sind die Höhepunkte des Films und vermutlich der Grund dafür, warum ein jugendlich-männliches Publikum hier an der Kasse drängeln wird.
 
Es geschieht immer wieder, dass man Hochkaliber-Schauspieler in Filmen dieser Art findet, in diesem Fall ist es Hugh Jackman, der um einiges mehr kann, aber honetterweise den eine so ernsthafte Leistung hinlegt, als wäre das Drehbuch der Rede wert. Der Junge Dakota Goyo macht dann den Thriller teilweise wieder zum Familienfilm, und bei solcher Mischung wundert es nicht, dass einer der Produzenten Steven Spielberg heißt, denn bei ihm muss auch immer „alles drin“ sein. Abgesehen von seiner Nase für Erfolg - mit seiner bekannten Vorliebe für bewegliche Monster (es müssen ja nicht immer Dinosaurier sein) hätte sich wohl nicht auf die Roboter-Boxer-Story eingelassen, wenn er nicht ihr Kinokassen-Potential erkannt hätte…
 
Renate Wagner
 

 
 
Ab 28. Oktober 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
MELANCHOLIA
Dänemark, Schweden / 2011
Regie: Lars von Trier
Mit: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland, Charlotte Rampling, John Hurt, Stellan Skarsgard u.a.
 
Zuerst ist da ein Hochzeitsfest auf einem schwedischen Schloß, und man wird unentrinnbar an Ingmar Bergman erinnert, so sorglich setzen sich da die Puzzle-Teilchen zusammen und geben ein großes Bild. Ebenso aber werden kleine Irritationen spürbar, die den Betrachter unsicher machen, ob das wirklich nur eine fröhliche Hochzeit ist – Justine, die Braut scheint doch sehr verwirrt, aber sind das Bräute nicht immer? Also, die Braut hat ein Geheimnis, das ist legitim, vielleicht ist sie ja auch nur ein bisschen mondsüchtig. Die Brautmutter benimmt sich schlecht, dem Brautvater ist manches peinlich, der Bräutigam zeigt sich hilflos, der Chef der Braut großspurig, und die Schwester der Braut, die das Fest offenbar mit ihrem Mann ausrichtet (hatte er vielleicht mal was mit Justine?), ist am Ende ihrer Nerven. Also – alles gar nicht gut. Man ist bei Lars von Trier, und im ersten Teil, der nach Justine heißt, ist das Geschehen von negativen Emotionen aufgeladen, und lange wälzen sich die Unannehmlichkeiten vorbei. Der Kinobesucher kann immerhin versuchen, verborgene biographische und emotionale Fäden zu finden und sich mit der Luxusbesetzung anzufreunden.
 
Der zweite Teil des Films, der im Ganzen zwar „nur“ zweieinviertel Stunden läuft, aber überlang wirkt, heißt dann nach der Schwester, nach Claire, und da wird die Handlung zunehmend noch anstrengender und verwirrender, die Spannung verbröselt sich, der Zuschauer wird müde. Jetzt aber läuft die Geschichte auf das hinaus, was Lars von Trier vermitteln möchte – mystisch-mysteriös von verschrobenen Weltuntergangsängsten zu erzählen: Der Planet „Melancholia“ ist im Anmarsch, und es gibt Menschen, die sich davor fürchten – wie immer. Nur dass der Regisseur uns am Ende nicht beruhigt, das sei doch alles Unsinn gewesen, sondern den Weltuntergang wirklich stattfinden lässt. Die titelgebende melancholische Verstörung hat sich inzwischen in die Figuren gefressen, der Schwager begeht Selbstmord, Schwester Claire wird hysterisch, und nur Justine geht dem Ende mit einiger Neugierde entgegen… und der Kinobesucher ist froh, wenn er wieder aus dem Kino draußen ist und feststellt, dass die Welt zwar nicht perfekt, aber wie immer läuft…
 
Lars von Trier ist, keine Frage, ein Meisterregisseur, und eine tolle Besetzung hat sich gedrängt, hier dabei zu sein. Kirsten Dunst ist als Justine, die rätselhafte Blonde, gut wie noch nie in ihrem Leben, und Charlotte Gainsbourg hat ja schon in „Antichrist“ gezeigt, dass niemand mehr aus ihr herausholt als Trier. Wunderbar ist die Rücksichtslosigkeit, mit der Charlotte Rampling die Mutter spielt, die keine Lust hat, ihre Destruktivität hinter gesellschaftlicher Tünche zu verbergen. Interessant aber auch, dass der scheinbar viel menschlichere Papa des herrlich zerknitterten John Hurt sich auch schnell drückt, wenn man etwas von ihm braucht. Ganz innere Unsicherheit, die mit Schroffheit bemäntelt wird, bringt Kiefer Sutherland, während die brutale Härte von Stellan Skarsgard echt bis in die ekelhaften Fingerspitzen wirkt. Kurz, wer gerne große Schauspieler sieht, der bekommt hier einiges zu schauen. Die Weltuntergangsgeschichte mag nicht jedermanns Sache sein, eine Sci-Fi-Story nicht in einen Thriller, sondern in Psycho-Krämpfe verpackt, mühsam, depressiv. Aber es sind halt die Krämpfe des Herrn von Trier, und damit spielen sie sich auf höchstem Niveau ab. Und der Opernfreund fragt sich wieder, was einige Regisseure ohne Richard Wagner täten: Auch hier liefert er mit „Tristan“ und mehr die ideale Filmmusik…
 
Renate Wagner
 
 

 
Ab 28. Oktober 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
EINE GANZ HEISSE NUMMER
Deutschland / 2011 
Regie: Markus Goller
Mit: Bettina Mittendorfer, Gisela Schneeberger, Rosalie Thomass, Andreas Lust u.a.
 
Bayern ist ein Biotop, das sich neuerdings als idealer Filmhintergrund erweist. Kürzlich hatte man viel Spaß mit Bhagwan-Jüngern, die in ein Dorf einbrachen und dort alles aufmischten („Sommer in Orange“). Jetzt ist Regisseur Markus Goller in einen kleinen Ort im Bayerischen Wald gegangen und findet dort die köstlichsten Menschen, mit denen man auch auf Abwege spazieren kann. Da sind drei Frauen, die in dem Dorf ihren Tante Emma-Laden betreiben – aber nicht mehr viel Glück damit haben. Die benachbarten boshaften, wohlhabenden Weiber fahren nämlich hämisch mit den Autos zum Aldi in der nächsten Ortschaft, und die Maria weiß einfach nicht, wie sie den Laden halten soll, wenn der Bankbeamte ihr die Kündigung ihres Kredits unter die Nase hält. Und mit dem todkranken, aber dann auch wieder noch recht lebendigen (und unvermindert lüsternen) Papa oben in seinem Bett hat sie auch ihre Probleme.
 
Die Idee, mit Sex Geld zu verdienen, ist nicht neu. Maria, ihre Kollegin Waltraud und die junge Lena lassen sich nicht leichtfertig auf das Unternehmen ein: Die Skrupel der Damen sind entzückend, bis sie dann – der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe – doch Nägel mit Köpfen machen.  Sie recherchieren sogar im Sexshop. Und bevor sie mit dem Telefon-Sex beginnen, üben sie das Stöhnen und den einschlägigen Small Talk schon ganz gewissenhaft. Aber dergleichen ist Learning by doing, und wenn die Hemmungen nach und nach fallen, erweisen sie sich als wahre Naturtalente.
 
Aber es geht ja eigentlich, das lernt der Kinobesucher ganz schnell, nicht so sehr um das Gestöhne und das bißl schmutzige Gerede: Die Männer, die da anrufen, sind ja meist arme, einsame Kerle, die ebenso sehr den Zuspruch der drei lebensklugen Frauen brauchen wie die Aufmunterung ihrer müden … na, nennen wir’s Gefühle. Und dem Regisseur ist ganz dick auf die Haben-Seite zu schreiben, dass er heiter, aber nie flach und primitiv wird, und den Untiefen dörflichen Lebens ebenso nachspürt wie den geheimen Lüsten, die über die seltsamsten Leute kommen. Am Ende sogar über die Damen selbst, sobald sie Geschmack an ihrem Seelen-und Sonstiges-Massage-Job finden.
 
Freilich, ob das ein so bezaubernder Film wäre, wenn Markus Goller nicht drei ideale Hauptdarstellerinnen gefunden hätte, sei dahingestellt, aber er hat sie: Angesichts der wunderbaren Menschlichkeit von Bettina Mittendorfer muss einem das Herz aufgehen, die trockene Schnippischheit von Gisela Schneeberger kennt und liebt man längst, und Rosalie Thomass schafft es, so schüchtern und dann doch wieder unternehmungslustig zugleich zu sein – hinreißend. Als bitterböse Wirtsfrau steht ihnen die Kabarettistin Monika Gruber mit Gift und Galle kontrapunktisch gegenüber. Andreas Lust, der so viel Verschiedenes kann, ist auch als sehr einsamer Bankbeamter überzeugend, und Peter Mitterrutzner zappelt einen lüsternen Alten bis zur Ergötzlichkeit. Eine sehr schöne Rolle hat auch Ferry Oellinger als der Schneeberger-Gatte: arbeitslos und anfangs sehr verzagt, blüht er zu altem, vollem Menschen- und Männerleben auf, als die Dinge endlich besser laufen…
 
Dazu muss sich aber herausstellen, dass die Damen unter ihren treuen Telefon-Kunden (sie haben ja gute Ohren für Stimmen) nicht nur den Bankbeamten, sondern auch einen für das Geschehen höchst wichtigen hohen Geistlichen erkennen…
 
Renate Wagner 
 
 

 
Ab 28. Oktober 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
HOTEL LUX
Deutschland / 2011 
Regie: Leander Haussmann
Mit: Michael Herbig, Jürgen Vogel, Thekla Reuten, Valery Grishko u.a.
 
Und treiben mit Entsetzen Scherz – warum nicht, wenn man es gut kann? Der jüdische Komiker Hans Zeisig tut es in Hitler-Deutschland, und es bekommt ihm schlecht. Regisseur Leander Haußmann und Hauptdarsteller Michael Herbig (gar kein „Bully“ mehr dabei) tun es mit dem Film über das „Hotel Lux“, und ihnen bekommt es gut. Haußmann hat schon einige Filme über die „gute alte DDR“ gedreht und den gnadenlosen Spott der persönlichen Kenntnis der damaligen Verhältnisse darüber ergossen, und er packt die politische Satire auch diesmal.
 
Das „Hotel Lux“ gab es wirklich, es stand in Moskau und beherbergte all jene Flüchtlinge vor Hitler, die zu Väterchen Stalin gekommen waren, um dort im Schutz des wunderbaren Kommunismus das Ende des schrecklichen Nationalsozialismus abzuwarten… Wenn man da Walter Ulbrich zusehen darf, wie er mit Zuckerstückchen schon einmal übt, eine Mauer zu bauen, dann weiß man, dass die politische Satire mit leichter Hand gelungen ist.
 
Die Geschichte des jüdischen Komikers Hans Zeisig ist fiktiv, aber sehr gut („historisch korrekt“, wie es heißt) erfunden. Zeisig und sein Freund Siggi Meyer (dieser als Spezialist für Hitler-Auftritte) glauben einfach zu lange, dass sie im Berlin von 1938 mit ihren Kabarett-Späßchen vor einem Nazi-uniformierten Publikum durchkommen. Siggi, der wackere Kommunist (wie schön auch, dass es so attraktive, wenn auch strenge Genossinnen gibt!), verdrückt sich rechtzeitig. Zeisig nimmt es lockerer, mit dem Ergebnis, dass er es plötzlich so eilig hat, dass er jedes Visum nimmt, das er bekommt – und wenn es ihn nach Moskau bringt. Ins Hotel Lux. Wo man mit seinem gefälschten Pass eigentlich Hitlers Leibastrologen erwartet, der Stalins höchstes Interesse erregt. Wie gut, dass Hans Zeisig schließlich Schauspieler ist…
 
Es ist eine schreckliche Geschichte, was in diesem „Hotel Lux“, wo jeder den anderen ideologisch übertrumpfen will, so alles passiert: Menschen verschwinden, Kinder verraten ihre Eltern, jeder hier ist gewärtig, dass er als nächster an die blutige Reihe kommt. Man erkennt die ganz braven deutschen Genossen, die überlebt haben, um dann in der DDR das Verbrecher-Regime der Nazis nahtlos fortzuführen, mit dem Verschwinden der Andersdenkenden bis zur Euthanasie, der gnadenlosen Unterdrückung und Erpressung der Untertanen bis zum Abschießen der eigenen Bürger am Stacheldraht: Nur blauäugige Westler können meinen, es sei alles gar nicht „so schlimm“ gewesen, und der brave Durchschnittsmensch, so er sich nur duckte, hätte es sich schon richten können… Nein, es ist das blanke Entsetzen, mit dem hier Scherz getrieben wird, Väterchen Stalin erschießt jeden Dolmetscher ungerührt persönlich, dann kann dieser nichts erzählen, und man hat ja genügend von ihnen in petto.
 
Und doch ist es eine Komödie (der Regisseur hat sicherlich in Richtung Ernst Lubitsch geschielt), die über die Schrecken hinwegtänzelt und in der Lachen erlaubt ist. Dergleichen stellt immer einen schwierigen Balanceakt dar, aber man kann ihn für geglückt erachten, wenn man für politische Witze etwas übrig hat und Dialoge mit Väterchen Stalin nicht grundsätzlich als jenseits der Unterhaltungsgrenze erachtet…
 
Michael Herbig (gar kein „Bully“ mehr im Namen) ist es müde, wie er sagt, immer nur Deutschlands Manitu-Blödler zu sein. Er möchte ganz offenbar zeigen, dass er ein Schauspieler ist, der auch etwas zu bieten hat, nämlich den Überlebendkampf eines Mannes, dem andauernd der Boden unter den Füßen wegbricht und der dennoch mit Souveränität über den Abgrund tänzelt. Das macht er eigentlich glänzend, wie er angesichts der Katastrophen, die auf ihn einstürzen, gewissermaßen immer wieder tief Luft holt – und sich wieder etwas einfallen lässt. Er hat es damit wohl geschafft, nicht den Rest seines Schauspielerlebens mit dem Image verbringen zu müssen, mit dem er angetreten und (wir wollen ja nicht ungerecht sein) zu Recht reich und berühmt geworden ist.
 
Jürgen Vogel ist im Kontrast zu Herbig als weit verkrampfterer Typ (wie eben alle humorlosen linken Ideologen) amüsant. Mit der Holländerin Thekla Reuten hat der Film ein hervorragendes Frauengesicht, und Valery Grishko als Väterchen Stalin stimmt zwar nicht optisch punktgenau, aber vom Wesen her, ebenso wie Apparatischiks, die Haußmann herumtoben lässt.
 
Am Ende wissen wir, wie schrecklich es im „Hotel Lux“ war – und haben doch oft gelacht, besonders über die Seitenhiebe auf die Linken, die der Regisseur mit souveräner Lust und wunderbar treffsicher austeilt.
 

Renate Wagner

 


 
Ab 28. Oktober 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
KILLER ELITE
USA / 2011 
Regie: Gary McKendry
Mit: Jason Statham, Robert De Niro, Clive Owen u.a.
 
Wenn das Leben wirklich die besten Geschichten schreibt, dann ist das keine schlechte. Aufgezeichnet hat sie der Schriftsteller Ranulph Fiennes (Vater der beiden begabten Schauspieler-Söhne Ralph und Joseph). Angesiedelt ist die Sache in jener Grauzone der Geheimdienste, die es zweifellos gibt und wo man Agenten als Auftragskiller losschickt, die man dann kaltblütig fallen lässt, wenn sie in echte Schwierigkeiten geraten, in die sich die Regierung aus politischen Gründen lieber nicht einmischt – wie auch, man weiß ja von nichts…
 
Nun, in der seltsamen Kino-Mentalität der „guten“ und der „bösen“ Killer hat es Jason Statham immer geschafft, bei den Guten zu landen. Morden ja, die Knallerei-Orgie in Mexiko befriedigt gleich zu Beginn alle niedrigen Gefühle, aber wenn kleine Mädchen Zeugen werden, da wird dieser Danny weich… „There was a kid in that car – I can’t do this any more.“ Bekanntlich zieht man sich dann ans Ende der Welt zurück, um ein neues Leben zu beginnen, das australische Outback ist da sehr nützlich, hat nur einen Nachteil. Auch da kann man gefunden werden…
 
Wenn etwa ein alter Spezi in Nöte gerät: Robert De Niro als der geheimnisvolle „Hunter“ („Who I am? The voice of experience“) geriert sich vor der Kamera jetzt mit grauem Bart schon als Elder Statesman, aber Power hat er noch immer. Wenn ein Oman-Scheich ihn kidnappt, um sich beim SAS für die Ermordung seiner Söhne zu rächen, sitzt dieser Hunter echt cool im unangenehmen Gefängnis – auch diese Art von „Haltung“ gehört zu den unabdingbaren Klischees des Genres. Ebenso, dass Danny los muss, den alten Freund zu befreien. Und dann wird’s kompliziert: Denn auf der anderen Seite steht eigentlich jemand, der auf der gleichen Seite stehen müsste - Clive Owen, markig wie immer, ist ja auch ein SAS-Mann. Und es sind diese verdammten rivalisierenden Geheimdienst-Chefs, die bösen alten Männer, die da widersprüchliche Aufträge rausgeben, Her Majesty’s Government kommt mehr als schlecht weg… („Ihr habt das Öl, wir besorgen die Killer!“) Eigentlich sollten die von ihnen losgelassenen Männer sich gegenseitig auslöschen, wenn sie nicht eine Art kollegialer Loyalität hätten, die sie von der letzten Konsequenz abhält.
 
Damit sind die Karten gemischt, der Film bewegt sich zwischen der immer attraktiven Wüste und den hässlichen Ecken der Großstädte, zumal London und Paris, vermischt mit Rückblenden nach Australien, wo das nette Mädchen (Yvonne Strahovski), die natürlich irgendwann in die Sache hineingezogen wird, wenn’s dem Helden echt weh tun soll… Bei den Autojagden knirschen die Reifen und jaulen die Bremsen, an sich gute Schauspieler dienen ihre Gage mit wild-entschlossener Hochdrama-Miene ab, obwohl sie mehr können, die Männer sind so unzerstörbar und die Sprüche so lapidar wie in den Comics („What the fuck this was all about?“ „You are full of shit“), und trotzdem funktioniert der Film von Gary McKendry, denn es ist alles drin, was das Genre will, und große bis hohe Besetzungen haben einfach den Persönlichkeits-Power-Effizienten.
 
Abgesehen davon: einmal De Niro, immer De Niro, wer diesem Schauspieler verfallen ist, wird sich jeden seiner Filme ansehen. Und könnte es schlechter treffen als mit der „Killer Elite“.
 
Renate Wagner
 

 
 
Ab 21. Oktober 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
MR. NICE
GB / 2011
Regie: Bernard Rose
Mit: Rhys Ifans, David Thewlis, Christian McKay u.a.
 
 
Heutzutage schreibt ein Drogenhändler Bestseller-Memoiren und vermarktet seine schillernde Existenz in Personality-Shows auf der Bühne. Wenn er Glück hat, wird auch noch ein Film über sein Leben gedreht, in dem er als brillanter Kopf, sympathischer Kerl und liebender Familienvater herauskommt, der nur ein bisschen ins Straucheln geriet, als er die Welt mit Rauschgift überschwemmte und dafür sorgte, dass zahllose Menschen zugrunde gingen. Die „Bösewichte“ sind eben allermale interessanter als die „Guten“, und einen „Moralischen“ bekommt heute angesichts so verdrehter Vorstellungen von Gut und Böse ohnedies niemand mehr. Also: kopfüber hinein in die Geschichte von „Mr. Nice“, der nach wie vor der Meinung ist, Drogen sollte man doch bitteschön freigeben…
 
Das ist eine „wahre Geschichte“, wie sie wahrscheinlich auch dem übermütigsten Drehbuchautor „zu bunt“ wäre. Junge aus der Unterschicht von Wales, ein intelligenter Einzelgänger, bekommt Stipendium für Oxford (also sollte man annehmen, dass den Briten was am Verstand liegt). Willig gleitet er in das „Milieu“ der siebziger Jahre, und das bestand darin, sich besinnungslos zuzukiffen – Swinging London, it’s Hippie-Time, ein Schelm, der sich nicht gerne daran erinnert.
 
Das Besondere an diesem Howard Marks war, dass er unbefangen in die kriminelle Szene ging, ob er Rauschgift in Autos aus Deutschland herbeigeschmuggelt hat, ob er sich im Nahen und Mittleren Osten mit den dortigen Clanchefs herumschlug oder gar mit der IRA paktierte, die sich nicht ungern ins große Geschäft einbeziehen ließ. Er war ein talentierter Meister der Decknamen und der schmierigen Kontakte. Wenn man der Selbstaussage des Mannes glauben kann, hat er in diesen Zeiten zehn Prozent der weltweit kursierenden Drogen bewegt. Witzig – da die Sache in den siebziger und achtziger Jahren, also in vor-digitialen Zeiten, spielt, musste man per Ferngespräch in irgendeinem irischen Pub versuchen, nach Kabul durchzukommen, um dringliche Lieferungen zu regeln.
 
Possierlich – und so geriert sich die Geschichte auch in diesem Film von Bernard Rose. Das Leben als großes Drogenabenteuer, nebenbei hat der gute Mann auch noch Frau und einen Schippel Kinder, lebt auf einer spanischen Insel und versucht sich, als die Briten ihn endlich schnappen, damit auszureden, er sei ja eigentlich als Geheimagent für MI 6 tätig gewesen…
 
Auch das Gefängnis wird ihm (bis auf eine brutale Zahnzieh-Szene) eher leicht – und wieder heraußen, die lieben Kinder warten schon, ist der Mann dank seiner Memoiren populär und schon wieder reich. Bei Filmen wie diesen wird man das Gefühl nicht los, brave, unbescholtene Leute hätten ihr Leben einfach ganz falsch angepackt…
 
Immerhin, es ist ganz zweifellos ein Zeitbild von den Siebzigern bis heute, und Rhys Ifans, der als großer Verwandler jetzt wirklich die großen Rollen schnappt (demnächst sieht man ihn als Lord, der eigentlich Shakespeares Stücke geschrieben hat), macht den schlaksigen Howard Marks so vorzüglich, wie David Thewlis als absolut unehrenhafter IRA-Boß herumdruckst. Christian McKay (als „Orson Welles“ in bester Erinnerung) kifft als Jugendlicher auch nach Leibeskräften herum – und ist dann plötzlich beim Geheimdienst. Na ja, nicht mit allen geht es so unbeschwert weiter im Leben. Wir wollen mal nicht moralinsauer werden: Als „Zeitbild“, wie gesagt, ist es interessant. Man soll nur nicht ganz seinen Verstand und seine Maßstäbe bei so viel fröhlicher Kriminalität abgeben.
 
Renate Wagner
 

 
Ab 21. Oktober 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
CONTAGION
USA / 2011 
Regie: Steven Soderbergh
Mit: Matt Damon, Kate Winslet, Gwyneth Paltrow, Marion Cotillard, Jude Law, Laurence Fishburne, Elliott Gould u.a.
 
Das ist kein Film für Hypochonder. Was Regisseur Steven Soderbergh hier in einem meisterlichen Puzzle auf die Leinwand bringt, nährt alle Ängste jener, die sich ununterbrochen von den schwersten Krankheiten und der Möglichkeit von Seuchen umgeben wähnen. Die Mischung aus Thriller und scheinbarer Dokumentation, die uns immer mit Zahlen versorgt, wo sich die Seuche ausgebreitet und wie viele Opfer sie gekostet hat, erzeugt im Endeffekt einen beunruhigenden Effekt…
 
Einer muss der Erste sein, der „Patient Zero“, wie es in der Fachsprache heißt. In diesem Fall sehen wir, wie Gwyneth Paltrow am Flughafen Hongkong beängstigend hustet. Als sie bei ihrem Gatten Matt Damon zuhause in Minneapolis ankommt, stirbt sie ziemlich schnell im Spital dahin. Und hat den Virus, den sie aus China mitgebracht hat, schon an zahllose Leute weitergegeben. Am Ende des Films formuliert man dann auch die Anklage: Genexperimente in China waren es, die via Fleisch und das schöne Restaurant ihren Weg zum Menschen gefunden haben. Und dann geht es in rasender Geschwindigkeit von einem zum anderen… Und man kann nicht einmal sagen, das sei einfach ein Thriller, der dem Publikum auf spannende Weise Angst machen will: Dazu ist die Geschichte zu möglich, zu wahrscheinlich.
 
Und darum ist es, trotz einer potenten Starbesetzung, auch kein wirklich unterhaltender Film. In vielen Einzelszenen setzt sich das große Szenario zusammen: Beamte der Gesundheitsorganisationen sind im Werk (Laurence Fishburne, Marion Cotillard, eine edle Kate Winslet, die, als sie selbst angesteckt wird, sich nur um ihre Mitmenschen sorgt), Privatpersonen stehen vor plötzlichen Katastrophen, Ärzte arbeiten an den Gegenmitteln, und Jude Law trägt den Namen Alan Krumwiede nicht umsonst, denn er ist als Journalist, der aus dem Unglück der Menschen Geld schlagen will, wahrlich ein krummer Geselle. Hysterie bricht aus, die Menschen werden zu Hyänen. Sonderbergh bringt den Wettlauf zwischen Krankheit und ihrer Bekämpfung (letzteres geht quälend langsam) zwar eindrücklich auf die Leinwand, aber ein Thriller ist das wahrlich nicht. Man fühlt sich eher wie in einem unangenehmen Dokumentarfilm.
 
Der Wahnsinn unserer Zeit zeigt sich dann durchaus glaubhaft, als das Serum gefunden wird - aber als es existiert, stellt sich die Frage, wer es denn nun bekommen soll, denn es gibt viel zu wenig davon, die Toten gehen in die Millionen, die Erkrankten desgleichen. Es ist wirklich schaurig, wie das Serum im amerikanischen Fernsehen quasi im Stil einer Quiz-Show verlost wird… aber wie könnte man im Ernstfall eine gerechte Lösung finden? So geht man am Ende nur mit dem Wunsch aus diesem Film, dass es so schlimm, wie hier dargestellt, nie kommen möge.
 
Renate Wagner
 

 
 
Ab 14. Oktober 2011 in den österreichischen Kinos
  
 
ADAMS ENDE
Österreich / 2011 
Regie und Drehbuch: Richard Wilhelmer   
Mit: Robert Stadlober, Paula Kalenberg, David Winter, Eva-Maria May u.a.
 
Der junge Blondschopf trägt ein T-Shirt, auf dem ein offenes Messer prangt, aber die solcherart verkündete Aggression strahlt er eigentlich nicht aus. Wenn man ihm zuerst begegnet, sieht er äußerst verdrießlich drein. Er agiert im Garten, hantiert still mit einer großen Gartenschere. Dann lernt man ihn, auch recht unbeteiligt („wurschtig“ wäre der wienerische Ausdruck), im Büro am Computer kennen. Dann mit der Freundin im Doppelbett. Ein ganz normaler junger Mann von heute. Allerdings nichts von dem lauten, pöbelhaften Proletariat, dem man derzeit so gerne auf der Leinwand begegnet. Gut erzogen. Still. Und, wie es scheint, nicht glücklich in seiner Haut.
 
So stellt der österreichische Regisseur Richard Wilhelmer, der hier seine erste Arbeit präsentiert, seinen Helden vor. Mitte bis Ende zwanzig, jene Zeit, wo man besonders unsicher dabei ist, wie es eigentlich weitergehen soll. Adam diskutiert mit seinem Freund Conrad über Beziehungen. Dass die seine zu Anna nicht die beste ist, stellt sich bald heraus – die beiden gehen so unwirsch miteinander um, als seien sie ein altes Ehepaar, das sich nichts mehr zu sagen hat. Adam strahlt in seinem ganzen Wesen Unsicherheit aus.
 
Wie schwer es ist, jung zu sein und im Grunde nicht zu wissen, was man will – das ist das Thema. In Beziehungen kriechen, um Boden unter den Füßen zu finden, erweist sich nicht als Lösung. Dann macht man zu viert Urlaub am See Adam mit Anna, Freund Conrad und Carmen, von der man nicht recht weiß, wie sie da dazu gehört – Anna hatte einen Anflug von Zärtlichkeit für sie, dann lässt sich Carmen vage mit Conrad ein, aber es scheint doch, als ob sie die Beziehung eigentlich nicht will und es ihn wissen lässt. Offenbar ist Adam fasziniert von Carmen – aber nein, es begibt sich nicht der klassische Partnertausch, der in der Literatur so unvermeidlich kommt, wenn der Regisseur auch in Andeutungen die Verwirrung der Gefühle ausspielt: Sehr österreichisch, dieses stille Sezieren der Seelen, ohne dass sich genaue, definitiv aussagekräftige Anhaltspunkte fänden.
 
Und dann, unversehens, aber ganz unverhohlen, bricht der Krimi ins Geschehen ein. Carmen verschwindet. Es gibt Vorwürfe (Anna an Adam), es gibt Blutspuren (Adam sieht sie bei Conrad). Psychoterror. Misstrauen. Adam wird entlassen, was seine Laune nicht hebt, aber er hat tatsächlich nicht gewirkt, als ob er am Computer besonderen Eifer an den Tag legte. Und plötzlich eskaliert der Krimi. Jetzt weiß man, warum es die gar nicht so glaubwürdige Szene gab, als Adam von einem ausländischen Jugendlichen attackiert wurde und diesen überraschend niederschlug (um daraufhin das Weite zu suchen).
 
Man weiß dann auch, warum er so ahnungsvoll, wenn auch noch harmlos mit der Heckenschere agiert hat. (Merk’s, schon Tschechow sagt, wenn auf einer Bühne ein Gewehr ist, muss es auch benützt werden.) Denn Adam stößt dem Freund, den er ja doch verdächtigt, Carmen etwas angetan zu haben, diese Schere in den Leib. Mord. Oder nur ein Traum? Versteht man es? Dazu erklingt ein Walzer von Johann Strauß…    
 
Wenn es „Komplizierte“ darzustellen gibt, ist Robert Stadlober, der so innerlich gequält wirken kann, eine erste Besetzung. Eine ruhige, jung-weibliche Schönheit strahlt Paula Kalenberg als die allseits begehrte, rätselhafte Carmen aus, während Eva-Maria May schon das Geschöpf andeutet, das irgendjemandes unangenehme Ehefrau sein wird. David Winter nimmt es mit Stadlober bezüglich der Ratlosigkeit dem Leben gegenüber auf.
 
„Adams Ende“ wurde bei dem Diagonale-Festival 2011 in Graz gezeigt und mit mehreren Preisen gekrönt. Es ist ein sehr österreichischer Film in seiner derzeit üblichen Stille, der vom Zuschauer verlangt, sich in Ruhe darauf einzulassen. Und er erzählt viel von der schmerzlichen Schwierigkeit, jung zu sein, und mit diesem Leben etwas anfangen zu müssen… was offenbar nicht immer gelingt.
 
Renate Wagner
 

 
 
Ab 14. Oktober 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
 
 
WIE AUSGEWECHSELT
The Change-Up / USA /   2011
Regie: David Dobkin
Mit: Jason Bateman, Ryan Reynolds, Olivia Wilde, Leslie Mann Alan Arkin u.a.
 
Der eine hat Frau und Kinder und das Vergnügen, nächtlich Windeln wechseln zu dürfen. Der andere ist ein Junggeselle und weiß sehr gut, dass das allgemeine Damenangebot nicht vom Feinsten ist. Aber, wie das Leben so spielt – natürlich glaubt jeder, der Freund hätte das große Los gezogen. Und da gibt es doch – Filmdrehbücher brauchen einen dramaturgischen Knackpunkt – einen „Wunschbrunnen“. Ausgerechnet, als die beiden nächtlich im Park gleichzeitig (Verzeihung) hineinpinkeln, wünschen sie sich in die Haut des anderen – und schon ist es passiert.
 
Dass Alt und Jung, Vater und Sohn, Mann und Frau die Person wechseln und in einem anderen Körper stecken, ist geradezu ein Lieblingsthema des amerikanischen Lustspielfilms. Für Schauspieler ist die Herausforderung auch nicht gering, genau so auszusehen wie immer, aber plötzlich glaubhaft zu machen, dass man ein ganz anderer ist. Bloß – für das Publikum ist das oft so verwirrend, dass man gar nicht zum vollen Vergnügen kommt, weil man im Kopf ja immer „umtauschen“ muss: Der ist jetzt… ja, und das ist lustig, weil…
 
Immerhin, in dem viel beschäftigten Ryan Reynolds, an sich Single-Playboy, steckt dann der Familienvater, und in Jason Bateman, an sich der doch sehr brave Mann, nun der andere mit schier unglaublichen Möglichkeiten. Das bedeutet neue Pflichten, neue Herausforderungen, anfangs finden beide es furchtbar (ein Playboy in der ganz normalen Arbeitwelt? Igitt!), dann tigern sie sich in die neuen Aufgaben hinein… ja, und am Ende schieben sie das Umtauschen der Persönlichkeiten (beim Wunschbrunnen, der mittlerweile in ein Kaufhaus transportiert wurde, was die Entleerung der Blase öffentlich macht…) sogar noch hinaus. Schließlich könnte der eine, als wirklich verheirateter Mann, nicht mit der schönen Kollegin (Olivia Wilde) flirten, aber weil er doch eigentlich der andere ist… Und Leslie Mann tut sich Ehefrau-schwer mit dem Verhalten des Mannes, der zwar aussieht wie immer, aber sich so seltsam verhält. Und gar das kreuz und quer des Vaters (Alan Arkin), der dem Freund des Sohnes sein Herz über den Sohn ausschüttet, ohne zu ahnen, dass ebendieser in dessen Haut steckt und jetzt erstmals, quasi als Fremder, erfährt, was in Väterchen wirklich alles Liebe und Gute vorgeht…
 
Schließlich haben sie alle, weil das amerikanische Lustspielkino ja grundsätzlich moralisch ist, wenn es nicht von ganz bösen Buben gemacht wird (und ein solcher ist Lustspiel-Spezialist David Dobkin sicher nicht), sogar etwas fürs Leben gelernt. Nur für die Kinobesucher war es eigentlich halb so lustig…
 
Renate Wagner 
 
 

   
 
Ab 14. Oktober 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
APOLLO 18
USA / 2011
Regie: Gonzalo Lopez-Gallego
Mit: Warren Christie, Lloyd Owen, Ryan Robbins u.a.
 
Was täte die Welt ohne Verschwörungstheorien? Wie viele Bücher blieben ungeschrieben, wie viele Fernsehdokumentationen ungedreht, und wie viele Filme würde es gar nicht geben. Also! Die Frage, die diesem Film zugrunde liegt, ist allerdings nicht ganz unberechtigt und wurde oft gestellt: Warum haben die Amerikaner nach der Mondlandung und den Apollo-Missionen ihre bemannten Weltraumflüge eigentlich eingestellt?
 
Eben. Und darum geht es bei „Apollo 18“ des 38jährigen spanischen Regisseurs Gonzalo Lopez-Gallego. Moment, wenn man sich recht erinnert, hat es „Apollo 18“ als amerikanische Misson auf dem Mond nicht gegeben, oder doch? Oder doch, wenn man die Geschichte glaubt, die zu Beginn so ernsthaft und echt auftritt, um dann aber nur zum üblichen „Horror-Sci Fi-Thriller“ zu werden – alles drin, was so Angst erzeugt, in der Raumkapsel und auf dem Mond…
 
Dabei will man anfangs sogar den Eindruck des Dokumentarischen erwecken, wenn da drei Raumfahrer (Warren Christie, Lloyd Owen, Ryan Robbins – alle wenig bekannt und das auch noch zu Recht…)ganz offiziell zur „Apollo 18“-Mission aufbrechen, die allerdings, da sie ja 1974 stattgefunden haben müsste, den Reiz des Altmodischen ausstrahlt – sieht man die plumpen Geräte, mit denen die Astronauten da agieren (und die allesamt nur noch im Museum zu finden wären), dann weiß man, wie weit es die Technologie seither gebracht hat…
 
Aber das ist nicht das Thema, sondern der namenlose Schrecken, der die drei braven Amerikaner auf dem Mond erwartet, wenn sie aussteigen, um erst einmal Gesteinsproben zu nehmen. Seltsame Geräusche, Fußspuren, Blut, Wrackteile, die sich als russisch herausstellen, die bange Frage, ob „die Anderen“ irgendwo sind und ob es sich dabei vielleicht um Menschen handeln könnte, aber nein…
 
Man will ja honetterweise nichts verraten, aber jeder einigermaßen versierte Kinobesucher kann sich vorstellen, dass uns die Aliens und Riesenspinnen nicht erspart bleiben – und dass eine DVD mit jedem alten „Alien“-Film mehr bringt als dieses billige B-Movie, das am Schluss noch seine Kritik an der US-Regierung anbringt: Die Herrschaften finden es zu riskant, ihre Leute zurück zu holen und opfern sie kaltblütig – aber Heldenmeldungen über ihren Tod im Pazifik werden verbreitet. Die kosten ja nichts… Der Film hat auch nicht viel gekostet. Man sieht es ihm an.
                     
Merk’s: Geh nicht in den Weltraum, denn die Monster kommen und fressen alle.
 
Renate Wagner 
 

 
 
Ab 7. Oktober 2011 in den österreichischen Kinos 
 
 
JOHNNY ENGLISH - JETZT ERST RECHT
Johnny English Reborn / GB /   2011
Regie: Oliver Parker
Mit: Rowan Atkinson, Rosamund Pike, Gillian Anderson, Dominic West u.a.
 
Es gibt den typisch britischen Humor, und wer diesen mag, ist unweigerlich ein wahrer Fan von Rowan Atkinson alias Mr. Bean, aber auf der Kinoleinwand auch alias Johnny English, der denkbar „patschertste“ Agent (um den passenden Wienerischen Ausdruck zu verwenden). 2003 hat man über seine erste James-Bond-Parodie gelacht, nun tut man es ungehemmt und mit demselben Recht über die zweite.
 
Also, Johnny English. Wir begegnen ihm zuerst in einem tibetischen Kloster. Angenehm ist es dort nicht, aber man lernt nützliche Dinge – zum Beispiel, sich in die (Verzeihung!) Eier treten zu lassen, ohne dass es einen umhaut. Das wird sich später als kampfentscheidend erweisen! Später, wenn MI 7 (im Kino ist eben alles größer) Johnny zurückholt. Er hat zwar in Mozambique Mist gebaut, weil eine Frau ihn hineingelegt hat (so was passiert), aber er wird zurück geholt, es ist Not am Mann. Nebenbei bemerkt spart der Film nur hier: Die Afrika-Szenen haben Afrika nie gesehen, nur ein Atelier.
 
In Hongkong und Macao könnte die Filmcrew jedoch wirklich gewesen sein, in London sowieso (im Rollstuhl mit Karacho auf den Buckingham Palace zusprinten, das macht Spaß), und die „Bergfestung“ am Ende (ein wahrer James-Bond-Schauplatz) ist wohl eher eine Mischung aus Computer und Atelier als originaler Schweizer Berge-Look, aber man will nicht so sein: Mini-James Bond bewegt sich in der großen Welt, und er tut es actionreich und zusätzlich saukomisch. Den Unterschied zum Original ermisst man nur dabei, dass für Daniel Craig immerhin Judi Dench die Geheimdienst-Chefin ist, während sich der arme Johnny English / Rowan Atkinson nur die gute, alte „Scully“ Gillian Anderson leisten kann.
 
Rosamund Pike hingegen war sogar ein echtes „Bond“-Girl: Was will man mehr. Außerdem ist sie eine Darstellerin, die Witz und Sympathiewerte auf das schönste vereint. Als „Bösewicht“ des Films war gelegentlich Pierce Brosnan angekündigt, der sich aber rechtzeitig zurückgezogen hat, bevor er sich von Atkinson die Show stehlen ließ. Dominic West tut es auch. Außerdem hat der Film eine allgegegenwärtige chinesische Oma, die nicht zuletzt deshalb so enorm wirkt, weil für sie ein vielfach zu verwendender Staubsauger die Mutter aller Waffen ist…
 
Atkinson bietet sein alte Verhaltens-Erfolgsrezept: Wer alles betont richtig machen will, fällt besonders ergötzlich auf die Nase. Dabei ist er in seiner Bemühtheit wirklich liebenswert – und aufgrund der von Regisseur Oliver Parker hemmungslos entfalteten Slapstick-Komik auch brüllend komisch. Am Ende soll er zum Dank für seine doch noch siegreichen Leistungen von der Queen zum Ritter geschlagen werden. Klar, dass das nach allen Regeln der Kunst schief geht. Er denkt, es ist die China-Oma und nimmt die alte Lady fest in den Schwitzkasten. Aber nein, es ist die echte Queen… und nur die ultimative Pointe bleibt der Film schuldig: Nein, wir sehen jetzt nicht Helen Mirren. Aber trotzdem einen hemmungslosen Briten-Spaß.
 
Wer dafür etwas übrig hat, wird bestens bedient.
 
Renate Wagner 
 

 
Ab 7. Oktober 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
WIE MAN LEBEN SOLL
Österreich / 2011 
Regie: David Schalko
Mit: Axel Ranisch, Robert Stadlober, Bibiana Zeller, Emily Cox, Katharina Strasser, Josef Hader, Maria Hofstätter u.a.
 
Die Erleichterung ist enorm: Endlich ein österreichischer Film, der den Zuschauer nicht ausschließlich in die hoffnungslosen Tiefen des sozialen, kriminellen, psychologischen und ökonomischen Elends mitnimmt. Ganz frei von Untiefen ist das Leben von Charlie Kolostrum (da stecken sowohl ein „Koloss“ wie ein „Trumm“ drin) zwar auch nicht, aber schon sein Autor Thomas Glavinic hat über ihn gelächelt, als er ihn erfand. Und Thomas Maurer grinste sich eins, als er das Drehbuch schrieb, und Regisseur David Schalko erst recht, als er die Abenteuer eines Dickwanstes auf die Leinwand brachte. Früher hätte man so etwas als „Entwicklungsroman“ bezeichnet, heute sagt man „Coming-of-age“ – kurz, wir folgen Charlie durch sein Leben, Matura bis in die zweifelhafte Gegenwart.
 
Das beginnt so etwa in den achtziger Jahren und stößt dann irgendwann an das Heute an – da ist der Charlie irrtümlicherweise, durch einen blöden Fernsehauftritt in einer Art „Willkommen Österreich“, vorübergehend schon zum Pop-Star geworden. Angefangen hat er als nichts weiter als dicklicher Junge - Axel Ranisch macht das durch alle Lebensstationen sehr glaubhaft und immer mit der erforderlichen Selbstirone – ist allerdings ein „Piefke“ und musste folglich synchronisiert werden. Auf der Uni gibt es Verlegenheitsstudium „Kunstgeschichte“ und gezielten Anschluss an die „rote“ Studentenfraktion, vielleicht hat man einmal was davon. Dann krallt er sich nach und nach Freunde und Sex, ja, das gelingt auch den Dicken. (Sehr witzig, wie Katharina Strasser im Lauf des Films von der begehrenswerten Schlanken zur weniger begehrenswerten Mittelalterlichen mutiert.) Die gute Großtante (Bibiana Zeller in einer ihrer brillanten exzentrischen Leistungen) steckt ihm viel Essen und ein bisschen Geld zu, während sich die Mama (cool: Marion Mitterhammer) weiter nicht um ihn kümmert. Ein Freund ist ein Freund, solange man auf der Uni herumhängt, und sondert sich ab, als er karrieremäßig verbürgerlicht (Robert Stadlober). Ein paar Abenteuer führen kurze Zeit vom Weg ab – in Deutschland um jeden Preis (und unter der Leitung von Detlev Buck) Abos zu verklopfen, geht ja noch, aber mit Josef Hader und Maria Hofstätter zu dritt ins Bett… na ja, das ist immer noch nicht Hardcore, wir sind in Österreich, die beiden reden auch noch lieb mit ihm, bevor es zur Sache geht (und dann wird auch noch abgeblendet). Zwischendurch wird unser Antiheld auch Taxfahrer (und Robert Palfrader als seinen großen Auftritt als halb krimineller Boß). Ein bisschen Hautgout des jeweiligen Flairs der sich wandelnden Jahrzehnte ist immer dabei.
 
Das alles wird ein wenig fleckerlteppichartig zusammen gestoppelt (jede Szene irgendein bekanntes Gesicht, Kabarett-Szene bevorzugt), aber auch das ist ein Stil, und er passt zur Geschichte. Man soll nicht mehr verlangen, als Autoren und Regisseure zu geben bereit sind – es ist keinesfalls zu wenig für den Preis einer Kinokarte. Auch wenn man nicht erfährt „wie man leben soll“. Aber das kann man bekanntlich nirgends nachlesen oder nachschauen, damit muss man sich schon selbst plagen.
 
Renate Wagner
 

  
 Ab 7. Oktober 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
ALTE MEISTER - FÜR IMMER JUNG
Österreich / 2011 
Regie: Hakon Hirzenberger
Mit Elfriede Ott und Johnny Raducanu
 
Seltsam, dass ein Film wie dieser in den Kinos landet – mit etwas mehr als einer Stunde Spielzeit hat er weniger als die normale Länge. Im übrigen handelt es sich um eine Dokumentation, die sich an ein höchst spezifisches Publikum wendet und am besten in die Nachtschiene von 3sat oder arte passen würde.
 
Außerdem findet man keinen überzeugenden Anhaltspunkt dazu, warum der Schauspieler, Regisseur und nun wohl auch Dokumentarfilmemacher Hakon Hirzenberger die österreichische Schauspielerin Elfriede Ott (Jahrgang 1925) und den rumänischen Musiker Johnny Raducanu (Jahrgang 1931) zusammen gespannt hat. Außer, dass beide zwar schon höheren Alters sind und immer noch arbeiten, vor allem als Lehrer, haben sie im Grunde nichts gemeinsam.
 
Tatsächlich könnte man den Film, der Ott-Szenen und Raducanu-Szenen durcheinander schneidet, ebenso gut zu zwei Dokumentationen auseinanderdividieren, die dann jeweils bei ihrem Thema blieben und möglicherweise mehr überzeugen würden. Denn weder die Schnitte von Wien nach Bukarest noch jene von der Ott’schen Schauspielschule zur Raducanu-Wohnung, wo er begabte Schüler am Klavier unterrichtet, überzeugen als Kontrast oder Gemeinsamkeit oder was immer intendiert war.
 
Die Ott also - man muss dem österreichischen Kinobesucher die Legende nicht schildern, er kennt sie aus Jahrzehnten und in hundertfacher Variation ihres öffentlichen Auftretens. Bewundernswert ihre Arbeitskraft – Hirzenberger ist ihr offenbar längere Zeit wie ein Schatten gefolgt, erlebt sie meist in ihrer Schauspielschule, bei Aufnahmeprüfungen, auch einmal im Kostümverleih, ebenso bei den Festspielen in Liechtenstein, man erlebt die Ott auch bei Auftritten auf der Bühne oder bei irgendwelchen Bürgermeister-Veranstaltungen. Hirzenberger befragt ihre Mitarbeiter, besonders ihren Adoptivsohn (und für alle, die gerne im Schmutzkübel wühlen, erinnert er gelassen an all die Gerüchte, die über ihn und die Ott herumschwirrten), er zeigt, was junge Schauspielschüler hier an Können vorfanden und was sie davon erhoffen. Und die Ott selbst gibt bereitwillig auf Fragen des interviewenden Filmemachers Antworten.
 
Bei Johnny Raducanu ist der Radius kleiner, man erlebt ihn in seiner Wohnung, eine Kollegin schildert die besondere Einsamkeit dieses interessanten Zigeuners, schließlich er selbst, diese Legende der Jazzmusik. Für denjenigen Kinobesucher, der ihn nicht vorn vornherein kennt, wird hier wenig zu gewinnen sein.
 
Apropos Arbeitskraft, Vitalität der „alten Meister“: Das war ja nun wohl Hirzenbergers Thema. Unsensible Menschen werden brutal fragen, warum „die Alten“ denn keine Ruhe geben können. Hirzenberger zeigt, und das ist dann wohl doch die Leistung seines Films, wie unstillbar das Bedürfnis der „Alten Meister“ ist, ihr Wissen und ihre Erfahrungen weiterzugeben… und wie wunderbar egal es ihnen ist, was die anderen von ihnen denken.
 
Renate Wagner 
 

 
Ab 30. September 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
 
ATMEN
Österreich / 2011
Regie: Karl Markovics
Mit: Thomas Schubert, Georg Friedrich, Karin Lischka u.a.
 
Das wusste man: Wenn Karl Markovics einmal seinem Bedürfnis nachgibt, selbst einen Film zu machen – also nicht als brillanter Hauptdarsteller, sondern als Regisseur hinter der Kamera -, dann würde er sich ein anspruchsvolles Thema hernehmen. Und er fand eines, das nicht als ausgelutschter Sozialporno daherkommt, sondern eine Geschichte erzählt, die einem Normalmenschen kaum in den Sinn käme. Denn wenn die Medien von Gefängnissen erzählen, dann geht es dramatisch, blutig oder triefend „menschlend“ zu. Dass man sich einfach den Alltag ansehen kann, ein ganz bestimmtes Menschenschicksal als Beispiel, und das mit einer Coolness, die unbeteiligt wirken könnte und es nicht ist – ja, das ist „Atmen“.
 
Es geht um einen jungen Mann namens Roman, der – wie man später erfährt – wegen Todschlags verurteilt ist (und für den Markovics in dem verschlossenen Thomas Schubert eine Idealbesetzung gefunden hat). Als „Freigänger“ aus der Jugendstrafanstalt in Niederösterreich soll er langsam wieder in so etwas wie ein „normales“ Arbeitsleben integriert werden. Der Job, den er annimmt, ist allerdings nicht jedermanns Sache. Er arbeitet für die Wiener Bestattung.
 
Markovics als Regisseur interessiert sich mit unlüsterner Detailfreude für dieses Thema, das bei ihm nie in billige „Six Foot Under“-Spaßchen ausartet. Es ist ein Job, der sehr viel Logistik und Nerven verlangt. Roman erledigt ihn so unbeteiligt wie sein Regisseur die Geschichte erzählt. Und dennoch steht das „Atmen“ des Titels (es gibt noch eine Metapher, wie Roman so lange am Boden des Swimmingpools bleibt, dass man schon meint, er wolle sich das Leben nehmen) im Gegensatz zu dem dauernden Sterben, mit dem man konfrontiert ist. Tatsächlich fordern diese Szenen des Films, wenn man nicht gerade nekrophil oder anders pervers ist, dem Zuschauer einiges ab. Es sei denn, man reagiert mit der gespielten Kaltschnäuzigkeit, die Georg Friedrich (bekanntlich unvermeidliches Ingredienz jedes österreichischen Films) an den Tag legt, der als Charakter ein Mittelding zwischen Herzchen und Früchtchen (beides nicht positiv gemeint) ist.
 
Der Film läuft so langsam, dass man sich fragt, ob er mehr als die Schilderungen von Arbeits- und Gefängnisalltag bringt, aber dann trägt eine Leiche einen Nachnamen, den Roman kennt. Offenbar stellt er sich die Frage, ob das seine Mutter sein könnte. Auf der Suche nach ihr, die er findet und undramatisch zum Sprechen bringt, gelingt es Markovics, einen gänzlich tragischen Lebenshintergrund seiner Hauptfigur zu zeichnen, ohne im geringsten sentimental zu werden: Aber eine Unterschicht-Mutter, die ihr Kind einfach weggibt, weil sie sich mit seiner Existenz nicht auseinandersetzen will, legt diesem Geschöpf eine schwere Hypothek in die Wiege. Erschütternd als Schicksal ohne Ausweg einerseits, als selbstverständliches Ego-Monster andererseits: die ganz normale Prolo-Frau der Karin Lischka, stellenweise atemberaubend.
 
Roman hat, man erfährt gegen Ende des Films ein wenig Genaueres, getötet. Er ist kein „Bösewicht“. Er ist vermutlich zu „resozialisieren“. Ob es bei den so absolut glücklosen Voraussetzungen seines Lebens jemals etwas wie Glück oder Erfüllung geben wird, möchte man bezweifeln. Karl Markovics tut sich ohne Lichtblick in den Schattenseiten des Lebens um. Denkt man an die jüngsten Beispiele österreichischer Filme, dann ist „Always Look on the Bright Side of Life“ nicht gerade der Weg, den man hierzulande einschlägt…
 
Renate Wagner
 

 
 
Ab 30. September 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
DIE LINCOLN VERSCHWÖRUNG
The Conspirator / USA / 2010
Regie: Robert Redford
Mit: James McAvoy, Robin Wright, Kevin Kline, Tom Wilkinson u.a.
 
Auf den ersten Blick ist das grundsolides Historienkino. Regisseur Robert Redford beginnt seine Geschichte mit der dramatischen Ermordung von Abraham Lincoln, findet aber rasch sein eigentliches Thema: den ungerechten Prozess, den man daraufhin Mary Surratt machte und der auch für unsere Zeit ein „Lehrstück ist. Der Regisseur Robert Redford steht für politische Korrektheit.
 
Immerhin denkt er dialektisch, zeigt beide Seiten einer Welt auf, die nach dem Sezessionskrieg von den Siegern gewaltsam zu den „Vereinigten Staaten von Amerika“ zusammen gefügt wurde. James McAvoy spielt Frederick Aiken, einen Nordstaaten-Kriegshelden, der die Menschen des Südens, zumal die ehemaligen reichen Sklavenhalter, herzlich verabscheut. Nun muss er seinen Platz im Frieden finden und geht in eine Anwaltsfirma.
 
„Vom Winde verweht“ hat uns gelehrt, den Amerikanischen Bürgerkrieg nicht nur aus der Sicht der Sieger zu begreifen, sondern auch aus jener der Verlierer, der Südstaaten. Wir wissen von den Menschen rund um Scarlett O’Hara, welche Katastrophe es für diese Welt war, in die „Union“ gezwungen zu werden, wider Willen zu den Vereinigten Staaten gehören zu müssen. Der Staat, den dort keiner wollte, musste im Widerstand blutige Gewalt hervorrufen.
 
Die andere Seite war fest entschlossen, das so teuer erkämpfte politische Gebilde um jeden Preis zu halten und zu etablieren, auch mit Unrecht, auch mit Gewaltmaßnahmen ihrerseits. Als Südstaatler Präsident Lincoln erschossen, „musste“ nach politischen Grundsätzen (Kevin Kline verteidigt sie verbittert) ein Exempel statuiert werden. Um jeden Preis. Auch jenen der Rechtstaatlichkeit, die man idealistisch auf das Banner der neuen Nation geschrieben hatte und aus politischem Opportunismus aussetzte.
 
Mary Surratt war gewiss im höheren Sinne nicht unschuldig. In ihrem Gästehaus gingen die „Verschwörer“ gegen Lincoln aus und ein, ihr Sohn war selbst einer. Frederick Aiken wird nun von seinem Chef, der selbst nicht in das Wespennest stechen will (brillant: Tom Wilkinson), mit der Verteidigung der Dame beauftragt. Sie ist das eigentliche Zentrum des Films – die unglaublich damenhafte, zurückhaltende, keinerlei Emotionen zeigende Robin Wright (den Doppelnamen hat sie mit Ex-Gatten Sean Penn hinter sich gelassen). Um ihr Schicksal geht es, und es ist ein historisches Faktum, dass die jungen USA schweres Unrecht auf sich geladen haben: Sie setzten den Freispruch aus und richteten sie aus propagandistischen Gründen hin.
 
Darum geht es Robert Redford in seinem Film, brillant gespielt, aber nie ein schwungvolles Kostümdrama, immer eine tiefstinnerst trockene Sachverhaltsdarstellung auf hohem Niveau, mit Gleichnishaftigkeit und Belehrungsanspruch.
 
Heiner Wesemann
 
 

 
 
Ab 29. September 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
 
 
WICKIE AUF GROSSER FAHRT
Deutschland / 2011 
Regie: Christian Ditter
Mit: Jonas Hämmerle, Günther Kaufmann, Waldemar Kobus, Valeria Eisenbart u.a.
 
„Wickie“ war schon als Comic-Held eine Sache für sich, er hat für die Wikinger getan, was Asterix für die Gallier leistete, wurde positives Symbol, Goldstück, Allerwelts-Liebling. Weil er eben – wie sein französischer Verwandter – Herz und Köpfchen besitzt, eine unwiderstehliche Mischung, zumal, wenn sie bei einem kleinen Jungen anzutreffen ist. Er guckt unter seinem Wikingerhelm hervor, reibt sich seine Nase, und – „Kombiniere!“, wie Nick Knatterton sagen würde, schon fällt ihm eine Problemlösung ein. Und Probleme gibt es zahlreiche, weil nicht alle Wikinger so klug sind wie er. Im Gegenteil…
 
Vor zwei Jahren schickte Bully Herbig den Wickie „real“ auf die Leinwand, der Erfolg war überwältigend, die Fortsetzung folglich unvermeidlich. Und auch wenn Herbig sich zurückgezogen hat (und auch Komiker-As Christoph Maria Herbst fehlt diesmal leider), so macht sein Nachfolger, Regisseur Christian Ditter, die Sache fast ebenso gut. Erstens versteht er was von Filmen mit Kindern, und zweitens hat er ganz große Ambitionen, was die Story angeht – da wird die Computertrickkiste mehr als einmal geöffnet, um das große Abenteuer auch mit entsprechend bombastischen Bildern auszustatten. Aber keine Angst, Wickie bleibt Wickie…
 
Denn da ist nach wie vor das relativ gemütliche Dorf, wo die Männer das große Wort führen und die Frauen über so viel geballten Unsinn nur den Kopf schütteln können. Erst läuft den Wikingern die junge, störrische Svenja (Valeria Eisenbart) zu, die sich Wickies natürlicher Freundlichkeit anfangs stur verweigert. Dann wird Wickies Papa (Waldemar Kobus als Halvar) von dem Erzfeind „der schreckliche Sven“ (ein wie immer schnaubender Günther Kaufmann) entführt und Wickie muss als logischer Anführer mit den Seinen (eine herrliche Batterie von Hohlköpfen) losziehen, um diesen von Sven loszueisen. Dazu verkleiden sie sich nicht nur als Gauklertruppe, die in der feindlichen Burg ihren Jokus abzieht. Danach geht es noch um dramatische Aktionen wie die Suche nach einem die Allmacht versprechenden Schatz der Götter, der im Ewigen Eis zu finden ist… da schaukelt sich das Unternehmen „Wickie“ dann in 3 D gewaltig hoch. Und die Erwachsenen würden sich benehmen wie in jedem blöden Sci-Fi-Film – wenn nicht im Kinderbuch und Kinderfilm die Kinder (Svenja hilft auch mit) wieder gut machen, was die Alten verdarben. Und das ist einfach ein schöner Spaß…
 
Auch weil man vor zwei Jahren den idealen „Wickie“ fand, der beim Wiedersehen nichts von seinem Charme und Zauber verloren hat: Er ist wieder der Mittelpunkt des Geschehens, der kleine Junge, seit dem letzten Film nur so weit älter geworden, wie es eben auch Hauptdarsteller Jonas Hämmerle ist, und der nun 13jährige hat vor zwei Jahren den Erfolg entschieden, er tut es wieder. Er ist von strahlender Natürlichkeit, guckt unter Rotschopf und Helmchen klug und neugierig in die Welt, und was die dummen Erwachsenen verbocken, kann man ruhig ihm anvertrauen… zumal, wenn er sich die Nase gerieben hat…
 
Ob sich noch ein „Wickie“ ausgeht, bevor Jonas Hämmerle vom liebenswerten Jungen zum dann nicht mehr Wickie-tauglichen Teenager mutiert, wagt man nicht zu entscheiden. Eines jedenfalls steht fest: Einen anderen als diese Idealbesetzung mag man nicht auf der Leinwand sehen!
 
Renate Wagner 
 
 

 
Ab 30. September 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
EINE INSEL NAMENS UDO
Deutschland / 2011 
Regie: Markus Sehr
Mit: Fritzi Haberlandt, Kurt Krömer, Bernd Moss, Kari Ketonen u.a.
 
Während österreichische Filme sich, wie man feststellen kann, vordringlich in der Schattierung dunkelgrau bis schwarz mit den Alltagstragödien unserer Zeit auseinandersetzen, sind ausgerechnet die Deutschen heiterer. Natürlich, so ungehemmt lustig wie bei „Der bewegte Mann“ beispielsweise ist heute niemand mehr. Aber immerhin setzt man auf Spinner und Außenseiter, und ein bisschen absurd darf es auch sein. Dergleichen malt das Leben doch gleich in helleren Farben…
 
„Eine Insel namens Udo“ setzt einmal kühn voraus, dass es „unsichtbare“ Menschen gibt. Niemand bemerkt diesen Udo angeblich, als wäre er nicht da. Für einen Kaufhausdetektiv ist das schon praktisch, denn er taucht dann quasi aus dem Nichts auf und holt die Dinge aus den Taschen, die jemand vergessen hat zu bezahlen (oder vielleicht auch nur, wie diebische Gräfinnen hierzulande, aufs Klo nehmen wollte, um sie auszuprobieren). Jedenfalls fühlt sich Udo sehr wohl dabei, nicht „da“ zu sein, denn solcherart kann er auch ohne dass es auffällt im Kaufhaus wohnen (etwa gemütlich in einem Zelt der Sportabteilung schlafen) und Leuten etwas vom Teller stibitzen. Sie sehen ihn ja nicht… Mit Ausnahmen: Amanda von der Parfumabteilung, aber die ist ein Transvestit, oder Kollege Sallinen, aber der ist so „finnisch“, wie man nur sein kann. Auch „anders als die anderen“ sozusagen.
 
Nach dieser Exposition tritt Jasmin auf, erfolgreich im Hotelgewerbe. Warum ausgerechnet sie Udo sehen kann – dieses Rätsel löst dieser Film von Markus Sehr, der für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnet, nicht auf, aber Logik spielt in dem Ganzen überhaupt keine Rolle. Ja, und weil sich die beiden trotz „Verständigungsschwierigkeiten“ gut gefallen, gibt es eine Art von Beziehung. Die Udo (der nach der ersten Liebesnacht plötzlich für alle „sichtbar“ ist – also an der männlichen Jungfräulichkeit lag es?) nun vor die Aufgabe stellt, wie ein normaler Mensch zu funktionieren. Da muss man so viel Blödsinn machen (das Richtige anziehen, das Passende sagen, das Erwartete tun), was ihm gar nicht gefällt…
 
Das ist es auch schon. Der Film ist mit 75 Minuten extrem kurz, aus dem einfachen Grund, weil sich nicht viel tut. Also sieht man den Darstellern zu, und das lohnt sich. Kurt Krömer ist ein beliebter und angeblich „lauter“ Berliner Komiker, den man hierzulande nicht kennt. Vor der Kamera ist er so leise und introvertiert wie die anderen liebenswerten Verrückten, die auf der Kinoleinwand Konjunktur haben. Bernd Moss als transvestierte Amanda und Kari Ketonen mit offenbar echtem finnischem Akzent als Sallinen bieten prächtige Chargen.
 
Und Fritzi Haberlandt als Jasmin, die sich mit dem seltsamen Udo herumschlägt, gehört der Film. Das ist eigentlich ein Wunder, denn im Grunde bekommt sie kaum etwas zu spielen und zu gestalten. Und doch tut sie es so, dass man ihr hingerissen zusieht.
 
Wie gesagt, Logik spielt keine Rolle. Der Film ist wohl als scherzhaftes Gleichnis gedacht. Die Scherzhaftigkeit funktioniert dank der Darsteller. Aber Gleichnis – wofür eigentlich? Na ja, dass es erlaubt ist, „anders“ zu sein…
 
Renate Wagner
 
 
 
 
Ab 23. September 2011 in den österreichischen Kinos
  
 
THE GUARD
Irland / 2011 
Mit Brendan Gleeson, Don Cheadle, Mark Strong, Rory Keenan, Katarina Cas u.a.
 
Wer sich auf „The Guard“ in der Originalfassung einlässt, sollte bedenken, dass „Irisch“ nicht unbedingt gleich Englisch ist, wenn die Herrschaften nicht ohnedies das Gälische vorziehen. Aber auch der irische Akzent der englischen Sprache ist so ausgeprägt und eigentümlich, dass man sich wirklich schwer damit tut. Andererseits charakterisiert er die Menschen, die hier in diesem Film auftauchen, schon durch die rauen Klänge und markigen Sprüche – man ist eben in einem eigentümlichen Eckenchen der Welt. Dieses hat allerdings seinen Zauber noch nie verfehlt und tut es auch nicht in diesem ersten Film von John Michael McDonagh, der nicht mit seinem Bruder, dem preisgekrönten Dramatiker und Filmemacher Martin McDonagh verwechselt werden darf, der vor einiger Zeit mit „Brügge sehen… und sterben?“ ein so brillantes Stück Kino geliefert hat. Auch mit Brendan Gleeson, der nun für  John Michael der McDonaghs wieder ein Hauptdarsteller ohnegleichen ist.
 
Ein „Guard“ ist ein Polizist, und das in einem irischen Küstendorf. Sergeant Gerry Boyle (kann man sich einen irischeren Namen vorstellen?) präsentiert sich als vollmundiges, verbal rücksichtsloses Raubein, dem man mit keinerlei Blödsinn kommen kann. Sein neuer Assistent (Rory Keenan in einer berührenden Studie von Beflissenheit und Betroffenheit über solches Benehmen) mag über einem Mord herumrätseln, Boyle riecht schon, was es damit auf sich hat. Tatsächlich hat die internationale Drogenmafia drei gnadenlose Gangster losgeschickt, einen großen Transport an Irlands Küste abzusetzen, denn dann ist man mit dem Zeug schon in Europa, und alles weitere wird glatt gehen. Damit das wie vorgesehen funktioniert, werden großflächig alle Polizisten geschmiert, nur einer denkt nicht daran, das dicke Kuvert zu nehmen: Boyle gegen den Rest der Welt, man macht sich um den irischen Bullen keine Sorgen.
 
Damit er seine rassistischen, von keinerlei Korrektheit getrübten Ausfälle auch richtig rauslassen kann, schickt das FBI einen farbigen Beamten nach Irland, um die Drogensache abzufedern: Don Cheadle ist sozusagen schwarzer Adel, sehr elegant, gebildet, kultiviert, ein bisschen Nase in der Höhe (auf die er immer wieder nachdrücklich fällt) – der Clash zwischen ihm und dem Iren könnte nicht härter (und nicht amüsanter!) ausfallen. Dass sie sich natürlich nach und nach an einander annähern, liegt in der Natur von Filmen und Drehbüchern und mag ja vielleicht auch im Leben vorkommen, zumindest so, wie die beiden das spielen: anbetungswürdig.
 
Nebenbei hat John Michael McDonagh die Figur des Gerry Boyle wahrlich farbig ausgeführt, in seinem großen Herzen haben ebenso zwei Huren Platz, mit denen er sich an seinem freien Tag vergnügt, wie seine sterbende Mutter (Fionnula Flanagan), um die er sich kümmert und deren tapferen Selbstmord er voll versteht. Und als sein neuer Assistent von den Drogenhändlern ermordet wird und dessen reizvolle Ostblock-Witwe (Katarina Cas) ihr Herz ausschütten will, ist sie bei Boyle auch richtig. Der am Ende – wer würde es bezweifeln – mit dem dürftigen FBI in Gestalt eines einzelnen Mannes im Rücken allein gegen die Gangster loszieht: Einer davon ist Mark Strong, der all diese Finsterlinge so herrlich differenziert spielt und auch einen schönen effektvollen Kinotod bekommt…
 
Das ist spannend, aber mehr noch als der Krimi hat John Michael McDonagh die Situation interessiert, die Menschen, die Welt, die er hier zeigt – mit der Warnung: Lasst Euch nicht mit Iren ein. Da zieht man einfach den kürzeren. (Die Engländer können ein Lied davon singen…) Aber im Kino machen sich diese rauen Kerle, wenn man ein bisschen was für sie übrig hat, einfach wunderbar…
 
Renate Wagner
 

 
Ab 23. September 2011 in den österreichischen Kinos
  
 
EINE OFFENE RECHNUNG
The Debt  / USA /  2010
Regie: John Madden
Mit: Helen Mirren, Jessica Chastain, Tom Wilkinson, Marton Csokas, Ciaran Hinds, Sam Worthington, Jesper Christensen u.a.
 
Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg waren die allseitigen Verletzungen zu stark, um das Geschehene gewissermaßen „belletristisch“ zu verwenden. In den sechziger und siebziger Jahren hingegen erwies sich das Thema „Mossad jagt Nazi-Verbrecher“ als bestsellerträchtig zwischen Buchdeckeln und auf der Filmleinwand. Einerseits wusste man, dass zahlreiche Nazi-Schergen nicht nur in Südamerika untergetaucht waren, sondern auch noch in ihren Heimatländern oft unbehelligt lebten. Außerdem hatten die Israeli gezeigt, dass das Leben wie ein Roman sein kann, als sie Adolf Eichmann 1960 in Argentinien fanden, kidnappten und in Israel nach einem Prozess hinrichteten. Die Welle der Erfolgsbücher und –filme kulminierte in „Die Akte Odessa“ oder „Der Marathon-Mann“, wo dann auch ein Laurence Olivier als Luxusbesetzung für den bösen Nazi fungierte (und Dustin Hoffman in einer unvergesslichen Szene auf dem Zahnarztstuhl folterte).
 
 
Die Welle dieser Filme verebbte, und man wüsste wohl gar nicht, dass Israel sich 2007 wieder einmal des Themas angenommen hat, würde nun nicht das amerikanische Remake vorliegen. Es beginnt etwa in den neunziger Jahren – eine junge Frau hat ein Sachbuch über ihre Mutter geschrieben, eine Mossad-Heldin, die einst den berüchtigten KZ-Arzt Dieter Vogel gejagt, gefunden und eliminiert hat: Helen Mirren als Rachel Singer nimmt den Applaus mit irritierter Bescheidenheitsmiene entgegen. Tom Wilkinson war als Stefan, ihr mittlerweile geschiedener Gatte, einst mit von der Partie – er sitzt als hoch geachteter alter Mossad-Drähtezieher im Rollstuhl (und spielt brillant, dass ein Pragmatiker keine Gewissensbisse kennen darf). Der dritte Mann von damals, Ciaran Hinds mit flackerndem Blick als David, benimmt sich allerdings wie ein Gejagter – und begeht Selbstmord, indem er in ein Auto läuft…
 
Die Rätsel der Vergangenheit lösen sich in langen Rückblenden. Jessica Chastain, die man aus dem Film „The Tree“ kennt, ist die junge Rachel, die nicht nur mit zwei jungen Agenten zusammenarbeitet, sondern auch im wahrsten Sinn des Wortes zwischen ihnen steht: Weil David (Sam Worthington mit seiner bekannten „Avatar“-Unbeweglichkeit), dem sich ihr Herz zuneigt, nicht schnell genug zugreift, macht Stefan (der männliche, überzeugende Marton Csokas) das Rennen. Aber eigentlich sind die Drei in Ostberlin hinter dem Monster Dieter Vogel her, der unbehelligt als Frauenarzt praktiziert (und als seine Frau und Sprechstundenhilfe erkennt man die Wienerin Brigitte Kren) - Jesper Christensen, einst Bond-Bösewicht bei Daniel Craig, hat ein so interessant-tückisches Gesicht, dass der Verbrecher eine der interessantesten Figuren des Films ist…
 
Die „Pointe“ der Geschichte besteht darin, dass Vogel den drei jungen Agenten entkommt, dass sie beschließen, darüber zu lügen und ihn für tot zu erklären, dass sie sich als Helden feiern lassen und am Ende von ihrer Vergangenheit eingeholt werden. Nun muss Helen Mirren losziehen und vollenden, was Jessica Chastain einst nicht konnte, und da wird der Film von John Madden, der allein auf Spannungsebene mit ein bisschen privaten Gefühlen läuft, dann leicht albern.
 
Die amerikanischen Kritiker haben überdies stark moniert, dass es hier nur um den „Unterhaltungsfaktor“ des Jagt-den-Bösewicht gehe und nicht um die politisch-moralischen Implikationen der Geschichte. Bedenkt man aber, dass ursprünglich ja die Israeli das Thema ihrer Agenten-Helden, die keine waren, aufgeworfen haben, ist ihnen zumindest die Problematik wohl brisant genug gewesen…
 
Renate Wagner
 
 

 
Ab 23. September 2011 in den österreichischen Kinos
  
 
ONE WAY TRIP
Schweiz / 2011 
Regie: Markus Welter
Mit: Sabrina Reiter, Matthias Britschgi, Aaron Hitz, Simon Käser, Melanie Winiger u.a.
 
Schon der Prolog ist so beängstigend, wie es sein soll: Da findet sich eine dreckverschmierte junge Frau, als sie aus der Bewusstlosigkeit erwacht, in einem tiefen Loch, umgeben offenbar von Leichen… Wie kann denn das geschehen?
 
Rückblende, wie es sich gehört. Und, wie es sich ebenfalls gehört: Es fing so harmlos an. Zürich, Innenstadt, fünf Freunde, die ein Auto besteigen, ab in den Jura, in die Natur, wandern. Oder nicht? Dass es dort Pilze gibt, die einen „perfekten Trip“ verschaffen, erfährt man bald. Bevor es so weit ist, stößt bei einer Panne der Ex-Freund jener einsamen jungen Frau dazu, die nicht nur deshalb die Heldin ist, weil wir sie am Beginn als offensichtlich Überlebende (oder doch nicht?) kennen gelernt haben, sondern weil sie von Sabrina Reiter gespielt wird, dem einzigen Gesicht, das der österreichische Kinobesucher kennt. Und da sie als „Horror-Queen“ in den Filmen „In 3 Tagen bist du tot“ (Teil 1 und 2) von Andreas Prochaska bekannt geworden ist, Österreichs Beitrag zum populären Genre, signalisiert sie gewissermaßen, was hier, nun auf Schweizer Boden, zu erwarten ist…
 
Mit dem Freund sind sie sechs, dann ist da noch ein Pärchen,
dessen Motorrad eingegangen ist und das sich anschließen darf: Acht kleine Negerlein, die noch kurz seltsam-düsteren, beängstigenden Schweizer Ureinwohnern begegnen, bevor sie dann, wie vorgesehen, in der schönen Jura-Waldlandschaft landen (dort wurde im Herbst vorigen Jahres gedreht) und ihre Zelte aufschlagen.
 
Der fragliche Pilz wird gefunden, und da ergibt sich die erste Gelegenheit,  „3 D“ einzusetzen, das offenbar nicht nur in Hollywood der letzte Schrei ist. Wenn man mit den jungen Leuten „stoned“ sein solle, dann sieht man mit ihnen, wie losgelöste Köpfe auf einen zutanzen… (Und später, wenn der Horror voll im Gang ist, dann springen dem Zuschauer auch mal ausgestochene Augen schockhaft ins Gesicht…). Aber im Großen und Ganzen ist die Mode, mit den „Raumeffekten“ zu arbeiten, vermutlich eine vorübergehende, weil einfach nur oberflächliche. Aber, wer weiß es schließlich – auch an den Tonfilm hat anfangs keiner geglaubt.
 
Im übrigen arbeitet dieser Schweizer Film von Regisseur  Markus Welter mit allen Ingredienzien, die man für eine Geschichte dieser Art zusammenwürfeln kann – die Autopanne, ein Verletzter, das scheinbar verlassene Haus, es gibt auch eine mörderische Art von „Sennentuntschi“ (auch das hatten wir neulich im Kino), der ganz bedrohliche böse Einheimische kehrt wieder, und weil es als „Slasher-Film“ deklariert ist, stirbt einer nach dem anderen eines genüsslich zelebrierten  grausigen Todes. Das muss so sein. Für den Zuschauer stellt sich in dem Gemetzel bald nicht mehr die unwichtige Frage, warum das alles passiert, sondern nur: Wer ist der Nächste?
 
Sabrina Reiter hat den Horror-Blick der Drama-Queen perfektioniert, die anderen Darsteller sind uns unbekannt und als Typen gut. Leider geht es so bald nur ans Eingemachte, sprich, ans Morden, dass der Regisseur vergessen hat, die einzelnen Figuren wirklich zu profilieren und zumal die Männer ausreichend zu unterscheiden.
 
Als „unsere“ Sabrina Reiter am Ende übrig bleibt, weiß man noch nicht, ob man sich mit ihr freuen kann, denn eine saubere Lösung bietet der Film nicht – war’s Drogentraum, was’s Wirklichkeit? Die Anzeichen für das eine wie das andere sind vorhanden, auf einmal sind nicht alle tot, die wir tot glaubten, die Handlung wirbelt durcheinander, Schnitt, der Vorhang zu und alle Fragen offen.
 
Der Zuschauer soll selbst entscheiden. Der weiß am Ende nur eines sicher: Ein Trip in die Schweizer Berge kann verdammt letal ausgehen…
 
Renate Wagner
 
 

 
 
Ab 16. September 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
BEGINNERS
USA / 2010 
Regie: Mike Mills
Mit: Ewan McGregor, Christopher Plummer, Melanie Laurent, Goran Visnjic u.a.
 
Die vielen „Outings“ in der letzten Jahre haben zweifellos etwas von einer Befreiung, und jene, die von dem Problem nicht persönlich betroffen sind, ahnen nun zumindest, was es bedeutet haben muss, ein Leben in Lüge zu leben, seine wahren Gefühle und Bedürfnisse peinlich zu verbergen, falsche Beziehungen aufrecht zu erhalten, um etwas zu camouflagen, was die Öffentlichkeit noch nicht gänzlich akzeptiert hat. Nun, die Zeiten sind anders geworden, nehmen wir einmal an, dass es Toleranz gibt – das Thema jedenfalls wird nicht mehr unter den Tisch gekehrt. Und wenn ein Filmemacher am eigenen Leib erlebt hat, dass sein Vater sich in späten Lebensjahren „outete“ – na, dann macht er eben einen Film darüber. So wie Mike Mills mit „Beginners“.
 
Der Kalifornier Mills ist Mitte 40, er kam über Graphik und Musikvideo zum Film, er hat lange gebraucht, um den Regiesessel einzunehmen, möglicherweise überlegt er, dass er nicht mehr ausreichend Zeit hat, um alle Themen zu behandeln, die ihm im Kopf herumgehen. Das erklärt vielleicht, warum er dermaßen viel in „Beginners“ hineingestopft hat. Da ist also der Vater des Helden, 75, der seine Homosexualität lebenslang peinlich verborgen hat (eine zähneknirschende Ehefrau musste ihm dabei helfen), und der nun, als es zu Ende geht, endlich beschließt, es aller Welt zu sagen. Christopher Plummer tut es mit wunderbarer, milder Souveränität, und weil es bei ihm auch um Alter und Sterben geht, wäre da schon genügend Stoff für einen ganzen Film. Er laute: Lebe Deine Homosexualität, und vielleicht hat der Autor / Regisseur bei Papa auch tatsächlich nur die positiven Seiten der Problematik kennen gelernt – ein kultivierter, liebenswerter Freund des Vaters (Goran Visnjic), eine ganze Phalanx ebenso kultivierter, liebenswerter Männer, die den Sterbenden umgeben und keinesfalls verlassen, bestenfalls eine halbe, zarte Träne im Knopfloch, wenn es mit der Treue nicht zu genau genommen wird, aber auch da tiefes Verständnis, allgemeines Glück, Liebe, Freude, Eierkuchen. Das mutet den Betrachter von außen, der diese Kreise nicht kennt, nun allzu idyllisch an. Ganz so rosig kann es ja wohl nicht sein…
 
Aber wir haben da ja noch die Geschichte des Sohnes, der alles erzählt – und alles versteht: Wenige könnten diese milde, durch und durch positive Attitüde dieses Oliver so spielen wie Ewan McGregor, der glücklicherweise nie in den „Star Wars“-Welten versackt ist, sondern immer ein großer Schauspieler blieb. Er muss nun mit Papas Freunden freundlich sein, was ihm nicht schwer fällt, weiters den Vater beim Sterben begleiten, was er liebevoll tut. (In Rückblenden erlebt man noch, wie schwer er es als Junge mit der wütenden Mutter hatte.) Und nebenbei hat ihm Mike Mills noch eine so komplizierte Beziehung auferlegt, dass das wiederum ein eigener Film wäre – eine absolut hinreißende, aber ebenso exzentrische französische Jüdin (anbetungswürdig: Melanie Laurent), von der man nie weiß, was sie gerade warum tut, was die Sache nicht eben erleichtert. Sie probieren es miteinander, schaffen es nicht, probieren es wieder… vielleicht schaffen sie es ja auch einmal. Das Ganze aber, das doch etwas triefend auf „tiefe Gefühle“ angelegt ist, geht nach und nach so auf die Nerven, dass es einem langsam egal wird.
 
Immerhin – ohne gewaltige Brocken von Denkanstößen aller Art wird man nicht aus den „Beginners“ gehen. Schade, dass Mills nicht zwei bis drei Filme daraus gemacht hat, in denen er seine Themen besser hätte ausarbeiten können. So wird man vor Bedeutungsschwere geradezu niedergeknüppelt.
 
Renate Wagner
 
 
 

 
 
Ab 16. September 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
COLOMBIANA
USA, Frankreich / 2011 
Regie: Olivier Megaton
Mit: Zoe Saldana, Amandla Stenberg, Lennie James u.a.
 
Im Anfang waren Filme wie „Nikita“ oder „Leon“, und damit hat der frühere Regisseur Luc Besson, als Drehbuchautor und Produzent beteiligt, eine ganze Industrie geschaffen – Euro-Thriller für den Weltmarkt, die in einer ganzen „Transporter“-Serie kulminierten. „Colombiana“ ist nun ein Seitenprodukt eines Labels, das sich langsam auslutscht. Damit ist man zwar in die USA (mit Ausritten nach Südamerika) gegangen, aber im Zentrum des Geschehens steht eine Lieblingsfigur, derer der Kinobesucher nicht müde wird: der Killer. Beziehungsweise, noch schöner: die Killerin.
 
Die überzeugendsten Passagen sind jene zu Beginn. Nicht dass ein Gangsterkrieg 1992 in Bogota erfreulich wäre – wenn die kleine Cataleya Restrepo zusehen muss, wie ihr Papa von seinem Rivalen umgebracht wird. Nein, und wirklich glaubwürdig ist es natürlich nicht, wie ein kleines Mädchen mit großen Augen (ein wunderbares Kindergesicht, das diesen Beginn mühelos trägt: Amandla Stenberg) sich als einsame Waise den Weg in die USA erkämpft, aber sie tut es. Das ist schließlich die Voraussetzung für diesen Thriller, den Regisseur Olivier Megaton in gebotener Geschwindigkeit über die Leinwand laufen lässt.
 
Denn Cataleya träumt nach allem, was sie erlebt hat, nur von einem – Killerin zu werden. Der Gangster-Onkel in Amerika ist nicht begeistert, besteht auf eine solide College-Ausbildung. Dann darf sie den gewählten Beruf ergreifen: Und es geht los. Wie sie es gelernt hat, wie sie zu ihren Aufträgen kommt, mit diesen Kleinigkeiten gibt sich der Film nicht ab. Auch mit Logik braucht man sich nicht zu belasten – spannend genug, wie ein Bösewicht nach dem anderen ausgeschaltet wird. Und nun sieht Cataleya aus wie die atemberaubend hübsche, milchkaffeebraune Zoe Saldana (bekannt aus „Avatar“). Die CIA hat ihre Probleme mit ihr, zumal, als sie den Mörder des Vaters angeht. Soll man es verraten? Keine Festung ist uneinnehmbar, es gibt keine Riege von Bodyguards, die man nicht austricksen kann… Und merke: Wer ein Haifischbecken im Garten hat, kommt darin um.
 
Und am Ende beruht in dieser dramaturgisch schwachen Geschichte der ganze perverse Reiz (so es einer ist) darin, einer schönen Frau beim Killen zuzusehen.
 
Renate Wagner
 
 
 

 
 
Ab 9. September 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
Conan
Conan the Barbarian / USA / 2011
Regie: Marcus Nispel
Mit: Jason Momoa, Rachel Nichols, Ron Perlman u.a.
 
Wer hätte das gedacht, dass man als Kinobesucher je mit einer Art Sehnsucht an Arnold Schwarzenegger zurückdenken würde? Nicht an seine Qualitäten als Schauspieler natürlich. Aber wenn er als Conan auf der Leinwand erschien, dann war das doch was. Ein Brocken Mann, der neben Muskeln noch irgendetwas ausstrahlte. Was auch immer. Irgendetwas.
 
Das kann man von dem neuen Conan in Gestalt von Jason Momoa nicht behaupten. Der aus Hawai gebürtige Amerikaner mit dem leicht exotischen Einschlag hat sich bisher in Fernsehserien versucht. Einen Film auf ihn zu bauen, dessen Hauptgestalt einer der klassischen Fantasy-Helden und vom Schwarzenegger-Charisma umweht ist (nennen wir es einmal so), war eine krasse Fehlentscheidung. Allerdings liegt es nicht nur an ihm und seiner mangelnden Ausstrahlung: Drehbuch und Machart sind so zweitklassig, wie man es einem für die Kinokasse erstklassigen Produkt nicht antun sollte. Da haben die Beteiligten wohl damit gerechnet, dass allein der Begriff „Conan“ die Zuschauer in Bewegung setzen würde – und haben an der Besetzung gespart, die kein auch nur im geringsten bemerkenswertes Gesicht aufzuweisen hat.
 
Conan ist ein Cimmerier, was nichts mit den Kimbern und Teutonen zu tun hat, sondern reine Phantasiewelten beschwört, wo man dann alles hineinmixen kann, Dörfer mit guten Leuten und böse Warlords, die sie bedrohen, und was man von Anfang an ins Ohr gebellt bekommt, sind Urschreie von Urviechern, halbnackte Recken grausigen Zuschnitts. Und bei diesem fürchterlichen, „barbarischen“ Gebrülle bleibt es die längste Zeit, wobei natürlich auch aufeinanderdonnernde Schilder und Schwerter den entsprechenden Krach machen, denn gekämpft wird die meiste Zeit. Die mythische Vorzeit wirkt in der Ausstattung gelegentlich etwas asiatisch, wenn man die barbarischen Dörfer verlässt, aber das gibt der Sache auch nur wenig Kolorit.
 
Conan erlebt man schon bei seiner Geburt, Papa schneidet das Baby aus Mamas Bauch (sie haucht noch, er möge „Conan“ heißen), dann erlebt der Junge, wie der Vater von einem Warlord gefangen und getötet wird, und von da an geht es nur um Rache, wobei sich Regisseur Marcus Nispel nur auf Tschin, Bumm, Krach einlässt und nie auf eine nachvollziehbare Handlung. Brutalitäten sind durch die „Barbaren“ ja gerechtfertigt, und es reicht völlig, dass der Titelheld mit finsterer Miene andeutet, wie ernst er es meint. Zwei Damen, Rachel Nichols (auf Conans Seite) hier, Rose McGowan (als Hexe) dort sind für den Sexappeal zuständig, aber doch wohl nur zweite Wahl.
 
Es sei gestattet, auf all den mystischen Unsinn um irgendwelche Allmachtsphantasien, der hier erfunden wird, nicht weiter einzugehen, dazu wird er viel zu uninteressant aufbereitet. Dafür aber in 3 D, natürlich. Der Weisheit letzter Schluss, wenn man sonst nichts zu bieten hat – was für diesen Film wahrlich gilt.
 
Renate Wagner
 
 

 
 
Ab 9. September 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
FREUNDE MIT GEWISSEN VORZÜGEN
Friends with Benefits / USA /   2011
Regie: Will Gluck
Mit: Mila Kunis, Justin Timberlake, Patricia Clarkson, Richard Jenkins, Emma Stone, Woody Harrelson u.a.
 
Zwei smarte, beruflich erfolgreiche, so etwa knapp 30jährige junge Leute meinen, Sex sei Sex und als solcher zu betrachten. Nichts weiter. Hoppla, hatten wir das nicht gerade? Haben in „Freundschaft Plus“ (der noch bessere englische Titel lautete „No Strings Attached“) nicht erst kürzlich Natalie Portman und Ashton Kutcher ebendies beschlossen? Bis sie selbstverständlich entdeckt haben, dass es so nicht geht. Das Kino ist manchmal, besonders wenn es um amerikanischen Mainstream geht, eine klebrige moralische Anstalt.
 
Wenn ein Thema immer wieder kehrt, brennt es irgendjemandem wohl unter den Nägeln (vielleicht also Dreißigjährigen mit Beziehungsproblemen, die auch ins Kino gehen). Jetzt sind es Mila Kunis und Justin Timberlake, die ganz ernsthaft besprechen, Sex ohne Verpflichtungen sei doch die einzige Art, mit dem Thema umzugehen. Sie sind übrigens im Vergleich zu den Vorgängern das spritzigere, attraktivere Paar, und ihre Geschichte ist witziger, weil sie außerdem ein amerikanisches Urthema thematisiert, den Gegensatz zwischen den Küsten und Mentalitäten, New York gegen Los Angeles, Big Apple gegen Hollywood, an jedem Ort steht man auf ganz andere Weise Kopf.
 
Da versucht also Jamie (Mila Kunis ist um einiges sexier als Natalie Portman, der sie übrigens in „Black Swan“ ganz gut Paroli geboten hat) als ziemlich skrupellose Headhunterin den Spitzendesigner Dylan (Justin Timberlake mit ein paar Resten männlicher Schüchternheit und Unsicherheit) von hüben nach drüben, nämlich nach New York zu locken, weil das für sie eine deftige Prämie bedeutet. Attraktiv, wie die beiden sind, fallen sie natürlich über einander her, wollen aber keinesfalls zugeben, dass ihnen am anderen wirklich etwas liegt. Das lässt sich mit ein paar Nebenhandlungen und viel Ironie, die dieser Film von Will Gluck glücklicherweise mitbringt, auf Lustspiellänge auswalzen (und allerlei Klischees, inklusive das Bollywood-Getanze, sanft auf die Schaufel nehmen). Eine köstliche Charge bietet dabei Patricia Clarkson als Jamies ausgeflippte Mutter, voll von guten Ratschlägen, wie Mütter das eben so an sich haben.
 
Freilich, ohne knüppeldicken Kitsch geht es auch hier nicht ab, wenn etwa der Alzheimer-Papa (der wunderbare Richard Jenkins) die rührende Geschichte erzählt, dass er es lebenslang bedauert hat, seiner großen Liebe nicht nachgeeilt zu sein – das gibt dann natürlich den Schups fürs Happyend. Auf die Liebe muss man sich halt einlassen, es gibt für die Menschen keine Möglichkeit, die damit verbundenen Schmerzen zu vermeiden, auch wenn man es noch sehr versucht. Hoffentlich zieht das Kinopublikum aus dieser tiefen, unausweichlichen Weisheit die entsprechende Lehre…
 
Renate Wagner
 

 
 
Ab 2. September 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
MICHAEL
Österreich / 2011 
Regie: Markus Schleinzer        
Mit: Michael Fuith, David Rauchenberger, Ursula Strauss u.a.
 
Jährlich verschwinden, so sagt ein Nachrichtensprecher in diesem Film, an die tausend Kinder spurlos – eine unvorstellbare Zahl, über die man sich angesichts des Falls Kampusch neu den Kopf zerbrechen muss. Nicht nur über die Eltern, die in einer unerträglichen Ungewissheit leben, sondern über die Kinder, von denen vermutlich so manches tatsächlich in einem Keller festgehalten wird… Der österreichische Filmemacher Markus Schleinzer erzählt in seinem Film „Michael“ von einem solchen Opfer. Und von dem Täter.
 
Die vordergründigen Bösewicht-Sadisten, die in üblichen Filmen auf der Leinwand toben, mögen durchaus etwas mit der Realität zu tun haben. Aber die unheimlicheren sind doch jene Täter, die in ihrer Unauffälligkeit gänzlich  untergehen, sich unerkennbar, unerkannt in ihrer Mitwelt verstecken. Man hat die erschrockenen Reaktionen von Nachbarn oft gesehen, wenn Grauenvolles zum Vorschein kommt – wie nett und alltäglich die Leute gewesen seien, die da neben einem gelebt hätten, ein bisschen unzugänglich vielleicht…
 
Dieser Michael, 35, wohnt in einer Art durchschnittlichem, bescheidenem Haus, wie es der Kampusch-Täter wohl hatte, in einem kleinen Ort, wo kein Nachbar unbemerkt bei der Tür hereinkommen und guten Tag sagen kann. Seine Mutter (Christine Kain) hält er sich telefonisch vom Leib, seine Schwester (Ursula Strauss, wieder einmal ganz verwandelt) trifft er nur im Kaffeehaus und schwindelt ihr eine Freundin in Deutschland vor. Jeden Morgen fährt er zur Arbeit in der Versicherung, und er kommuniziert in bescheidenem Ausmaß mit seinen Kollegen. Ja, einmal fährt er sogar mit zwei Männern zum Skifahren, geht ein Bier trinken, wenn sie ihn auffordern, versucht sogar, mit der Kellnerin eine kurze Nummer zu schieben, wenn sie ihn dazu einlädt: Dass es nicht so recht klappt, das passiert ja angeblich vielen Männern einmal. Und an Wochenenden macht er auch mal einen Ausflug in den Wald, zu irgendwelchen Zielen, wo er keine Bekannten treffen kann, und dann ist ein zehnjähriger Junge an seiner Seite, den er fest an der Hand hält.
 
Dieser Junge ist aber nicht sein Sohn und nicht sein Neffe, sondern sein Opfer: Wolfgang, den er offenbar seit Jahren schon in seinem Keller eingesperrt hat. Dort hat der Junge seine Spiele, und wenn Michael abends heimkommt, kocht er für beide, und gelegentlich darf Wolfgang auch fernsehen. Dann wird er wieder eingesperrt… Und dann sieht man, wie Michael in den Keller geht. Und man weiß, wozu.
 
Wie es zu dieser Situation kam, erfährt man nicht, weder Michael noch Wolfgang sind sehr gesprächig. Die Art, wie der Junge mit seiner Situation umgeht, verrät, dass er schon länger gefangen ist und sich arrangiert hat – mit einer Düsternis und Traurigkeit, die ins Herz schneidet und für die David Rauchenberger in seiner verhaltenen Stille eine Idealbesetzung ist. Ebenso wie Michael Fuith mit seinem Allerweltsgesicht, das fast immer dieselbe Unbeweglichkeit zeigt: Was, um Gottes willen, geht in diesem Mann vor? Eine der Erkenntnisse des Films besteht auch darin, dass wir es nicht begreifen können.
 
Regisseur Schleinzer, der mit der Unerträglichkeit des Missbrauchs nie derart spekuliert, dass er sie vorführte, zeigt nun die letzten Monate in diesem unheimlich stillen Zusammenleben der beiden, und er schafft es dabei, doch so viel dramaturgische Spannung einzubauen, dass man manchmal gespannt ist wie in einem Krimi. Dabei sind die Gefühle des Betrachters ganz schlicht auf das Mitgefühl ausgerichtet – wird dieses Kind überleben? Und das ist durchaus nicht so sicher, denn als Wolfgang schweres Fieber bekommt, gräbt unser stiller Michael schon einmal vorsorglich ein tiefes Loch im Wald, falls er sich eines Körpers entledigen muss… Es gibt Szenen, die unglaublich packen: Wenn Michael noch ein kleines Mädchen entführen will, das ihm schon plaudernd zu seinem Auto folgt, als es sein Vater gerade noch zurück ruft. Oder wenn plötzlich eine Bürokollegin in seinem Vorzimmer steht, als er gerade aus dem Keller kommt, weil er vergessen hat, die Garage zu verrammeln wie üblich… (Dass diese Szene, wo er die Nerven verliert und sie wirklich unhöflich, ja brutal hinauswirft, keinerlei Folgen hat, dass man nie wieder von ihr hört und er im Büro doch seine Beförderung bekommt, ist nicht gänzlich einsichtig.)
 
Es gibt Momente, die geradezu schneidend schmerzen, wenn Michael, von einem Porno aufgegeilt, den er sich hineingezogen hat, sein Opfer fragt: „Was soll ich Dir hineinstechen, meinen Schwanz oder ein Messer?“ und der Zehnjährige völlig ungerührt sagt: „Das Messer.“
 
Schleinzer zeichnet nüchtern und ohne die geringste Sympathie, ohne das gelegentlich übliche Anschleimen an die Psychologie des Täters (ist nicht vielleicht doch die Umwelt schuld und nicht der Verbrecher?), die Situation Michaels, der in ständiger Spannung nur eines erreichen muss: Die Situation unter Kontrolle zu behalten, um sein hilfloses Sexopfer straflos festhalten zu können. Und der Zuschauer ist bei Wolfgang, fragt sich genau so, was in diesem Kind vorgeht – und ob es sich einmal wehren wird…
 
Am Ende sind es die Unwägbarkeiten des Lebens und die logische Weiterentwicklungen in der grauenvollen Beziehung, die zusammen kommen, damit Wolfgang überlebt. Über die psychologischen Folgen dessen, was er davor erlebt hat, kann man gar nicht nachdenken, aber viele Missbrauchsopfer werden wissen, was der Junge fühlt und was er für den Rest seines Lebens zu bewältigen hat. Indem er diese Geschichte erzählt, findet und „erfindet“ dieser Film nichts Neues. Er denkt nur über ein Thema nach. Und das tut er auf beeindruckende Weise.
 
Renate Wagner
 

 
Ab 2. September in den österreichischen Kinos
  
 
DIE DREI MUSKETIERE
The Three Musketeers / USA / 2011)
Regie: Paul W.S. Anderson
Mit: Logan Lerman, Christoph Waltz, Milla Jovovich, Orlando Bloom u.a.
 
Von Zeit zu Zeit kommen sie unweigerlich wieder, die Helden des Alexandre Dumas: Besonders auf der Filmleinwand haben sich die „Drei Musketiere“ meist bewährt. Gehobene Trivialliteratur dieser Art bietet eine Menge Unterhaltung und farbiger Charaktere. Filmfreunde haben weder die „klassische“ Verfilmung mit Gene Kelly als d’Artagnan, Vincent Price als Kardinal Richelieu und der schrecklich blonden Lana Turner als Milady de Winter noch jene durch Richard Lester mit Faye Dunaway und Charlton Heston als Großkaliber-Intriganten vergessen. Wenn man die alte Geschichte neu erzählt, ist das keine Frage des „Was“, sondern der Machart und der Besetzung.
 
Mit dem britischen Regisseur Paul W.S. Anderson hat sich Hollywood keineswegs einen Meister der Feinarbeit geholt: Er hat bisher meist Computerspiele und dergleichen verfilmt, man konnte also mit einem hohen Anteil an Action rechnen. Zu diesem Zweck bekam das Drehbuch eine Menge neuer Aspekte, schon durch ein Vorspiel, das in Venedig spielt (künstlich im Filmstudio aufgebaut, aber mit ziemlich echt wirkenden Kanälen). Dort werden dann aus einem Verlies Pläne von Leonardo da Vinci gestohlen, der ja bekanntlich schon die unglaublichsten Erfindungen gemacht hat. Folglich prunkt der Film in der Folge nicht nur mit bemerkenswerten Schiffen auf dem Wasser, sondern auch frühen Luftschiffen, die spektakulären Effekt machen, wenn sie etwa mit Karacho im Park des französischen Königs landen… Immerhin, das hat es im Zusammenhang mit den „Drei Musketieren“ noch nicht gegeben (und auf Wahrscheinlichkeit kommt es in History-Fantasy dieser Art wirklich nicht an).
 
Im übrigen ist es die bekannte Geschichte: Landei trifft auf drei ritterliche Recken-Veteranen und mischt sie auf (eigentlich müsste die Geschichte, da er sich ja zu ihnen gesellt, die „vier Musketiere“ heißen). Hinter allen fiesen Machenschaften, die den König kippen sollen, steht der salbungsvolle Superschurke Kardinal Richelieu. Kleine Veränderung in der Wertigkeit der Personen: Normalerweise ist Englands Lord Buckingham, der im Zusammenhang mit dem verschwundenen Schmuck der Königin mitspielt, ein edler Held und Liebhaber, hier ergänzt der die Bösewichte-Liste, an deren Spitze „Milady“ de Winter steht: Regisseur Anderson hat nahe liegend besetzt, nämlich mit seiner Gattin Milla Jovovich, die außerordentlich hübsch ist, allerdings ihre sonst auf der Leinwand gezeigte „Körperlichkeit“ nur bedingt einbringen kann (normalerweise ist sie in Hotpants und Leder unterwegs): Aber auch die Spitzengewänder sind sehr, sehr hübsch…
 
Für die Rolle des D'Artagnan, der ein halber Junge sein soll, hat man auch einen wirklich jungen Schauspieler genommen, der zur Zeit der Dreharbeiten 18 war: Andererseits ist Logan Lerman ein Veteran vor der Kamera, er hat schon vor mehr als zehn Jahren einen Sohn von Mel Gibson gespielt. Als fröhliches, unbeschwertes Bürschchen kommt er vom Land nach Paris, um dann ein wenig in der Handlung unterzugehen. Aber er übt sicher auf Schulmädchen einen gewissen Zauber aus, und es ist schwer zu sagen, ob ihn jemand zu einer DiCaprio-Karriere hochlavieren wird oder ob er untergehen wird wie so viele junge, unbekannte Gesichter, die der amerikanische Film derzeit gnadenlos verheizt.
 
Ganz witzig ist, dass der Film die drei französischen Musketiere mit einem Engländer (Matthew Macfadyen als hoffnungslos verliebter, von Milady enttäuschter Athos), einem Iren (der bullige Ray Stevenson als Porthos) und einem Waliser (Luke Evans als intellektueller Aramis) besetzt hat. Man vergesse Mads Mikkelsen, der im skandinavischen Film ein erstrangiger Charakterdarsteller war und sich für Hollywood in unwichtige Nebenrollen verdingt (er spielt den Haudegen Rochefort), und man vergesse ganz total Til Schweiger in der Minirolle des Cagliostro, denn er ist schon wieder weg, bevor man ihn ganz wahr genommen hat. Tatsächlich ist Orlando Bloom, einst mit Herr der Ringe-Lorbeeren und dem karibischem Piraten-Ruhm bedeckt, der einzige Weltstar der Besetzung, aber auch bei ihm läuft es nicht mehr ganz so gut, also spielt er die Nebenrolle des Buckingham. Er tut es mit affektierten Locken als süffisanten, intriganten Dandy und scheint Spaß daran zu haben.
 
 
Aber was interessiert zumal den Österreicher an diesem Film wirklich? Natürlich Christoph Waltz als Richelieu, aber er hat’s nicht leicht: Man schaut natürlich in erster Linie auf ihn, um festzustellen, ob er wieder so atemberaubend gut ist wie in den „Inglorious Basterds“. Und nein, er ist es natürlich nicht, er war es seither nie, wird es möglicherweise nie wieder sein. Ein bisschen hängt der Job des Schauspielers ja wohl doch vom Regisseur ab, ob ein Schauspieler mehr bietet als seine souveräne Routine. Und Paul W.S. Anderson war vordringlich mit dem Historismus-Spektakel befasst: Man sieht viel Paris im 17. Jahrhundert  Brücken, Straßen, Schenken, Versailles mit Park und Prunkräumen, Notre Dame wird nebenbei beschädigt, Action first.
 
Gedreht wurde in Deutschland, in echten bayerischen Schlössern und in viel Nachgemachtem in Babelsberg, was man nicht merkt. Wieder einmal in 3 D, was man sehr wohl merkt, aber längst nicht so viel bringt, wie die Produzenten sich ausmalen: Es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis diese Modewelle, die jedem Kinobesucher eine lästige Brille auf die Nase drückt, wieder verebbt. So toll sind die „räumlichen“ Effekt, die damit erzielt werden, lange nicht… So toll ist übrigens auch diese „Musketiere“-Neuverfilmung nicht. Alles ist ein bisschen dürftig, aber so schnell geschnitten, dass man kaum merkt, wie die Charaktere zu kurz kommen und die wohl bekannte Handlung nicht so furchtbar viel hergibt. Aber da sie wirklich und wahrhaftig mittendrin aufhört, ist der zweite Teil – ohnedies schon im Kasten – in absehbarer Zeit unvermeidlich.
 
Renate Wagner  
 
 

 
Ab 2. September 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
SOMMER IN ORANGE
Deutschland  / 2001
Regie: Marcus H. Rosenmüller
Mit: Amber Bongard, Petra Schmidt-Schaller, Georg Friedrich, Brigitte Hobmeier u.a.
 
 
Es mag ja ein wenig wohlfeil sein, über die Esoterik-Fuzzis zu lachen, aber wenn man selbst unempfindlich ist für solchen „Spinnereien“, wie wir sie einmal kühn nennen wollen (oder ist das auch politisch unkorrekt?), dann neigt man dazu. Und dieser Film macht es leicht, weil er nur in Grenzen satirisch, vor allem aber liebenswürdig, herzlich und auf Versöhnung der Widersprüche angelegt ist. Man fühlt sich also nicht schlecht, wenn man hämefrei lacht, da man gewissermaßen dazu aufgefordert wird.
 
Orange also  – das ist in diesem Fall nicht die Frucht. Auch nicht die gleichnamige Stadt in Frankreich. Der Sommer „in Orange“ bezieht sich auf die Farbe. Man erinnert sich an Zeiten, als die ostasiatischen Mönche in ihren orangen Gewändern durch die Städte getänzelt sind… Orange als Markzeichen für östliche Mystik. Hare Krishna!
 
Hier wird eine ergötzliche Geschichte aus dem Beginn der achtziger Jahre aus der Sicht einer vifen Elfjährigen erzählt. Damals ist sie mit einer Gruppe von Berliner Bhagwan-Jüngern in ein bayerisches Dorf im wahrsten Sinn des Wortes eingebrochen. Clash der Kulturen und so weiter. Und eine Riesenhetz, ob unirdisch versponnen, ob bayerisch handfest. Könnte vergnüglicher, witziger und am Ende auch bei aller Untergriffigkeit gescheiter kaum sein.
 
Lili und ihr Bruder kommen also mit Mama und deren Anhang auf einen Bauernhof in Bayern, den einer ihrer Freunde geerbt hat. Erfreulicherweise stellt Regisseur Marcus H. Rosenmüller die Einheimischen jetzt nicht als lauter rückständige Dodel hin. Sicher ist das Misstrauen gegen die so Andersartigen, die auch fröhlich nackt im Garten tanzen, gewaltig, aber ihre Anziehungskraft auch – der Briefträger, der diesen Leuten ja durch das Ausliefern der Post ziemlich nahe kommt, erliegt der Faszination mühelos… Lilis Mama (blond und abgehoben: Petra Schmidt-Schaller) ärgert ihren Freund mit dem sprechenden Namen Siddharta (Georg Friedrich, Österreichs Beitrag zu zahlreichen Filmen) damit, dass sie die sexuelle Freiheit wörtlicher nimmt, als er es mit den Macho-Resten in seinem Bewusstsein gerne hat…
 
Lili, die kluge Beobachterin (höchst vergnüglich und „hinterfotzig“ verkörpert von Amber Bongard), erleidet in dem bayerischen Dorf natürlich ihr eigenes Schicksal: Wer in der Schule als Außenseiterin verlacht wird, hat viele Möglichkeiten, sich damit auseinanderzusetzen. Lili möchte, pfiffig wie sie ist, ein bayerischen Mädchen werden, Dirndl inbegriffen. Außerdem ist es bei der netten Frau Bürgermeister viel schöner als zuhause, wo nie was zu essen da ist und wenn, nur vegetarisch: Bei den Bayern gibt es Fleisch und andere Leckereien! Überhaupt hat auch ein gestandener Bhagwan-Jünger seine Probleme mit den ganz realen Versuchungen, wie es Würstel und Wurstsemmeln darstellen.
 
Nachdem noch die Figur eines schleimerischen Gurus aufs Korn genommen und genüsslich vernichtet worden ist (mit Lächeln über all die dummen Weiber, die dergleichen zu Füßen sinken), steht der allgemeinen Harmonisierung nichts im Wege, wobei eine zünftig bayerische Rauferei davor die Atmosphäre reinigt.
 
Dennoch ist der Film nicht nur lustig. Er zeigt beispielsweise auch die Rücksichtslosigkeit der Erwachsenen dieser Sorte ihren Kindern gegenüber (was ja auch der österreichische Film „Die Vaterlosen“, über die Kinder der Kommunarden, thematisiert hat): In schrankenloser Egozentrik hat da jeder nur an seiner „Selbstverwirklichung“ gearbeitet und den Nachwuchs einfach weg geschoben. Viele sind dann notgedrungen so selbständig und gewitzt geworden wie Lili. Aber es sind auch welche unter die Räder gekommen. Daran aber muss man bei dieser Komödie, die ihre Kritik in angenehmen Orangengeschmack verpackt, nicht unbedingt denken. Es ist legitim, ein Thema auch leicht zu behandeln.
 
Renate Wagner
  

 
Ab 2. September 2011 in den österreichischen Kinos
 
 
KILL THE BOSS
Horrible Bosses / USA /  2011
Regie: Seth Gordon
Mit: Jason Bateman, Kevin Spacey, Jennifer Aniston, Colin Farrell, Jamie Foxx, Donald Sutherland u.a.
 
Fressen oder gefressen werden, Täter oder Opfer, diese Antithese ist im menschlichen Leben angelegt und stellt für viele, wenn sie denn Opfer sind, eine Falle dar, aus der man schwer entkommen kann. Zwischen realistisch angehauchtem Bedauern für die Opfer und begeistert schrill überzeichneter Lust an den Tätern hat man es bei diesem Film von Regisseur Seth Gordon, der sich bislang vor allem in Fernsehen umtat, mit einer Groteskkomödie zu tun, die sich vor allem an eine riesige Zielgruppe wendet: an gequälte Angestellte mit einem unerträglichen Chef…
 
Dieser armen Angestellten sind drei, an der Spitze Nick (sympathisch und doch hilflos angesichts von menschlicher Gemeinheit: Jason Bateman), der einem Monster gegenübersteht: Wie Kevin Spacey als sein Chef Psychoterror verbreitet (immer wieder mit angedeuteter Beförderung) und Genuss aus der Demütigung seiner Angestellten zieht (wenn man dann das Versprochene lustvoll nicht einhält), ist geradezu schauervoll widerlich, falls man nicht selbst ein Sadist ist, der dergleichen schreiend komisch findet.
 
Aber auch der arme Dale (in Gestalt des hilflos zappelnden Charlie Day) ist nicht zu beneiden: Seine Chefin ist nicht nur eine Zahnärztin, der man als bedauernswerter Patient nicht in die Hände geraten will, sondern auch noch ein Sexmaniac, die zu allen Mitteln der Erpressung greift, um ihren armen Assistenten zu einer Nummer zu verführen: Nach vielen uninteressanten Durchschnittsrollen hat Jennifer Aniston hier zugelangt und trägt so schamlos auf, dass man es im Grunde bewundern muss.
 
Und Kurt (Jason Sudeikis als Dritter im Bunde der potentiellen Loser, die nicht hart genug sind für diese unsere Berufswelt)? Der hat ja einen netten Chef (Donald Sutherland in einer seiner Nebenrollen), aber der stirbt ihm weg. Und dann kommt das angekiffte Söhnchen und will gnadenlos alles anders machen: Colin Farrell hat den Heldenrollen adieu gesagt und spielt hier, abenteuerlich hergerichtet, den miesen Kerl, er hat nur nicht dafür gesorgt, dass sein Part groß genug ist. Leider.
 
Die drei armen Angestellten können sich natürlich beim abendlichen Drink anjammern, was sie reichlich tun, aber die Frage, warum bringen wir den Chef nicht um? haben sich im Kino die Damen (damals mit Jane Fonda an der Spitze) schon 1980 gestellt, und wenn man sich recht erinnert, waren die nicht so zögerlich. Bis unsere drei liebenswerten Flaschen darauf kommen, vergeht eine Zeit. Dann mieten sie sich, wie sie meinen, einen Killer, aber Jamie Foxx hat für sie nur den Rat, den jeder Kinogewandte ihnen schon von Anfang an zugerufen hätte: Hitchcock! Der Fremde im Zug! Jeder bringt den Boss des anderen um, und auf keinen fällt Verdacht!
 
Man muss nicht extra sagen, dass die Phantasie natürlich dazu reicht, jemanden aus dem Fenster zu werfen, aber in der Realität sind sie zu nichts Ernsthaftem imstande. Und das will man natürlich auch nicht für die netten Kerle, denn als Mörder wären sie doch nicht so sympathisch. Also wird der Film, der in der Zeichnung der Chefs wirklich gnadenlos ist, dennoch geradezu freundlich, wenn das Drehbuch sich ein paar Methoden ausdenkt, bei denen alle Chefs eliminiert werden, wobei die hier entfesselten Turbulenzen endgültig jeder Glaubwürdigkeit entbehren. Aber darauf kommt es ja in einer Komödie nicht an, die Angestellte im Kinosessel mit der herrlichen Illusion zurück lässt, auch ihr entsetzlicher Chef könnte im Gefängnis landen…
 
Renate Wagner
 
 

 
 
 
 

 

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