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Merker 2002-2007
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24. Jahrgang
JULI/AUGUST/SEPTEMBER
2011
174
- - - - -
Anton Cupak
03.07.2011
19:53:28
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Kritiken  
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WIEN / Staatsoper: 
LA TRAVIATA von Giuseppe Verdi
Premiere: 9. Oktober 2011
 
 
Fotos: Barbara Zeininger
 
 
Überraschungen gab es keine: Kein Opernfreund hat sich, so er nicht live in Aix-en-Provence war, die Übertragung der neuen „La traviata“ der Wiener Staatsoper via arte im Fernsehen entgehen lassen. Nur – dort, aus dem Blickwinkel der Kameras, wirkte die Aufführung um einiges überzeugender. Nun tatsächlich auf die Bühne in Wien übertragen, stellt man fest, wie „leer“ diese Inszenierung ist – sowohl szenisch wie inhaltlich. Sie wird den Sängern des Hauses, wenn die Premierenbesetzung einmal verweht ist, dasselbe unglückliche Los bescheren wie derzeit der „Eugen Onegin“: Sie werden hilflos auf der Bühne herumirren, auf der Suche nach einer Inszenierung, die nicht stattfindet und sie dabei allein lässt, Verdis vitale Schicksale zu erfüllen…
 
„La traviata“ ohne ihren realen gesellschaftlichen Kontext hat man schon gesehen, wobei ich persönlich hier gar nicht die Grazer Inszenierung von Peter Konwitschny vorziehe, sondern das traurige „Traumspiel“, das der mittlerweile leider verstorbene Hans Gratzer auf die Bühne der Volksoper gestellt hat. Wenn wir es mit dem Traum der sterbenden Violetta zu tun haben, brauchen wir kein reales Ambiente – und sicher möchte niemand mehr etwas wie Zeffirellis Prunkverfilmung des Stoffes sehen, so schön der Film ist und so ideal dieses Bild der Belle Epoque zu Verdi und der „Kameliendame“ passt. Aber was Jean-Francois Sivadier auf die Bühne stellt, gibt alle Rätsel dahingehend auf, in welcher Welt seine Violetta Valéry sich umtut, wer sie da ist, warum all das geschieht… Theater auf dem Theater, wie man da höchst verwirrend im sonst so reichlichen Programmheft nachliest? Das kann doch nicht wahr sein? Wirklich?
 
Das beantwortet sich auf der leeren Bühne von Alexandre de Darde, in den hässlichen Alltagskostümen von Virginie Gervaise, wahrlich nicht. Gelegentlich senken sich ein paar Transparente aus dem Schnürboden, im zweiten Akt, am Land, sind es Wolken und gemalte Blumenwiesen. Der Vorhang, der sich zum Fest des Beginns rafft, sagt uns nicht, was es mit diesem Fetzenkarneval einer Unterschicht-Gesellschaft auf sich hat. Diese macht sich dann später ihre „spanische Einlage“ mit ein bisschen lächerlichem Hüftschwung selbst. Am Ende bekommt Violetta einen Sessel zum Sterben und, wie symbolträchtig, ihre auf die Wand gemalten Namen „Violetta“ und „Traviata“ werden mit einem Schwamm langsam ausgelöscht. Ja, und? Aber was immer da geschieht und was immer er undurchsichtigerweise meint (falls er etwas meint), stellt Jean-Francois Sivadier mit so viel Nachdruck und Pathos aus, wie es eine konventionelle Inszenierung wohl kaum wagen würde…Kurz, das Stück findet nicht statt, wer es nicht kennt, wird wieder einmal keine Ahnung haben, was sich da begibt. Aber „modern“ wird man es nennen, weil es leer, hässlich und sinnlos ist – das ist eine gute Voraussetzung, es heutzutage auf die Bühne zu schaffen.
 
Immerhin, der Abend wurde auf seine Hauptdarstellerin hin maßgeschneidert, und solcherart passt er Natalie Dessay wie angegossen. Sie sitzt von Anfang an wie ein Häufchen Elend auf der Bühne, und bis zu ihrem Tod knapp drei Stunden später sieht man nichts anderes: Verdis „La traviata“ ist in der Neuinszenierung der Wiener Staatsoper kein Sittenbild einer Gesellschaft, keine große Oper mit Stimmenpracht, sondern einzig und allein das mit dem Zeigefinger ausgestellte Elend der Hauptfigur. Und die Dessay kann es – wenn sie aus ihrer Lethargie erwacht, sich schminkt, dabei ein Lächeln „probt“. Wenn sie sich mit künstlicher, atemloser Hektik in ein undefinierbares „Party“(?)-Geschehen stürzt. Wenn man ihr den jungen Mann im weißen Anzug vorführt, der zwar kein romantischer Liebhaber alter Schule, sondern eher ein Mafioso-Sprößling zu sein scheint, aber seine Liebe zu der definitiv um einiges älteren Dame mit Vehemenz verkündet. Dann das Glück, das ihr nicht verblieb, als Germont ihren Verzicht verlangt, dann die Demütigung bei einer anderen undefinierbaren Party, schließlich der atemberaubende Moment, da sie die Perücke abnimmt und nur als schmales, armseliges kleines Geschöpf übrig bleibt. Und dann ihr langes, elendes, wirklich schmerzhaft anzusehendes Sterben – das ist darstellerisch eine große Sache, da wankt ein Mensch in seinen Untergang. Den ganzen Abend lang sind die Augen dieser Violetta von dichtem Flitterglanz umgeben, so dass es eigentlich immer scheint, als ob sie weinte…
 
Stimmlich hatte die Dessay (die eigentlich über kein fülliges, strahlendes Traviata-Organ verfügt) nicht ihren besten Abend, sondern ließ immer hören, dass ihr weniger Kraft und Stimme zur Verfügung stand, als sie gebraucht hätte. Der Großartigkeit ihres Gesamteindrucks tat es keinen Abbruch – das Publikum schickte einen Jubelschrei durch den Zuschauerraum, als sie am Ende von den Toten auferstand…
 
Der Tenor des Charles Castronovo ist so dunkel und nasal, dass er wie ein hoher Bariton wirkt, und wenn er die Höhen der Alfred-Rolle auch meist brachte, so glänzten sie doch nie so, wie andere Sänger es im Sinne der Verdi’schen Belcanto-Pracht erreicht haben. Den meisten Beifall während der Vorstellung, wo das Publikum zutiefst unsicher schien, ob und wann es klatschen sollte, erhielt Fabio Capitanucci als Germont, tatsächlich ein relativ heller Bariton, aber rau genug, um in dieser Vaterrolle zu entsprechen.
 
In den Nebenrollen das Ensemble, Zoryana Kushpler, Donna Ellen, Clemens Unterreiner, Dan Paul Dumitrescu, Carlos Osuna, dazu Hausdebutant Il Hong.
 
Bertrand de Billy hat in Interviews eine „andere“ Traviata angekündigt und machte das über weite Strecken wahr – sorgfältig umschiffte er das allzu Populäre (kein m-ta-ta, kein aufrauschendes Schwelgen in musikalischer Schönheit) und ließ das Werk durchaus ungewohnt klingen, diskreter, subtiler, aber auch weit weniger wirkungsvoll, als es sein kann. Aber das lässt sich über diesen ganzen trockenen, stimmungslosen Abend sagen, der „zur höheren Ehre der Dessay“ seine Berechtigung haben mag, aber ja noch über den Premieren-Lauf hinaus funktionieren sollte.
 
Das Publikum zeigte seine Zustimmung, ließ einen Empörungsschrei gegen das Leading Team los, hatte aber damit seine Energien verpufft. Danach wurde nur noch brav geklatscht… Keine Ahnung, wer da singen müsste, dass man das Bedürfnis hätte, noch einmal in diese Inszenierung zu gehen…(Aber mit „Don Giovanni“und „Figaro“ geht es einem ja ähnlich!)
 

Renate Wagner

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