| Die Kritiken früherer Ausgaben sind unter dem entsprechenden Menüpunkt "Merker 2002-2007" abrufbar, auf unserer neuen Website finden Sie die älteren Kritiken wie gewohnt unter dem Menüpunkt "Archiv" - auch nach Jahren! Keine Kritik geht daher verloren. |
| |
| Besuchen Sie auch die Site unseres Kooperationspartners www.deropernfreund.de |
| |
|
|
 |
WIEN / Bank Austria Kunstforum:
FERNANDO BOTERO
Vom 12. Oktober 2011 bis zum 15. Jänner 2012
Fotos: Heiner Wesemann
Fat is beautiful
Wer „Botero“ sagt, löst normalerweise einen Schmunzeleffekt aus: Dieser Künstler ist für seine wie „naiv“ gemalten Bilder bekannt, die dicke Menschen in oft grotesken Situationen zeigen – so wie jene „Ballerina an der Stange“, die mit ernster Miene ihr überdickes Beinchen schwenkt und solcherart Plakat, Prospekte und Katalog ziert. Fernando Botero, wie man ihn erwartet. Und doch weit mehr. Was das Bank Austria Kunstforum nun mit gut 70 Gemälden und einigen Graphiken zeigt, ist ein Rückblick auf sechs Schaffensjahrzehnte eines Künstlers, der im nächsten Jahr 80 wird und sich in seiner ganzen, teils unbekannten Vielfalt präsentiert. Ein feiner, eleganter Herr, der seine Präsentation in Wien mit seiner Anwesenheit beehrte.
Von Heiner Wesemann
Fernando Botero Geboren wurde er am 19. April 1932 in Medellín, jener Stadt in Kolumbien, die an ihren größten Maler erinnern sollte und nicht an das Rauschgift, das hier verschoben wird. Ausgebildet bei den Jesuiten, zeigte er von früher Jugend an sein außerordentliches Talent. Über Bogota kam er nach Europa (wo er Picasso nicht begegnete, wie er erzählt), wo er aber vor allem an den „Alten Meistern“ lernte. Botero lebte nacheinander in Mexico City, New York und Paris und fügte seinen weltweit beachteten, meist großformatigen Gemälden auch seine voluminösen Skulpturen hinzu, die überall auf der Welt an öffentlichen Plätzen Aufmerksamkeit erregen. Heute pendelt er zwischen verschiedenen Wohnorten – in den USA ist er seit seinen „Folter-Bildern“, die man gleichfalls in Wien ausstellt, nicht mehr ganz so gerne gesehen…
Boteros „Dicke“ Man kommt an dem Thema nicht vorbei, dass die „Dicken“ das Markenzeichen des Künstlers geworden sind – Botero, die Kampfansage an Weight Watchers. In einer Welt, wo moderne Kunst vielfach nicht unterscheidbar ist (Ist das nun von… oder nicht doch von…?), schlägt ein Bekanntheitsgrad dieser Art durchaus positiv zu Buche. Allerdings geht damit auch die Gefahr der Simplifizierung des Künstlers Hand in Hand, von dem man dann nichts anderes mehr wahrnimmt, als dass auch seine Tiere (von Katzen bis Stiere, ja sogar die Fliegen auf den Stillleben) dick sind. Und die Menschen sowieso – wie auch anders, wenn sich schon Adam und Eva mit exzessiven Fettpölstern präsentieren. Und kein Opernfreund wird den Gedanken verdrängen können, dass bei Botero Christus am Kreuz aussieht wie der wohl genährte Luciano Pavarotti…

„Alte Meister“ à la Botero Klug genug, um als Kopist zu lernen, sind jene Bilder, die unter dem Motto der „Alten Meister“ in Wien zu sehen sind, freilich Paraphrasen der Originale – Velasquez hätte sich wohl kaum darüber gefreut, seine schöne Infantin zu einem Botero-Blasengelgesicht mit stumpfer Miene verwandelt zu sehen, und auch bei à la Piero della Francesca käme niemand auf die Idee, die berühmten Originale mit der Botero-Fassung zu verwechseln.

Humor und Hintergründigkeit Viele Bilder Boteros in seinen immer kräftigen Farben und großen Formaten sind dem Alltag in seiner südamerikanischen Heimat gewidmet, und er dringt da in so gut wie alle Lebensbereiche vor. Sehr ironisch ist die Hängung im Kunstforum, wenn eine berühmte, von hinten zu betrachtende Nackte nicht nur den Besucher der Ausstellung zentral begrüßt, sondern auch so positioniert ist, dass ein geistlicher Herr rechts in ihre Richtung blicken kann…. Der hintergründige Reichtum der Alltagsbilder, in denen viel Humor und ebenso viel Tragik aufzufinden ist, macht den Schwerpunkt der Ausstellung aus. Kirche und Religion meint man mit leiser Ironie versehen, die so genannten „repräsentativen Porträts“ erst recht, und auch die Stillleben, so einladend sie aussehen, haben dies und jenes schauerliche Detail aufzuweisen, das man bei Botero immer wieder findet. Bei ihm bedarf es nicht nur des zweiten, sondern des dritten und vierten Blicks, um die Schichten aufzuspüren, die er als Erzähler in den meisterlich gemalten, farblich so faszinierenden Werken aufblättert.

Die Grausamkeit und der Tod Es heißt von Botero, dass er ein Anhänger des Stierkampfes sei, aber die Verherrlichung kann man von ihm nicht erwarten. Er malt nicht nur die Toreros in Positur und die Rituale des Kampfes, sondern auch den grausamen Tod – und dem Stier sitzt, wenn der Mensch gefallen ist, ein triumphierendes Skelett am Rücken. Noch viel grausamer und direkter ist Botero in jenen „Abu-Ghuraib“-Bildern, in denen er Folterszenen malt – als unmittelbare Reaktion darauf, was die Amerikaner in diesem irakischen Gefängnis verbrochen haben. Man kann das, was er mit seinen üblichen Mitteln hier malt, nur als „geschundene Körper“ bezeichnen, eine Anklage, die die Angeklagten (nämlich die Amerikaner) nicht gut aufgenommen haben. Das bedeutet immerhin, dass sie Boteros Bilder verstanden haben. So wie man ihn in Wien verstehen wird angesichts der Fülle, in der das Bank Austria Kunstforum sein Werk hier vor dem Betrachter ausbreitet.
Bis 15. Jänner 2012, täglich 10 bis 19 Uhr, Freitag bis 21 Uhr
|
|
|