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WIEN / KHM: Gustav Klimt im Kunsthistorischen Museum

 

                   Direktorin Sabine Haag vor „ihrer“ Klimt-Brücke      (alle Fotos: Heiner Wesemann)

 WIEN / Kunsthistorisches Museum:
Gustav Klimt im Kunsthistorischen Museum
Vom 14. Februar bis zum 6. Mai 2012  

HINAUFKLETTERN LOHNT SICH

Das Erlebnis ist unikat: Noch nie hat es auf der Prunkstiege des Kunsthistorischen Museums dergleichen gegeben. Eine Brückenkonstruktion hängt über der Treppe und ist vom Foyerrund her zugänglich. Sie führt in nie geahnter Höhe zu nie geahnter Nähe von etwas, was man schlicht „die Zwickelbilder“ nennen kann. Denn diese, von unten und aus der Distanz kaum auszunehmen, stammen von Gustav Klimt. Und er ist – selbst Direktorin Sabine Haag benützte den Ausdruck – der „Superstar“ der heimischen Malerei. Der Künstler, dessen „Jahr“ man 2012 anlässlich seines 150. Geburtstags ausruft. Nicht weniger als neun Großausstellungen allein in Wien sind vorgesehen – keine Institution, die auf sich hält, wird an Klimt vorbeigehen. Vielleicht werden wir in ein paar Monaten vom „Overkill“ sprechen. Nun hat das „Kunsthistorische“ das Recht der ersten Nacht für sich in Anspruch genommen und den Klimt-Ausstellungs-Reigen eröffnet. Und mit der Möglichkeit, zu Klimt „hinaufzuklettern“ (tatsächlich sind es bequeme Stufen, kein Leitersteigen nötig) hat das Haus gleich einen Knalleffekt gesetzt.

Von Heiner Wesemann

Die talentierten Teenager      Sie waren nach heutiger Terminologie „Teenager“, als sie sich zu einer selbst so genannten „Maler-Compagnie“ zusammen schlossen: 1880 war Gustav Klimt (1862-1918) gerade 18 Jahre alt, sein früh verstorbener Bruder Ernst Klimt (1864-1892) 16, sein Kollege Franz Matsch (1861-1942) 19 – und sie waren alle ganz ungemein begabt, wenn auch auf verschiedene Weise. Der führende Maler der Ringstraßen-Epoche war damals Hans Makart, der auch am neu zu errichteten Hofmuseum mitarbeitete – seine Gestaltung der Lünetten (die halbkreisförmigen Bilder über den Rundbogen, den großen Malern gewidmet) wurde vollendet und zieht bis heute, als leichter sichtbar und erkennbar, die Blicke auf sich. Makart starb 1884, und da wurde viel „Arbeit“ frei. Die drei jungen Maler durften 1886 an der Feststiege des Burgtheaters mitwirken und erhielten 1890 den Auftrag, sich mit dem ungemein schwierigen Problem auseinander zu setzen, die „Zwickel“ der Stiegenhausarchitektur des Hofmuseums zu gestalten. Diese Bilder, tadellos erhalten und in strahlenden Farben leuchtend (wie man sich nun überzeugen kann), zeigen den jungen Klimt bereits auf der Höhe seiner handwerklichen Meisterschaft – und auf dem Weg zu seinem urpersönlichen Stil.

    Pallas und Isis

 Spaziergang durch die Epochen     Gustav Klimt bekam die Nordwand zur Gestaltung, also die „hintere“, da man über die Prunktreppe hinauf schreitend die Südwand anblickt. Nur eines der Motive, das Florentinische Cinquecento und Quattrocento, ist an der Westwand zu finden – mit einer bildschönen Nackten, nur mit einem Schmuckgürtel unter dem Busen „bekleidet“, und einem martialischen Helden mit Schwert in der Hand. Im übrigen sind an der Nordwand von links nach rechts die Motive des Römischen und Venezianischen Quattrocento vertreten (links eine „Ecclesia“ in Gestalt einer Schönen im Prunkmantel, die eine Tiara trägt, rechts das klassische Bild eines Dogen), danach in der Mitte links die Griechische Antike (mit einer prachtvollen Athene im roten Gewand – ein Motiv, das Klimt später vielfach wiederholt hat), rechts das alte Ägypten mit der Göttin Isis als prachtvolle Nackte mit Pharaonenperücke und einem Himmelsflügel im Hintergrund (alles sorgfältig nach Vorlagen kreativ gestaltet). Rechts huldigt Klimt dann der altitalienischen Kunst, links mit einem Jüngling, rechts mit einer unirdisch schönen Heiligen – die in die Klimt’sche Zukunft weist.

 Der Vergleich macht sicher      Die Brücke ist zwar für Gustav Klimt gebaut, bietet aber an den Seiten die Möglichkeit, sich auch die Werke von Bruder Ernst und von Kollegen Matsch näher zu betrachten, und da macht der Vergleich dann doch sicher: Die Qualität und auch die souveräne Eleganz des Gustav Klimt’schen Malens, die Selbstverständlichkeit seiner Figuren, vergleicht sich bei beiden Kollegen mit einer gewissen Künstlichkeit, die durchaus etwas Affektiertes und auch Berechnetes hat. Interessant ist, dass gerade Matsch, der doch dem Historismus stark verbunden war, noch eine große Karriere machte, von manchen Zeitgenossen auch höher geschätzt wurde als Gustav Klimt… Das hat die Nachwelt relativiert. Man ist von der „Brücke“ aus auch dem Deckengemälde von Mihaly Munkacsy nahe, dieser etwas pathetischen Apotheose der Renaissance, von der es später, im Ausstellungsraum, auch noch einen Ölentwurf (immerhin einen Quadratmeter groß) zu finden gibt. Kurz, der genaue Blick lohnt sich, das „Außerordentliche“ an Gustav Klimt ist keinerlei Einbildung.

  

Im Vergleich das Ornament: Fabbiano und Klimt

Ornament und Gold       Es ist dem Kurator Otmar Rychlik tatsächlich gelungen, anlässlich dieser Ausstellung einen „neuen“ Beweis zu führen – und hat doch auch er gedacht (wie viele der nonchalanten „Kenner“ des Werks), dass es zu dem Thema Gustav Klimt nichts Neues mehr zu finden und zu erkennen gäbe. Angesichts der Darstellung der „Heiligen“ kann man erkennen, dass Klimt die Darstellung der Ornamente geradezu eins zu eins von dem Gemälde des Antonio da Fabbiano, eine Krönung Marias, übernommen hatte, das er im Museum betrachten konnte. Mehr noch – dieses Bild von 1452 ist gewissermaßen „in Gold getaucht“, und es scheint einleuchtend, dass Klimt hier so manches für seine spätere Arbeit entdeckt hat: Die Genauigkeit in der Darstellung etwa menschlicher Gesichter – und der besondere Reiz, den es bedeutete, sie in Ornamente zu hüllen. Kommt dann noch das dominierende Gold dazu, hat man den „Kuss“ (für den man allerdings ins Belvedere wandern muss) und damit eines der berühmtesten Gemälde der Welt… Und man muss sich von der Idee verabschieden, dass Klimt seine Ornamente auch vom Japonismus und Exotismus bezogen hat, die als Folge der Wiener Weltausstellung in die heimische Kunst kamen: 1873, als diese Ausstellung statt fand, war er schließlich erst 11 Jahre alt, und das ist auch für ein hoch begabtes Wunderkind früh…

Der Klimt der Ringstraße     Nun ist das Kunsthistorische Museum, wie man weiß, kein Haus der „Moderne“, Werke ab dem 19. Jahrhundert wurden in Wien in anderen Institutionen gesammelt, aber das hindert das KHM nicht, in seinem zentralen Sonderausstellungsraum noch an die hundert Exponate zusammen zu tragen, die in verschiedener Hinsicht interessant sind. Thematisch wendet man sich dabei jenen Arbeiten zu, die der junge Klimt im Rahmen der Entstehung der Ringstraße geschaffen hat – er war bekanntlich auch an der Ausgestaltung der Burgtheaterstiege beteiligt. Nicht erhalten sind seine (allerdings durch viele Besprechungen populär gebliebenen) skandalumwitterten Fakultätsbilder für die Universität, nicht erhalten ist auch der Musiksalon im Palais des Industriellen Nikolaus Dumba (ebenso wie die Universitätsbilder Opfer des Zweiten Weltkriegs). Aber es gibt Entwürfe und Fotos, und es gibt auch originelle Ausritte in der Ausstellung: So hat man sich aus dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck ein Porträt des Komponisten Josef Pembauer aus dem Jahre 1890 geliehen. Nicht, weil dieses selbst so interessant oder Pembauer so berühmt wäre, sondern – wegen des Rahmens. Rechts oben am Goldrahmen hat Klimt nämlich, um dem Musiker zu huldigen, eine Kithara dargestellt. Und diese begegnet einem in Klimts Werk immer wieder, wenn er zu seinen zahlreichen Darstellungen der „Musik“ ansetzte (eine davon war schon bei Dumba zu finden)…

Zwei Kataloge     Das KHM hat die Ergebnisse der Forschungen in gleich zwei Katalogen niedergelegt: „Klimt im Kunsthistorischen Museum“ bietet auf einem Ausklappbild eine Übersicht über die ganze „Nordwand“, weiters Detailansichten und Schilderungen wie Erläuterungen der gesamten Ausstellung. „Gustav Klimt, Franz Matsch und Ernst Klimt im Kunsthistorischen Museum“ von Otmar Rychlik würdigt die Treppenausstattung in allen Details. Was die zu erwartende Phalanx der Wiener Klimt-Ausstellungen betrifft, so erhält der Besucher bei seinem ersten Ausstellungsbesuch einen „Klimt Pass“: Die Ermäßigung pro Eintritt beträgt zwar nur jeweils einen Euro, aber auch das läppert sich, wenn man neunmal geht… Übrigens: die „Klimt-Brücke“ wird noch über die Ausstellung hinaus das ganze Klimt-Jahr hindurch stehen bleiben.

 Bis 6. Mai 2012, täglich außer Montag 10 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr

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WIEN / Albertina: IMPRESSIONISMUS

 

Edgar Degas, Frau in einer Badewanne, um 1883          Claude Monet, Waterloo Bridge 1901

 WIEN / Albertina:
IMPRESSIONISMUS – PASTELLE AQUARELLE ZEICHNUNGEN
Vom 10. Februar 2012 bis zum 13. Mai 2012

 Ein Stil und eine Weltanschauung

 Früher hätte er wahrscheinlich eine „Susanna im Bade“ gemalt, heute male er eine „Frau in einer Badewanne“, sagte Edgar Degas, und wahrscheinlich kann man das Prinzip der Impressionisten, das sie von der ganzen davor liegenden französischen Malerei abgrenzte, nicht kürzer und prägnanter ausdrücken. Denn der Impressionismus, der eine der populärsten Bewegungen in der gesamten Geschichte der Kunst ist, bezieht sich nicht nur auf eine Form des – verallgemeinert gesprochen – lockeren Pinselstrichs, der die glatten Flächen der akademischen Malerei aufhob. Er war auch eine Weltanschauung, die im üppigen Zweiten Kaiserreich der Franzosen den Pomp aufbrach zu Gunsten der Einfachheit, die Kunstmenschen durch echte Menschen ersetzte, arkadische Landschaften wegfegte und das hinstellte, was Maler im Freien sahen und aus dem direkten Eindruck heraus schufen. Dem „Impressionismus“ widmet die Albertina nun eine Großausstellung – aber eine der anderen Art.

 Von Renate Wagner

 Zurück zur Graphik     Die Albertina besinnt sich auf ihre Anfänge: Als Klaus Albrecht Schröder das Haus übernahm, war es noch – glanzvoll und als solche legendär –die „größte graphische Sammlung der Welt“. Mittlerweile reichlich mit Ölgemälden beschenkt und solcherart zu einem „normalen“ Museum ausgeweitet, ist dennoch die Graphik, ihre Eigengesetzlichkeit und die Behauptung ihres ersten Ranges unter den Kunstgenres immer eines der wesentlichen Anliegen des Direktors geblieben. 40 Prozent aller Werke, die unter dem Begriff des „Impressionismus“ entstanden sind, waren Pastelle, Aquarelle und Zeichnungen, erzählt Kurator Christopher Lloyd. Und unter diesem Motto wurden die hier versammelten Prunkstücke zusammengestellt.

 Zielführende Zusammenarbeit    Bereits zum dritten Mal arbeitet die Albertina mit dem Milwaukee Art Museum in den USA zusammen. Nach Rembrandt und Biedermeier ist die Graphik des Impressionismus die jüngste Schau, die gemeinsam entstand. Für die Albertina bedeutet das zweifellos, dass man einen Teil der Arbeit (Kurator Christopher Lloyd) auslagern und unter den rund 60 (!) Leihgebern extrem vieles aus den USA holen kann. Allerdings wurde die Ausstellung für Wien überarbeitet (Kuratorin Christine Ekelhart), und man hat schließlich gut 30 eigene Blätter zu den 200 Werken beigesteuert, die hier zu sehen sind. Sie wurden in besonders überzeugender Form in den Kellerräumen der Bastei- und Pfeilerhalle „angerichtet“, die durch ihre Intimität besonders für Ausstellungen geeignet sind, die sich nicht nach Riesenwerken orientieren.

 Der Zauber der Graphik    Die Ausstellung bietet nur ein einziges Ölgemälde: die „Waterloo Bridge“ von Claude Monet funkelt dem Besucher mit ihren Brechungen des Lichts in der Themse schon im ersten Raum entgegen. Aber es ist paradigmatisch für diese Ausstellung, dass links und rechts von diesem Monet in Öl zwei Versionen des Themas in Pastellfarben hängen. Die Zeichnung dominiert mit  Bleistift, Kreide, Rötel. Aquarelle entfalten ihren eigenen Zauber. Aber vor allem die Pastelle in ihrem Farbenrausch fangen die Besucher ein und scheinen noch leichtfüßiger vor den Augen zu tanzen als die legendären Ölgemälde des Impressionismus. Diese Pastelle sind, wie Schröder sagt, heller als die Ölfarben, und sie hatten, wie Lloyd erklärte, für die Künstler (und die Kunsthändler) einen entscheidenden Vorzug: Sie waren wesentlich schneller herzustellen – bei ähnlicher Wirksamkeit.

 

 Edouard Manet, Dame im Pelz, um 1880        Henri de Toulouse-Lautrec, Frau beim Anziehen eines Strumpfes, 1894

 Prominenten-Parade    Die Gliederung der Ausstellung erfolgt nicht nach thematischen Zusammenstellungen, sondern nach den Künstlern, was sinnvoll ist, denn jeder entfaltet hier seine eigene Welt und Persönlichkeit. Ob Edouard Manet zu Beginn, ob Claude Monet (dessen „Dame im Pelz“ als Pastell so leuchtet, wie es kein Ölgemälde intensiver vermöchte), ob Renoir, dessen Anmut in den Skizzen besonders herauskommt, oder Degas, dem für seine Tänzerinnen, seine Jockeys und seine schönen Nackten Schwerpunkte gewidmet sind, ob die Zeichnungen von Georges Seurat, die mit der Schwärze der Kohle enorme Wirkung erzielen, oder schließlich – als zu erwartender Höhepunkt – die Welt des Henri de Toulouse-Lautrec.

 Welt und Halbwelt   Nicht nur er hat sich in die „Halbwelt“ begeben, die im Leben eine so große Rolle spielte und doch in bürgerlicher Verlogenheit unter den Tisch gekehrt wurde: Das Aquarell „Der Kunde“ von Jean-Louis Forain fällt ins Auge, wo sich in einer demütigenden Szene die leichten Mädchen halbnackt dem prüfenden Blick eines feisten Alten darbieten müssen… Thematisch eindeutig aus dem Rahmen fallen hier die Werke von Odilon Redon, dessen düstere, schon surreale Graphiken weit mehr Verwandtschaft mit Kubin aufweisen als mit dem, was man gemeiniglich unter Impressionismus versteht.

    Jean-Louis Forain: „Der Kunde“

 Schatzkammer       Jedenfalls führen alle vertretenen Künstler in ihrer Stil- und Themenfülle die Besucher der Albertina in eine teilweise unbekannte Schatzkammer des Impressionismus ein, wie man sie sich nur erträumen kann. Mit einem einzigen Besuch allein ist die Ausstellung kaum zu bewältigen – für die Nachbereitung steht jedenfalls ein prachtvoller Katalog aus dem Dumont Verlag bereit.

 P.S. Bekessy     Hat man beim Abstieg in das Untergeschoß tatsächlich die Bezeichnung „Antal de Bekessy Galleries“ entdeckt? Bedeutet das, dass der berühmter New Yorker Mäzen, der sich schon beim Belvedere bei verschiedener Gelegenheit hilfreich eingestellt hat, nun auch für die Albertina gewonnen werden konnte? Klaus Albrecht Schröder wird es uns wissen lassen, wenn es „offiziell“ ist…

 Bis 13. Mai 2012, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

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WIEN / Theatermuseum: WELT DER OPERETTE

 

WIEN / Österreichisches Theatermuseum:
WELT DER OPERETTE – Glamour, Stars und Showbusiness
Vom 2. Februar 2012 bis zum 24. September 2012 

 Nichts für Betschwestern und Hypermoralisten…

 Es ist schon vorgekommen, dass Nachlässe in Kisten verstaubten, weil die damit beschenkten Institutionen weder die Zeit noch das Personal hatten, sie aufarbeiten zu lassen. Fällt man aber in solche Materialsammlungen, kann man gewissermaßen reich werden: Das Österreichische Theatermuseum hat sich, wie Direktor Thomas Trabitsch bei der Pressekonferenz erzählte, angesichts des Nachlasses von Hubert Marischka  plötzlich mit einer solchen Fülle von Schätzen konfrontiert gesehen, dass daraus nur die Ausstellung „Welt der Operette“ (mit dazu gehörigem Katalog) werden konnte. Sie wird nun im ersten Stock des Hauses großzügig aufbereitet – und dabei kann man nur einen Bruchteil dessen zeigen, was man besitzt, und auch einen Bruchteil dessen, was zum Thema noch zu sagen wäre (so musste man, mit Ausnahme von Frankreich und Deutschland, die Operette im übrigen Europa vernachlässigen): Zentrum der Betrachtung ist, wie könnte es anders sein, Österreich und Wien.

Von Heiner Wesemann

Ein Zitat zum Einstieg      „Die Operette ist doch schließlich nicht für Betschwestern, spröde alte Jungfern und Hypermoralisten gemacht“, hieß es 1885, und mit diesem Zitat wird man in eine Welt der überbordenden Fülle geleitet. Wenn man in der Wiener Ausstellung mit Gegensätzen arbeitet, so stehen einander etwa für die dreißiger Jahre die betont „heile Welt“ der Nazis und die herrlich jüdisch-dekadente Welt der Operette einander geradezu provokant gegenüber. Nicht nur hier wird der Zeitgeist beschworen – er begleitet die vielen anderen Aspekte des Themas, Musik, Theater, Ausstattungsprunk, Sinnlichkeit, große Persönlichkeiten.

Allein geht gar nichts     Keine Operette kann eine „einsame“ Schöpfung sein. Wenn es schon oft (nicht immer) ein Komponist war, der ein Werk schuf, so waren jedenfalls in der Regel viele Textdichter am Werk (und die Juden waren mit ihrem schnellen Witz und ihrer virtuosen Sprachbeherrschung in diesem Genre die besten). Dazu kamen Ausstatter, Regisseure, Choreographen – und die großen Interpreten, ohne die es nicht ging. Die Ausstellung würdigt sie, auch mit originellen Details. So sieht man nicht nur ein überdimensionales Bild der großen Josefine Gallmeyer, sondern auch einen kleinen Holzgalgen: Dort pflegte die konkurrenzbewusste Dame die Bilder jener Kolleginnen aufzuhängen, die ihr punkto Popularität in die Quere kommen konnten… Aber mochte sie rivalisierende Damen auch abwehren: Die Tenöre (Tauber!) und die Komiker Girardi (!) gehörten ebenso unverzichtbar zur Operette wie die Diven…

Grotesk, frivol, bunt und – kommerziell    Vier Schwerpunkte zeichnen das Wesen der Operette aus (und werden in der Ausstellung thematisiert): Die Groteske ist ein Urelement des Genres (besonders zu beobachten bei den französischen Anfängen bei Offenbach), und immer wieder konnte das Geblödel bis ins Absurde kippen. Elementar war der Anteil der Erotik – dass  Elsie Altmann-Loos hier auf einem berühmten Foto mit geöffnetem Kimono ihren Busen herauslugen lässt, hat die Männerwelt vermutlich mehr entzückt als Adolf Loos (von dem sie damals allerdings schon geschieden war). Essentiell waren auch die optisch-rauschhaften Ausstattungen, wobei man Kitsch nicht scheute, sondern bewusst einsetzte – ironisch gebrochene Bedürfnis-Befriedigung. Und schließlich war da der kommerzielle Aspekt: Die Operette durfte alles, nur eines nicht: nämlich nicht gefallen. Erst ab 1933 hat man die Operette in Deutschland auch subventioniert:  Hitler liebte bekanntlich die „Lustige Witwe“, man kennt die hektischen Bemühungen der Nazis, die jüdischen Vorfahren des geschätzten Johann Strauß auszuradieren. Was immer man gegen Hitler sagen mag, kann, muss – sein Musikgeschmack war in Ordnung, schließlich teilen ihn Hunderttausende von Operettenliebhabern (und auch noch Wagnerianern) in aller Welt…

Wien nicht nur du allein    Geboren wurde das frech-subversive, mit hinreißender Musik ausgestattete Genre der Operette in Frankreich, Jacques Offenbach hieß sein Vater, aber in Wien stieg man sehr schnell in das neue Genre ein. Das sich übrigens keinesfalls geschmeichelt fühlt, wenn man es mit der Oper vergleicht (oder wertend in die Nähe hebt) –Operette ist eine Kunstform für sich und will es sein. Die Ausstellung führt bis in die USA, wo es nicht zuletzt der Emigranten wegen auch eine lebhafte Operettenszene gab (auch die Streisand ist vertreten, auch sie sang Operette).

Multimedial    Die Ausstellung erfüllt ihr Thema nicht nur international, sondern auch multimedial – neben Fotos, Dokumenten, Plakaten, Klavierauszügen, Kostümen, Entwürfen, Miniaturnachbauten, die zu betrachten sind (Gestalter: Sam Madwar), hört man überall Musik, kann sich per Touchscreen Persönlichkeiten herzaubern, wird von Videobeispielen überschüttet. Das Begleitbuch im Brandstätter Verlag ist kein Katalog im klassischen Sinn, der die Objekte auflistet, sondern ein Schauband der Bilderfülle und eine Sammlung von Aufsätzen, die das Thema nach den verschiedensten Gesichtspunkten einkreisen. 

Österreichisches Theatermuseum, Lobkowitzplatz 2
Bis 24. September 2012, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr

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WIEN / Völkerkunde Museum: NAGA

WIEN / Museum für Völkerkunde:
NAGA – Schmuck und Asche
Vom 1. Februar bis zum 11. Juni 2012 

 Kopfjäger mit Sinn für Ästhetik…

 Das Museum für Völkerkunde befindet sich noch in einem Zwischenzustand: Das Haus ist renoviert, aber ein Großteil jener Bestände, die seinen Ruhm ausmachen – von der Montezuma-Federkrone bis zu den Benin-Bronzen – werden noch nicht ausgestellt. Der alte Direktor ist zurückgetreten, der neue – der Niederländer Steven Engelsman – kommt erst im Mai. Bisher gab man mit bemerkenswerten Kleinausstellungen (etwa über Etta Becker-Donner, die noch zu sehen ist) Lebenszeichen. Nun hat man eine Großausstellung zu bieten, die zwar zuerst in der Schweiz zu sehen war, aber vor allem auf den wissenschaftlichen Leistungen von Österreich basiert – über die Kultur der Naga. Dem Besucher kann angesichts der Pracht des Gebotenen der Mund offen bleiben.

Von Heiner Wesemann

Die Naga    Unter dem Begriff „Naga“ fasst man zahlreiche Bergstämme im nördlichen Indien an den Grenzen zu Burma und China zusammen. Das heutige „Naga-Land“ ist – so wird es mitgeteilt, um die Dimensionen für uns klar zu machen – etwa so groß wie die Steiermark, wird aber von rund zwei Millionen Menschen bewohnt. Das Besondere der Naga ist vordringlich ihre materielle Kultur – aber diese hing eng und unvermeidlich mit der Tatsache zusammen, dass sie Kopfjäger waren  und das angeblich noch bis um 1970 herum. Das bedeutet, dass die unabhängig von einander an den Abhängen des Himalaya lebenden und agierenden Stämme diese ihre Tradition beibehielten, als die britischen Kolonialherren kamen, als die christlichen Missionare sie von ihrer Naturreligion zum Christentum bekehrten (das sie in einer ganz eigentümlichen Mischform pflegen), und dass die Stämme auch noch in den Unabhängigkeitskriegen, die die Naga dann gegen die indische Regierung führten, auf Kopfjagd gingen. Vordringlich untereinander, von Stamm zu Stamm…

Die Kopfjagd    Die Kopfjagd ist ein blutiges, tödliches Ritual, dient aber nicht der Brutalität, sondern hat einen eindeutig spirituellen Hintergrund: Wer den Kopf eines anderen Menschen „erobern“ kann, holt sich auch dessen Kraft und Macht. Wenn man in der Ausstellung prachtvolle Objekte in ihren leuchtenden Farben betrachten kann wie etwa Zeremonialkörbe, dann sind die dort so effektvoll applizierten kleinen Affenköpfe oder Menschendarstellungen keinesfalls nur Dekoration – sie verzeichnen, wie auch andere Arten des Schmucks (etwa Armbänder), wie viele menschliche Trophäen der Besitzer schon erkämpft hat. Dabei huldigen die Kopfjäger auch dem Ahnenkult wie viele Naturvölker – vor den Gräbern wurden lebensgroße, reich geschmückte Modelle der Toten aufgestellt, zumindest wenn es sich um die „Dorfkönige“ handelte…

 

 Ritualhut / Kopftrophäe

Die Wiener Sammlung      Es ist Mode geworden, die europäischen und amerikanischen Museen dahingehend „anzuklagen“, Kulturgut anderer Völker gewissermaßen verschleppt zu haben. Dass viele Dinge unrettbar verloren wären, hätten die Forscher sie nicht gekauft und sorglich in ihre Institutionen gebracht, wo sie bewahrt, beschützt und wissenschaftlich bearbeitet werden, steht dabei meist nicht zur Debatte. Die Kultur der Naga ist ein Beispiel dafür.
In den Jahren 1936/37 hat der Wiener Ethnologe Christoph Fürer-Haimendorf eine umfassende Feldforschung durchgeführt und 1939 in dem Werk „Die nackten Nagas. Dreizehn Monate unter Kopfjägern Indiens“ beschrieben. Alte Eingeborene erinnern sich noch heute an ihn – dankbar auch für die großzügigen Preise, die er für die Objekte zahlte, die er gekauft hat. Sie machen die Naga-Sammlung des Wiener  Museums für Völkerkunde zu einer der größten existierenden überhaupt. Die umso wichtiger ist, als in den Kampfhandlungen der Jahrzehnte seither die meisten Kunstobjekte verschwunden sind.

Alte Pracht und neue Realität    Die Wiener Ausstellung, die auf 400 Objekte zurückgreifen kann, nennt sich (wie schon die Vorgängerausstellung in Zürich, die nicht identisch war) „Naga – Schmuck und Asche“. Der Schmuck bezieht sich auf die Kostbarkeiten, die man hier zeigt, und deren Ästhetik und Originalität auch konzeptionell war: Wenn ein Mann sich einen Kopfschmuck schuf, dann folgte er nicht unbedingt vorgegebenen Mustern, sondern vielmehr dem Prinzip, je origineller und auffälliger sein Stück wurde, umso größer war das Prestige des Trägers. Darum ist die Sammlung Fürer-Haimendorf von so stupender Vielfalt, Buntheit (mit einer Dominanz von Rot und Schwarz) und Originalität.
Andererseits hat man auch in jüngster Zeit bei den Naga geforscht, darunter der Wiener Ausstellungskurator Christian Schicklsgruber, der 2007 einiges Aktuelle mitbrachte. Er war allerdings vor allem auf der Suche nach dem Wissen der Alten, die etwa Symbole ihrer Objekte noch deuten konnten. Das ist den jungen Naga, die sich als christianisierte Volksgruppe im hinduistischen Indien nicht wohl fühlen, weitgehend verloren gegangen. Um diese als „Asche“ bezeichnete Gegenwart auch zu dokumentieren, hat man etwa eine Naga-Küche von heute aufgekauft (im Hintergrund läuft ein Video-Film darüber, wie darin agiert wird): Es ist tatsächlich eine vergleichsweise glanzlose Gegenwart. So dient eine Ausstellung wie diese nicht nur, wie gerne behauptet wird, einer Exotismus-Sucht der Ersten Welt, sondern erweist sich auch als Bewahrung von in den Zeitenläuften verlorenen Kulturgütern.

Naga – Schmuck und Asche
Museum für Völkerkunde
1010 Wien, Neue Burg, Heldenplatz
1. Februar bis 11. Juni 2012
täglich, außer Dienstag, 10–18 Uhr

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WIEN / Belvedere: GUSTAV KLIMT / JOSEF HOFFMANN

WIEN / Belvedere: 
GUSTAV KLIMT / JOSEF HOFFMANN.
Pioniere der Moderne
Vom 25. Oktober 2011 bis zum 4. März 2012
Vorstoß in die Dreidimensionalität
 
Wenn die jüngste Ausstellung im Belvedere es unternimmt, die Werke und geistigen Welten von Gustav Klimt und Josef Hoffmann zusammen zu führen, dann ist es nicht mit Gemälden hier, Objekten dort getan. Beide Künstler waren dem secessionistischen Credo des „Gesamtkunstwerks“ verpflichtet. Sie haben, was man in diesem Ausmaß nicht wusste, oft zusammen gearbeitet. Die Wiener Ausstellung schafft es, in einer Stadt, wo man meinte, das meiste über diese beiden Ikonen der vorigen Jahrhundertwende zu wissen, neue Erkenntnisse zu transportieren – und auch in neuer Form. Die Nachgestaltung von Räumen und Gebäuden, die der Dreidimensionalität der Architektur huldigen, geben dieser Exposition ihren besonderen, unverwechselbaren und absolut faszinierenden Umriss.
 
Von Heiner Wesemann
 
Zusammenarbeit der Giganten      Gustav Klimt (1862-1918) und Josef Hoffmann (1870-1976) trafen 1897 bei der Gründung der Secession zusammen. Der damals 35jährige, aus Wien stammende Klimt war erster Präsident dieser Vereinigung der modernen Künstler der Stadt, der aus Mähren stammende, damals 27jährige Hoffmann trat gleich in den Anfängen als ordentliches Mitglied bei. 1900 betreute Hoffmann, der ein genialer Ausstellungsgestalter war, die Secessions-Räume bei der Pariser Weltausstellung, wo Klimt eine Goldmedaille erhielt. 1901 baute Hoffmann für den Fotografen Hugo Henneberg eine Villa auf der Hohen Warte, Klimt malte dessen Gattin Marie. 1902 gestaltete Hoffmann die Beethoven-Ausstellung in der Secession, für die Klimt den Beethoven-Fries schuf. Später richtete Hoffmann die Wohnung für Sonja Knips ein, die Klimt ganz wundervoll malte, Hoffmann stattete Klimts Atelier in der Josefstadt aus, schuf auf Klimts Auftrag Broschen für die Klimt-Freundin Emilie Flöge. Ein Hauptwerk für Hoffmann war das Palais Stoclet in Brüssel, für das Klimt einen Fries entwarf. Im von Hoffmann gestalteten Pavillon der Kunstschau von 1908 stellte die Klimt-Gruppe aus, desgleichen kamen die beiden 1911 bei der internationalen Kunstausstellung in Rom zusammen. Als Klimt in sein Atelier in Hietzing übersiedelte, nahm er die Hoffmann-Möbel mit. Moriz Gallia, der sein Geld mit Gaslicht und Elektrizität gemacht hatte, ließ sich von Hoffmann seine Wohnung einrichten, Klimt hatte Hermine Gallia schon davor gemalt. Als Klimt 1918 starb, was Hoffmann zutiefst erschütterte, entwarf er für den Freund ein Grabmal, das allerdings nicht realisiert wurde – die Ausstellung zeigt den Entwurf.
 
Das Konzept     Kurator Alfred Weidinger ging nun einen besonderen Weg, um die Beziehung dieser beiden Künstler zu thematisieren. Diese hat ja nicht in der Zweidimensionalität von Gemälden, sondern so gut wie immer in der Dreidimensionalität von Räumen, ja Gebäuden stattgefunden. So bietet die Ausstellung vier sorglich ausgeführte „Modelle“, wobei jenes der Secession (mit dem Beethoven-Fries) und jenes des Palais Stoclet besonders sensationell anmuten. Man hat Räume nachgebaut, das richtige Umfeld für Kunstwerke geschaffen, Entwicklungen (von der „Kurve“ bis zur „Ecke“) ebenso aufgezeigt wie Beeinflussungen (etwa durch Fernand Khnopff in Richtung Klimt). Am Ende wird die Begegnung von Klimt und Hoffmann als zahlreiche „Wegkreuzungen“ charakterisiert, die zu besonderen, sich gegenseitig beeinflussten Kunstwerken geführt haben.
 
Der Beethovenfries        Die Beethoven-Ausstellung von 1902 hat die Secession nicht mit historischen Objekten, sondern mit Assoziationen der damaligen Zeitgenossen zu Beethoven geschmückt. Der Fries von Klimt ist das berühmteste der Werke geblieben, heute im Unterstock des Hauses, damals auf der Parterre-Ebene zu sehen. Der Besucher blickt in ein offenes Modell der gesamten Secession, steht aber gleichzeitig in dem Nachbau des linken Seitensaales, wo Klimt im Fries das Monster Thyphoeus und seine schauerlichen Töchter gestaltet hat.  
 
Der Wandel der Stile      Nie war die Wiener Secession in jenem Ausmaß „kurvig“, wie sie das Image des Art Deco (etwa mit dem Höhepunkt von Moucha) geprägt hat, aber dass der Jugendstil „fließt“, steht außer Frage. In zwei kleinen Räumen gibt die Ausstellung nun die Beispiele des „kurvlinearen“ Stils, den Hoffmann erfolgreich zugunsten des geometrischen Stils der klaren, eckigen Linien überwand. Ein modisches „interaktives“ Element der Ausstellung besteht darin, dass hier dicke Papierbündel an den Wänden hängen, von denen sich der Besucher einzelne Blätter mit Informationen zum Thema herunterreißen kann.
 
Die belgische Connection     Die Secession, die sich von Anfang an als international begriff, lud zeitgenössische Künstler aus aller Welt ein, bei ihnen auszustellen. Unter den modernen Belgiern war es vor allem Fernand Khnopff, der Klimt eindeutig beeinflusste – die Nebeneinander-Hängung von Khnopffs „Acrasia“ direkt neben der Klimt’schen „Nuda Veritas“ zeigt, dass die belgische Nackte durchaus auf den Österreicher eingewirkt hat. Die Unheimlichkeit von Jan Toroop scheint durchaus mit Klimts „Wasserschlangen“ verwandt. Die Ausstellung zeigt auch ein Modell von Khnopffs aufwendigem Wohnhaus-Atelier in Brüssel.
 
Das Palais Stoclet      Der belgische Industrielle Adolphe Stoclet lebte lange Zeit in Wien und wollte sich von Josef Hoffmann ursprünglich eine Villa auf der Hohen Warte bauen lassen. Als er aus privaten Gründen nach Belgien zurückkehren musste, fand er am Stadtrand von Brüssel, an der Avenue de Tervueren, ein so großes Grundstück, dass Josef Hoffmann hier mit dem „Palais“ sein architektonisches Opus Magnum gestalten konnte. Die magische Formulierung „Geld spielt keine Rolle“ galt sowohl für ihn wie für Gustav Klimt, der für Teile der Einrichtung hinzugezogen wurde, wie auch für die anderen belgischen Künstler, die gleichfalls beteiligt wurden. Österreicher, die heute als Brüssel-Besucher zum Palais Stoclet pilgern (was zumindest eine nicht unerhebliche Straßenbahnfahrt verlangt), stehen dann vor hohen Mauern und vermögen nichts zu sehen, da sich das Gebäude in Privatbesitz befindet und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Die Wiener Ausstellung leistet Außerordentliches, indem nicht nur ein Modell erlaubt, das Gebäude als Ganzes wahrzunehmen; man hat auch noch eine originalgetreue Rekonstruktion des Stiegenhauses geschaffen, die sicher einen der größten Raum-Eindrücke beschert, die hier vermittelt werden.
 
Die reichen Auftraggeberinnen     Das Belvedere bringt vier große Klimt’sche Frauenporträts: Sonja Knips hängt in ihrem rosa Kleid an der Wand, wie dies üblich ist, aber schon für Fritza Riedler hat man sich Besonderes ausgedacht: Ihr Porträt wird gewissermaßen in Klimts Atelier gezeigt, auf dem Hoffmann-Fauteuil, in dem sie porträtiert wurde, mit dem Hoffmann-Schrank im Hintergrund, der auch – leicht abstrahiert – am Gemälde zu sehen ist (und den Interpreten so viel Kopfzerbrechen bereitet hat). Zwei weitere Frauenbildnisse kamen als Leihgaben nach Wien, Hermina Gallia aus der National Gallery in London, Marie Henneberg (die auch Plakat und Katalog ziert) aus der Moritzburg in Sachsen: In beiden Fällen stellt die Ausstellung das Ambiente nach, in dem diese Bilder bei ihren Besitzern in den Räumen hingen.
 
Die großen Überraschungen     Die Ausstellung hat einige Überraschungen zu bieten: Von den 130 gezeigten Werken sind, wie man erfährt, 35 Arbeiten von Klimt. Darunter eben nicht nur jene, die sich im Besitz des Belvederes befinden, sondern auch solche, die nahezu vergessen waren bzw. von keinem Lebenden gekannt wurden, weil sie seit vielen Jahrzehnte im Privatbesitz sind. Doch man hat sich für diese Ausstellung davon getrennt – von einem wunderbaren Alt-Frauen-Bildnis, das Emilie Flöges Mutter Barbara zeigt; von einer „Sonnenblume“ von 1907, in der Ausstellungsgestalter Alfred Weidinger zahllose eingearbeitete Goldplättchen entdeckt hat (die man nur erkennt, wenn man vor dem Original steht). Ein frühes Frauenbildnis von 1894 zeigt Klimt noch ganz ohne Jugendstildekor am Werk, aber schon mit dem unvergleichlichen Blick, mit dem er Frauen zu betrachten und zu malen pflegte.
 
Raritäten    Neben Klimt-Zeichnungen und Studien, neben Werken verwandter Künstler, neben Hoffmann-Möbeln bietet die Ausstellung in einem Kabinett Jugendstil-Schmuck, den Josef Hoffmann geschaffen hat – in den Skizzen und den Ausführungen durch die Wiener Werkstätte. Dort stehen weibliche Betrachterinnen mit großen Augen, und man sieht ihnen an, dass sie die Stücke am liebsten aus den Vitrinen nehmen würden…
 
Die Jubiläen    Das nächste Jahr wird ein Klimt-Jahr, kaum ein österreichisches Museum, das sich da nicht beteiligen wird. Das Belvedere hat neben dieser Ausstellung noch eine weitere in Aussicht, wird 2012 „150 Jahre Klimt“ zeigen, aber Direktorin Agnes Husslein-Arco betont, dass ihr Haus keine Jubiläen brauche, um sich mit Klimt und Hoffmann auseinander zu setzen. Die wissenschaftliche Aufgabe, immer mehr zu erforschen und wissen zu wollen, erfolgt im Belvedere nicht nur rund um Ausstellungen, sondern auch davor und danach, kurz, in Permanenz. „Es ist noch lange nicht alles ausrecherchiert“, erklärte Alfred Weidinger. Immerhin erstaunlich, wie viel Neues bereits hier gezeigt werden konnte. Eine Besonderheit ist auch der Katalog (Prestel Verlag), der nicht versucht (wie diese Art von Büchern meist) bloß großformatig schöne und spektakuläre Werke abzubilden, sondern der in Bild und Text um eine beeindruckende Akkumulation von Wissen bemüht ist.
 
Bis 4. März 2012, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

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WIEN / Albertina: RENÉ MAGRITTE

WIEN / Albertina, Kahn-Galleries:
RENÉ MAGRITTE 
Vom 9. November 2011 bis zum 26. Februar 2012
Welt und Leben als Enigma
 
Was ist Surrealismus? Vielleicht die Erkenntnis, dass die Dinge nicht immer sind, was sie scheinen. Niemand stößt den Betrachter intensiver auf diese Tatsache als René Magritte mit seinen Werken. An sich scheint auf seinen Bildern jeder Gegenstand für sich ganz normal zu sein. Im Zusammenhang miteinander oder in sich selbst in ihre Bestandteile zerlegt, erweisen sie sich im höchsten Sinne als enigmatisch. In der Albertina wird der Kunstfreund durch ein Abenteuer des Schauens und des Rätselns getrieben: Klaus Albrecht Schröder hat für den belgische Surrealisten die größte Ausstellung auf die Beine gestellt, die es in seinem Haus je gab.
 
Von Heiner Wesemann
 
René Magritte    Magritte,  geboren 1898 im Hennegau, gestorben 1967 in Brüssel, war wallonischer Herkunft, Sohn einfacher Eltern, der als Vierzehnjähriger die Mutter verlor (sie beging Selbstmord). Erst in seinen späten Jahren konnte er von seiner „Künstlerschaft“ leben – jahrzehntelang war er „berufstätig“, entwarf anfangs Tapeten, schuf später Gebrauchsgraphik, wovon die Ausstellung zahlreiche Beispiele zu bieten hat. 1927 zog er mit seiner Frau nach Paris, bewegte sich in den Kreisen der Surrealisten und ist für die Nachwelt neben Dali die führende Persönlichkeit dieser Richtung, die lange Zeit – noch über den Zweiten Weltkrieg hinaus – zu den dominierenden Strömungen der Kunstwelt zählte. In den fünfziger Jahren eroberte Magritte die USA, und seit seinem Tod 1967 zählt er zu den populärsten, meist reproduzierten und extrem oft ausgestellten Künstlern der Moderne. In Wien hat zuletzt erst 2005 das BA-CA-Kunstforum eine durchaus umfassende Ausstellung des Künstlers geboten.
 
Schröders Superlative    In der Albertina allerdings kann Klaus Albrecht Schröder für Magritte, für den er offenbar auch eine persönliche besondere Vorliebe hegt, nicht hoch genug greifen: Leihgeber aus aller Welt wirkten zusammen, um 150 Gemälde und Zeichnungen, 117 „flankierende“ Werke in Plakat, Collage, Fotografie, Film (Magrittes eigene HomeVideos flimmern von vielen Leinwänden) sowie dokumentarisches Anschauungsmaterial zusammen zu bekommen. 2000 Quadratmeter der Kahn-Galleries im obersten Stock der Albertina wurden großzügigst und übersichtlich bestückt. Die chronologische Vorgangsweise mit der Ballung von Schwerpunkten (etwa bei den Plakaten) erweist sich als sinnvoll, weil Magrittes Entwicklung solcherart recht deutlich nachzuvollziehen ist – er hat Perioden, in denen er Kitsch, in denen er Erotik und Brutalität bevorzugt, dann wieder solche, wo er seine genialen „Rätsel“-Gemälde schafft.
Der Bürger mit der Melone    Immer wieder wird die Diskrepanz zwischen dem René Magritte, der sich in der Öffentlichkeit als „braver Bürger mit Melone“ zeigte, und dem Maler, der nicht nur diese Bürgerlichkeit radikal in Frage stellte, betont. Der Mann mit der Melone am Kopf ist eines der Magritte-Markenzeichen, er lässt sein Gesicht einfach aus dem Körper herauswandern und frei in der Luft schweben, er lässt ihn zu Dutzenden vom Himmel regnen, er lässt Augen, Nase, Mund frei im Raum schweben und evoziert so unweigerlich die Frage: Was ist eigentlich der Mensch, woraus besteht er, „Ich – was ist das?“ Zumal, wenn sich ein Liebespaar mit verhüllten Köpfen küsst, was allerdings die biographische Interpretation nahe legt, dass man die Leiche von Magrittes Mutter mit einem Tuch, das sich über ihren Kopf geschlungen hatte, aus dem Wasser geholt hat.
 
Rosen, Äpfel, Steine, Wolken, Tauben     Der Kosmos des René Magritte mit gewissen Versatzstücken wiederholt sich in den Bildern, vieles wird – dann noch durch verwirrende Bildtitel verschärft – zu Surrealismus pur. Da ist der Mensch in die Welt der nicht mehr aufzulösenden Träume verwiesen, die hier bildlich Gestalt gefunden haben. Die Herausforderung für etwa so komplexe Werke wie „Der bedrohte Mörder“ (Schröders Lieblingsbild) fassbare Interpretationen zu finden, macht die Auseinandersetzung mit Magritte zur ureigensten Aufgabe jedes Kunstfreundes. Aber auch maskentragende Äpfel, Füße, die nahtlos aus Schuhen wachsen, brennende Kerzen, die sich wie Würmer am Meeresstrand kringeln, Bilder, auf denen es gleichzeitig Tag und Nacht ist… die Beispiele Magritte’scher Phantasie sind sonder Zahl, man könnte gewissermaßen jedes Bild benennen.
 
Bekanntes und Unbekanntes     Natürlich „bedient“ diese Ausstellung den über-populären Magritte, wenn sich hier etwa das Bild der Pfeife mit der Aufschrift „This is not a pipe“ findet, weil das Bild eben nicht das Original ist. Es gibt surreale Ironie, über die man umweglos lächeln bis lachen kann, weil die Pointe sich sofort erschließt – wenn in seiner Perspektive der Madame Recamier von David auf dem berühmten Sofa nicht eine Dame hingegossen liegt, sondern ein Sarg… Kaum surreal, vielmehr ein ganz klares politisches Gleichnis hat man vor sich, wenn auf einem Plakat ein Mann in den Spiegel schaut und Hitler ihm entgegen blickt: Manchmal wurde Magritte, der Mann der Geheimnisse, auch ganz deutlich.
 
Magritte A bis Z     Ein surrealer Künstler verdient auch einen ungewöhnlichen Katalog: „Magritte A bis Z“ (Verlag Albertina Ludion) hat sich eine Vielzahl von Stichworten ausgedacht (Magrittes Paraphrasen der Groschenroman-Figur „Fantomas“ finden sich dann aber nicht unter „F“, sondern bei „A“ unter „Aneignung“) – das ist kein Nachschlagewerk, das ist eine Herausforderung für den Leser, sich einfach auch in surreale Denkwelten entführen zu lassen. Merke: Nicht alles ist, was es zu sein scheint.
 
Bis 26. Februar 2012, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

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WIEN / Theatermuseum: HEINRICH VON KLEIST

WIEN / Theatermuseum:
HEINRICH VON KLEIST 
Vom 20. Oktober 2011 bis 9. April 2012
EIN FREIER MENSCH BLEIBT NICHT…
 
Betritt man das Theatermuseum am Lobkowitz-Platz, so wird man von einem Plakat hereingelockt, das zwar den Namen „Kleist“ verspricht, aber das Gesicht des Mannes nur ganz verschwommen zeigt. Symbol für eine Existenz, die kurz irrlichterte und sich dann freiwillig auflöste. Immerhin, gleich im Vorraum kann man auf einer großen Wand sehen, was die Ewigkeit dieses Heinrich von Kleist ausmacht: Da sind Adam, Käthchen, der Homburg. Er war und bleibt einer der großen Dramatiker deutscher Sprache, und er hat aus seinem persönlich unglücklichen Leben, das er vor 200 Jahren, am 21. November 1811 mit eigener Hand beendete, Unsterbliches hinterlassen.
 
Von Renate Wagner
 
Heinrich von Kleist     Geboren am 10. Oktober 1777, stammte Heinrich von Kleist aus einer preußischen Offiziersfamilie. Es war nicht zuletzt sein Versuch, nach den hoch gestreckten Idealen dieser Kaste zu leben, der ihn vernichtete. Weder in der Armee noch auf der Universität fühlte er sich wirklich zuhause, weder ein unstetes Reiseleben noch der Staatsdienst gab ihm Befriedigung. Ein von Nervenkrisen geschüttelter Künstler fühlte nur im Gedanken an den Tod, den er wie ein Fest zelebrierte, Glück.
 
Tod am Wannsee    Noch bis zum Sommer war das Grab am Wannsee, wo er und Henriette Vogel ruhen, die mit ihm in den Tod ging, eine poetisch-verfallene, fast vergessene Stelle, zu der man sich als Besucher auf vergessenen Nebenstraßen begeben musste. Inzwischen wurde das Grab saniert. Es erinnert an einen Künstler, der sagte, dass „ein freier, denkender Mensch“ nicht da stehen bleibe, „wo der Zufall ihn hinstößt“. In der Welt, in der er lebte, wollte er sich nicht dauerhaft niederlassen. Dass er selbst nicht erkannte, dass er in seiner Dichtung Heimat gefunden hatte, brachte ihn zu seinem selbst gewählten Ende im Alter von nur 34 (!) Jahren.
 
Die Ausstellung in Wien     Die Ausstellung im Wiener Theatermuseum, in den beiden Räumen des Untergeschoßes ausgerichtet, orientiert sich an dem „verschwommenen“ Bild, das man für Plakat und Prospekt gewählt hat (Katalog gibt es leider keinen): Die Kuratoren Anette Handke und Andreas Kugler folgen nicht den fassbaren Stationen eines zerrissenen Lebens, sondern gehen Kleist eher impressionistisch nach, bietet an den Wänden viel zu lesen, vor allem aus seinen Briefen. Man folgt den Reisen, die ein unsteter Unglücklicher durch ein unstetes, unglückliches, von den Napoleonischen Kriegen zerrissenes Europa unternahm. Die Ausstellung bietet eines der wenigen Originalmanuskripte von Kleist (ein Autograph des „Zerbrochnen Krugs“), sie erinnert mit dem Theaterzettel des „Käthchens von Heilbronn“ daran, dass dieses Stück immerhin in dieser Stadt, 1810 im Theater an der Wien, uraufgeführt wurde.
 
Faszinosum Kleist    Die Auseinandersetzung von Künstlern mit Kleist setzt einige interessante Schwerpunkte – so gibt es etwa Beispiele aus dem Zyklus von Kaltnadelradierungen, die Oskar Kokoschka der „Penthesilea“ gewidmet hat. Auch Horst Janssen, Max Slevogt setzten sich mit Kleist auseinander. Wien hat nun die Ausstellung – was fehlt, ist die Auseinandersetzung auf dem Theater, sieht man vom „Krug“ des Burgtheaters ab. Aber das war, auch wenn man es in keiner Weise gering schätzt, ja immer das Stück, mit dem es Kleist der Nachwelt am leichtesten gemacht hat. Wie wäre es, wenn man sich wieder einmal dem schwierigen Kleist stellte?
 
Theatermuseum, bis 9. April 2011, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr
 
 

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WIEN / Jüdisches Museum: 100 JAHRE HOLLYWOOD

 

WIEN / Jüdisches Museum: 
BIGGER THAN LIFE
100 JAHRE HOLLYWOOD. EINE JÜDISCHE ERFAHRUNG 
Vom 19. Oktober 2011 bis zum 15. April 2012

Und die Nase der Streisand

Einen langen, nostalgischen Spaziergang durch die Geschichte Hollywoods kann man derzeit im Jüdischen Museum Wien unternehmen. Das neu renovierte Haus soll nach dem Wunsch von Direktorin Danielle Spera vor allem „lebendig“ sein. Angesichts des Reizes, den das Thema „Film“ auf breitester Ebene ausstrahlt, kann man sich vorstellen, dass die erste Ausstellung nach neunmonatiger Schließ- und Umbaupause gut gewählt ist. Und „Hollywood“ ist natürlich ein jüdisches Thema. Die Begabung der Juden für das Mediale konnte sich hier, in Kalifornien, voll entfalten. 

Von Heiner Wesemann

Aus Europa gespeist     Wie viele jener Männer, die als Pioniere „Hollywood“ erfunden und in der Folge dort gearbeitet haben, aus dem Bereich der ehemaligen Monarchie kamen, hat wohl noch niemand nachgezählt. Adolph Zukor beispielsweise, der das Studiosystem erfand, war 1873 im ungarischen Ricse geboren worden, als Teenager in die USA ausgewandert, Pelzhändler geworden und dann ins Filmgeschäft eingestiegen. Er und zahlreiche europäische Juden – ob Laemmle, Goldwyn (als Schmuel Gelbfisz geboren und Handschuhmacher), Warner – gründeten zu Beginn des 20. Jahrhunderts Hollywood mit seinen großen Studios. Und niemand hat die Filmstadt  dermaßen überragend mit „Talenten“ an bedeutenden Regisseuren und Schauspielern gefüttert, wie Österreich und Deutschland, als Hitlers Rassenwahn ausbrach.

Rundgang durch die Geschichte     Das Jüdische Museum Wien ist dem Thema nun in aller Ausführlichkeit auf der Spur, wobei der erste Teil im 2. Stock beginnt und die fast als „Irrweg“ angelegte Ausstellung im 1. Stock weitergeht. Die Spannweite reicht dabei von jüdischen Sakralgegenständen des Beginns (eine Besamin-Büchse aus Minsk, woher MGM-Chef Louis B. Mayer vermutlich stammte) bis zu einem zwar schlichten, aber umso eindrucksvolleren Objekt, nämlich einem Baseballschläger – er wird von einem jüdischen Widerstandskämpfer in Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“ verwendet (ein Film, in dem ja „unser“ Christoph Waltz als Nazi-Sadist den Nebenrollen-„Oscar“ erhalten hat)… Es gibt noch andere Objekte „zum Angreifen“, wenn man sie auch besser nicht angreift, eine Replik der berühmten Harley Davidson aus „Easy Rider“ beispielsweise (die Originale gingen alle in die Hände langfingriger Fans über) oder ein Sessel aus Rick’s Café.

Große kleine Männer und schöne Frauen     Nicht alle Schauspieler Hollywoods haben sich so selbstverständlich als Juden deklariert wie etwa Charlie Chaplin oder Woody Allen, die für künstlerische Höhepunkte der Filmindustrie sorgten, und nicht alle schönen Frauen waren Jüdinnen wie Elizabeth Taylor, aber Marilyn Monroe trat für ihre Ehe mit Arthur Miller zum Judentum über. Und der Wiener Jude Billy Wilder hat die schönste Sexbombe, die die Traumfabrik je hervorgebracht hat, in „Manche mögen’s heiß“ als „Sugar Kane“ zu einer polnischen Einwanderin gemacht.

Casablanca – ein Exilprojekt     „Casablanca“, 1942 gedreht, hatte mit Humphrey Bogart einen „eingeborenen“ Amerikaner und mit Ingrid Bergman eine Schwedin als Liebespaar, aber ein Großteil des Films, der während des Krieges von den Emigranten in Nordafrika erzählte, war von der Bestückung her ein konzentriertes Meisterwerk jüdischer Künstler: von Regisseur Michael Curtiz, der als Mihaly Kertsez in Europa Bibelschinken gedreht hatte, über den wundervollen Komponisten Max Steiner bis zu den Emigranten, die Rick’s Café bevölkern und vielfach von echten jüdischen Emigranten wie Peter Lorre (richtiger Name: Laszlo Löwenstein) oder Szöke Szakall verkörpert wurden.

„Jewish Planet Hollywood“     „Merke: 1. Ja, es gibt eine Menge Juden im Filmgeschäft. 2 Nein, wir haben Christus nicht ermordet“, vermerkt bissig der britisch-jüdische Schriftsteller David Mamet, der hervorragende Beiträge zum Thema Film geleistet hat. Tatsächlich lag den Juden Hollywoods im allgemeinen ganz wenig daran, sich zu deklarieren, und angesichts der Unmasse von Filmen, die die „Traumfabrik“ herausgestoßen hat, sind die ganz spezifisch jüdischen Themen – von „Exodus“ über „Das Tagebuch der Anne Frank“ bis zu „Schindlers Liste“ – eher selten. Ebenso hat sich Hollywood nur zögernd in den Dienst der antideutschen Kriegspropaganda gestellt. Klassischer Fall einer sich mit Hilfe ihrer „jüdischen Nase“ deklarierenden jüdischen Schauspielerin war Barbra Streisand (wenngleich der Grund, sich dieses „Zeichen“ nicht wegoperieren zu lassen, vor allem bei der Angst um ihre Stimme lag). Sie hat zu einem jüdischen Selbstverständnis gefunden, das ihre Karriere positiv durchzog.

Plakate, Filme, bunte Welt       Die bunte Welt Hollywoods bedient die Ausstellung, in der jeder Filmfreund schwelgen wird, nicht zuletzt mit riesigen bunten Plakaten und mit zahllosen Filmausschnitten, die minutenkurz immer wieder flimmern. Von Chaplins „Immigrant“ – über die Ankunft in New York und das Problem der Immigration – bis zu Woody Allens „Stadtneurotiker“, die genuine Figur des jüdischen Intellektuellen, sind da die Juden, aber nicht ausschließlich sie vertreten: Denn schließlich haben die Studios ja ihre größten Erfolge – wie „Vom Winde verweht“ beispielsweise – mit durchaus „arischen“ Hauptdarstellern erzielt, sind aber dennoch Produkte, die aus dem unerschütterlichen Willen der jüdischen Begabung zum Film entstanden ist („Vom Winde verweht“ war letztlich das Produkt von Produzent David O. Selznick).

24 Kapitel durch die Geschichte     Die Ausstellung schneidet in 24 Kapiteln die mannigfaltigsten Themen an, die sich zum Thema „Hollywood“ stellen (beispielsweise auch die Frage vom Bild der Farbigen im Film, was eine mühsame Geschichte langsam aufgebauter Akzeptanz wurde). Dem an sich prächtigen Katalog, in dem man vieles nachlesen und ansehen kann, hätte man noch ein kleines Lexikon der wichtigsten jüdischen Filmschaffenden Hollywoods als Anhang gewünscht.

 Bis 15. April 2012, täglich außer Samstag von 10 bis 18 Uhr

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WIEN / Völkerkunde Museum: ETTA BECKER-DONNER

WIEN / Museum für Völkerkunde:

ABENTEUER WISSENSCHAFT

Etta Becker-Donner in Afrika und Lateinamerika

Vom 16. November 2011 bis zum 19. März 2012

 

Abenteuer und Wissenschaft!

Österreich hat viele bedeutende Persönlichkeiten auf dem Gebiet der Forschung, allerdings nur wenige Frauen. Darum ist es schade, dass Etta Becker-Donner immer noch keine Biographie gewidmet wurde, die ihr gerecht würde. Mit einer Ausstellung zum ihrem 100. Geburtstag, der sich am 5. Dezember jährt, gedenkt das Wiener Museum für Völkerkunde seiner einstigen Direktorin, und einen schönen Katalog gibt es auch ihr zu Ehren.

 Von Heiner Wesemann

 Etta Becker-Donner     Etta Donner wurde am 5. Dezember 1911 in Wien geboren, und sie war 17, als sie sich an der Universität Wien inskribierte, 22, als sie zu Beginn des Jahres 1934 allein nach Westafrika fuhr. Sie betrieb dort Feldforschung im besten Sinn, aber für die heimischen Medien war sie natürlich als Person die Sensation – eine junge, attraktive Frau, deren „Abenteuer“ im schwarzen Kontinent Schlagzeilen lieferten. Als sie wieder nach Liberia reiste, brachte sie viele Schätze mit, von denen nun manches ausgestellt wird. Sie heiratete den Architekten, Ethnologen und Maler Hans Becker, ein Mitglied des „Hagenbundes“, bekam mit ihm zwei Töchter und ging mit ihm nach dem Krieg nach Südamerika, wo er ermordet wurde. Wieder zurück in Österreich, erkämpfte sie sich die Stellung einer Direktorin des Völkerkundemuseums zu einer Zeit, wo Frauen durchaus noch nicht in Führungspositionen waren. Ihre wissenschaftlichen Interessen wandten sich in der Folge von Afrika nach Südamerika. Etta Becker-Donner starb am 24. September 1975, im 64. Lebensjahr.

 “Abenteuer Wissenschaft“      Die Ausstellung im Völkerkunde Museum verbindet die Begriffe „Abenteuer“, unter dem Etta Becker-Donner bekannt wurde, und „Wissenschaft“, die mancher Kollege ihr infolge ihres mediengerechten Rufes nicht zugestehen wollte. Tatsächlich sind die Leistungen der „Dame im Urwald“ heute unumstritten, wenn man auch zugibt, dass Fotos, die sie mit Giftschlangen umwunden zeigen (sie war Mitglied des „Schlangenbundes“ bei Stämmen in Liberia), natürlich sensationell-spektakulär waren und den Blick auf ihre Leistungen verstellten. Immerhin besitzt das Museum heute über 2000 Exponate, die durch ihre Reisen ans Haus kamen.

 Forschungen in Afrika   Als junge, unternehmungslustige Forscherin, die sich auch für die Sprache der afrikanischen Völker interessierte, setzte Etta Becker-Donner Basisleistungen in Liberia. Sie hat nicht nur Lebensformen und Rituale erfasst, sondern auch Kostbarkeiten – Masken, Figuren, Zeremonialgegenstände, Kleidungsstücke – die zusammen mit einer reichen Fotoausbeute diesen Teil ihrer Forschung dokumentieren.

 Farbiges Südamerika    Als die Forscherwelt vordringlich in Afrika oder Asien unterwegs war, hat Etta Becker-Donner in Südamerika „Blut geleckt“ – es gibt farbige Exponate aus dem Lebensalltag. Vor allem aber hat sie die zweite Hälfte ihres Forscherlebens den Indianerstämmen gewidmet. Ihr „Brasilianisches Album“, in vielen Fotos im zweiten Raum der Ausstellung zu sehen, ist mit Texten auch im Katalog enthalten, der vieles bietet, aber noch nicht das ist, was die Kollegen einmal unternehmen müssen: die vollständige Biographie dieser bemerkenswerten Frau.

 

Bis 19. März 2011, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr

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WIEN / Albertina: SURREALISMUS

WIEN / Albertina, Basteihalle: 

SURREALISMUS. The Gilbert Kaplan Print Collection

Vom 30. November 2011 bis zum 15. Jänner 2012

MONA LISA MIT BÄRTCHEN….

Nach dem Ersten Weltkrieg war buchstäblich alles anders: Welten waren zusammen gebrochen, die Habsburger-Monarchie, das Deutsche Kaiserreich, aber nicht nur Gesellschaftssysteme, sondern auch Denkmodelle krachten in sich zusammen. Keine Bewegung in der Kunst hat so radikal darauf Bezug genommen wie der Surrealismus, der sich von einer Wirklichkeit, die man nach Meinung der Surrealisten ohnedies nicht begreifen konnte, teils geradezu höhnisch verabschiedete. Nicht das Bewusstsein des Künstlers wurde gefordert, sondern – in der Nachfolge Freuds – sein Unterbewusstes, nicht sein Können, sondern im Gegenteil das Kunstlose. Dabei weist dieser Surrealismus eine Unzahl von Facetten auf, die man derzeit im Untergeschoß der Albertina anhand von 175 Graphiken aufspüren kann. 

Von Renate Wagner

Gilbert Kaplan     Musikfreunde kennen ihn, Mahler-Freunden ist er auf jeden Fall ein Begriff, denn einen Teil seines reich facettierten Lebens zwischen Wirtschaft, Musik und bildender Kunst hat er diesem Komponisten gewidmet: Gilbert Kaplan, geboren 1941 in New York, ist auch als Dirigent bekannt, aber vor allem als Herausgeber von Mahlers Zweiter Symphonie. Einen ebenso großen Teil seines Lebens hat er der bildenden Kunst zugewendet, und hier ist der Surrealismus das Faszinosum seines Lebens. Kaplan, der den Werkkatalog von Magrittes Druckgraphik herausgegeben hat, sammelt seit Jahrzehnten Druckgraphiken des Surrealismus. Klaus Albrecht Schröder ist es nun gelungen, 175 Bilder daraus (davon 13 von Magritte) in einer Ausstellung zu zeigen, die die Magritte-Ausstellung ergänzt (diesem unter dem Dach so üppig ausgebreiteten Künstler ist „unten“ auch ein eigener Raum gewidmet) und darüber hinaus zu einer Wanderung in surreale Welten einlädt.

Mona Lisa mit Bärtchen      Auf den ersten Blick scheint da ein verkleinertes Abbild der Mona Lisa von der Wand zu lächeln, aber sieht man genauer hin, so hat Marcel Duchamps das berühmteste Gemälde der Welt mit einem Bärtchen versehen und kryptisch „L.H.O.O.Q.“ benannt – so hat die Ausstellung bereits im zweiten Raum einen Blickfang, an dem kaum jemand vorübergeht, nachdem man schon zu Beginn die köstlich-abstrahierten, gleichsam surreal personalisierten „Masken“ des Max Ernst bewundert hat. Neben der Mona Lisa der anderen Art streckt dann Man Ray (der später als Fotograf noch berühmter wurde denn als Surrealist) dem Zuschauer einen riesigen, frei schwebenden roten Mund mit dem pompösen Titel „A l’heure de l’observatoire – les Amoureux“ entgegen…

In Stationen durch den Surrealismus     Kuratorin Gunhild Bauer geht in den Basteihallen-Räumen der Albertina (man fährt tief hinab, aber es ist wohl – verglichen mit dem Straßenniveau – „zu ebener Erde“) dem Surrealismus, der in den zwanziger Jahren in Paris entstand und nach dem Zweiten Weltkrieg gleichsam entschlief, in Schwerpunkten nach. Jean Miro, einer der vielen Spanier, die sich in Paris einfanden (interessanterweise hatte Picasso eine nur sehr kurze surrealistische Epoche, im Gegensatz zu Miro oder Dali), hat gerade in der Kunst der Druckgraphik ein Medium gefunden, das sein Thema aus sich heraus gestaltete: In der Serie „Noire et Rouge“ („Schwarzrote Serie“) von 1938 wurden die einzelnen Druckplatten übereinander gedruckt und erzeugten solcherart noch von sich aus weitere surreale Muster und Eindrücke…

 

Dali, der König des Surrealismus     Wenn Salvador Dali der bekannteste aller Surrealisten wurde, so vor allem wegen der wahren Schwemme, mit der er besonders seine Druckgraphiken inflationär in die Welt schleuderte. Dennoch darf man angesichts dieser gnadenlosen ökonomischen Verwertung eines Talents nicht den Fehler begehen, Dali künstlerisch gering zu schätzen –  er ist in der Ausstellung so reich vertreten wie kein anderer, darunter mit gut drei Dutzend Blättern seiner Illustrationen zu dem Buch „Les Chants de Maldoror“ aus dem 19. Jahrhundert, das in seiner Radikalität für die Surrealisten besonderen Stellenwert besaß. Dali konnte in dieser von Autor Lautréamont beschworenen Orgie des Bösen, die sich mit der Sexualität vermengt, lustvoll der eigenen Bürgerschreck-Attitüde nachgehen und zauberte mit feinstem Strich alptraumhafte, aus den Tiefen der Vorstellungskraft surreal erwachsene Visionen der Bedrohung. Pure Freude an Provokation oder Gesellschaftskritik? Man fragt sich dies bei den Surrealisten immer wieder.

Große Namen     Die Ausstellung ist reich an großen Namen, von Hans Arp über Giorgio De Chirico bis zu den späteren belgischen Surrealisten, mit denen die Bewegung ausklang. Der Katalog bietet die Werke nach Künstlern alphabetisch geordnet – das erweist sich als hervorragendes Prinzip, einfach kreuz und quer die Vielfalt der Zugänge zu etwas zu erkennen, wofür „Surrealismus“ einen weiten Überbegriff darstellt.

Albertina: SURREALISMUS.

The Gilbert Kaplan Print Collection.

NUR KURZE ZEIT!

Bis 15. Jänner 2012, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

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