

Bärbel Reetz:
DIE RUSSISCHE PATIENTIN
Roman
332 Seiten, Insel Verlag 2006
Die Person von Sabina Spielrein war bisher nur jenen bekannt, die sich mit detailliertem Interesse auf die Geschichte der Psychoanalyse eingelassen haben. Diese Patientin von Carl Gustav Jung, die das Leben des berühmten Schweizer Wissenschaftlers zumindest ins Schwanken, wenn schon nicht wirklich ins Wanken brachte, wurde aber jüngst in Gestalt von Keira Knightly die Heldin des Spielfilms „Eine dunkle Begierde“, der nicht nur wegen seines Regisseurs David Cronenberg Aufsehen erregte.
Man erlebte auf der Leinwand die ungemein spannende Geschichte einer Russin aus wohlhabendem Haus, die mit einer schweren Nervenkrankheit in die Schweiz geschickt und von Jung weitgehend geheilt wurde. Sie hat dann sogar selbst den Beruf einer Psychoanalytikerin ergriffen und fand ein tragisches Ende, ermordet von den Deutschen während des Zweiten Weltkriegs in Russland. Wahrlich ein Schicksal. Und dennoch: Die Autorin weiß genau, dass von der Spielrein wenig geblieben ist – „ein Bündel Briefe, Tagebuchnotizen, Fragmente einer Liebe, die längst vergessen wäre, hätten die Namen der Beteiligten nicht mit den Jahren und Jahrzehnten Bedeutung gewonnen.“ Tatsächlich – zumindest mit Sigmund Freud im Gepäck lässt sich heutzutage Interesse erregen.
Grund genug für den Insel Verlag, ein fünf Jahre altes Buch über Sabina Spielrein neu auf den Markt zu bringen, obwohl es sich bei dem Zugang von Autorin Bärbel Reetz um eine recht wacklige Sache handelt. Sie wollte einerseits einen biographischen Roman schreiben, was sie kapitelweise weitschweifig und stellenweise schwülstig tut. Außerdem wollte sie sich auf die Spuren von Sabina Spielrein setzen, was ein interessantes Sachbuch ergeben könnte.
So beginnt sie, nicht eben chronologisch in Wien, wo Sabina Spielrein den Kreis um Sigmund Freud suchte, geht nach Graz, weil dort Otto Gross, ein Kollege mit gleichfalls dramatischem Schicksal herkam, nach Berlin, wo die Spielrein eine zeitlang lebte, Moskau und St. Petersburg (wo Beamte offen zugeben, dass sie Schmiergeld dafür verlangen, in alten Akten nach Sabina Spielrein zu suchen), schließlich ihre Geburtsstadt Rostow am Kaukasus und natürlich die Schweiz, wo ihr spektakulärer „Fall“ in die Geschichte der Psychoanalyse einging.
Doch dieses „Ich bin ihr nachgefahren“ der Autorin wird in hohem Maße zur Nabelschau, zum privaten, nicht sonderlich interessanten Reisebericht, zu Reflexionen, die dann das Thema Spielrein vielfach überwuchern. DieInformationen über sie muss man sich aus diesem Buch eher mühsam zusammen klauben. Kurz gesagt: eine altmodische, solide, durchaus hinterfragende Biographie wäre wohl sinnvoller gewesen als diese Lesemühe.
Am Ende erkennt die Autorin ganz richtig: „Sie heißt Sabina Spielrein, aber sie ist, wie alle, die ihren Weg kreuzten, auch zu einer Gestalt meiner Phantasie geworden, denn die biographische Wahrheit ist nicht zu haben, und wenn man sie hätte, wäre sie nicht zu gebrauchen“. Letzteres schrieb Freud an Arnold Zweig, klingt aber hier ein wenig nach Ausrede…
Übrigens: Man ist als Leser natürlich von leisen Zweifeln geplagt, wenn die Autorin bereits auf der allerersten Seite ihres Textes, der in Wien spielt, den Anschein erweckt, vielleicht gar nicht hier gewesen zu sein – denn angeblich sitzt sie im Demel am Kohlmarkt und sieht durch das Fenster bis zur Hofburg. Jeder, der selbst dort war, also den Demel kennt, weiß, dass man – so nahe er der Hofburg auch sein mag – diese von keinem einzigen Demel-Fenster sehen kann. Und es berührt auch seltsam, wenn die Autorin auf der Fahrt nach Graz in „Brugg an der Mur“ Halt macht, was einfach nur „Bruck an der Mur“ heißen kann. Wie ist es also umInformationen bestellt, die man nicht überprüft, weil man einfach nicht genug darüber weiß…? Das hinterlässt ein ungutes Gefühl.
Renate Wagner
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