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BERLIN/Philharmonie: SIMON RATTLE WÄHLT NATUR UND MENSCHEN

Berlin, Philharmonie: Simon Rattle wählt Natur und Menschen, 15.02.2012


Sir Simon Rattle. Foto: Monika Rittershaus

Eine Idee verbindet die Stücke an diesem Konzertabend: die Natur und die Menschen in der Natur. Zunächst geht es jedoch um ein göttliches Naturwesen zwischen Mensch und Tier: um einen Faun. In seinem bekannten „Prélude à l’après-midi d’un faune“ schildert Claude Debussy diesen Faun, der an einem heißen Nachmittag viel zu träge ist, um den  Nymphen nachzustellen. Schlaftrunken überlässt er sich der Natur und seinen Träumen.

Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker malen dieses sinnliche hochsommerliche  Stimmungsbild anfangs in zarten Farben, doch alsbald schwelgen die Instrumente. Insbesondere die Hörner, Flöten, Oboen und Harfen künden von Waldesweben und geträumten Sinnesfreuden.

Arnold Schönberg spinnt diesen Gedanken in „Verklärte Nacht op. 4“ fort. Entstanden ist das Stück schon 1899, zu hören ist aber die 2. Fassung für Streichorchester von 1943.

Hier geht es um zwei Menschen und ihre Leidenschaft füreinander, die sie über alle gesellschaftlichen Konventionen hinweg trägt, ähnlich wie bei „Tristan und Isolde“.

Beim Spaziergang gesteht die Frau, dass sie ein Kind von einem anderen Mann erwartet. Doch ihre gegenseitige große Liebe, noch befördert durch nächtliche Romantik, besiegt alle Zweifel und bindet beide ein in die Natur, die keine Normen kennt.

In fünf eher langsamen Sätzen schildert Schönberg diese „verklärte Nacht“. Nach dem geheimnisvollen Beginn meint man das Aufflammen der Leidenschaft und den Zauber der nächtlichen Waldstunden wahrzunehmen. Die Streicher zelebrieren das mit Ausdrucksstärke, Farbenreichtum und einem herrlich volltönenden Legato.

Zwischen diesen beiden Werken schnurrt deutlich realistischer „Das goldene Spinnrad op. 109“ von  Antonín Dvořák.

Bei Dvořák geht es volkstümlich und zupackend zur Sache. In lustigem F-Dur erklingen die Hörner und künden den jungen König an, der bei der Jagd das schöne Dorchen erblickt, sich sofort in sie verliebt und gleich um ihre Hand anhält. Federnd und knackig gestalten Rattle und die Seinen das facettenreiche Klangbild, kleiden jedoch die melodiösen Takte des Dorchens in feine Farben.  

Beim Weg zum Königspalast hacken die neidischen Schwestern dem Dorchen  Arme und Beine ab, stechen ihm auch noch die Augen aus und nehmen alles mit zum Schloss. Der König, durch Ähnlichkeit getäuscht, heiratet mit musikalischem Pomp zunächst die falsche Frau. Die Holz- und Blechbläser haben bei diesen Tanzrhythmen gut zu tun und erledigen das mit Brillanz.   

Natürlich gibt es ein Happy End. Gegen ein goldenes Spinnrad tauscht die böse Schwester Dorchens Gliedmaßen ein, und ein wundertätiger Greis fügt alles wieder zusammen. Auch Rattle und die Philharmoniker fügen alles mit deutlichem Spaß zusammen und ernten nach dem bravourösen Schluss kräftigen Applaus.

Zuletzt eine Überraschung: „Enigma, Variations on an Original Theme op. 36“ von Edward Elgar. Erst in jüngerer Zeit zieht die Musik des Engländers verstärkt in deutsche Konzertsäle ein und bereichert das Repertoire aufs beste.

In 14 Variationen hat er seine Freunde charakterisiert. Das Rätsel (Enigma), wer was ist, konnten sie leicht lösen, tragen die einzelnen Teile doch die Anfangsbuchstaben der Namen.  Die unterschiedlichen Charaktere können aber auch „Nicht-Insider“ gut erkennen und sich die „Porträtierten“ vorstellen. Sie sind gravitätisch, geschwätzig, melancholisch, verspielt, temperamentvoll, gefühlsbetont usw.

Charmant und spritzig wirkt Dorabella, gekennzeichnet durch schräge Tanzrhythmen. Elgar hat sie alle mit Noten gemalt und mit typisch britischem  Humor. Riesenbeifall für das Stück und die engagierten Interpreten. Die Musiker verlassen bereits das Podium, doch der Applaus hält an. Rattle kommt nochmals heraus und verbeugt sich lachend zwischen den leeren Stühlen.  

Ursula Wiegand

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