WER KILLTE RABBI JESUS?

Theodor Much:
WER KILLTE RABBI JESUS?
Religiöse Wurzeln der Judenfeindschaft
128 Seiten, Verlag Kremayr & Scheriau, 2012
Pontius Pilatus, römischer Statthalter in Judäa, wusch seine Hände in Unschuld und ließ die jüdischen Hohepriester walten: Sie verurteilten den Wanderprediger Jesus zum Tod am Kreuz und hofften damit, eine stete Belästigung nachhaltig aus dem Weg zu schaffen…
So war es damals, der allgemeinen Übereinkunft nach, und die meisten Menschen glauben das noch immer. Selbstverständlich machte das die Juden zu den „Christusmördern“ (Christus, von dem man zu gerne vergisst, dass er Jude war) und war solcherart die Grundlage für den religiösen Antijudaismus, der später in den politischen Antisemitismus übergegangen ist, dessen verheerende Folgen im Dritten Reich grauenvoll kulminierten.
Dabei haben die Juden gar nicht den Tod des Rabbi Jesus zu verantworten: Darauf läuft das Buch von Theodor Much hinaus, 1942 in Tel Aviv geboren, als Arzt in Zürich und Wien tätig, heute Präsident der jüdischen Reformgemeinde Or Chadash. Er hat bewusst einen aggressiven, gewissermaßen aus der Wildwest-Mythologie stammenden Titel gewählt: „Wer killte Rabbi Jesus?“ Nun, der „Killer“ war, wie er recht glaubhaft darzulegen versucht, natürlich Pontius Pilatus (der also nicht zu Unrecht ins katholische „Credo“ gekommen wäre).
Weil: Weil anzunehmen ist, dass sich Pilatus die Rechtssprechung nicht von ein paar jüdischen Hohepriestern aus der Hand nehmen ließ. Weil die Kreuzigung die römische Hinrichtungsart war. Und vor allem weil dieser „Rabbi Jesus“ nichts getan hatte, um dessentwillen ihn die Juden hätten verurteilen können und wollen. Aufmüpfig waren sie schließlich alle.
Ein wenig Schuld daran, dass man die Juden so willig mit Jesus’ Tod belastete, tragen laut dem Autor auch die vier Evangelisten, obwohl drei von ihnen selbst jüdischer Herkunft waren. Viel Schuld ist wohl der katholischen Kirche zuzuschreiben, der diese Lösung lange Zeit sehr gelegen kam.
Und darum findet dieses Buch zwar ein Vorwort von Michael Bünker, Bischof der evanglischen Kirche A.B. in Österreich, aber keines von offizieller katholischer Seite. Denn da sind – und darauf will der Autor hinaus – die Gräben noch immer zu tief. Man erinnert sich an einen alten Witz:
Was unterscheidet Christen und Juden?
Die Christen glauben, dass der Jude Jesus der Sohn Gottes war.
Die Juden glauben das nicht.
Und darum ist der katholische Jesus Christus für den jüdischen Autor immer nur der „Rabbi Jesus“, was er von seinem Standpunkt auch war, ein Prediger, ein Weiser, ein „Messias“, aber auf einen „Sohn Gottes“ können sich die Juden mit den Christen nicht einigen. Folglich musste man auf den stets dialog- und konsensbereiten Hubert Feichtlbauer als zustimmende katholische Wortmeldung zu Beginn zurückgreifen…
Obwohl der Autor selbst zugibt, dass selbst unter jüdischen Gelehrten keine Übereinkunft besteht, wie die rechtliche Situation in Jerusalem zur Zeit von Jesus ausgesehen hat (hatten die Hohepriester überhaupt die Macht, jemanden zu Tode zu verurteilen?), ist die Argumentation des Buches zu begrüßen, um das unterschwellige Ressentiment, das möglicherweise noch immer gegen die Jesus-Mörder existiert, endlich zu hinterfragen (und bitteschön auch dann vom Tisch zu wischen, falls es tatsächlich die Hohepriester waren – das ist schließlich zweitausend Jahre her).
Möge die Diskussion angezündet sein, viele Fragen bleiben ja dennoch immer offen. Auch jene, mit der nichtjüdische (wie vermutlich auch viele jüdische) Leser wieder einmal zurück bleiben, nämlich mit einer Behauptung, die gelegentlich in den Raum gestellt wird, ohne dass man sie wirklich begründet fände: „Jude“ zu sein, so heißt es, sei keine Frage der „Rasse“. („Denn Judentum kann verschieden beschrieben und definiert werden, sicherlich aber nicht als Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse“, Seite 94) Wenn dem tatsächlich so wäre, dann hätte die Tünche einer neuen Religion stets genügt, den Juden „wegzuwaschen“. Aber von Gustav Mahler bis Karl Kraus war dann immer eben von „konvertierten Juden“ die Rede, und der Katholizismus hat absolut nichts an der Abstammung geändert.
Was ist denn, um einmal so zu fragen, so schlecht daran, einer „Rasse“ zuzugehören, dass es so vehement in Frage gestellt wird? Dies noch als Nebenergebnis unter den zahlreichen Gedanken-Anstößen dieses Buches, die man sich zu Gemüte führen sollte.
Renate Wagner
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OPERN-VER-FÜHRER
Erscheinungshinweis:
OPERN-VER-FÜHRER – Wolfgang Herles
Zehn Geschichten von Liebe, Wahnsinn und Tod
1. Auflage Henschel Verlag ISBN 978-3-89487-719-4
160 Seiten – 30 farbige Abbildungen
Hardcover mit Schutzumschlag € 19.90
Erscheinungsdatum: 15.02.2012
Zehn Opern von zehn Komponisten. Kein Kanon, keine Hitliste, keine Lieblingsopern. Was aber dann? Ein Opernverführer! Wolfgang Herles garantiert: Wer diese zehn Opern kennt, der ist verloren. Den hat die Opernsucht gepackt. Der spürt, wie Herz und Hirn zugleich ergriffen werden … In jedem der zehn Kapitel dieses Buches treten andere Aspekte jener ungeheuren Kraft, die Oper seit Jahrhunderten ausmacht, in den Vordergrund: Liebe, Heldenmut, Verblendung, Machtgier, Irrsinn. Ob Monteverdis »Krönung der Poppea«, Wagners »Rheingold« oder »Salome« von Strauss: In der Oper liegen die Nerven bloß. Was uns ergreift, ist mal der Rausch der Musik, mal der Rausch der Leidenschaften und immer das Gesamtkunstwerk, das all unsere Sinne zu fesseln vermag. Lassen auch Sie sich verführen von diesem mitreißenden Plädoyer für die Königin der Musikgattungen! (henschel)
Wolfgang Herles spricht im Film über sein Buch - http://www.youtube.com/watch?v=0zTq0Lyr9BI&feature=youtu.be
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CALLAS alla SCALA – Vol I
CALLAS alla SCALA – Vol I – Belcanto
Buch + CD – skira classica -Teatro alla Scala Memories
Ein fest gebundenes, stabiles Buch mit Kapitelseiten wie die alten Besetzungsplakate der Scala, informiert in drei Sprachen (I,E,D) zunächst über den Belcanto als solchen, dann folgt ein größeres Fotokapitel – mit nicht immer ganz korrekten Bildunterschriften von Timo Baucken – zu Maria Callas‘ Belcantorepertoire an der Scala di Milano.
Schließlich ein Booklet-Anhang zur beiliegenden CD mit Ausschnitten aus Scala-Aufführungen von Norma, Barbiere di Siviglia, Lucia di Lammermoor, Anna Bolena, Un Turco in Italia, I Puritani und La Sonnambula. Partner sind in den diversen Szenen u. a. Giulietta Simionato, Giuseppe di Stefano und Tito Gobbi. An Dirigenten standen am Scala-Pult: Votto, Giulini, Karajan, Gavazzeni, Serafin und Bernstein. Die Aufnahmen stammen aus den Jahren 1953-57.
Der Preis ist mit 19,90 € fest aufgedruckt, also eine durchaus erschwingliche Angelegenheit für den Callas-Sammler.
DZ
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Ein unzweifelhaft WICHTIGES Buch: RICHARD WAGNERS WÖRTER – Victor Henle

RICHARD WAGNERS WÖRTER – Victor Henle – Hilfe gegen das „Wirrsal“… –
Ein Muss für Wagnerianer und solche, die es werden wollen!
Keyser-Verlag ,288 Seiten + Vademecum mit 72 Seiten, ISBN 978-3-86886-019-1 – € 24,90
Pressestimmen zu diesem unzweifelhaft wichtigen Buch:
„Dieses Buch sollte sich der wahre Wagnerianer zu Weihnachten erkiesen!“ (N’bay. Kurier)
„Schlag nach bei Henle! Sein Lexikon der Wagnerschen Begriffe von ‚Aar‘ bis ‚Zwicker‘ ist konkurrenzlos auf dem gegenwärtigen Buchmarkt.“ (DLF) -
Alles, was der Verlagstext verspricht, wird hier gehalten:
Wagners Wörter Lexikon von Victor Henle
Lexikon aller nicht mehr verstandenen und missverstandenen Wörter in Wagners Werken mit einer Einführung in die Merkmale seiner Sprache und einer Beschreibung seiner Werke Szene für Szene.
Was meint Wotan, wenn er seine Wunschmaid Brünnhilde auf einen freislichen Felsen verbannt und diesen zu ihrem Schutz mit einer Waberlohe umgibt? Oder wenn Mime hofft, dass Siegfried der Huie im Harst den in der Neidhöhle liegenden Hort erringt, damit er ihn an sich raffen kann? In über 800 Stichwörtern gibt das Lexikon WAGNERS WÖRTER Auskunft und bindet sie zum besseren Verständnis in den jeweiligen textlichen und inhaltlichen Zusammenhang ein. Dann folgt in einer zusammenfassenden Abhandlung eine anschauliche Einführung in das breite Spektrum von WAGNERS SPRACHE und der darin verwendeten Sprachfiguren. Die bündige Beschreibung seiner Werke Szene für Szene in WAGNERS SZENARIUM, an den entscheidenden Stellen mit Originaltext, wird zusätzlich auch im Westentaschen-Format mitgeliefert (zum Mitnehmen in die Oper für den, der sich den Inhalt nicht so merken kann…).
Für Wotan ist Brünnhilde eine reisige Maid, für den düsteren Hagen ein freisliches Weib. Was ist damit ausgedrückt? Was bedeutet Nabelnest? Wagners Werke sind voll von solchen altertümlichen Wörtern, die wir nicht mehr verstehen, missverstehen oder nur noch in einer verengten Bedeutung kennen. Im ersten Teil von WAGNERS WÖRTER sind sie alle in einem Lexikon aufgeführt und übersetzt. Manche dieser Wörter setzte Wagner sowohl in ursprünglicher als auch in der gewandelten Bedeutung des heutigen Sprachgebrauchs ein. Wer fromm kämpft, muss nicht gläubig sein, denn fromm bedeutete einst tapfer und tapfer so viel wie heftig. Sowohl der fromme als auch der tapfere Kämpfer braucht jedenfalls Mut, der bei Wagner nur selten Beherztheit ausdrückt, meist aber eine innere Seelenstimmung, wie eben jemandem gerade zu Mute ist. Um die etymologische Ableitung der archaisierenden Wörter besser zu verstehen, werden sie mit Originalzitaten verdeutlicht und der inhaltliche Zusammenhang dargestellt, in dem sie vorkommen. Das Lexikon enthält unter gezielter Mitverwendung des Werktextes auch Erläuterungen zu allen Protagonisten, mythologischen Gegenständen, geschichtlichen Begriffen, Handlungen, inneren Zuständen und zur Fachsprache der Meistersinger.
Nach dem lexikalischen Teil wird WAGNERS SPRACHE untersucht und durch viele Beispiele veranschaulicht. Welche Elemente prägen sie? Welcher Stilfiguren bediente sich Wagner? Welche Rolle spielt die manchmal geradezu überbordende Alliteration im „Ring des Nibelungen“? Hat Wagner tatsächlich Neologismen geschaffen? Eigentlich nicht. Entgegen allgemeiner Anschauung hat er die archaisierenden Wörter gefunden, nicht erfunden.
In einem dritten Teil werden in WAGNERS SZENARIUM seine Werke Szene für Szene mit zahlreichen Werkzitaten beschrieben, die nochmals Wagners Sprachgewalt beleuchten. Wagners Werke sind auch eine Fundgrube für hintergründige, ironische und lebenskluge Sinnsprüche. Sie sind in einem vierten Teil in WAGNERS APHORISMEN zusammengefasst.
Im hinteren Umschlag findet sich eine Landkarte mit den historischen Handlungsorten der Wagnerschen Werke, im vorderen ein Ausschnitt aus einer Wagnerschen Notenhandschrift.
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Und was findet der interessierte Leser unter MERKER:
Der Merker nahm die zweithöchste Position in der Nürnberger Meistersinger-Hierarchie ein. Im Allgemeinen waren vier Merker am Werke, wenn es sich um ein christliches Thema handelte, da Stolzing jedoch von der Liebe singt, gilt das den Meistersingern als weltlich, so dass sich Meister Beckmesser allein einschließen durfte.
Und was finden wir da noch: In Anlehnung an die Funktion des Merkers nannte sich eine vor dem 1. Weltkrieg in Wien erscheinende Zeitschrift „Der Merker“. Sie war ein bedeutendes deutschsprachiges Forum für Musik und Theater. – Heute erscheint die Zeitschrift unter dem Titel „Der Neue Merker“.
Von unserer Website gleichen Namens war dem Autor möglicherweise noch nichts bekannt (http://www.der-neue-merker.eu/ )
(Texte: Keyser Verlag u. DZ)
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Johann Szegö: BEKANNTE ÖSTERREICHISCHE SELBSTMÖRDER

Johann Szegö
BEKANNTE ÖSTERREICHISCHE SELBSTMÖRDER
Schicksale von Ferdinand Raimund bis Jack Unterweger
208 Seiten, Verlag Ueberreuter 2011
Er hätte nur noch ein wenig warten müssen und dann für das Jahr 2011 noch zwei prominente „Selbstmörder“ in sein Buch einarbeiten können – die Schriftstellerin Brigitte Schwaiger und das Allroundtalent Ludwig Hirsch… Selbstmord ist in Österreich ein gewissermaßen verbreitetes Schicksal, und so wurde Johann Szegö für dieses Thema mit vielen Namen fündig. Freilich, dass Kronprinz Rudolf, der berühmteste aller Selbstmörder, und Adolf Hitler (auch ein Österreicher, daran ist nicht zu rütteln) hier nicht vorkommen… der Autor begründet es im Vorwort mit dem Übermaß an Information, die dazu bereits vorhanden ist. Dennoch, der Vollständigkeit halber… aber die ist ja wohl ohnedies nicht zu erzielen.
Die Untertitel verweisen auf die bekanntesten Namen – wobei sich zu Ferdinand Raimund, für den der Autor nicht viel Verständnis zeigt („Pietätloser Kommentar des Schreibers dieser Zeilen: Wenn mir der Tod durch einen Hundebiss prophezeit worden ist und ich daran glaube, dann spiele ich nicht mit einem Hund!“), noch ein paar österreichische Autoren von Rang gesellen, die gleichfalls ihrem Leben ein Ende gesetzt haben: Adalbert Stifter, Otto Weiniger, Ferdinand von Saar, Egon Friedell, Stefan Zweig (dieser allerdings in Brasilien), Josef Weinheber, Hertha Kräftner, Konrad Bayer, Gerhard Fritsch – eine beängstigende Menge.
Von bildenden Künstlern (Opern-Architekt van der Nüll) bis zu Verbrechern (Jack Unterweger, Franz Fuchs), von schillernden Gestalten des Kulturlebens (Franz Jauner einst, Sacher-Chef Peter Gürtler vor nicht allzu langer Zeit) bis zu den nicht näher benannten Internet-Opfern jüngst pflügt Szegö, nach einem interessanten Grundsatzkapitel zu Beginn, durch die Geschichte. An der chronologischen Spitze steht Franz Hofdemel, der am Tage nach Mozarts Tod seinem Leben ein Ende setzte. Schlechtes Gewissen? War er es vielleicht, der Mozart-Mörder nämlich (von Salieri war damals noch nicht die Rede)?
Szegö braust in schnellen, höchst journalistisch geschriebenen Kurzartikeln durch die Schicksale. Wer ein Buch wie dieses kauft, den interessiert natürlich vordringlich die Frage: „Warum?“ Sie ist wahrlich nicht immer zu beantworten. Dann spricht die Nachwelt gern von „plötzlicher Sinnesverwirrung“.
Aber genau nachzugraben, ist nicht der Sinn dieses Buches, das als flotter Marsch durch Österreichs Kulturgeschichte mit dem schwarzgeränderten Thema unterhalten will. Kleinigkeiten könnte man ergänzen – etwa, dass Richard Gerstl, der Selbstmörder aus Liebeskomplikationen, nicht so unbekannt geblieben ist, wie man aus Szegös Schilderung den Eindruck gewinnen muss: Heute ist er einer der „Stars“ des Leopold Museums…
Renate Wagner
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Georg Gaugusch: WER EINMAL WAR

Georg Gaugusch:
WER EINMAL WAR
Das jüdische Grossbürgertum Wiens 1800-1938 A-K
1649 Seiten, Amalthea Verlag 2011
Ein Buch wie dieses bekommt man nicht alle Tage in die Hand, auch nicht alle Jahre, vielleicht in Jahrzehnten, man kann noch höher greifen und ein „Jahrhundert-Werk“ nennen, was der 1974 geborene Georg Gaugusch hier vorlegt. Kein „Dr. phil.“ ziert übrigens seinen Namen, er ist „Dipl.Ing.“ und leitet mit der Firma Jungmann am Albertinaplatz eines der Traditionsgeschäfte Wiens, das den „K.u.k. Hoflieferanten“ führt, als wäre die Zeit stehen geblieben. Und „Wer einmal war“ erzählt denn auch von „damals“, zwischen 1800 und 1938…
Die Zeit anhalten möchte offenbar Georg Gaugusch, der einmal begonnen hat, in den kostbaren alten Auftragsbüchern der Firma Jungmann zu stöbern (damals kleidete man auch Damen ein, nicht nur – wie heute – ausschließlich Herren aus den feinsten Kreisen), und als er sich fragte, wer die Kunden von damals waren, merkte er (es ist schon über ein Jahrzehnt her), dass es darauf keine Antworten gab. Seither hat er sich auf die Spuren dieses jüdischen Großbürgertums Wiens gesetzt, das zwar durch den Zweiten Weltkrieg einen nie gut zu machenden Aderlass erfuhr, aber heute noch in zahlreichen Nachkommen vorhanden ist.
Gaugusch und seine Frau Marie-Theres Arnbom, gleichfalls Autorin und Historikerin, sind diesen großen jüdischen Familien, die Österreichs Geschichte in so hohem Maße mitbestimmt haben, bis in die entlegensten jüdischen Friedhöfe der ehemaligen Monarchie gefolgt, und tatsächlich waren für das Aufspüren von Daten und familiärer Zusammenhänge auch die Todesanzeigen der Zeitungen von hoher Wichtigkeit, die Gaugusch unermüdlich sammelte. Abgesehen davon hat er jede Quelle des Wissens angezapft wie etwaPeter Michael Braunwarth, den Herausgeber der Schnitzler-Tagebücher (denn es finden sich natürlich auch Schnitzler-Verwandte und zahllose Bekannte hier),oder alte Damen mit unglaublichem Gedächtnis, die ihm Dinge erzählen konnten, die niemand mehr wusste und die nun zwischen Buchseiten eingegangen sind.
Das Ergebnis nennt sich nicht „Es war einmal“, denn es war kein Märchen, es heißt: „Wer einmal war“, und tatsächlich ist nach achtjähriger Arbeit an diesem konkreten Buch nun erst der erste Band, die Familien von A bis K enthaltend, erschienen. Der zweite Band ist für 2013 versprochen, und der Amalthea Verlag hat sich (trotz der vielen auch finanziellen Unterstützer des Projekts von Nachkommen in den USA bis zur Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, von Republik, Ländern und Ministerien) besonders um die Herausgabe verdient gemacht, weil hier wahrlich nicht gespart wurde: Das Buch ist das, was man als „Riegel“ bezeichnet, ein gewaltiger Band, den man nur am Tisch lesen kann, und es bedurfte besonderer Künste von Buchbindern, um 1652 Dünndruckseiten zusammen zu halten.
Was findet man nun hier in einem Werk, in dem man jahrelang lesen kann (und wird)? Namen zuerst, die Namen von Familien, wobei das Jahr 1800 mehr oder minder als Beginn genommen wurde, da der Aufstieg des im weitesten Sinne „österreichischen“ Judentums nach Joseph II. begann. Viele der Namen kennt man noch, von den Arnstein über die durch Klimt wieder ins Bewusstsein gekommenen Bloch-Bauer bis zu den Korngolds (ja, der Komponist).
Zuerst blättert Gaugusch die Familiengeschichten auf, die meist tief in die Provinzen der Monarchie zurückführten, bevor viele dann natürlich in Wien landeten. Und da finden sich über die Maßen kostbare Marginalien zur österreichischen Geschichte überhaupt, nicht nur zu Wirtschaft (ja, viele der Juden waren reich), sondern vor allem zur Kultur. Es gab unter ihnen übrigens nicht nur viele, viele Unternehmer aller Art, sondern auch Mitglieder jenes hohen Beamtentums, das der Monarchie Ehre machte. Und Georg Gaugusch erzählt, was er nur finden konnte, häuft Detail auf Detail, ist vor allem in Zeitungen der Zeit fündig geworden.
Die jüdischen Familien waren unglaublich vernetzt, sowohl untereinander wie auch mit christlichen Familien, da viele Juden konvertierten. Auf die Familiengeschichten folgen die Familienmitglieder, und es ist von grenzenloser Faszination, wer wer und was war, wer wen geheiratet hat, wer wessen Vater, Großvater, Bruder, Onkel, Vetter war… Allein, wie Gaugusch zu jeder Person, die er finden konnte, noch die Vorfahren zitiert, erinnert an die Bibel und ihre Gewalt der Genealogie: Abraham zeugte den Isaak, Isaak aber zeugte den Jakob, Jakob aber zeugte den Juda und seine Brüder…
Zu all dem gibt es nicht nur jede Menge Daten (und offen deklarierte Leerstellen mit Pünktchen, wenn gewisse Dinge nicht aufzufinden waren), dazu nach Möglichkeit sogar mit Adressen zu Lebzeiten und im Tode, samt Todesursache, wenn sie auffindbar war, auch „deportiert“, „ermordet“, auch „Nachkommen in den USA“.
Und dazu liefert der Autor auch noch Verweise und Belege sonder Zahl. Wer je selbst wissenschaftlich gearbeitet hat, kann vor Respekt angesichts einer solchen Leistung nur den Hut ziehen oder in die Knie gehen. Allein die Logistik, hier die Übersicht zu behalten, scheint schier unglaublich.
Das Register zu diesem Band findet sich im Internet (35.000 Namen, wie man hört), der zweite Band soll dann ein Gesamtregister enthalten.
Bei all der Überfülle derInformation ist dieses Buch nicht nur ein Nachschlagewerk: Zumindest die Familiengeschichten machen es zum Lesebuch, wobei es spannend ist, sich auch aus den Angaben zu den Einzelmenschen ihre Geschichten zusammen zu denken. Die gewaltige Leistung des Judentums für das Gesamtgefüge der Monarchie (wobei man dergleichen ebenso für Deutschland, Frankreich, England unternehmen könnte), ersteht hier in seiner ganzen unglaublichen Breite.
Irgendwann, wenn Georg Gaugusch auch den zweiten Band vorgelegt haben wird, wünscht man sich dann von ihm noch einen Bildband zum Thema, denn von einfachen Bürgerhäusern bis zu großen Palais, von Fabriken bis Friedhöfen lassen sich da sicher noch viele Spuren finden…
Renate Wagner
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Michael Niavarani: DER FRÜHE WURM HAT EINEN VOGEL

Michael Niavarani:
DER FRÜHE WURM HAT EINEN VOGEL
Vermischte Schriften, Band I
352 Seiten, Amalthea Verlag 2011
Wer je „Vater Morgana“ gelesen hat, ist Michael Niavarani hoffnungslos und bedingungslos verfallen. Das zeigt sich auch an seinem neuen Buch – man erhält es wenige Tage nach dem Erscheinen, und schon ist die dritte Auflage (!) eingedruckt. Der Titel lautet „Der frühe Wurm hat einen Vogel“ (man merkt die umgedrehte Absicht und lächelt), die Bezeichnung ist nicht ohne Hintersinn „Vermischte Schriften, Band I“. Daraus ermisst man zweierlei – dass der Verlag a priori auf die Option von Folgebänden bestanden hat, und dass Niavarani schmunzelnd auf jene Werke hinweist, in denen die „vermischten“ Schriften von Wissenschaftlern zusammen sammeln, was im Lauf ihrer Editions- und Zeitschriften-Tätigkeiten an Kleinerem angefallen (und als solches schwer zu finden) ist. Nun manchmal hat es auch Niavarani mit der Wissenschaft. Wie viel von dem, was man liest, schon einmal im Kabarett sein Publikum fand, weiß man nicht. Man liest’s wie neu.
Allerdings muss man sich umstellen. Das ist nicht ganz so einfach und süffig wie „Vater Morgana“, das ein Thema hatte: „So sind die Perser, gesehen von persisch-österreichischem Nachwuchs“. Man stieg mit Wonne in diese gemischt-orientalische Familie, in der Kürze waren die Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen des Autors die des Lesers, man lachte sich mit ihm schief. Und bekam noch am Rande ein Ideechen vom “Kampf der Kulturen“ mit.
Ganz so leicht macht es Niavarani dem Leser diesmal nicht, er hat nicht eine Geschichte, in die man hineinhüpfen und sich wohlfühlen kann, er hat mehrere, und die muss er erst suchen. Zumindest besteht die erste Story („Die erste Geschichte“) darin, dass er sich mit seinem imaginären Leser (bzw. der Leserin) darüber unterhält, dass ihm absolut nichts einfällt, aber er doch dem Verlag versprochen hat, ein Buch zu schreiben… Niavarani ist ein Charmeur, er schäkert und flirtet, gurrt und schnurrt, plaudert und blödelt mit dem Leser, bis er mit ihm ganz intim ist. Das heißt, er kann ihn auch zwischendurch immer wieder ansprechen und die ganze letzte Geschichte („Abschlussparty“) wieder ganz als Privatgespräch halten…
Dazwischen wird es dann ernst, das heißt, ernst mit heiteren Kurzgeschichten: Zwei davon sind gewissermaßen klassische Geschichten, wobei er sich in der „Menage à Cinqu“ ausdenkt, wie ein Ehepaar und Sohn sowie Vater und Tochter kreuz- und querschlafen können, dass einem nur so die Haare zu Berg stehen. Schließlich glaubt Niavarani an den Zufall, der die unmöglichsten Konstellationen zustande bringt…
Die Geschichte eines 47jährigen Managers mit Burnout, das es angeblich nicht gibt, ist dann besser als der Titel „Die Leiter in der Hüpfburg“ vermuten lässt, denn die Mischung aus Satire (etwa auf die superteuren Kliniken, wo man für sein Seelenheil auszieht, Bäume zu umarmen) und bitterem Ernst (denn so lustig die Internet-Abhängigkeit sein mag, so tödlich für Seele und Geist ist sie auch) ist wirklich überzeugend.
Niavarani lässt sich noch ein Riesentreffen der Märchenfiguren einfallen, die vor einem Oger aus dem Märchenland in die Menschenrealität geflohen sind und dort teils verloren herumirren, sowie anderes, wobei er immer wieder seine Themen umkreist: Sex und Partnerschaft ist ihm wichtig, wenn er es à la Woody Allen angeht, ist er brillant, wenn er à la Gabriel Barylli schwafelt, ein bisschen weniger. Dann geht es ihm immer wieder um die Schöpfung, den freien Willen und natürlich Gott, zu dem sagt (und einwendet), was dem nüchternen Menschenverstand so einfällt (und was keinesfalls dumm ist). Und als dialektischer Denker hält er natürlich auch für möglich, dass die anderen Recht haben könnten:
„Aber das Gesicht von Papst Benedikt möchte ich sehen. Er freut sich schon auf einen kleinen Plausch von Kollege zu Kollege, da begrüßt ihn anstelle von Petrus ein arabischer Türsteher mit dunkler Brille und fragt nach seinem Ausweis.“
Ja, natürlich ist Niavarani auch als Autor zwischen Buchdeckeln Kabarettist. Und als solcher ist er – auch als Autor zwischen Buchdeckeln – Zeitkritiker. Und nicht von schlechten Eltern. Bei einem Brunch mit wohl betuchten Freunden, wo alle von der Krise reden, wettert er los – und das mit Power:
„Was redet ihr denn für eine Scheiße, bitte? Was für eine Krise? Wer ist denn in der Krise? Jeder hat einen Laptop, ein iPhone oder sonst irgendein Handy und zahlt für seine monatlichen Rechnungen mehr als ein Familienvater in Afrika das ganze Jahr verdient. Alle haben mindestens einen riesigen FlatScreen. Ihr fahrt Autos um Tausende von Euros. Wo ist denn da die Krise? Wir lassen uns einreden, wir steuerten einer Katastrophe entgegen, während wir ein Drittel mehr Lebensmittel produzieren, als wir fressen können. Lebensmittel, die wir wegschmeißen. Wir produzieren fünfzig Prozent mehr Waren, als wir nötig haben. Handys, Fernseher, Schuhe, Gewand, elektronische Produkte, sinnlose Dinge wie Fritteusen, die ohne Fett frittieren, iPod-Boxen, Computerzubehörschas. Alles so gebaut, dass es rechtzeitig kaputt geht und wir neues Zeugs kaufen. Wir leben nicht in der Krise, wir leben im Überschuss!“
Das muss doch auch einmal gesagt werden. Mittendrin im heiteren Niavarani.
Renate Wagner
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THEATERSTÜCKE FÜR MUSIK von Richard Bletschacher
THEATERSTÜCKE FÜR MUSIK von Richard Bletschacher – BUCHEMPFEHLUNG:
Böhlau-Verlag, ISBN 978-3-205-78724-2 / www.boehlau-verlag.com
Gemeinsam mit einigen der renommiertesten Komponisten schuf Richard Bletschacher, der als Regisseur und Chefdramaturg der Wiener Staatsoper alle denkbaren Erfahrungen seines Metiers sammeln konnte, auch als Autor ein kleines Repertoire zeitgenössischen Musiktheaters. Neben einem guten Dutzend abendfüllender Opern schuf er die Bücher zu unterschiedlichsten musikalischen Formen: Kammeropern, Kirchenopern, Melodramen und experimentellen Stücken. Sie alle werden in zwei Bänden hiermit vorgelegt.
Bletschacher hat sich als Regisseur und Chefdramaturg nicht nur um das Repertoire vom Barock bis zur Moderne verdient gemacht, er hat auch als Autor gemeinsam mit einigen der angesehendsten Komponisten einen bedeutende Beitrag zur Neubelebung und Weiterentwicklung des europäischen Musiktheaters erbracht. Diese Spielvorlagen, auch für experimentelle Stücke, wurden von renommierten Musikverlagen veröffentlicht und an deutschsprachigen Bühnen uraufgeführt. Ihrer zwanzig bilden seither ein kleines, vielgestaltiges Kompendium zeitgenössischen Musiktheaters der letzten Jahrzehnte und, wie zu hoffen ist, noch für Jahre darüber hinaus!
Im vorliegenden Band behandelt Bletschacher Werke, zu denen er den Text bzw. die Konzeption beigesteuert hat, wie “Die Ameise” – Oper von Richard Bletschacher (Text) und Peter Ronnefeld (Musik), “Die Seidenraupen” mit Musik von Ivan Eröd, “Der lange Weg zur großen Mauer” von Kurt Schwertsik, “Gomorra oder wie ihr es verdient” von H.K.Gruber, “Thomas von Ercildoune” (Schauspiel für Musik von R. Bletschacher), “Wein und Wasser” von Ernst Thürauer, “Mahan” von Francis Burt und “Gesualdo” von Alfred Schnittke. Wer Näheres über die Entstehung der Werke erfahren will, sei auf Bletschachers 2008 im Böhlau-Verlag publizierten Band mit Essays zu “Musik und Musiktheater” verwiesen. In dem finden sich neben Besprechungen der meisten seiner Theaterstücke für Musik auch Würdigungen der Komponisten und Verweise auf die ersten Wiedergaben dieser Werke auf dem Theater.
Anton Cupak
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Bärbel Reetz: DIE RUSSISCHE PATIENTIN

Bärbel Reetz:
DIE RUSSISCHE PATIENTIN
Roman
332 Seiten, Insel Verlag 2006
Die Person von Sabina Spielrein war bisher nur jenen bekannt, die sich mit detailliertem Interesse auf die Geschichte der Psychoanalyse eingelassen haben. Diese Patientin von Carl Gustav Jung, die das Leben des berühmten Schweizer Wissenschaftlers zumindest ins Schwanken, wenn schon nicht wirklich ins Wanken brachte, wurde aber jüngst in Gestalt von Keira Knightly die Heldin des Spielfilms „Eine dunkle Begierde“, der nicht nur wegen seines Regisseurs David Cronenberg Aufsehen erregte.
Man erlebte auf der Leinwand die ungemein spannende Geschichte einer Russin aus wohlhabendem Haus, die mit einer schweren Nervenkrankheit in die Schweiz geschickt und von Jung weitgehend geheilt wurde. Sie hat dann sogar selbst den Beruf einer Psychoanalytikerin ergriffen und fand ein tragisches Ende, ermordet von den Deutschen während des Zweiten Weltkriegs in Russland. Wahrlich ein Schicksal. Und dennoch: Die Autorin weiß genau, dass von der Spielrein wenig geblieben ist – „ein Bündel Briefe, Tagebuchnotizen, Fragmente einer Liebe, die längst vergessen wäre, hätten die Namen der Beteiligten nicht mit den Jahren und Jahrzehnten Bedeutung gewonnen.“ Tatsächlich – zumindest mit Sigmund Freud im Gepäck lässt sich heutzutage Interesse erregen.
Grund genug für den Insel Verlag, ein fünf Jahre altes Buch über Sabina Spielrein neu auf den Markt zu bringen, obwohl es sich bei dem Zugang von Autorin Bärbel Reetz um eine recht wacklige Sache handelt. Sie wollte einerseits einen biographischen Roman schreiben, was sie kapitelweise weitschweifig und stellenweise schwülstig tut. Außerdem wollte sie sich auf die Spuren von Sabina Spielrein setzen, was ein interessantes Sachbuch ergeben könnte.
So beginnt sie, nicht eben chronologisch in Wien, wo Sabina Spielrein den Kreis um Sigmund Freud suchte, geht nach Graz, weil dort Otto Gross, ein Kollege mit gleichfalls dramatischem Schicksal herkam, nach Berlin, wo die Spielrein eine zeitlang lebte, Moskau und St. Petersburg (wo Beamte offen zugeben, dass sie Schmiergeld dafür verlangen, in alten Akten nach Sabina Spielrein zu suchen), schließlich ihre Geburtsstadt Rostow am Kaukasus und natürlich die Schweiz, wo ihr spektakulärer „Fall“ in die Geschichte der Psychoanalyse einging.
Doch dieses „Ich bin ihr nachgefahren“ der Autorin wird in hohem Maße zur Nabelschau, zum privaten, nicht sonderlich interessanten Reisebericht, zu Reflexionen, die dann das Thema Spielrein vielfach überwuchern. DieInformationen über sie muss man sich aus diesem Buch eher mühsam zusammen klauben. Kurz gesagt: eine altmodische, solide, durchaus hinterfragende Biographie wäre wohl sinnvoller gewesen als diese Lesemühe.
Am Ende erkennt die Autorin ganz richtig: „Sie heißt Sabina Spielrein, aber sie ist, wie alle, die ihren Weg kreuzten, auch zu einer Gestalt meiner Phantasie geworden, denn die biographische Wahrheit ist nicht zu haben, und wenn man sie hätte, wäre sie nicht zu gebrauchen“. Letzteres schrieb Freud an Arnold Zweig, klingt aber hier ein wenig nach Ausrede…
Übrigens: Man ist als Leser natürlich von leisen Zweifeln geplagt, wenn die Autorin bereits auf der allerersten Seite ihres Textes, der in Wien spielt, den Anschein erweckt, vielleicht gar nicht hier gewesen zu sein – denn angeblich sitzt sie im Demel am Kohlmarkt und sieht durch das Fenster bis zur Hofburg. Jeder, der selbst dort war, also den Demel kennt, weiß, dass man – so nahe er der Hofburg auch sein mag – diese von keinem einzigen Demel-Fenster sehen kann. Und es berührt auch seltsam, wenn die Autorin auf der Fahrt nach Graz in „Brugg an der Mur“ Halt macht, was einfach nur „Bruck an der Mur“ heißen kann. Wie ist es also umInformationen bestellt, die man nicht überprüft, weil man einfach nicht genug darüber weiß…? Das hinterlässt ein ungutes Gefühl.
Renate Wagner
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Hilde Sochor: KINDER, KÜCHE, BÜHNE

Hilde Sochor
KINDER, KÜCHE, BÜHNE
Ein Leben in Bildern und Anekdoten
240 Seiten, Amalthea Verlag 2011
Auf dieses Buch hat man gewartet, wenn man das Glück hatte einmal live zu erleben, wie Hilde Sochor im privaten Kreis aus ihrem Theaterleben erzählen kann – eine Fülle brillant beobachteter, hoch intelligenter Erinnerungen an Dinge, von denen kaum mehr jemand etwas weiß. Leise wird man allerdings die Enttäuschung zu bekämpfen haben, dass in dem Buch lange nicht so viel aus Volkstheater-Zeiten drinnen steht, wie man erhofft hat…
Hilde Sochor, die Ikone des Volkstheaters (darum hat auch verständlicherweise der derzeitige Direktor des Hauses, Michael Schottenberg, das verehrende Vorwort geschrieben). Geboren am 5. Februar 1924 in Wien, breitet sie Teile ihres Lebens vor dem Leser aus. Von dem Titel, den sie nach Dario Fo paraphrasiert hat, scheinen dennoch nur zwei Drittel zu stimmen: Kinder, Küche, Bühne. Kinder, ja, sie hat drei und sie ist eine jener Mütter, die gerne von ihnen spricht (also auch schreibt). Küche sieht man weniger ein, zumal sie selbst zugibt, es im Kochen nicht weit gebracht zu haben. Und um Hausfrau zu sein, hatte Hilde Sochor weder Lust noch Zeit, denn die Bühne beherrschte ihr Leben.
Aufgewachsen in Breitensee (das war früher noch mehr am „Rand“ von Wien als heute) in sehr bürgerlichen Verhältnissen, war Hilde Sochor, „Guggi“ genannt, immer sehr unternehmungslustig. Das Theater packte sie früh, im Krieg segelte sie durch den Arbeitsdienst, um danach einerseits Theaterwissenschaft zu studieren, andererseits die Bühne selbst anzustreben. Vorbild: Paula Wessely, einer ihrer Lehrer am Prayner Konservatorium war Leopold Rudolf. An der Studentenbühne waren ihre Freunde und Kollegen gemeinsam mit ihr jung – und später sehr berühmt wie etwa der Qualtinger.
„Mein Leben auf der Bühne und mein privates Glück sind untrennbar mit ihm verbunden“ – und dieser „er“ ist Gustav Manker. Ihm begegnete sie schon in ihren Nebenrollen-Anfängen, er war immer da, schon als sie ans Volkstheater kam, er war ihr Mann, Vater ihrer Kinder, ihr Regisseur, dann zehn Jahre lang am Volkstheater ihr Direktor. Er behandelte sie schlechter als alle anderen, weil er mehr von ihr verlangte. Am Volkstheater ist die Sochor, mit Ausnahme eines Gastspiels bei Gründgens in Düsseldorf, wo sie nach einer Rolle wieder ging, unerschütterlich geblieben – noch vor wenigen Jahren, 2007, hat sie dort in „Cabaret“ das Fräulein Schneider gespielt.
Leider läuft das Buch hier ein wenig aus dem Ruder, denn Herausgeberin Barbara Lipp hat es nicht geschafft, hier einigermaßen nicht nur die Chronologie, sondern auch einen zusammenhängenden Erzählfaden herzustellen. Möglicherweise hat man das gespürt, als der Untertitel „Ein Leben in Bildern und Anekdoten“ gewählt wurde. Jedenfalls
hat man als Leser das Gefühl, sehr viel Wichtiges über Theaterarbeit nicht zu erfahren, während die Probleme mit den Kindermädchen für Außenstehende ja nicht so unbedingt wissenswert sind. Es ist eines, was man erzählt bekommt, und ein anderes, was von so weitgehendem Interesse ist, dass man es auch veröffentlicht.
Tatsächlich muss man sich vielfach an das Register der Sochor-Rollen und an die eingefügten fabelhaften Bildteile halten, um die Vielfältigkeit und Könnerschaft, den Humor und die spontane Kraft der Schauspielerin Hilde Sochor aus den Fotos zu holen, denn zu ihrer Arbeit und zu jener von Manker, zu bedeutenden Kollegen und wichtigen Ereignissen an ihrem Haus ist sie zu wenig gefragt worden.
Am Ende dürfen auch noch ihre eigenen Kinder das Wort ergreifen (bzw. in den Computer klopfen), aber das macht das Endergebnis nicht besser.
Doch es ist ja noch nicht aller Tage Abend. Wie wäre es, wenn man das Buch in wenigen Jahren zum 90er zu einer Schauspieler-Biographie auffettete, wie sie der Sochor würdig sei?
Renate Wagner
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