E.G. Baur: EMANUEL SCHIKANEDER

Eva Gesine Baur:
EMANUEL SCHIKANEDER
DER MANN FÜR MOZART
464 Seiten; C.H.Beck Verlag 2012
Wenn die Jahresregenten so gewichtig ausfallen wie 2012 in Österreich (Nestroy 150. Todestag, Schnitzler und Klimt 150. Geburtstag), dann riskieren andere wichtige Personen, im Hintergrund zu bleiben. Aber auch Emanuel Schikaneder (1751-1812) ist heuer ein Mann mit rundem Jahrestag (200. Todestag), und gerade für Wien ist er so unbedeutend nicht: Wer heute das Theater an der Wien betritt, befindet sich – aller Umbauten und Sanierungen ungeachtet – in dem Bau, den Schikander einst errichten ließ. Aus den Erlösen des Werks, das er zwar „nur“ mitgestaltet hat, das es ohne ihn aber nicht gegeben hätte: Und was wäre die Welt ohne Mozarts „Zauberflöte!?
Eine neue Biographie war fällig, und Eva Gesine Baur – die das Werk Juliane Banse, der „unvergessbaren Pamina“ gewidmet hat – liefert sie: ausführlich, reich bebildert, gut recherchiert und schön erzählt. Selbst, wer schon eine Menge weiß, erfährt noch mehr. Sie führt, vom Armenbegräbnis 1812 ausgehend (das hatte er mit Mozart gemeinsam), durch eines jener ungemein bewegten Leben des 18. Jahrhunderts, das uns im nachhinein so fasziniert, in dem zu leben aber wohl kein allzu großes Vergnügen war.
Wer je in Straubing flanierte, ist wohl an der Gedenktafel vorbei gekommen, die vom Geburtsort dieses Emanuel Schikaneder erzählt – mit dem Buch wandert man nun durch das Schicksal eines Mannes, der sich früh und unausweichlich entschied, Theatermann zu werden. Das gewählte Präsens holt mit oft flotten Formulierungen die Ereignisse zum Leser, wir begleiten den „blendend aussehenden“ Schikaneder (so etwas hat nie geschadet) durch seine Zeit beim „fahrenden Gesindel“, den so reich (am Existenzminimum) vorhandenen Wanderbühnen der Epoche, und erleben ihn etwa als Hamlet, Othello und Richard III. (wie das gewirkt hat, kann man sich allerdings nur vorstellen…).
Und immer wieder schaltet die Autorin das Schicksal jenes Mannes parallel, der letztendlich dafür verantwortlich sein wird, dass ein ambitionierter Wanderschauspieler in die Regionen der Unsterblichkeit aufsteigt: Mozart. (Beide hatten übrigens viel für Frauen übrig…)
Es ist ein Wanderleben, das Schikander fast vierzig Jahre lang durch die Städte Deutschlands und der Habsburger-Monarchie hetzt (dies allerdings keinesfalls unbeachtet), bis er 1789 endlich in einem „bunten, chaotischen und lauten Wien“ landet, das ganz nach seinem Geschmack ist, vor allem in jenem Freihaus, dessen Theater Opern-Weltgeschichte machen wird.
Schikaneder, der auch in Wien schnell den „windigen“ Ruf genießt wie anderswo, profitiert davon, dass Mozart am Tiefpunkt ist – Leopold II. hat Da Ponte entlassen, für Mozart interessiert sich seit dem Tod von Joseph II. keiner mehr, seine finanzielle Lage ist miserabel. Da wendet man sich auch dem nicht gerade großartig beleumdeten Schikaneder zu. Das Ergebnis ist bekannt und heißt „Die Zauberflöte“…
Nach Mozarts Tod ist die Biographie Schikanders, zumindest was den Umfang des Buches betrifft, gerade erst in der Mitte. Die folgenden Jahre sind nicht schön: Schikander bekommt mit, wie gnadenlos man in dieser Stadt Wien verfolgt werden kann, wenn man nicht die richtigen Freunde, wohl aber die richtigen Feinde hat. Aufgeben will er nicht, er versucht es auch noch anderswo, aber es ist Wien, wo er schließlich am Alsergrund stirbt, bereits in miserablem Zustand, verwirrt und schwer krank. Mozart war zu früh abgetreten, Schikander, so resümiert die Autorin, am 21. September 1812 zu spät…
Erwähnenswert auch die durchgehende, liebenswerte Bebilderung des Buches – schwarzweiß im Lauftext zwar, aber die alten Stiche immer quasi kommentierend, illustrierend zum Text eingesetzt. Das macht ein Buch komplett, das man auf vielen Ebenen (als unterhaltende Lebensgeschichte, als reich dokumentierte Zeitgeschichte, als zusätzliche Mozart-Lektüre) mit Gewinn lesen kann.
Renate Wagner
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Kitzmantel: DIE JIDDISCHE WELT VON GESTERN

Raphaela Kitzmantel:
DIE JIDDISCHE WELT VON GESTERN
Josef Burg und Czernowitz
190 Seiten, mandelbaum verlag, 2012
Das Land hieß „die Bukowina“, und die Stadt hieß Czernowitz, und wohin es den Dichter Josef Burg im Laufe seines Lebens auch verschlug, dies bewahrte er in seinem Herzen: In einem geradezu ergreifenden Buch schildert die Autorin Raphaela Kitzmantel das Schicksal eines Dichters, der in seiner Lebenszeit (1912 bis 2009) seine Heimat zwar verloren, aber immer in sich getragen hat. Dass Josef Burg heute nicht so populär ist, wie er es sein könnte oder vielleicht sogar müsste, liegt daran, dass er immer am Jiddischen festgehalten hat – und außer Isaac Bashevis Singer hat noch kein Dichter dieser Minoritäten-Sprache seinen Weg in die große Welt der etablierten, anerkannten Literatur geschafft.
Obwohl das Habsburger Reich sechs Jahre nach seiner Geburt unterging, wo die Nationalitäten – und man sollte sich diese Aussage merken – zumindest in der Bukowina friedlich, tolerant und verständnisvoll miteinander lebten, blieb diese Welt für Josef Burg unverloren. Wobei auch, wie die Autorin es genau analysiert, die meisten Juden dort sich vor allem einem deutschsprachigen Bildungsbürgertum verbunden fühlten. Mehr als den orthodoxen, nicht assimilierten Juden, und mehr jedenfalls als den neuen Machthabern, die nach den Österreichern kamen: Das waren erst im Ersten Weltkrieg die Russen als Besatzer, dann die Rumänen, schließlich die Ukrainer, denen das Land heute gehört.
Die so selbstverständlich multikulturelle Gesellschaft des habsburgischen Kronlandes prägte Josef Burg, obwohl er nicht von Intellektuellen, sondern ganz einfachen Leuten abstammte. In frühen Werken hat er die harte ländliche Arbeitswelt geschildert, aus der er selbst kam. Jiddisch war die Sprache, jüdische Frömmigkeit bestimmte den Alltag, intelligente Rebbe formten die intelligente Jugend. Auch Kollegin Rose Ausländer schrieb einmal, dass man „Czernowitz atmet“: Josef Burg ging es genau so. Er blieb der Bukowina verhaftet, machte sie zum ewigen Thema seiner schriftstellerischen Arbeit. Und ganz seltsam ist, dass er sich noch bis zu seinem Tode im Grunde als – Österreicher fühlte…
In den dreißiger Jahren war Burg bis zum „Anschluss“ in Wien, wo er sich sehr wohl fühlte. Der „Anschluss“ vertrieb ihn, zurück nach Hause. Dann kamen die Sowjets, die absolut keine Judenfreunde waren und Synagogen auflösten und intellektuelle Juden nach Sibirien verschickten, abgesehen davon, dass ihr Eintreffen nun endgültig das Ende des deutschen Kulturlebens in Czernowitz bedeutete. Während des Krieges kamen wieder die Deutschen, und es ist geradezu schrecklich zu lesen, wie jede neue Machtübernahme für die Juden stets nur eine Perpetuierung einer gegen sie gerichteten Schreckensherrschaft bedeutete…
Burg war Lehrer geworden. Von 1941 bis 1959 (!) verschlug es ihn in die Sowjetunion, wo er als Deutschlehrer arbeitete, sogar bis Usbekistan kommend. Stalin bedeutete für Juden eine fast so tödliche Gefahr wie Hitler: Burg überlebte in den „schwersten Jahren meines Lebens“.
Noch einmal durfte er nach Czernowitz, und das immerhin für die restlichen 40 Jahre seines Lebens, aber „die Steine unter meinen Füßen weinten“: Es war natürlich nicht mehr die Stadt seiner Kindheit. Armselig lebend, konnte er dennoch wieder – wie schon in seinen Jugendjahren – als jiddischer Schriftsteller Fuß fassen, eine „Karriere“, die schrecklich unterbrochen worden war. Manche taten ihn als „Nostalgiker“ ab, viele anerkannten ihn als großen Schriftsteller einer unter gegangenen Welt. Burg hat auch das deutsche Volk nie kollektiv verurteilt: „Ich glaube nicht, dass ein ganzes Volk schuldig sein kann. Schuldig sind nur die Mörder.“
Den Traum eines lebendigen jiddischen Czernowitz, das wieder aufleben sollte, konnte Burg nicht erfüllt sehen. Die untergegangene Donaumonarchie blieb sein Ideal, eine Begegnung mit Otto von Habsburg war ihm wichtig, rührte ihn. Literaturkritiker erinnert er an Joseph Roth. Nun, da man seine ergreifende Biographie gelesen hat, möchte man Josef Burg selbst lesen. Auf Deutsch natürlich, immer um seine jiddische Identität wissend.
Renate Wagner
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JÜDISCHES WIEN

JÜDISCHES WIEN
Vorwort Robert Schindel
188 Seiten, mandelbaum Verlag 2012
Der Mandelbaum Verlag spezialisiert sich auf jüdische Themen, und ist mit seinen Stadtführern auf der Suche nach dem jüdischen Anteil schon in Paris und Istanbul, München und Amsterdam, London, Prag und Budapest fündig geworden. Das jüdische Wien hat eine lange, nicht immer ehrenhafte und doch in Details prachtvolle Geschichte – wenn Autor Robert Schindel in seinem Vorwort erzählt, wie Kinderschwestern den „Judenbalg“ unter anderen Kleinkindern vor dem Zugriff der Nationalsozialisten versteckten… Auch das gab es.
Und ein „Jüdisches Wien“ existiert nach wie vor, abgesehen von jenem Zweiten Bezirk, der Leopoldstadt, der „Mazzes-Insel“, wo sich noch immer die meisten Juden der Stadt aufhalten. Darum sind dort die Eintragungen zahlreich. Aber, und das zeigt, dass man es zumal im Wien des Kaisers Franz Joseph auch als Jude zu etwas bringen konnte, noch mehr Hinweise auf jüdische Gebäude, Orte, Gedenkstätten gibt es im 1. Bezirk und der Ringstraße: Dort, wo die Reichen und Erfolgreichen zuhause waren.
Dieser Wien-Führer der Jüdischen Art zählt aber nicht nur die Palais auf (das Arnstein, das Epstein, Lieben-Auspitz, Ephrussi, Schey, Königswarter, Gomperz, Todesco, Gutstein – es waren viele und man erfährt so manches über die Besitzer, die Architekten, die individuelle Geschichte), auch der Stefansdom ist eine Eintragung wert, selbst wenn es hier um etwas Negatives geht: Der gehörnte Judenhut, der im Riesentor abgebildet ist, gilt als Zeichen des klerikalen Anti-Judaismus…
Kaffeehäuser, Cabarets, Schulen, Spitäler, Geburts- und Wohnhäuser prominenter Juden mit Gedenktafeln, Tempel, Villen, und, wenn man in die Außenbezirke kommt, Friedhöfe dominieren in der Information: Nicht nur am Zentralfriedhof gibt es einen jüdischen Teil, der zu den großen Sehenswürdigkeiten Wiens zählt, auch auf den anderen Friedhöfen sind zahlreiche prominente Juden beerdigt – wenn auch Theodor Herzl nicht mehr unter dem Grabstein am Döblinger Friedhof ruht, sondern nach Israel überführt wurde.
Es ist überraschend, wie vieles man auch dann „neu“ findet, wenn man meint, sich bei einem Thema einigermaßen auszukennen. Diesen Hochmut bekommt man weggeräumt, und man kann mit diesem Buch in der Hand viel Neues finden und lernen.
Renate Wagner
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Lotte Ingrisch: DIE GANZE WELT IST SPASS

Lotte Ingrisch:
Die ganze Welt ist Spaß
Erinnerungen in Anekdoten
272 Seiten, Amalthea Verlag 2012
Sie ist ein Wiener Markenzeichen, fast schon ein Kennzeichen der Stadt: Lotte Ingrisch, scheinbar so verhuscht, hintergründig humorvoll, esoterisch tätig (Selbstdefinition: Stenographin des Totenreichs) und dabei doch ausreichend von dieser Welt, um das Publikum auch anekdotisch zu unterhalten, was sie in dem Buch „Die ganze Welt ist Spaß“ hinreichend tut. Ihr hoch entwickelter Sinn für Spinner, ihr Blick für Skurrilitäten ist es, die das Besondere ihrer Betrachtungen ausmachen. Abgesehen von ihrer Selbstironie – sie ist es nämlich, die sie bei diesen Anekdoten am meisten auf die Schaufel nimmt…
Lotte Ingrisch hat, wie bekannt, den österreichischen Komponisten Gottfried von Einem geheiratet (mit dem sie sich auch jetzt, da er schon lange - seit 1996 – tot ist, in regem spirituellen Austausch befindet). Das macht ihr Buch, da sie gerne und viel von ihm erzählt, auch für Musik- und Opernfreunde so interessant. Ihre Zusammenarbeit erwuchs aus Einems Forderung: „Ein Text muss mich gewissermaßen erotisieren, ich kann ihn sonst nicht komponieren.“ So kam Lotte an die Reihe – das Ergebnis hieß „Jesu Hochzeit“, die Folge war eine andere Hochzeit.
Apropos die erwähnten Skurrilitäten: Nicht nur, dass Einem dem Standesbeamten ein Trinkgeld gab, damit er keine Rede hielt, angeblich versuchte Dirigent Carl Melles bei der Hochzeit auch, die Einem-Köchin Maria ins Stundenhotel abzuschleppen…
Wie naiv die gute Lotte sich darstellt, erlebt man bei der Schilderung ihres ersten Konzerts an Einems Seite. Das sei aber gar nicht schön, flüsterte sie, als die ersten Töne erklangen. „Sei still“, zischte Einem, „die stimmen die Instrumente!“
Es wurde dem Wiener Mädel auch nicht in die Wiege gesungen, dass sie mit dem adeligen Einem als „Frau Baronin“ in die High Society Wiens gelangen sollte – sie, die nie etwas von Mode verstand und die Escada-Ladies mit ihren Dritte-Welt-Fähnchen verstörte. „Die Lotte schaut immer so seltsam aus“, meinte Pussy Mautner-Markhof… Sie kommentiert das so: „Ich leiste mir den Luxus des einfachen Lebens.“
Glücklicherweise war Einem genau so alternativ wie die seltsame Schriftstellerin, die er sich da geangelt hatte. Er schrieb, vollbärtig, auch Autogramme als „Karl Marx“. Promis aller Arten, von Friedrich Dürrenmatt bis Friedrich Torberg, von Carl Zuckmayer bis Franz Theodor Csokor, von Rolf Liebermann bis Erich Kästner, von Kardinal König bis zum Dalai Lama geistern durch die Geschichten, und meist wird dabei sehr viel getrunken.
Einems Lieblingsfeind war Herbert von Karajan. Für den umstrittenen Kurt Waldheim setzten Einem und Lotte sich ein, was ihnen so mancher übel nahm. Landeshauptmann Pröll wird auch nicht gerne lesen, was Lotte Ingrisch verrät: Als Lieblingsdichter gab er Lotte Ingrisch an, um später zu erklären, er habe außer Karl May noch nie ein Buch gelesen…
Ja, bei der unschuldsvollen Lotte ist keiner seiner Reputation sicher. Viele Leute werden das Buch am Ende nur lesen, um sich auf die Spuren vieler Fettnäpfchen zu setzen, die für den Leser natürlich sehr amüsant, für den Betroffenen wohl eher peinlich sind.
Aber meist kommen, wie gesagt, die Einems selbst dran. Die Kassierin beim Meinl am Graben sah dem bärtigen Herren einmal nach und sagte laut hörbar: „Fesch is’ er! Nur schad, dass er so a grausliche Musik schreibt.“ In Wien erkennen sogar die Verkäuferinnen einen Komponisten und meinen sogar zu wissen, wie seine Musik klingt…!
Renate Wagner
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Jürgen Wilke: …UND IMMER WIEDER VON VORN

Jürgen Wilke:
…UND IMMER WIEDER VON VORN
Mein Leben. Aufgezeichnet von Wolff A. Greinert
315 Seiten, Amalthea Verlag 2012
Wessen Wiener Theatererinnerungen länger zurückreichen als nur kurze Zeit, der erinnert sich im Burgtheater der sechziger Jahre an einen wunderbaren Tempelherren an der Seite von Ernst Deutschs Nathan oder einen prächtigen Max Piccolomini neben dem Wallenstein von Ewald Balser. Jürgen Wilke, der nächstes Jahr 85 wird, blickt auf eine lange, glanzvolle Theaterkarriere zurück, und die meiste Zeit davon hat er, der blonde Recke aus Norddeutschland, in Wien verbrachte.
Das heißt, jahrzehntelang war er auch der mächtigste „Impresario“ des Niederösterreichischen Theatersommers, als er gleichzeitig die Festivals in Perchtoldsdorf, Stockerau und Laxenburg leitete. (Die Intendanz von Laxenburg hat er erst letzten Sommer zurückgelegt.) Denkt man als Theaterfreund an die wunderbaren Klassiker-Produktionen zurück, die er etwa mit dem großen Romuald Pekny in Perchtoldsdorf auf die Bühne brachte, weiß man, wie dankbar man ihm sein muss.
Jürgen Wilke hat viel zu erzählen, es war Zeit, dass er seine Erinnerungen niederschrieb. Wolff A. Greinerthat es liebevoll und detailgenau für ihn getan. Wlke-Originalton in der ersten Person wechselt mit ergänzenden Schilderungen ab. So richtig interessant wird seine Karriere, als er Anfang der fünfziger Jahre zu Gustaf Gründgens nach Düsseldorf kam, dem faszinierendsten Theatermann seiner Zeit, bei dem er vier Spielzeiten verbrachte, dann noch eine weitere in Hamburg. Wilkes Schilderung, wie Gründgens gearbeitet hat, werden jeden Theaterfreund fesseln.
Wilke kam 1956 unter Adolf Rott an das Wiener Burgtheater, und wie viele Direktoren er dort bis Claus Peymann aktiv erlebt hat, müsste man nachzählen (es gibt einen vorzüglichen Anhang mit allen seinen Theaterrollen). Wilke ließ es aber mit dem Burgtheater nie bewenden – immer gab es noch andere Engagements, sein Fleiß war ungeheuer. Nur Film und Fernsehen haben in seinem künstlerischen Leben so gut wie keine Rolle gespielt – sonst wäre seine Popularität vermutlich noch um ein vielfaches größer.
Zwischen den Buchseiten entsteht das Porträt eines Mannes, der seinen Beruf genau nimmt, der sich bis ins kleinste Detail um alles kümmert, der folglich in hohem Maße geeignet war, nicht nur selbst auf der Bühne zu stehen, sondern auch zu organisieren – zuletzt auch noch das Tourneetheater „Der Grüne Wagen“.
Besonders schön ist der überreiche Bildteil, der aus dem Besitz des Künstlers stammt und den privaten Wilke ebenso zeigt wie den Schauspieler. Einmal sieht man ihn mit Helene von Damm. Seit Reagans ehemalige Botschafterin in Österreich seine Lebensgefährtin ist, ist Wilke auch zu einem Liebling der Wiener Society aufgestiegen.
Renate Wagner
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DIE LANDSTRASSE

Hrsg. Rudolf Zabrana
DIE LANDSTRASSE
Eine Kulturgeschichte des 3. Wiener Gemeindebezirks
184 Seiten, Großformat, Amalthea Verlag 2012
Schön, dass es solche Bücher gibt – Autoren, die sich die Mühe nehmen, Text und Bildmaterial zusammen zu tragen, Sponsoren, die meinen, dass dergleichen Sinn und Zweck hat, und ein Verlag, der bereit ist, ein wirklich schönes Buch zu machen. Wiens Dritter Bezirk, die Landstasse, hat nun ein reiches Kompendium von g’schmackig zusammen gestelltem Wissen gefunden.
Herausgeber Rudolf Zabrana, in Erdberg geboren (also ein echter Landstraßler), seines Zeichens Architekt, Lokalpolitiker, Hobbyhistoriker, hat sich mit Karl Hauer, der sich mit Bezirks- und Zeitgeschichte befasst, und dem Fotografen Gerhard Trumler für einen Spaziergang durch den Dritten Bezirk zusammengeschlossen. Jeder Wiener weiß, dass Wien einfach nicht Wien ist, sondern ein Zusammenschluss von Biotopen, die ihre eigene Geschichte und auch noch Subgeschichte haben (denn Erdberg ist Erdberg, der Weisgerbergrund, wo einst ein Hetztheater stand, und St. Marx mit dem Friedhof, wo Mozart begraben wurde, stehen ebenso für sich - und sind nicht bloß „Landstraße“…).
Der Spaziergang erfolgt chronologisch, bewohnt wurde die Region schon in der Jungsteinzeit, auch die Römer waren hier (ein reicher unter ihnen baute sich da gar eine Villa, wie man aus Fundresten schließen kann), für die Babenberger war dies ein Bestandteil ihres Besitzes, und zur Zeit der Habsburger beginnen dann auch schon die bis in die Nachwelt bekannten Persönlichkeiten, die sich genau hier niederließen. Freilich, etwas Grandioseres als das Belvedere des Prinzen Eugen hat der Bezirk nicht zu bieten, wenn auch einen später fast genau so berühmten Einwohner: den Fürsten Metternich, der ja behauptet hat, hinter dem von ihm bewohnten Rennweg fange der Balkan an…
Das Arsenal, ein jüdisches Viertel, Otto Wagners Stadtpark-Stadtbahnstation, ein paar bemerkenswerte Gemeindebaukoplexe, der Gefechtsbunker im Arenbergpark, die einmal „besetzte“ Arena und zukunftsweisende Beispiele moderner Architektur sind andere Schwerpunkte, die auf ein Stück Wiener Geschichte verweisen: Wahrlich, in dieser Hinsicht ist es ein besonders reicher Bezirk… (Und nebenbei ist der Amalthea Verlag, der das Buch herausgibt, am Heumarkt zuhause, erzählt also sozusagen auch vom eigenen „Krätzl“.)
Zu der historischen Schilderung kommen immer wieder Exzerpte aus Büchern, die einen originalen Ort oder eine Begebenheit hier schildern, und zu historischem Material gesellen sich die Fotos von heute. Am Ende kann man Straßen und nicht zuletzt berühmte Bewohner nachschlagen: Nach der unvergesslichen Hilde Güden, die in der Gerlgasse wohnte, soll hier einmal ebenso eine Straße benannt werden wie nach Leonie Rysanek, den Schwestern Konetzni, Ernst Deutsch und Adrienne Gessner, alle Bewohner des Dritten Bezirks.
Renate Wagner
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ISARLUST – Entdeckungen in München
ISARLUST – Entdeckungen in München – Peter Klimesch, MünchenVerlag
Das Wort „Lust“ kann man bei Inbetrachtnahme dieses schönen Wort-Bild-Bandes auf Vieles daran anwenden:
Zunächst kann man sich beim Durchschauen dieses Buches schon mal ausgiebig damit selbst verlustieren. Wenn man das dann gemacht hat, kann man durchaus Lust bekommen zur Begehung der wunderschön renaturierten Isarauen.
Viel Wissenswertes erfährt man von Klimesch über die Geschichte der Isar, sie einsäumende Gebäude, ihre Brücken (die man von untern erst richtig sieht) sowie frühere und heutige Verläufe und über das Warum, Wieso, Weshalb; illustriert mit historischen und zeitgenössischen Karten und Fotos.
Man klemme sich also Klimeschs Buch unter den Arm und spaziere das Beschriebene mit Lust in Teilstücken ab – immer ausgerüstet mit einer entsprechenden Brotzeit zum Picknicken natürlich. Dazu lohnt sich dann auch ein Ausflug einmal vom Land rein in die Stadt um diesen Natur-Kultur-Strang durch München, die „Isarmetropole“ auf sich wirken zu lassen.
ISBN 978-3-937090-47-4 / 24,80 € www.muenchenverlag.de
Im MünchenVerlag gibt es außer diesem schönen Buch auch mehrere Stadtteilbände von diversen Autoren, in gleicher Aufmachung.
Wer noch mehr über die Renaturierung wissen möchte, die abgeschlossene und die noch geplante >> www.deine-isar.de
D. Zweipfennig
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W. Edgar Yates: BIN DICHTER NUR DER POSSE

W. Edgar Yates
„BIN DICHTER NUR DER POSSE“:
JOHANN NEPOMUK NESTROY
Versuch einer Biographie
312 Seiten. Verlag Lehner, Reihe „Quodlibet“, 2012
Die Wienbibliothek im Rathaus war der optimale Rahmen, um die Biographie vorzustellen, die W. Edgar Yates dem Dichter Johann Nestroy zu dessen 150. Todestag gewidmet hat – denn hier, in der einstigen „Stadt- und Landesbibliothek“, befindet sich der Nachlass des Dichters, hier hat Yates schon seit über einem halben Jahrhundert (schon von seiner Dissertation an) an österreichischen Dichtern gearbeitet (auch Grillparzer und Schnitzler). Vor allem aber an Johann Nestroy.
Denn schließlich zählt er seit dreieinhalb Jahrzehnten (!) zu jener genialen „Viererbande“, wie Hubert Christian Ehalt (zuständig für die Wissenschaftsförderung der Stadt Wien) sie nannte, die die Historisch-kritische Ausgabe von Nestroy herausgegeben haben, die derzeit bei ca. 55 Bänden hält (so genau weiß das niemand, ein weiterer Band kommt offenbar noch). Neben Yates waren dies Jürgen Hein, Johann Hüttner und Walter Obermaier (die beiden letztgenannten anwesend), die dieses Monsterwerk unter der Patronanz der Internationalen Nestroy-Gesellschaft und mit finanzieller Unterstützung der Stadt Wien geleitet haben.
Das bedeutete für Yates wahrlich Jahrzehnte im Dienste Nestroys, er hat sieben Bände der Ausgabe betreut, dazu noch zwei als Co-Autor, das Gesamtgeschehen überwacht – und „nebenbei“ war er noch Professor für deutsche Literatur an der englischen Universität Exeter und als solcher, wie Alfred Pfoser, Leiter der Druckschriftensammlung der Wienbibliothek, in seiner Einleitung sagte, internationaler Botschafter der österreichischen Literatur und Kultur, die er mit dem souveränen Blick des englischen Gentleman betrachtet.
W. Edgar Yates hat dann selbst festgehalten, mit welchen Voraussetzungen er an sein Buch herangegangen ist, das mit 312 eng bedruckten Seiten absolut kompakte Information liefert und zielstrebig bebildert ist (dass Verleger Johann Lehner „wie immer ein sehr schönes Buch“ gemacht hat, betonte der Autor zu Recht). Erstens ging es ihm um ein möglichst zusammenhängendes Bild von Nestroys Privatleben und Theaterlaufbahn, wozu er bemerkte, dass das Theater ja eigentlich Nestroys Leben war. Zweitens hat er sich – wozu sich Wissenschaftler selten verstehen – die Vorgabe gesetzt, „gut lesbar“ zu sein, ohne den wissenschaftlichen Jargon und einen Dschungel von Fußnoten. Drittens wollte er nicht nur die neuesten Forschungsergebnisse reflektieren, sondern diese auch durch Angaben möglichst im Text selbst nachvollziehbar machen.
Dass Nestroy selbst, mit Briefen, Werken, Dokumenten im Mittelpunkt steht (und nicht die Sekundärliteratur), war ihm wichtig, vor allem, weil es bei diesem Dichter relativ wenige Selbstzeugnisse gibt – wobei dies durchaus beabsichtigt sein konnte, da sich der private Nestroy nicht gerne preisgab. Wenn der Dichter in seiner Zeit im Zentrum steht, so wünscht sich der Autor natürlich, dass der Leser nach der Lektüre erkennt, dass der Titel mit Nestroys bescheidener Selbstaussage – „Bin Dichter nur der Posse“ – außer Kraft gesetzt wird: Er sei auch aus internationaler Perspektive einer der ganz großen satirischen Dramatiker der Weltliteratur, hielt Yates fest.
Noch eine Marginalie: Glücklicherweise haben das Ministerium für Wissenschaft und Forschung, die Kulturabteilung der Stadt Wien und die Österreichische Nationalbibliothek sich in der Subvention des Buches nicht lumpen lassen: Es enthält (neben Schwarzweißbildern, die durchgehend im Text verteilt sind) zwei farbige Bildteile, und da ist auch jenes Gemälde des Franzosen Charles-Louis Muller abgebildet, vor dem Nestroy in Paris ohnmächtig zusammen gebrochen ist. Seine Affinität zum Tod, die ihn offenbar stets begleitete, wurde durch dieses heftige Gefängnisbild aus der Französischen Revolution, in dessen Zentrum offenbar ein zum Tode Verurteilter seinen Abschiedsbrief schreibt, zutiefst getroffen… Gleich dahinter flattert Nestroy als Jupiter in Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“: Er war eine Persönlichkeit der extremen Gegensätze. „Es war ein höchst wechselvolles Leben“, resümierte Yates Nestroy und sein Buch.
Renate Wagner
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„A. IST MANCHMAL WIE EIN KLEINES KIND“

Stefan Kurz / Michael Rohrwasser / Daniel Schopper
„A. IST MANCHMAL WIE EIN KLEINES KIND“
Clara Katharina Pollaczek und Arthur Schnitzler gehen ins Kino
400 Seiten. Verlag Böhlau 2012
Das Leben erfüllt nicht alle Wünsche. Clara Katharina Pollaczek (1875-1951) hätte gerne Arthur Schnitzler geheiratet. Und vermutlich träumte sie auch davon, dass sie als Schriftstellerin weit über ihren Tod hinaus bekannt wäre. Nichts davon ist geschehen. Man kennt diese Clara Loeb, verheiratete Pollaczek, die sich später amtlich die pompöse „Katharina“ in ihren Namen schreiben ließ, im Grunde nur, wenn man genauer mit Arthur Schnitzler befasst war. Dann allerdings galt der „Pollaczek-Nachlass“ in der damals so genannten „Stadtbibliothek“ (heute die Wien Bibliothek im Rathaus) als kostbarer Geheimtipp.
Denn Jahre nach Schnitzlers Tod hat Clara, wie man sie einmal verkürzt nennen darf, ihre Erinnerungen an die gemeinsame Beziehung niedergeschrieben. Das umfangreiche, maschinengeschriebene Manuskript nennt sich „Arthur Schnitzler und ich“ und enthält Tagebuch-Aufzeichnungen Claras, Lamenti über die Beziehung und viele Briefe. Für Einblicke in den Alltag des Dichters sind die Aufzeichnungen unschätzbar. An eine Veröffentlichung des gesamten Konvoluts hat leider noch niemand gedacht.
Es war das wissenschaftliche Interesse an Arthur Schnitzlers Kinobesuchen, das nun auf Umwegen zu Clara Katharina Pollaczek führte. („Arthur Schnitzler und der Film“, über die Verfilmung seiner Werke, die Drehbücher etc. ist in mehreren anderen Publikationen aufgearbeitet, darunter einem hervorragenden Band des Wiener Filmarchivs.) Michael Rohrwasser, seit 2005 Professor für neuere deutsche Literatur an der Universität Wien, veranstaltete dazu ein Seminar, Stephan Kurz, Assistent am Institut für Germanistik, wandte sich in diesem Zusammenhang dem Pollaczek-Nachlass zu, und herausgekommen ist eine Zusammenführung des Schnitzler-Tagebuchs und der Pollaczek-Aufzeichnungen zum Thema Kino. Denn eine Hauptbeschäftigung des von 1923 bis zu Schnitzlers Tod 1931 liierten Paares bestand in Kinobesuchen.
Wobei Michael Rohrwasser, wissenschaftlich fundiert, drei Motive für Schnitzlers geradezu exzessive Kinobesuche in den zwanziger Jahren herausarbeitete: Das Medium interessierte ihn, den Theaterautor, geschäftlich, weil hier durchaus Geld zu holen war (so misstrauisch er der Filmbranche gegenüber stand); er suchte ganz einfach Zerstreuung, Ablenkung, leichte Unterhaltung, was auch die Wahllosigkeit der Filmbesuche erklärt; und er ging lieber ins Kino als ins Theater, einfach um in der Öffentlichkeit nicht erkannt zu werden.
Nur in einem Exkurs erwähnt Michael Rohrwasser, was zweifellos ein Hauptmotiv von Schnitzlers Kinobesuchen war: Seit seinem dritten Lebensjahrzehnt wurde er zunehmend schwerhörig, Theater zu verstehen, bereitete ihm Schwierigkeiten, der Genuss an Musik reduzierte sich durch das dauernde Zwitschern in seinem Ohr – die Filme, die er sah, waren Stummfilme, sie allein ermöglichten ihm ein schrankenloses Genießen (so wie alle anderen Mitmenschen, die nicht hörbehindert waren). Der große Bruch zwischen Stumm- und Tonfilm erfolgte um das Jahr 1930, Schnitzler hat mit seinem Tod 1931 den vollen Siegeszug des Tonfilms nicht mehr erlebt. Er hätte ihm, dem fast Tauben, das Medium auch weniger erstrebenswert gemacht.
Und was die Beziehung zu Clara Katharina Pollaczek betraf, so war diese extrem schwierig, vor allem auf Grund ihrer Totalitätsansprüche auf ihn, die er nie akzeptierte. Clara musste sich abfinden, dass Schnitzlers geschiedene Frau Olga nach wie vor ihren Platz in seinem Leben behauptete, dass Schnitzler durchaus Freundinnen neben ihr hatte (etwa Hedy Kempny), und in seinen letzten Jahren erlebte er mit Suzanne Clauser noch eine große Passion, die ihn weit tiefer berührte als die Beziehung zu Clara je. Wie schwierig es zwischen ihnen lief, zeigte sich oft bei Spaziergängen, wo Schnitzler stundenlang schweigend neben Clara herging, was sie nahezu zur Raserei trieb. Da war es eine sozialpsychologisch relativ einfache Lösung im Beziehungs-Joch, gemeinsam ins Kino zu gehen… Man musste nicht miteinander reden und hatte nachher, beim Essen, etwas, worüber man sich neutral unterhalten konnte.
Diese Kinobesuche stellen nun nach den einleitenden Artikeln (neben Rohrwassers Schnitzler-Artikel zeichnet Kurz den Lebensweg Claras nach) den Hauptteil des Buches. Dabei werden seine und ihre Tagebuchaufzeichnungen zitiert, auch mit den flankierenden Angaben: Wenn etwa Schnitzler am 7. März 1929 verzeichnet, man habe den „Adjutant des Zaren“ gesehen und anfügt, „Linde genachtmahlt“, so nennt Clara den Titel des Films nicht, wohl aber, das man in der „Linde“ Franz Theodor Csokor getroffen habe, was Schnitzler wiederum keinerlei Erwähnung wert war…
Dennoch stellen in diesem zentralen Teil des Buches die Filme selbst den Schwerpunkt dar, denn die Autoren haben sich die Mühe gemacht, jeden einzelnen gesehenen Film aufzustöbern (manchmal nur auf Grund der Erwähnung des besuchten Kinos, wo man dann aus den Zeitungen herausfinden konnte, was gespielt wurde) – und diese Filme mit Datenmaterial, Inhaltsangabe und Kritiken zu versehen, wie man sie aus zeitgenössischer Literatur herausholen konnte. Eine enorme Arbeit, die letztendlich den Filmwissenschaftler, den Filmfreak zum Adressaten dieses Buches macht. Zumal es noch einen interessanten Überblick über die damaligen Lichtspielhäuser Wiens und die Arten, damals “ins Kino zu gehen”, gibt. Große Mühe hat man sich auch mit einem exorbitanten Personenverzeichnis gegeben.
Die für den Titel gewählte Formulierung „A. ist manchmal wie ein kleines Kind“ schrieb Clara am 17. November 1927 nieder, als er offenbar darauf bestanden hatte, direkt zweimal hintereinander ins Kino zu gehen. Endlich ist sie an der Seite Schnitzlers einen kleinen Schritt aus dem Dunkel der Vergessenheit getreten. Was den Dichter selbst betrifft, so bedeutet dieser Band einen Beitrag zu seinem 150. Geburtstag, der sich zwar auf einer biographischen Nebenschiene bewegt, aber für alle Schnitzler-Freunde natürlich von erheblichem Interesse ist.
Renate Wagner
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Traska / Lind: HERMANN LEOPOLDI

HERMANN LEOPOLDI
HERSCH KOHN
Eine Biographie
Georg Traska / Christoph Lind
288 Seiten, Mandelbaum Verlag 2012
Der Doppeltitel erstaunt zuerst, aber man erfährt im ersten Satz des ersten Kapitels, dass der Mann, den wir als „Hermann Leopoldi“ kennen, als „Hersch Kohn“ am 15. August 1888 in Gaudenzdorf (heute ein Teil des 12. Bezirks) zur Welt gekommen ist. Die beiden Autoren erzählen in einem ausführlichen, reich und informativ bebilderten Buch hier nicht unverbindlich die Biographie eines „Wienerlieder“-Komponisten, sondern mindestens eine Doppelbiographie dieser populären Gestalt der Wiener „Folklore“ – nämlich mit besonderer Betonung seiner Daseins als Jude. Das erklärt sich schon aus dem Verlag, dessen Schwerpunkt jedenfalls auf jüdischen Themen liegt.
Der „Hersch“, der ein „Hermann“ wurde und ein „Leopoldi“, denn so hatte sich schon der Vater genannt, kam aus einer durch und durch musikalischen Familie: Talent für Musik und für die Bühne wurden da vererbt, bereits Vater Leopold war ein Allround-Musiker in allen Traditionen der Doppelmonarchie, und auch der Bruder von Hermann, Ferdinand, ergriff denselben musikalischen Beruf, die beiden traten oft gemeinsam auf.
Hermann Leopoldi (wie wir ihn nennen wollen) kam durch den Ersten Weltkrieg, weil ein „Klavierhumorist“ seiner Art für die Moral der Truppen wertvoll war, und er stürzte sich mit seinem ungeheuren Talent, populäre Lieder zu komponieren und vorzutragen, geradezu in die wilden Zwanziger Jahre. Eine zeitlang waren die Brüder sogar selbst „Unternehmer“, als sie gemeinsam mit Fritz Wiesenthal das „L.W.“ benannte Kabarett betrieben. Man konnte nach dem Ende der Zensur nun auch viel schärfer sein als früher, und man passte sich auch mit „Amerikanismen“ dem neuen Zeitgeist an (wie sehr er das noch würde brauchen können, hat damals niemand geahnt). Dass mit „L.W.“ nur alle anderen Geld machten und die Beteiligten nicht, war seltsam, aber eine Tatsache. Aber es warf Hermann Leopoldi nicht wirklich zurück, denn er war auch bei Gastspielen in Deutschland ein gern gesehener Gast.
Es gab neben seiner Gattin und schon vor Helly Möslein andere wichtige Frauen in Leopoldis Leben, obwohl er selbst versucht hat, seine langjährige Partnerin Betja Milskaja gewissermaßen „herunterzuspielen“. Die dreißiger Jahre waren bis zur Machtübernahme der Nazis in Österreich die ganz große Zeit des Komponisten und Interpreten Leopoldi – bis ihn das jüdische Schicksal ereilte. Neun Monate verbrachte er in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald, wo damals noch nicht fabriksmäßig, aber individuell gemordet wurde (man muss sich vorstellen, dort einen „Buchenwälder Marsch“ zu komponieren!), bis seine Frau, die schon in den USA war, seine Freilassung erreichte. In New York angekommen, küsste Leopoldi die amerikanische Erde (es gibt einen amerikanischen Zeitungsausschnitt dazu) – sein Bruder war nicht davongekommen, er starb an den Spätfolgen eines Gestapo-„Verhörs“.
Der Glücksfall für Leopoldi in den USA war seine Vielseitigkeit als Musiker, die Chancen, die er bekam (im Lokal „Alt Wien“ in Manhattan und anderen „Wiener“ Etablissements in der Emigration) – und die Begegnung mit Helly Möslein, die (er war von seiner Frau bereits weitgehend entfremdet) entscheidend wurde für den Rest seiner noch verbleibenden zwei Lebensjahrzehnte. Warum sich die 25jährige Helly in den mehr als doppelt so alten Leopoldi verliebte – das war eben Schicksal, für beide. Helly, die gebürtige Wienerin, die einen Großteil ihres Lebens in Amerika verbracht hatte, war als Autorin und Sängerin die kongeniale Partnerin von Leopoldi, die auch dafür sorgte, dass er in seinen „amerikanischen“ Jahren den Geschmack des dortigen Publikums traf. Sie ging mit ihm 1947 nach Wien (wo der gemeinsame Sohn Roland 1955 geboren wurde), von da an nannte man beider Namen nur gemeinsam, und so traten sie auch immer auf.
Hermann Leopoldi starb 1959 und bekam ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof – nicht, was gewissermaßen typisch ist, im jüdischen Teil. So konnte auch Helly Möslein nach ihrem Tod 1998 dort begraben werden.
Dieses Buch ist in mancher Hinsicht bemerkenswert, nicht nur, weil es seine Kapitel an den Titeln von Leopoldi-Schlagern entlang führt, von denen man die meisten auf der im Buch enthaltenen dazugehörigen CD hören kann.
Darüber hinaus zitieren die Autoren erstens auf weite Strecken die von Leopoldi selbst geschriebenen, aber nie im Druck erschienenen Memoiren, die sich in der Wien-Bibliothek befinden und die nun solcherart zumindest partiell den Weg in die Öffentlichkeit finden: Vor allem die Aufzeichnungen aus den Konzentrationslagern sind beklemmend.
Zweitens liefern die Autoren bemerkenswerte Analysen, zuerst über das so beliebte „jüdische Kabarett“ der Zwischenkriegszeit, in dem jüdische Komiker sich mit Selbstironie über sich lustig machten – aber, wie „ernsthafte Juden“ sicher nicht ohne Grund bemäkelten, damit auch Klischees fütterten und sich quasi vor einem „arischen“ Publikum klein machten. Man kann dieses jüdische Kabarett auch von der harmlosen Seite sehen (dass „der Jud“ so zur wienerischen „Folklore“ gehörte wie „der Böhm’“ und dies durchaus amikal zu verstehen war), aber auch der andere Gesichtspunkt verdient Beachtung.
Und schließlich überlegen die Autoren auch Leopoldis Haltung nach seiner Rückkehr nach Wien – er konnte nach dem Zweiten Weltkrieg nur in solchen Ausmaße wieder Fuß fassen, weil er selbst darauf verzichtet hat, die Vergangenheit anzusprechen. Andernfalls hätte er angesichts des damals fehlenden Unrechtsbewusstseins vermutlich nur Abwehr ausgelöst – und er war ja doch ein Wiener, der trotz allem wieder „daheim“ sein wollte. Ähnlich verhielt sich übrigens Karl Farkas, was ihm seine Beliebtheit als „Wiener Hausjude“ der Nachkriegszeit sicherte.
Alles in allem – mehr als nur eine Biographie, auch ein Zeitdokument von Rang.
Renate Wagner
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