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Davide BOMBANA

Interview, 10/2009: Davide Bombana, Das Irrationale zieht mich an!

Gespräch mit Davide Bombana


Das Irrationale zieht mich an!

Der italienische Choreograph Davide Bombana stellt sich mit seinem „Carmen“-Ballett, das er für Wien großteils neu gestaltet, am 21. November 2009 in der Wiener Volksoper vor. Wir haben mit ihm über seine Arbeit gesprochen
 
Das Gespräch führte Renate Wagner
Signore Bombana, erinnern Sie sich eigentlich daran, wann Sie Carmen zum ersten Mal begegnet sind?
Mein Onkel war ein Opernfan, also kannte ich Bizets Musik sehr früh. Aber ich gehe – mit Ausnahme von Wagner! – gar nicht so gern in die Oper, viel mehr ins Theater. Also war die erste Carmen, die ich sah, eine getanzte – in den siebziger Jahren in Mailand. Maija Plissezkaja gestaltete sie in einer Fassung von Alberto Alonso, zur Musik ihres Mannes Rodion Schtschedrin. Ich habe später den Opernfilm mit Julia Migenes gesehen und natürlich den Tanzfilm von Antonio Gades.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie sich für ein „Carmen“-Ballett entschlossen haben?
Der Auslöser war, als die Direktion in Toulouse sich ein „Ballett mit Titel“ wünschte, irgendetwas, das das Publikum auf der Stelle elektrisieren würde. Ich dachte an Kafkas „Prozeß“ und an „Carmen“, und es ist wohl nicht erstaunlich, dass die Carmen gewählt wurde…
Ihr Ballett entstand also  2006 für das Ballet du Capitole de Toulouse und wurde dann 2007 in Gera und 2009 in Toronto gezeigt. Das war aber jedes Mal eine 50-Minuten-Fassung. Wie wird sich die Wiener „Carmen“ davon unterscheiden?
Gyula Harangozó hat gemeint, ob man nicht eine abendfüllende Fassung machen könnte, und das ist mir sehr recht. Die 50 Minuten sind zwar sehr konzentriert, aber manches geht zu schnell, was ich jetzt ausarbeiten kann, auch in der Entwicklung der Charaktere.
Sie verwenden auch die Musik von Rodion Schtschedrin, aber nicht ausschließlich.
Rodion Schschedrin ist die Basis, das ist auch wunderbar, Bizets Motive mit einer Art von Schostakowitsch-Sound. Aber für die abendfüllende Fassung muss noch originaler Bizet hinzu. Ich habe auch früher schon Elemente von Meredith Monk und Tambours du Bronx dazu genommen, jetzt gibt es noch zusätzlich Passagen aus Kompositionen von Walter Fähndrich und Alexander Knaifel.
Worauf basiert nun der Charakter Ihrer Carmen? Es gibt ja nur zwei sozusagen „originale“ Vorlagen, die Novelle von Prosper Mérimée, die gar nicht so viele Leute kennen, und die Oper von Bizet nach dem Textbuch von Meilhac/Halevy, das unsere Vorstellung von „Carmen“ geprägt hat.
Ich habe von beiden Fassungen etwas genommen, aber die Figuren dann doch in meinem Sinn durchdacht. Von Mérimée stammt Garcia, Carmens Ehemann, der in der Oper nicht vorkommt, aus der Oper stammt zum Beispiel Micaela, die es in der Novelle nicht gibt. Aber ich denke, ich gehe mit allen Figuren etwas anders um als sonst.
Und das Element „Spanien“, das ja für die Bizet’sche Carmen und das Flair der Figur so bedeutend geworden ist?
Ich mache eine moderne Carmen in einem fixen arena-artigen Raum, der allerdings aus Plexiglas besteht. Das spanische Kolorit ist für mich nicht so wichtig, weil ich das „Problem“ Carmen ins Heute holen will. Die Szene in der Zigarettenfabrik kommt nur am Rande vor. Carmen wird allerdings in der Schenke von Lilas Pastia, die bei mir eine Art Underground-Bar ist, mit einem ganz großen Fächer einen verführerischen Tanz zeigen… das kann man als Zugeständnis an das „Spanische“ nehmen.
Sie sprachen von Veränderungen der Figuren. Eine klassische Deutung stellt Carmen als starke Frau José als schwachem Mann gegenüber. Das ist bei Ihnen anders?
Ja, es ist eine tragische Liebesgeschichte, es sind zwei Naturkräfte, die bei mir in Carmen und José aufeinander treffen, zwei Menschen, denen es unmöglich ist, sich selbst für den anderen aufzugeben. Carmen ist, wie sie ist, und José auch – er will eine Carmen nach seinen Vorstellungen. Er will den Tsunami – und eine Brise daraus machen. Das sind zwei verschiedene Pole, das kann nicht funktionieren, weil beide zu stark sind.
Es geht also um Einsamkeit?
Carmen ist für mich die tragische Geschichte der Einsamkeit des Menschen von heute. Die Situation erinnert mich auch an „Wozzeck“, über den ich auch ein Ballett gemacht habe: Menschen, die in sich verschlossen sind, wo jeder Versuch des Kontakts letztlich scheitert.
Wer ist Carmen bei ihnen? Man hat sie, in den steten Fortinterpretationen der Figur, als Vorläuferin der Emanzen bezeichnet, weil sie dermaßen auf ihre Freiheit und Selbstbestimmung besteht.
Ja, aber das ist kein intellektueller Standpunkt, das kommt aus dem Bauch. Sie ist einfach so, naturhaft, ohne weitere Überlegung.
Welche Funktion hat bei Ihnen Garcia, der Ehemann Carmens?
Er beengt Carmen, er ist ein Hindernis für ihre Freiheit. Sie will José benützen, sie von Garcia zu befreien. Als sie mit Garcia in der Schenke tanzt, tut sie es, um José eifersüchtig zu machen. Sie gibt ihm dann auch das Messer – dieses Messer, das wie ein fatales Requisit immer wieder kommt und mit dem sie am Ende selbst den Tod finden wird.
Und welche Rolle spielt Escamillo?
Escamillo kommt nicht als Mann vor, er wird als Stier symbolisiert. Da gab es übrigens eine starke „spanische“ Anregung, nämlich Picassos so unglaublich archaisches Bild vom Minotaurus, der sich mit der nackten Frau paart. Auch bei mir gibt sich Carmen dem Stier als Inbegriff der Männlichkeit selbst hin. José sieht zu, aber man weiß nicht, ob dies ein Bild seiner überhitzten Phantasie ist, oder ob es wirklich stattfindet. Schließlich wird die ganze Stierkampfszene surreal verzerrt, indem die Toreros in Frauengewändern mit Fächern erscheinen…

Bleibt Micaela, die bei Ihnen ja auch eine große Veränderung erfährt und nicht mehr wie in der Oper die unreflektierte weibliche Reinheit verkörpert.
Ihre Rolle wird in der abendfüllenden Fassung jetzt viel größer. Mit ihr beginnt sowohl der erste wie der zweite Teil. Zu Beginn haben sie und José einen Pas de Deux, in dem sich zeigt, dass sich die beiden auseinander gelebt haben – und José bricht aus, in die Welt Carmens, eine Welt der Leidenschaft. Zu Beginn des 2. Aktes hat Micaela ein langes Solo, zu dem ein Film mit Teilen von Josés Körper gezeigt wird: Sie tanzt ihre ganzen unterdrückten erotischen Sehnsüchte. Als José kommt, ist sie halb entblößt. Aber er will sie nicht – er deckt sie zu und geht weiter zu seinem Schicksal mit Carmen.
Will Carmen sterben?
Bei mir ja, und nicht zuletzt aus einem Grund, der sonst nicht angesprochen wird. Carmen weiß, dass ihre Macht über die Männer mit ihrer Jugend und Schönheit zusammenhängen. Es gibt eine neue, sehr abstrahierte Szene, gleichsam eine Vision, in der Carmen das ganz klar wird, indem sie auf der Bühne mit ihrem älteren Ich konfrontiert wird. Währenddessen zeigen die Projektionen eine junge Hand und eine alte Hand – Hände sind ja auch das Motiv der Wahrsager, des In-die-Zukunft-Sehens… Sie nimmt das Messer in die Hand, und so fällt der Vorhang zur Pause. Ich denke, es wird klar, dass dieses Messer sich am Ende gegen sie selbst richten wird.
Und das Ende?
Da verliert José über der Szene, die Carmen mit dem Stier tanzt, schier den Verstand, und es ist wichtig, dass die Musik hier auch immer gewalttätiger wird. Und dann schließt er die letzte Tür des Arena-Runds, Carmen ist eingesperrt, nach dem Motto: Du musst bei mir bleiben. Da verliert sie die Nerven, tobt, läuft schließlich absichtlich in das Messer. José tanzt mit der Leiche weiter… Keiner hat aufgegeben, jeder ist er selbst geblieben.
Sie arbeiten erstmals mit dem Vereinigten Ballettensemble der beiden Wiener Opernhäuser?
Ja, auch an zwei Orten, wir proben die Gruppenszenen in der Volksoper, die Soloszenen mit den Solisten in der Staatsoper. Die Atmosphäre ist wunderbar, alle Solorollen sind doppelt besetzt, Carmen mit Ketevan Papava und Nina Poláková, Don José mit Eno Peci und Kirill Kourlaev, García mit Denys Cherevychko und Mihail Sosnovschi, Micaela mit Karina Sarkissova und Irina Tsymbal, Escamillo mit Gregor Hatala und Andrej Teterin. Es ist wirklich eine wunderbare Arbeitsatmosphäre mit allen.
Was sind Ihre nächsten Pläne nach „Carmen“?
Ich wollte in Gera die „Gefährlichen Liebschaften“ machen, aber man hat sich für den „Faust“ entschieden – ich habe immer eine große Vorliebe für die Literatur gehabt, habe „Wozzeck“ und „Penthesilea“, „Traumspiel“ und „Lolita“ gemacht, das Irrationale in den Charakteren zieht mich unwiderstehlich an. Ich war elf Jahre lang in Deutschland, hatte eine wunderbare Zeit in München, wo ich sehr gefördert wurde und auch das Glück hatte, sehr viele großartige Theaterinszenierungen zu sehen. An sich ziehe ich Theater ja der Oper vor.
Außer Richard Wagner. Würden Sie je daran denken, ein Ballett nach einer seiner Opern zu gestalten?

Das wage ich nicht – Wagner ist eine Welt für sich, ein Kosmos. „Tristan und Isolde“ ist ein Traum, aber die Oper ist einfach zu perfekt – nein, das wäre einfach zu viel gewagt.

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