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Diana DAMRAU

Interview, 09/2009: Diana Damrau, Man hat nur eine Stimme!

Gespräch mit Diana Damrau

Man hat nur eine Stimme
Diana Damrau kam zu Saisonbeginn als Rosina nach Wien und wird im Jänner an der Staatsoper ihre erste Manon singen. Mit dem “Neuen Merker” sprach sie über ihre Wiener Vergangenheit und Gegenwart und über eine Zukunft, in der die wunderbarsten Rollen auf sie warten.
Das Gespräch führte Renate Wagner
Frau Kammersängerin Damrau – Bayerische Kammersängerin, aber wir sind sicher, die Österreichische wird irgendwann folgen -, Wiens Opernfreunde sind sehr glücklich, dass Sie nun im September zweimal die Rosina an der Staatsoper gesungen haben. Als Sie am Ende der vorigen Spielzeit die Aminta in der “Schweigsamen Frau” abgesagt haben, gab es jede Menge Getuschel…
Ich weiß, aber um Gottes Willen! Leute haben mir Briefe geschrieben und sich erkundigt, ob ich mit der Direktion Streit gehabt hätte. Keinesfalls, ich war wirklich leider sehr krank. Ich hatte davor viel gearbeitet, und dann war ich so ausgepowert, dass ich eine schwere Erkältung bekam. Glauben Sie mir, niemand sagt gerne oder gar mit Vorsatz ab! Zumal ich die Partie für Wien eigens gelernt und mir Arme und Beine ausgerissen habe, um sie rechtzeitig zu können.
Den Wienern geht die Aminta der Diana Damrau ja nun verloren, aber Ihnen glücklicherweise nicht.
Ich werde die Partie bei den nächsten Festspielen in München singen. Dort gibt es andere Striche, als man sie in Wien gemacht hat. Für mich ist es ein Vorteil, dass ich die Partie schon kann, denn jetzt weiß ich auch, wo ich mich wehren werde, wenn man möglicherweise etwas streichen möchte, das ich unbedingt drinnen habe möchte. Ich finde die Aminta ist eine sehr reizvolle Rolle, von der Geschichte her schon sympathischer als “Don Pasquale”. Man hat die Möglichkeit, auch Liebesmomente zu spielen, und sie zeigt auch, dass sie bedauert, was sie dem alten Sir Morosus da antut. Die Norina, die ich vor Jahren in Brüssel gemacht habe, ist da eine andere Person, aber ich habe mich doch bemüht, sie so zu spielen, dass sie nicht über Leichen geht. Also, wenn sie Don Pasquale eine Ohrfeige gibt, spürbar zu machen, dass es ihr leid tut…
Will Diana Damrau keine bösen Rollen spielen?
Doch, natürlich! Das Tollste für mich wäre, wenn ich Scarpia oder Gran Inquisitore sein könnte, die würde ich für mein Leben gern spielen und singen! Aber mit der Königin der Nacht kann man die dunklen Seiten der Seele auch ausleuchten…
Waren Sie mit Ihrer ersten Wiener Rosina zufrieden?
Na ja, sagen wir einmal, es war sehr spannend. Mit zweieinhalb Proben, ohne Orchester, ohne Bühnenbild… und gerade Komödien wie der “Barbiere” müssen punktgenau gespielt werden. Alles geht rasend schnell und ich weiß gerne, was die Kollegen machen und wo sie sind, und wenn dann Doktor Bartolo oder Figaro nicht in dem Zimmer ist, wo man ihn eigentlich vermutet hat, oder Auftritte zu früh oder zu spät sind, gehen wichtige Momente und Effekte verloren, dann muss man wirklich improvisieren, und das mache ich eigentlich nicht so gerne. Timing ist das Zauberwort und Rossinis Musik ist so durchsichtig wie Mozart, man hört einfach alles. Ich glaube, auch für das Orchester war es spannend, denn in Wien spielt man die Sopranfassung der Rosina nicht oft, und da gab es ganz regen Blickkontakt zwischen Bühne und Orchesterraum. .. Wenn ich gewusst hätte, dass es so wenige Proben sind – ich glaube, das mache ich nicht noch einmal.
Die “Manon” ist ja eine halbe Premiere, da werden Sie ja wohl zum Proben kommen…
Ja, der Herr Direktor hat schon eine Woche dafür veranschlagt, und das ist für mich auch wichtig, weil es schließlich mein Debut in dieser Rolle ist. Ich freue mich sehr darauf, ich liebe französische Musik, französische Literatur, und jetzt ergibt es sich, dass in diesem Fach, von dem ich glaube, dass es mir wirklich liegt, einiges bevorsteht. Ich werde in Amerika, in San Francisco und dann an der Met, meine erste Regimentstochter machen, auf Französisch, mit Florez und in der schönen, köstlichen Pelly-Inszenierung, die Sie auch hier haben. Dann kommt die Manon in Wien und dann die Ophelie im “Hamlet” in Washington unter der Leitung von Domingo.
Wie lange brauchen Sie, um eine solche neue Rolle zu lernen?
Die Vorarbeit im Kopf beginnt schon lange, bevor ich sie “lerne”. Da sehe ich mir DVDs an, lese darüber, entwickle den Charakter aus der Geschichte und der Musik, weiß also schon viel darüber, bevor ich den Klavierauszug in die Hand nehme. Man kann die musikalische Seite dann in zwei Wochen lernen, aber es ist schön, wenn man Muße hat, das alles zu vertiefen, und in den Körper zu bekommen. Darum lasse ich mir auch Zeit mit dem Erarbeiten. Das Problem mit den neuen Partien besteht vor allem darin, dass ich sie immer parallel zu meiner anderen Arbeit vorbereiten muss, neben Proben und Aufführungen. Aber ich kann mich nicht beschweren, mein Kalender ist voll, ich erlebe gerade meine “Hoch-Zeit” als Sängerin, da laufen eben Repertoire und künftige Rollen und auch noch Liederabende nebeneinander. Es ist ein stetiges, schönes Lernen.
Sie singen Strauss und Mozart, Sie singen das italienische Koloraturfach, das ist ungewöhnlich in Zeiten, wo Sänger sich eher spezialisieren.
Ich mache, was im Bereich meiner Möglichkeiten liegt. Natürlich ist man davon abhängig, welche Stimme einem der liebe Gott mitgegeben hat. Ich habe das Glück, neben einer absoluten Höhe auch noch eine starke Mittellage und Tiefe zu haben. Das eröffnet mir das deutsche Fach ebenso wie das italienische Belcanto. Edita Gruberova ist ja das beste Beispiel dafür, dass das geht, wenn man mit der richtigen Technik singt und wenn man seine eigenen Möglichkeiten einschätzen kann, also nicht aus Ehrgeiz darüber hinaus will. Man muss einfach aufpassen, man hat nur eine Stimme, man kann keine neue kaufen wie eine neue Geige.
Als ich im Fernsehen Ihre Sophie im Baden-Badener “Rosenkavalier” an der Seite von Renée Fleming sah, dachte ich, das ist eine Sophie, die einmal keine Schwierigkeiten haben wird, eine Marschallin zu sein.
Das wäre schön, aber dafür lasse ich mir noch sehr, sehr viel Zeit, ebenso wie dazu, sich von der Susanne zu Gunsten der Gräfin zu verabschieden. Ich singe derzeit die Konstanze, ich werde im Dezember in Genf meine erste Donna Anna machen. Das deutsche Fach möchte ich nie aufgeben, wenn ich auch sicher nie eine Salome singen werde, das möchte ich meiner Stimme einfach nicht antun. Aber einmal eine Agathe, die jetzt noch zu früh wäre. Und was Wagner betrifft, werde ich vielleicht einmal eine Eva sein. Es ist noch nichts geplant, aber ich halte es für möglich. Man muss ja selbst sehen, wie die Stimme sich entwickelt. Im Moment bin ich superglücklich im französischen und leichten italienischen Fach. Die Traviata erscheint mir die Grenze dessen, was ich erreichen kann – in weiterer Zukunft freue ich mich sehr darauf. Natürlich wären Rollen wie Tosca oder Carmen theoretisch ein Traum – vielleicht wird er in der nächsten Reinkarnation wahr.
Ist das ein Scherz?
Ein Teil-Scherz vielleicht. Wir wissen ja nichts darüber. Es erschiene mir jedenfalls ein schöner Gedanke.
Sie haben in Wien auch die Adele in der “Fledermaus” gesungen. War das Ihre einzige Operette?
Aber nein, in meinen Anfängen in Mannheim und Würzburg habe ich viel Operette gesungen, die Csardasfürstin, die Lustige Witwe, auch einmal im “Vetter aus Dingsda”. Ich denke, man unterschätzt die Operette, man braucht ja doch Opernstimmen dafür, man muss für die gesprochenen Dialoge schauspielern können, und man darf auch tanzen, was ich sehr, sehr gern tue. Auch privat – wenn ich in New York bin, gehe ich einfach zum Broadway Dance Center und kann mir für acht Dollar ohne Anmeldung eine Stunde bei den tollsten Lehrern nehmen.
Wenn man Ihren “Kalender” ansieht, sind Sie in der ganzen Welt unterwegs. Spielt Wien für Sie eigentlich eine besondere Rolle?
Natürlich, ich habe doch fast acht Jahre lang hier gelebt, ich bin erst kürzlich nach Genf übersiedelt. Das hat auch mit privaten Dingen zu tun, die ich hier abschließen will, aber Wien war für mich eine wunderbare Stadt, ich habe hier liebe Freunde gewonnen und das kulturelle Angebot, die Museen, Theater, Ballett bis zum totalen Kulturstress genossen, weil ich alles sehen und miterleben wollte. Dass ich verhältnismäßig wenig an der Staatsoper gesungen habe, lag teilweise daran, dass die Angebote immer sehr spät kamen. Derzeit plane ich meinen Kalender schon bis ins Jahr 2015. Aber: Wien hat mich immer glücklich gemacht und geht auch nicht für mich verloren, da ich ja beruflich immer wieder herkommen werde. Jetzt beginnt eben ein anderes Kapitel meines Lebens.
Und warum sind Sie ausgerechnet nach Genf gezogen?
Es zieht mich in die Richtung Frankreich. Auch bekomme ich an der Genfer Oper die Möglichkeiten, Rollen zu singen, die ich machen wollte, zuerst die Donna Anna, dann die Elvira in den “Puritani”, dann die Mignon von Ambroise Thomas. Ich hatte zum Abitur Französisch, hatte nie eine große Praxis in der Sprache, freue mich aber darauf, sie zu sprechen und zu singen. Interessanterweise habe ich übrigens in Frankreich noch nie Oper gesungen. Paris ist bei mir bisher schlecht weggekommen.
Reisen Sie gerne?
Natürlich. Wenn man einen Kalender hat wie ich und nicht gerne reisen würde, hätte man ein großes Problem. Ich bin auch sehr gerne in anderen Städten. Wenn die Proben vorbei sind, die Vorstellungen laufen und man zwischendurch “frei” hat, “erlaufe” ich mit gerne mein Revier, sehe mir alles an, gehe in Museen, tauche in das Leben ein. Man ist ja doch, wenn man gastiert, bis zu zwei Monate in einer Stadt, da lernt man New York oder Mailand schon kennen.
Und man erlebt auch manche Inszenierungen…
Da habe ich bisher eigentlich nur einmal eine Erfahrung gemacht, die ich nicht wiederholen würde. Es war eine Inszenierung, wo ich mich überhaupt nicht mit dem Konzept versöhnen konnte. Und ich gehöre zu den Sängern, die gerne hundertprozentig hinter dem stehen, was sie tun, sonst kann ich es nicht über die Rampe bringen. In diesem Fall ging es dann darum, seinen Vertrag zu erfüllen, aber als man mir angeboten hat, eine nächste Staffel dieser Produktion zu singen, habe ich abgelehnt.
Gibt es unerfüllte Wünsche?
In nächster Zeit erfüllt sich mir so viel mit Marie, Manon, Ophelia, und der Traviata-Traum rückt auch näher. Und es wird eine Oper für mich geschrieben. “A Harlot’s Progress” beruht, wie “A Rake’s Progress”, auf einer Bilderserie von Hogarth, der englische Autor Peter Ackroyd schreibt das Libretto, Iain Bell ist der Komponist, und wenn alles läuft wie vorgesehen, wird die Oper 2013 mit mir in der Hauptrolle im Theater an der Wien uraufgeführt. Als ich kürzlich für eine “Liebestrank”-Serie in London war, habe ich mit den beiden gesprochen und auch eigene Ideen in das Libretto eingebracht. Es ist unglaublich spannend, wie so etwas entsteht und umgesetzt wird.
Wohin geht es von Wien aus?
Zuerst einmal nach Köln, wo ich meine neue CD präsentiere. Sie heißt “COLORaturaS” und enthält ein ganz breites Spektrum zwischen Zerbinetta und Gilda, Juliette und Oscar, Linda di Chamonix und Ophelie – also mein ganzes Repertoire. Und einen Bernstein als Draufgabe… Dann geht es nach San Francisco und die Met, in Europa nach Genf und Madrid, und im Jänner bin ich schon wieder in Wien!

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