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DORTMUND: ANNA NICOLE

Opernneuheit in Dortmund: „Anna Nicole“ von Mark-Anthony Turnage (Vorstellung: 17. 5. 2013)


Star des Opernabends war Emily Newton in der Titelrolle (Foto: Thomas M. Jauk)

 Als Deutsche Erstaufführung zeigt zurzeit das Theater Dortmund die Oper „Anna Nicole“ von Mark-Anthony Turnage, die bei ihrer Uraufführung im Februar 2011 am Covent Garden in London einen Aufsehen erregenden Erfolg feierte. Es ist das Schicksal einer modernen „Traviata“, für die der britische Komponist eine Art „Revue-Oper“ schrieb. Das Märchen vom amerikanischen Traum ist ein Lehrstück um Sex, Geld und Liebe, das schließlich ein tragisches Ende findet.

 Die Handlung der Oper ist weder vom Komponisten Turnage, der 1960 in Essex geboren wurde, noch vom Librettisten Richard Thomas erfunden. Anna Nicole wurde 1967 als Vicky Lynn Hogan geboren und heiratete mit 17 Jahren den gleichaltrigen Billy Smith, Sohn Daniel kommt zur Welt. Als die Ehe zerbricht, arbeitet sie in einer Oben-ohne-Bar in Houston, wo sie sich das Pseudonym „Anna Nicole“ zulegt. Nach einer umfangreichen Brustvergrößerung gewinnt sie einen Wettbewerb für die Playboy-Titelseite und wird 1993 Playmate des Jahres, ein Jahr später spielt sie eine Rolle in dem Film „Die nackte Kanone 33 1/3“, für die sie mit einer Goldenen Himbeere als „Schlechteste Newcomerin“ ausgezeichnet wird. Sie heiratet im selben Jahr den 63 Jahre älteren Öl-Tycoon J. Howard Marshall II., der nach einem Jahr Ehe stirbt und sie nicht in seinem Testament erwähnt. Anna Nicole beruft sich auf eine mündliche Zusage Marshalls und führt einen jahrelangen erfolglosen Prozess, den sie schließlich verliert. In den folgenden Jahren macht sie vor allem durch ihre Party- und Drogenexzesse auf sich aufmerksam. 2002 geht die Anna Nicole-Show auf Sendung, die das Publikum durch ihr peinliches Benehmen unterhält, zwei Jahre später wird die Sendung eingestellt. 2006 kommt ihre Tochter Dannielynn zur Welt – um die Vaterschaft streiten sich fünf Männer, darunter Smiths Anwalt und Lebensgefährte Howard Stern, biologische Tests beweisen jedoch, dass ein Fotograf der Vater ist. Drei Tage nach der Geburt der Tochter stirbt Sohn Daniel im Alter von 20 Jahren im Krankenzimmer seiner Mutter an einem Drogencocktail. Am 8. Februar 2007 wird Anna Nicole Smith leblos in ihrem Hotelzimmer auf den Bahamas gefunden, als Todesursache wird eine Überdosierung an Medikamenten angegeben.

 In einem als abfällig empfundenen Nachruf auf Anna Nicole Smith stellte die New York Times fest: „Sie war dafür berühmt, berühmt zu sein.“ Was ihr Leben und Sterben der Nachwelt hinterlassen hat, ist ein menschliches Drama unserer Zeit. Hätte Mark-Anthony Turnage über sie keine Oper geschrieben, wäre sie wahrscheinlich schon vergessen!

 Jens-Daniel Herzog inszenierte die Oper sehr realistisch als amerikanischen Traum, wobei er alle Lebensphasen von Anna Nicole akribisch, aber auch humorvoll nachzeichnete und dabei auch auf ironische Art Sexszenen zeigte. Eine nette Anekdote dazu: Als Anna Nicole von dem im Rollstuhl sitzenden Öl-Tycoon Marshall die versprochene Ranch einforderte, meinte er schmunzelnd, dass sie diese erst verdienen müsse. Sie steuerte hüftwackelnd den Rollstuhl an und ging vor ihm auf die Knie, worauf der Chor einen Kreis um das Geschehen bildete und ironisch kommentierte. Zwei Sitze neben mir fragte eine Dame mittleren Alters meine Nachbarin: „Warum stehen die vom Chor so herum?“ – „Warum wohl, meine Liebe? Sie kniet vor ihm und bläst…“, antwortete sie grinsend. „Ach so…“ Mehrere Herren vor unserer Reihe konnten ihr Lachen kaum mehr zurückhalten. Nach einigen Sekunden jubelte der Chor, Anna Nicole erhob sich, trocknete ihre Lippen mit einem Papiertaschentuch ab und triumphierte: „Die Ranch ist gewonnen!“

 Für die adäquate Gestaltung der Bühne ohne viele Requisiten sorgte Frank Hänig, die zum Umfeld gut passenden Kostüme entwarf Sibylle Gädeke.

Unbestrittener Star der Vorstellung war die texanische Sopranistin Emily Newton, der es gelang, die Titelrolle in allen ihren Facetten auf die Bühne zu stellen. Von nicht allzu schlanker Gestalt, verkörperte sie Anna Nicole auf hinreißende Art in allen Phasen ihres Lebens, wobei sie in den erotischen Szenen in ihrer Körpersprache mitunter an Marilyn Monroe erinnerte. Stimmlich meisterte sie alle Höhen, darstellerisch auch den peinlichen Auftritt Annas in der Fernsehshow und die tragischen Momente ihrer Rolle.

 Ebenso stimmlich wie schauspielerisch glänzend agierte der Tenor Hannes Brock als greiser Öl-Tycoon. Sehenswert, mit welcher Selbstironie er den über Achtzigjährigen im Rollstuhl spielte und seine Freude an Lust und Leben zu vermitteln verstand. Eine sehenswerte Leistung! Gut besetzt war auch der Bassbariton Morgan Moody als fescher Anwalt Howard Stern, der seine Klientin mit aller Raffinesse über den Tisch, aber auch ins Bett zieht. Köstlich in der Darstellung des berühmten Fernsehmoderators Larry King der junge amerikanische Bariton Kenneth Mattice.

 Den Schönheitschirurgen Doctor Yes gab der lyrische Tenor John Zuckerman, der zu Anfang auch den Bürgermeister von Mexia spielte. Viele Mitglieder des Opernensembles agierten in mehreren kleinen Rollen, wie beispielsweise der Tenor Christian Henneberg (Vize-Bürgermeister, Kunde im Gentlemen’s Club und den Assistenten in der Larry King- Show). Annas Mutter Virgie wurde von der Mezzosopranistin Katharina Preetz dargestellt, Annas Cousine Shelley von der Sopranistin Anke Briegel.

 Der Opernchor des Theaters Dortmund, der mehrere Auftritte zu absolvieren hatte und dabei auch für einige komische Effekte sorgte, wurde von Granville Walker einstudiert, die Tanzeinlagen der Statisterie von Ramses Sigl choreographiert.

 Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philipp Armbruster spielten die temporeiche und oft sehr dramatische Musik des Komponisten, die auch mit Jazz, Rock und Pop gespickt war, recht kraftvoll und laut, dennoch schienen die Wangenmikrophone für das Opernensemble überflüssig. Ein gefährlicher Trend, wenn schon Opernhäuser damit beginnen, diese hässlichen „Stimmkrücken“ nicht nur bei Musicals einzusetzen, sondern auch bei Opern!

 Das Publikum in Dortmund war vor allem von der Darstellerin der Titelrolle begeistert, spendete am Schluss nicht enden wollenden Beifall für alle Mitwirkenden und belohnte Emily Newton minutenlang mit Stehenden Ovationen! Schon lange habe ich das nicht in einem deutschen Opernhaus erlebt…

 Udo Pacolt, Wien

 PS: Im Salzburger Landestheater wird in Kürze von Mark-Anthony Turnage seine Oper „Greek“ zu sehen sein, die eine moderne Variante des antiken Ödipus-Stoffs behandelt. Premiere ist am 26. Mai 2013. Die Termine der weiteren Vorstellungen: 29. und 31. Mai sowie 4., 7., 9. und 11. Juni.

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