
Dresden/Semperoper: 5. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – 16.01.2012
Thematischer Schwerpunkt des Abends war „Le Sacre du Printemps“ von Igor Strawinsky. Am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden stand der 36jährige kanadische Dirigent Yannick Nézet-Séguin, der zurzeit Music Director des Rotterdam Philharmonic Orchestra und ab Herbst dieses Jahres des Philadelphia Orchestra ist. Er gehört zu den weltweit gefragtesten und angesehensten Dirigenten der jüngeren Generation und musiziert regelmäßig mit den führenden Klangkörpern Europas, wie den Wiener Philharmonikern, dem London Philharmonic Orchestra und der Mailänder Scala. Bei der Sächsischen Staatskapelle war er schon mehrmals zu Gast in Semperoper und Frauenkirche. Jetzt gestaltete er gemeinsam mit dem Orchester einen eindrucksvollen Abend mit Musik des 20. Jh.
Neben dem „Sacre“ standen 2 Werke auf dem Programm, die in besonderem Zusammenhang damit stehen. Olivier Messians frühes Orchesterwerk „Les offrandes oubliées“ („Die vergessenen Opfergaben“), das er als Diplomarbeit am Pariser Konservatorium schrieb, knüpft unmittelbar an die „harmonischen und rhythmischen Exzesse“ des „Sacre“ an, verbindet sie aber bereits mit seinem eigenen, religiös-meditativen Stil. In dieser „Symphonischen Meditation (in einem Satz)“ wurde in 3 Abschnitten mit den differenzierten Klangfarben der Kapelle der Kontrast zwischen der Besinnung auf die Möglichkeiten des Glaubens im wunderbar lyrischen, meditativ verschwebenden Anfang und der herben Wirklichkeit einer furchtbaren Zeit im schroffen Mittelteil herausgearbeitet, der am Ende wieder in die Zuversicht des Glaubens mündet.
In Prokofjews Schaffen hinterließ der Sacre“ ebenfalls seine Spuren, wenn auch nicht unbedingt in dessen 2. Violinkonzert, dem vielleicht bedeutendsten Konzert seiner Art im 20. Jh., das in Madrid am „Vorabend“ des spanischen Bürgerkriegs uraufgeführt wurde. Es nimmt eher Prokofjews ausdrucksvollen Lyrismus des Spätwerkes voraus. Berührend schöne, von der Kapelle sehr feinsinnig musizierte Passagen, wie der lange, verhaltene Ausklang am Ende des 1. Satzes, wechseln mit dem sehr derben, lauten, überbordenden 2. Satz, finden aber auch wieder zu beseeltem Streicherklang und tänzerischem Rhythmus, bis zu einem Schluss voller innerer Spannung am Ende des 3. Satzes. Es ist ein tonales Konzert „voller Schizophrenie, im ständigen Stimmungswechsel“, wie die Solistin Janine Jansen bekannte. Sie war schon einmal zu Gast bei der Staatskapelle, damals mit dem Violinkonzert von Benjamin Britten unter Daniel Harding. Prokofjews Violinkonzert spielte sie souverän, voller Hingabe. Man spürte, dass sie die Musik, während ihres Spiels durchdenkt und durchlebt. Dirigent und Orchester verzichteten erfreulicherweise auf eine allzu starke Betonung der härteren Seiten und ließen der Solistin viel Raum für ihr feinnerviges Spiel. Als Zugabe verwöhnte sie das begeisterte Publikum mit der, von ihr mit viel Feingefühl und technischen Finessen vorgetragenen „Sarabande“ aus J.S. Bachs „2. Partita in d‑Moll“. Ihre Interpretation war leicht romantisch-besinnlich geprägt, was bei den vielfältigen Deutungsweisen dieser Komposition durchaus akzeptabel ist. Der Klang ihrer Stradivari von 1726 harmonierte wunderbar mit der Musik Bachs, der seine „Partiten für Violine solo“ vermutlich einst Johann Georg Pisendel, dem Violinvirtuosen der damaligen Dresdner Hofkapelle, aus der die Sächsische Staatskapelle hervorgegangen ist, gewidmet hat.
Der „Sacre du Printemps“, einst als Ballettmusik für Djagilews Ballets Russes geschrieben , erlebte wegen seines Sujets der Vision einer heidnischen Feier aus dem alten Russland, bei der ein junges Mädchen geopfert wird, bei der Uraufführung in Paris einen handfesten Skandal. Jetzt gilt das Werk aufgrund seiner außergewöhnlichen, rhythmischen und klanglichen Strukturen als Schlüsselwerk der klassischen Moderne und erfreut sich einiger Publikumsgunst. Bereits die Introduktion zum 1. Teil beginnt sehr ungewöhnlich verhalten, mit einem außergewöhnlich hohen Fagott-Solo – sehr gut gestaltet von Thomas Eberhardt, einem der Solofagottisten der Staatskapelle. Nach und nach beginnen dann die übrigen Holz- und Blechblasinstrumente im Frühlings-Erwachen an zu „blühen“, bis sich das Klanggeschehen zu einem fast undurchdringlichen „Klangvorhang“ verdichtet, dessen Klangfetzen abrupt abreißen und das Fagott-Solo in plötzlicher Leere „schweben“ lassen. Schließlich bricht sich mit hämmerndem Schlagwerk, mit Pauken und großer Trommel, mit Bläsern und sogar hämmernden Streichern eine „zerbrochene“ Rhythmik Bahn, die die archaischen Riten einleitet, sich bis zu einer gewaltigen Prozession steigert und schließlich das Orchester auf einen verheerenden Höhepunkt zustreben lässt, dem sich zu Tode tanzenden, jungen Mädchen als Götteropfer. Dass es trotz aller Archaik, Lautstärke und überbordendem Instrumentarium auch in den extremen Situationen „durchhörbar“ und nachvollziehbar blieb, ist der umsichtigen und motivierenden Leitung des Dirigenten zu danken, der sich auf ein, wunderbar zwischen allen Instrumenten abgestimmtes Orchester mit klangintensiver und dennoch sehr kultivierter Spielweise voll und ganz verlassen konnte.
Ingrid Gerk
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