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DRESDEN/ Semperoper/Frauenkirche/ Kreuzkirche: GEDENKKONZERTE ZUR ERINNERUNG AN DIE ZERSTÖRUNG DRESDENS IM 2. WELTKRIEG

Dresden/Semperoper, Frauenkirche und Kreuzkirche: GEDENKKONZERTE ZUR ERINNERUNG AN DIE ZERSTÖRUNG DRESDENS GEGEN ENDE DES 2. WELTKRIEGS – 12. ‑ 14.2.2012

In Deutschland wird gegenwärtig viel diskutiert, warum gerade Dresden im Mittelpunkt des Gedenkens an die Zerstörungen im 2. Weltkrieg steht, da doch so viele deutsche Großstädte ähnlich stark zerstört wurden. Der Hauptgrund dafür dürfte sein, dass in Dresden zuerst und nur hier mit großer Intensität dieses schrecklichen Ereignisses auch musikalisch gedacht wurde und daraus eine Tradition erwuchs, an der über die Jahrzehnte festgehalten wurde, obwohl es Bestrebungen gab, mit dem 50. Jahrestag diese Gedenkkonzerte ausklingen zu lassen. Musiker und Bevölkerung hielten aber daran fest. Bei der Sächsischen Staatskapelle, der Dresdner Philharmonie, dem Dresdner Kreuzchor und seit ihrer Wiedereinweihung auch in der Frauenkirche, gibt es alljährlich um den 13./14. Februar, der Nacht der beiden anglo-amerikanischen Bombenangriffe, nach wie vor diese Konzerte.

Der langjährige Kreuzkantor Rudolf Mauersberger, der den furchtbaren Bombenangriff, bei dem 11 junge Sänger des Dresdner Kreuzchores ums Leben kamen, hautnah miterlebt hat, komponierte 1947/48 unter diesem unmittelbaren Eindruck sein “Dresdner Requiem“, ein Werk, das er bis 1961 immer wieder vervollkommnete und bei dem er die Knabensoli für Peter Schreier, den damaligen Knabensolisten des Dresdner Kreuzchores komponierte. Seit der Uraufführung im Jahre 1955 wurde das Requiem alljährlich aufgeführt und gehörte bis gegen Ende der 90er Jahre zum festen Bestandteil des Dresdner Musiklebens.

In den Gedenkkonzerten der Dresdner Staatskapelle wurde meist ein Requiem von Mozart, Brahms, Verdi, Berlioz oder Dvorak aufgeführt, 1995 auch einmal die „Auferstehungssinfonie“ von Mahler. 1956 führte Kurt Striegler, der damalige Kapellmeister, ein eigenes Requiem auf, das er den im Bombenangriff Umgekommenen widmete.

Jetzt fand, seit 56 Jahren, wieder eine Uraufführung eines speziell für Dresden komponierten Requiems statt – am 11.2. in der Frauenkirche. Am 13. und 14.2. folgten weitere Aufführungen in der Semperoper im Rahmen des 6. Symphoniekonzertes der Sächsischen Staatskapelle. Die diesjährige Capell-Compositrice Lera Auerbach (Tochter Michail Jurowskis) schrieb ihr etwa 80minütiges Requiem „Dresden – Ode to Peace / Dresden – Ode an den Frieden“ als Auftragswerk.

Der Titel verrät bereits den Bezug zu Schillers „Ode an die Freude“, die in Teilen auf dem jetzigen Dresdner Territorium entstanden ist. Ein weiter Bezug zu Dresden ist das Leitmotiv des „Dresdner Amen“, das auch schon Mendelssohn in seiner „Reformationssymphonie“ und Wagner im “Parsifal“ verwendet haben. Hier wird es mehrfach (versachlicht) variiert.

Das Werk wird einerseits modernen kompositorischen Gesichtspunkten gerecht, erinnert in seinen Klangwirkungen aber oft auch an die Klänge bekannter Messen der Vergangenheit. Dennoch weist es eine individuelle Musiksprache auf. Immer wieder werden laute Akzente gesetzt, wird die Musik vom Aufschrei des Entsetzens bestimmt. Man meint nach 22 Glocken-(Hammer‑)Schlägen das Anrollen der Bombenflugzeuge und klagende Stimmen zu hören (gegen 22 Uhr erfolgte der 1. Angriff), aber immer wieder folgen klangschöne, besänftigende, nachdenkliche Passagen mit der Bitte um Frieden und Versöhnung.

Der Gedanke, mit dem Benjamin Britten in seinem “War Requiem” durch Einbeziehung von Gedichten des im 1. Weltkrieg mit 25 Jahren gefallenen englischen Dichters Wilfried Owen in den Messtext einen Gegenwarts- und Antikriegsbezug schuf, um den Willen zur Versöhnung in die im Krieg verfeindeten Völker zu tragen, wird von Lera Auerbach weitergeführt, indem sie dem Text der lateinischen Totenmesse Teile der jüdischen Liturgie sowie eine Vielzahl anderer, darunter islamischer und buddhistischer Texte, gegenübergestellt. Damit wird der Gedanke der Gemeinsamkeit vieler verschiedener Glaubensrichtungen verdeutlicht. Neben der Vergangenheit werden auch Probleme der Gegenwart, wie die Anschläge des 11. September mit einbezogen. Das „Kyrie“, die Bitte um Erbarmen wird in über 40 verschiedenen Sprachen gesungen. Damit soll der Gedanke der Hoffnung auf Frieden zukunftsweisend in die Welt hinaus getragen werden.

Dass ausschließlich männliche Gesangsstimmen vorgesehen sind, symbolisiert die Tatsache, dass bis heute die kriegerischen Handlungen vorwiegend von Männern bestimmt und ausgeführt werden. Die Knabenchöre, die potentielle Soldatengeneration, bitten um Frieden mit der Hoffnung, dass ihnen ein derartiges Schicksal erspart bleiben möge, dass „die Spirale des Leids irgendwann ein Ende findet“ (L. Auerbach).

Der Dirigent der Aufführungen Vladimir Jurowski ist mit Dresden eng verbunden. Er studierte nicht nur an der Dresdner Musikhochschule, sondern sorgt als gern gesehener Gast der Staatskapelle immer wieder für besondere musikalische Höhepunkte. Sein Vater, Michail Jurowski, leitete in dieser Tradition 1990 das „Verdi-Requiem“. Jetzt dirigierte Vladimir Jurowski mit besonderer Intensität. Die prominente Familie setzt sich sehr intensiv für den Gedanken der „musikalischen Völkerverständigung“ ein und ist auch in dieser Beziehung Dresden eng verbunden.

Als Geste der Versöhnung wirkten neben der in ihrer bekannten Akribie und Hingabe spielenden Sächsischen Staatskapelle und dem Männerchor des Staatsopernchores (Einstudierung: Pablo Assante) die beiden hervorragend singenden Knabenchöre, der St. Pauls’s Cathedral Choir (London) und der Saint Thomas Choir of Boys (New York) mit sowie 2 ausgezeichnete Knabensolisten, die sich mit schöner Stimme und langem Atem ihren umfangreichen Gesangspartien teils solistisch, teils im Duett hingebungsvoll widmeten. Berührend war auch die gefühlvolle Violinstimme (Kai Voglers). Knabenchöre und Orchester stimmten sich gegenseitig wunderbar ab. Der niederländische Countertenor Maarten Engeltjes und der englische Bariton Mark Stone beeindruckten durch ihre mühelose Bewältigung der Solopartien. Beide Sänger hatten überraschend, schlanke, helle Stimmen, mit denen sie auch schwierige, sehr eindringliche Passagen „nahtlos“ singen konnten.

Die sonst so beeindruckende, traditionelle Gedenk- und Schweigeminute am Ende des Konzertes, die auch Dirigenten wie Thielemann und Jurowski faszinierte, wurde leider durch ahnungslose auswärtige Konzertbesucher durch voreiligen Beifall etwas beeinträchtigt.

 

Frauenkirche: THE BOY CHORISTERS AND CHORAL CLERKS OF COVENTRY 12.02.

Zu einer anderen Geste der Versöhnung war der Chor der Kathedrale von Coventry in die Dresdner Frauenkirche gekommen. Diese Kathedrale, die größte, schönste und bedeutendste gotische Kirche Englands, war 1943 bei einem deutschen Luftangriff auf die Stadt Coventry völlig zerstört worden und steht jetzt mahnend als Ruine neben einer neuerbauten, für die einst Britten sein „War Requiem“ schuf. Dennoch tat der Bischof von Coventry den ersten Schritt zur Versöhnung und begründete eine langjährige, enge Verbindung zwischen Coventry und Dresden.

Im Rahmen einer Sonntagsmusik setzte der Knaben- und Männerchor The Boy Choristers and Choral Clerks of Coventry ein Zeichen der Erinnerung und Versöhnung. Auf dem Programm stand vorwiegend britische Chormusik. Eine Knabensolostimme leitete stimmungsvoll den Chorgesang mit Sätzen von Edward Bairstow, Orlando Gibbons, Johannes Eccard, Jonathan Battishill, William Byrd, John Stainer, Neil Cox, Herbert Howells, C. Hubert H. Parry, Gerald Finzi und Benjamin Britten (“Te Deum in C“) ein, meist von der Orgel begleitet (Laurence Lyndon-Jones, Assistant Director). Mit sehr sparsamen, zielgerichteten Gesten leitete Kerry Beaumont, Director of Music Coventry Cathedral, „seinen“ Chor.

 Kreuzkirche: Mauersberger, Gubaidulina und Cherubini 11.02.

An das so viele Jahre traditionsgemäß vom Dresdner Kreuzchor aufgeführte „Dresdner Requiem“ von Rudolf Mauersberger erinnerte nur noch der sonst vorangestellte, erschütternde Choral „Wie liegt die Stadt so wüst“, der bereits 1945 nach dem unmittelbaren Erleben geschrieben wurde und den der Kreuzchor bei diesem Konzert in sehr guter A‑capella-Qualität sang. Es folgte der “Sonnengesangfür Violoncello, Chor, Schlagzeug und Celesta von Sofia Gubaidulina mit wunderbaren Cellopassagen (Emil Rovner) und das “Requiem Nr. 1 in c‑Moll” für Chor und Orchester von Luigi Cherubini - eine Entdeckung. Es spielte die Staatskapelle Weimar. Die Leitung lag in den Händen von Roderich Kreile.

Ingrid Gerk

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