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DÜSSELDORF: THE RAKE’S PROGRESS – Premiere

Much ado for nothing – Igor Strawinsky: The Rake’s Progress – DOR/Düsseldorf – Premiere 23. Mai 2012

Um es vorweg zu schicken: Der Chronist tut sich schwer mit einem der wohl überschätzesten Komponisten des XX. Jahrhunderts: Igor Strawinsky, ab seiner neoklassizistischen Phase. Aber darf man überhaupt am Status und Nimbus “heiliger Kühe” zu kratzen wagen? Im Programmheft der Rheinopernproduktion von “The Rake’s Progress” ist eine Photographie abgedruckt, die einen 51jährigen Herrn – Igor Strawinsky – zeigt, der einen Citroen-Kühlergrill als Lyra (miß-)braucht. Dieses 1933 photographierte Szenario ist in seiner grotesken Grundstimmung mindestens so absurd, wie 1951 eine Opera semiseria im Stile Mozarts aufführen zu lassen. Dabei erfolgt in parodistischer Zitation ein Rundumschlag (fast) der gesamten Opernliteratur: Beethoven, Tschaikowsky, Bizet, Smetana und Mozart ohne Ende. Adornos Fanal “Musik über Musik”  feiert hier in ekklezistischen Manierismen fröhliche Urständ, in einer Verlogenheit und Falschheit, die einem die Magensäure emporsteigen läßt, wie nach dem Übergenuß von zu vielem, zu süßen Zuckerwerk. Trotzdem scheint am “Rake’s Progress” so etwas wie ein mystisches Faszinosum zu haften, anders läßt sich der schon fanatische Kultstatus, das diesem Werk anheimfällt nicht erklären. Nicht zuletzt mag es an dem ausgeklügelten, Hofmannsthal in nichts nachstehendem, Libretto des genialen Dichterpaares W.H.Auden und Chester Kallman liegen, daß diese Oper immer wieder Eingang ins Repertoire findet. Trotz oder wegen siener Zeigefingerästhetik, die uns in der Schlußszene noch mal eben Vergils Bukolika um die Ohren haut und man froh und erleichtert aufatmet, daß die Herren Poetae auf die Zitierung von Odyssee und Illiade gnädigerweise verzichten. Den Eingang ins Repertoire versuchte nun auch die Rheinoper und überforerte damit nicht nur manchen Abonnenten mit geballter Intellektualität, ihn nach dem sperrigen Britten-Thriller “The turn of the screw” nun auch noch mit Strawinskys Wüstling zu konfrontieren.

Regisseurin Sabine Hartmannshenn waidet mit ihrem kongenialem Team, Dieter Richter – Bühne, Susana Mendoza -Kostüme und Volker Weinhart – Licht die Vorlage genüßlich aus und findet Bilder, die den Hogarthschen Bilderzyklus der Vorlage in unsere Zeit genialistisch hinüberretten: Sei es das schwül erotisch animalische Etablissement der Mother Goose (in schriller Komik und Skurrilität kaum zu überbieten: Bonita Hyman, als “tremendous” Mama in eidotterfarbenem punkigem Outfit), Rakewell’s Loft in einer der Gondeln des Londoner “Eyes”, das schrullige “very, absolutely british” Ambiente im Salon der Türkenbab oder die Hopper zitierende Spießigkeit des Landhauses der Trueloves, wo eigentlich nur noch ein Gartenzwerg fehlte, oder das köstliche, Marx-Brothers-Komik rezitierende Thema mit Variationen: Wie transportiert man Sperrgut durch eine Hotel-Drehtür.

Auch die musikalische Umsetzung legt sich mächtig ins Zeug, offeriert uns Dank GMD Axel Kober mehr, als die Partitur in ihrer geschmäcklerischen Oberflächlichkeit im Stande ist herzugeben,. Die Düsseldorfer Symphoniker präsentiert diese in ihrer akademischen Geschwätzigkeit überhebliche Partitur als eine kostbare Präziose, Hut ab vor so viel Ehrfurcht. Das Sängerensemble könnte trefflicher nicht besetzt sein:  Angeführt von der Facettenvielfalt des Bösen, sei es als Mischung aus Geheimagent und Pantau, als androgyne Nachtviole in roten Highheels mit Federrboa oder als glatzköpfiger Mephisto-Verschnitt: Bo Skovhus zieht als Nick Shadow alle Fäden des boshaft hinterhältigen Verführers und verspritzt dabei sein Belcanto-Vitriol, dass es eine Wonne ist. Dabei läßt er nonchalant vergessen, dass ihm diese heikle Partie eigentlich zu tief liegt. Von so viel noblen Verführungskünsten läßt sich Tom Rakewell alias Matthias Klink gerne umgarnen. Mit seinem lyrischen Tenor, dem es nicht an Tiefe mangelt ist er geradezu eine Idealbesetzung des Wüstlings. Mit Anne Trulove hat Ensemblemitglied Anett Fritsch ihre “Traumrolle” gefunden. Anmutig und anrührend zeichnet sie den Weg der aufrichtig Liebenden, kulminierend in ihrem zart innigen, ergreifenden Schlaflied für ihren wahnsinnig gewordenen Tom. Eine Charakterstudie der schrulligen Alten par excellence mit einem Anhauch von Dame Edna, so präsentiert uns Susan MacIean die “Rakete” Türkenbab. Das Bild wie sie stumm erduldend im schrill-türkisen Hosenanzug, mit einer Banane zum Schweigen gebracht wird, bekommt man so leicht nicht mehr aus dem Kopf. Die Auktionshäuser Sotheby’s und Christie’s müßten ihm die Türen einrennen, ob seines Verkauftalents: Bruce Rankin lässt den Part des Auktionators Sellem zu einem wahren Kabinettstückchen reifen, umgarnt von der schrillen Society des sich hinreißend blasiert gebärenden Chores der Rheinoper (Einstudierung: Christoph Kurig) nebst turbanbehäupteten Nachtschattengewächsen der Statisterie. Sami Luttinen konnte als Trulove eine weitere baßprofunde Vaterrolle seinem Repertoire einverleiben. Als Wärter des Irrenhauses machte Opernstudio-Mitglied David Jerusalem mit nobler Baßkantilene auf sich aufmerksam und als stummer Gehilfe Nick Shadows konnte Harald Beutelstahl einmal mehr seine soignierte Quirligkeit und Agilität unter Beweis stellen.

Der Abend endete in frenetischem Jubel, es bleibt zu hoffen, daß sich dieser in die Repertoirevorstellungen hinüberrettet.

Dirk Altenaer 

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