

ALCINA von Georg Friedrich Händel
Wiener Staatsoper 2010
ARTHAUS
Das war der klassische Fall, bei dem der ORF in Österreich versagt hat. Direktor Dominique Meyer hat gleich in seiner ersten Saison als Direktor der Wiener Staatsoper riskiert, was vor ihm in Jahrzehnten nicht stattgefunden hatte: die Produktion einer Barockoper, sprich: ein großer Händel. Und er hat glorreich gesiegt, mit einer „Alcina“, die keinerlei Wünsche offen ließ. Der ORF war nicht so mutig – man konnte sich offenbar keinen Quoten-Gewinn ausrechnen, wenn man dieses Werk aufzeichnete. So kam damals der Privatsender „Servus“ (wo Ex-Direktor Holender sich auch umtut) zur Ehre, diese „Alcina“ zu senden. ARTHAUS hat die Produktion nun auf DVD herausgebracht. Und hat damit den Wunsch aller Opernfreunde erfüllt, die diesen Abend gesehen haben – die Wiederholbarkeit einer exemplarischen Aufführung.
Denn wie immer die diversen Einwände der Kritiker gelautet haben mögen – die Idee von Regisseur Adrian Noble, die Handlung von „Alcina“ in die Welt des Georg Friedrich Händel zu versetzen und quasi eine barocke „Party“ daraus zu machen, funktioniert schlicht und einfach. Die Herzogin von Devonshire und ihre Freunde führen „Alcina“ auf, was einerseits die volle ästhetische Schönheit des Unternehmens garantiert, aber auch eine Ebene der Verfremdung einzieht, die vor Gelächter über allzu viel Blödsinn der Handlung bewahrt. Im Grunde wandert das Werk von einer Arie zur nächsten, und der Regisseur hat sinnvollerweise nichts anderes zu tun, als das Geschehen für den Zuschauer möglichst kurzweilig zu halten: Schließlich bekommt man auch auf der DVD ohne Pause noch immer dreieinviertel Stunden Opernhandlung geboten, das ist nicht wenig.
Und da die Briten viel weniger Angst davor haben, als „unzeitgemäß“ eingestuft zu werden (wovor deutsche Regisseure geradezu zittern), hat Noble keine Meta-Ebene tieferer Bedeutung eingezogen. Er geht davon aus, dass die Aufführung eine Händel-Oper ein Fest war, und er beschert dieses den Betrachtern. Die zuhause vor den Fernsehern vermutlich viel besser sitzen als in engen Opernreihen und das Ereignis möglicherweise entspannter und glücklicher genießen können als „live“ (ohne jetzt im geringsten in die Diskussion einsteigen zu wollen, wie viel die „Konserve“ im Vergleich zum Erlebnis des „Dabeiseins“ bietet).
Machen wir uns nichts vor: Diese „Alcina“-Aufführung wäre in Wien nicht dieser Erfolg geworden, hätte man nicht Anja Harteros für die Hauptrolle hergeholt. Zwar wird Händel landauf, landab mit einem Team von Spezialisten auf der Bühne realisiert (Musiker, Dirigenten, Sänger), die von einem Team vom Spezialisten im Publikum goutiert werden (wie im Theater an der Wien), denen es um Händel und die Musik geht und nicht um einen Star. Diese Bereitschaft eines „Spezial-Publikums“ fand sich in der Wiener Staatsoper nicht, und darum bedurfte es des außergewöhnlichen Persönlichkeitsreizes der Hauptdarstellerin, um dem Abend seinen funkelnden Zauber zu verleihen. Die Harteros ist wunderschön, sie singt ebenso, sie ist mit voller Überzeugungskraft präsent. Eine Leistung wie diese gehörte aufbewahrt.
Rundum die Premierenbesetzung mit den Damen Vesselina Kasarova (Ruggiero), Veronica Cangemi (Morgana) und Kristina Hammarström (Bradamante), den Herren Benjamin Bruns (Oronte) und Adam Plachetka (Melisso). Nur der japanische Junge der Premiere ist auf der Aufzeichnung durch den inzwischen zu fast übergroßem Ruhm gelangten Florianer Sängerknaben Alois Mühlbacher ersetzt worden.
Ein Teil des überdurchschnittlichen Erfolgs des Abends, der auch von der DVD leuchtet, geht auf das Konto von Marc Minkowski, der Les Musiciens du Louvre leitete – womit Meyer etwas ins Haus gebracht hat, was die Wiener Philharmoniker nicht hätten leisten können. Was ein Originalklang-Ensemble mitbringt, ist eine Erfahrung, ein Wissen, ein Fühlen um diese Musik, das sich mitteilt. Kurz – schön, dass es diese Aufzeichnung gibt.
Renate Wagner
ALCINA
von Georg Friedrich Händel
Wiener Staatsoper, 2010
Anja Harteros – Alcina
Vesselina Kasarova – Ruggiero
Veronica Cangemi – Morgana
Kristina Hammarström – Bradamante
Alois Mühlbacher (Florianer Sängerknabe) – Oberto
Benjamin Bruns – Oronte
Adam Plachetka – Melisso
Wiener Staatsballett
Les Musiciens du Louvre – Grenoble
Dirigent: Marc Minkowski
Regie: Adrian Noble
Choreographie: Sue Lefton
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