

LES TROYENS
Palau de les Arts ‘Reina Sofía’ Valencia 2010
Major / Unitel Classica
Lange Zeit stand das Werk von Hector Berlioz außerhalb Frankreichs eher am Rande des Opernrepertoires. Zumal seine „Trojaner“ von 1863/1879, sogar zweiteilig uraufgeführt, „große Oper“ schlechthin. Das erschien allgemein zu lang, zu aufwendig, auch zu schwer zu besetzen, um sich zu lohnen. Immerhin, nach und nach machten große Häuser eine Kraftprobe daraus – die DVD aus der Met 1983 mit Jessye Norman als Cassandre, Tajana Troyanos als Didon und Placido Domingo als Énée blieb lange das einzige Dokument. Freunde französischer Oper werden sich die Salzburger Aufführung von 2000 aufgezeichnet haben (damals noch auf VHS-Videobändern), wo Deborah Polaski das Kunststück unternahm, zuerst Cassandre, dann auch die Dido zu singen, eine Rolle, die sonst immer getrennt wird – 2004, bei der letzten DVD-Aufzeichnung aus dem Théâtre du Châtelet in Paris in die wunderbaren Damen Anna Caterina Antonacci (Cassandre) und Susan Graham (Didon) in einer unaufgeregt elegant-stilisierten Regie von Yannis Kokkos.
Und zuletzt hat man Palau de les Arts ‘Reina Sofía’ 2009 in Valencia das Werk La Fura dels Baus anvertraut, die mit ihrem „Ring des Nibelungen“ ja zurecht Ruhm errungen haben. Nach zu vielen szenisch schlechtweg langweiligen, statischen, ideenlosen Aufführungen des Werks (der Wiener „Ring“ ist ein Paradebeispiel dafür) war es durchaus berechtigt, alle Kunststücke, derer die zeitgemäßen Computertricks fähig sind, zu einem überbordend überwältigenden optischen Eindruck zu fügen. Und die „Trojaner“ mit ihrer Spieldauer von über vier Stunden schienen das auch zu vertragen.
Die Premiere mit Valery Gergiev am Pult war Ende Oktober 2009 (damals noch mit Stephen Gould als Énée), aufgezeichnet wurde eine Wiederaufnahme von 2010, mit Wagner-Held Lance Ryan in der Rolle, in der es mit Kraft zu schmettern gilt. Wobei, das sei gleich gesagt, Didon mit der Italienerin Daniela Barcellona und Cassandre mit der Portugiesin Elisabete Matos nach internationalen Maßstäben nicht allzu hoch besetzt waren, wenn man auch in der Opernwelt auf „Name Dropping“ geht (und wie sehr ist das der Fall!). Aber wer nicht ohnedies nach den alten Met-„Trojanern“ mit der Spitzenbesetzung greift, der wird diese „Trojaner“ ohnedies wegen der Inszenierung wählen. Diese hat schon in den Kritiken Widerspruch erregt und wird es wohl auch tun, wenn man sie am Bildschirm erlebt (je größer der Bildschirm, umso besser!).
Ohne Videospiele geht es nicht bei dem Fura dels Baus-Regisseur Carlus Padrissa, sie füllen die Bühne und entwickeln mehr abstrakt als konkret Phantasiewelten, die mit Projektionen und Schattenspielen hier durchaus abstrus ausfallen, wenn man manchmal auch recht fasziniert hinsieht. Auch bei den Personen setzen die „Einfälle“ auf der Stelle ein, wenn der Chor wie eine Mannschaft amerikanischer Football-Player daherkommt – mit Maschinenpistolen wohl gemerkt (später blitzen Spiegel-Schilder). Ob E.T., ob Männer in Sternenritter-Rüstungen, an einschlägigen Einfällen mangelt es nicht, dem „Krieg der Sterne“ verdankt die Aufführung viel, wenn sie damit auch manchmal an der Grenze der Albernheit kommt – etwa auch in den Balletteinlagen.
Wer das Werk nicht kennt, wird wohl kaum etwas mitbekommen, am allerwenigsten, warum Karthago am Ende in einem Turm aus Fernsehbildschirmen untergeht. Dergleichen erscheint dann langsam als müdes Zitat einer technologisierten Gegenwart, die mit dem Mythos wenig zu tun hat und nur noch quasi automatisch im Dienst einer angeblich „zeitgemäßen“ Interpretation herangezogen wird. Cassandre im Rollstuhl wirkt wie eine alte Hexe, etwa wie die Pique-Dame-Gräfin, Didon wie eine Madame Butterfly frisiert und gelegentlich zwischen Röhren angesiedelt, die Kostüme zitieren Japanisches ebenso wie Kino-Star Wars, und so hat man am Ende ein Mischmasch, das zwar flüchtig mit Bildern unterhält, aber eigentlich das Werk verkauft.
Weil es sich um eine Co-Produktion mit Warschau und St. Petersburg handelt, steht Valery Gergiev am Pult, und das ist überhaupt keine schlechte Lösung, denn der Russe steht für eine ursprüngliche Dynamik, die hier über weite Stellen gefragt ist, wenn man die subtilen Passagen auch nicht unterschätzen soll und Gergiev die schwelgerischen Töne geradezu verliebt realisiert, so wie er das Pastose nicht langweilig macht.
Daniela Barcellona (Didon) muss über ihre abenteuerliche Gewandung hinwegsingen und ist recht hell für eine Mezzopartie, mit viel dramatischem Tremolo. Sie klingt, was nicht sein sollte, sehr ähnlich wie Elisabete Matos, die man stimmlich, trotz schön-dunkler Mittellage, aber mit eher schriller Höhe, nicht in die Reihe der wirklich großen Cassandre -Interpretinnen einreihen wird. Lance Ryan Énée ist wahrlich als Sternen-Ritter gewandt und singt in Ordnung, aber das große Belcanto-Fest ist es rundum nicht. Da reüssieren manche Nebenrollen vergleichsweise mehr -
Gabriele Viviani als Chorèbe in Ritterrüstung und mit schönem Bariton, Stephen Milling als Narbal mit prächtigem Bass.
Alles in allem: Optisch eine wüste Sache. Könnte aber sein, dass man mit dergleichen den Zeitgeist trifft – und ein paar kinoverrückte Jugendliche sich solcherart eine Oper ansehen. Bzw. eine Show mit Berlioz-Musik…
Renate Wagner
LES TROYENS
von Hector Berlioz
Aus dem Palau de les Arts ‘Reina Sofía’,
Valencia 2010
Musikalische Leitung: Valery Gergiev
Inszenierung: Carlus Padrissa/La Fura dels Baus
Bühnenbild: Roland Olbeter
Video: Franc Aleu
Kostüme: Chu Uroz
Lance Ryan (Énée)
Gabriele Viviani (Chorèbe)
Giorgio Giuseppini (Panthée)
Stephen Milling (Narbal)
Elisabete Matos (Cassandre)
Daniela Barcellona (Didon)
Eric Cutler (Iopas)
Oksana Shilova (Ascagne)
Zlata Bulicheva (Anna)
Dmitri Voropaev (Hylas)
Askar Abdrazakov (Priam)
Cor de la Generalitat Valenciana
Orquestra de la Generalitat Valenciana
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