Eva MICHNIK
Interview, 10/2009: Eva MICHNIK – Oper Wroclaw, Überzeugung, Engagement, Übersicht
Eva Michnik – Generalintendantin und Generalmusikdirektorin der Oper von Wroclaw
Überzeugung, Engagement und Zuversicht…
Anlässlich der „Frau ohne Schatten“, die Hans-Peter Lehmann, Assistent von Wieland Wagner im Neu-Bayreuth, im vergangenen Mai in der wunderschön renovierten Oper von Wroclaw (vormals Breslau) imposant in Szene setzte (Merker 07/2009) interviewte ich Frau Prof. Eva Michnik, die Generalintendantin der Oper von Wroclaw und zugleich auch deren Chefdirigentin. Im Jahre 2006 hatte sie einen Meilenstein in der Wagner-Rezeption Polens gesetzt, mit zyklischen Gesamtaufführungen des „Ring des Nibelungen“ in der architektonisch faszinierenden, von Max Berg 1911-13 erbauten Jahrhunderthalle (Hala Ludova - Volkshalle), ebenfalls in einer Inszenierung von Hans-Peter Lehmann. Der neue Merker berichtete.
Hauptgegenstand unseres Gesprächs war die Rolle der Komponisten Richard Wagner und Richard Strauss auf den polnischen Opernbühnen im 20. Jahrhundert und Frau Michniks Betrachtung der „Frau ohne Schatten“, die – man mag es kaum glauben – in Wroclaw nun ihre polnische Erstaufführung erlebte. Nicht einmal das bedeutende Wielki-Theater in Warschau hat sich ihrer bisher angenommen.
Zu Richard Wagner und Richard Strauss erklärt Frau Michnik, dass anders als in Deutschland und Österreich, in Wroclaw nach dem II. Weltkrieg aus nahe liegenden Gründen keine deutschen Opern gespielt wurden, obwohl es kein ausdrückliches Verbot gab. Man konzentrierte sich auf polnische Werke. Wagner und R. Strauss wurden schon gar nicht gespielt. Der in Wroclaw 2003 begonnene „Ring“ war der erste szenische Wagner nach dem Krieg in der Stadt. Der Komponist war schon vorher in der Philharmonie konzertant zu hören. Strauss spielte man zuvor bereits auf kleineren Bühnen.
„Die Frau ohne Schatten“: Warum machte Eva Michnik nun die erste polnische „Frau ohne Schatten“ in Wroclaw? Sie meint, dass das Orchester durch die Arbeit am „Ring“ nun die für R. Strauss erforderliche Reife erlangt hatte, von der musikalischen Seite her also die Voraussetzungen gegeben waren. „ ,Die Frau ohne Schatten’ ist vom musikalischen Aspekt her die ,symphonischste Oper’. Die langen Interludien, die die Bühnenwechsel begleiten, sind die schönsten Fragmente im Schaffen von R. Strauss. Die faszinierende Musik dieser Partitur ist sehr abwechslungsreich, mit wunderschönen, expressionistischen Fragmenten, voller Chromatik, oft Bitonalität im tutti des Orchesters bis hin zu kammermusikalischen, subtilen Abschnitten.“
In der „FroSch“ in Wroclaw gab es eine große Überraschung mit dem Rollendebut der blutjungen Russin Evgeniya Kuznetsova als Färberin, die nach einem Vorsingen vor einigen Monaten in das Ensemble aufgenommen worden war und ihre erste Rolle überhaupt sang – und dann gleich die Färberin! Sie bereitete sich neun Monate darauf vor. Frau Michnik ist zu Recht stolz auf ihr neues Ensemblemitglied und legt Wert darauf, dass sie ihre Karriere mit voller Konzentration und behutsam beginnt.
Ihre Meinung zu modernen Opern und das kommende Saisonprogramm: EvaMichnik will moderne und auch zeitgenössische Werke zeigen, zumal in Polen noch recht wenige davon zu sehen sind. Mit der neuen Leitung am Wielki-Theater beginnt man nun auch in Warschau, moderne Werke zu spielen. Der dortige Künstlerische Direktor Mariusz Trelinski legt viel Wert auf zeitgenössische Musik, die er in das Repertoire einführen will.
In der Saison 2009/2010 ist in Wroclaw die polnische Erstaufführung der Oper „The Mother of Black-Winged Dreams“ von Hanna Kulenty geplant, die schon einmal in Deutschland gespielt wurde. Bei den Maifestspielen in Wiesbaden gastierte Wroclaw dieses Jahr erfolgreich mit „König Roger“ von Karol Szymanowski, den man auch in der laufenden Saison in Wroclaw geben wird. 2010 ist auch Pendereckis „Das verlorene Paradies“ im Programm. Geplant ist ferner eine Koproduktion mit dem Prager National-Theater (Nàrodni divadlo), „The Plays of Mary“ von Bohuslav Martinu. In Wroclaw fand 2008 zum ersten Mal das Festival Moderner Oper statt. Es ist nun alle zwei Jahre geplant und wir also 2010 wieder kommen.
Da Verdi und Puccini sehr gut bei den Polen ankommen, sind auch diese beiden Komponisten mit „La traviata“, „Rigoletto“, „Nabucco“, „Falstaff“ sowie „La bohème“ und „Turandot“ gut vertreten. „Rigoletto“ wird besonders begeistert aufgenommen. 2010 wird zudem die Wroclawer Erstaufführung von Giacomo Orefices „Chopin“ kommen, ein Werk, das 1901 in Mailand seine UA erlebte und seither kaum ausgeführt wurde. (Die Warschauer Erstaufführung fand 1904 statt, die nächste Premiere war im Jahre 1933. Die jüngste Warschauer Premiere von „Chopin” gab es 1997 am Teatr Wielki – Opera Narodowa).
Für jeden Regisseur ist es ein schweres Werk, ohne Dramaturgie. Die Oper wurde aus 160 Fragmenten von Klavierwerken Chopins konzipiert und sehr geschickt instrumentiert von Giacomo Orefice. Das Libretto bilden Szenen aus dem Leben des großen polnischen Komponisten.
Im Jahre 2011 ist in Wroclaw auch wieder Wagner geplant, und zwar sein Abschiedswerk „Parsifal“.
Finanzielle Aspekte: In der Saison 2008/2009 bekam die Wroclaw Oper aus formalen Gründen keinen Zuschuss, der für eine Megainszenierung verwendet werden sollte. Infolgedessen wurde die für Juni 2009 geplante open air -„Gioconda“ gestrichen. „Hoffmanns Erzählungen“ sollten in der Jahrhunderthalle kommen, nun wird es „nur“ im Haus zu finanzieren sein. Dafür kommt aber die neue „Turandot“ im Juni 2010 als open air Vorstellung auf dem See vor der Jahrhunderthalle, in Koproduktion mit einem anderen Theater. Aufgrund von großen infrastrukturellen Investitionen im Bereich Kultur wird in vielen Städten Polens, auch in Wroclaw, die laufende künstlerische Tätigkeit viel weniger subventioniert als in den Jahren zuvor.
Angesichts all dieser Probleme kann sich die Oper Wroclaw glücklich schätzen, eine auf vielen Gebieten des Opernbetriebs so kompetente und engagierte Generalintendatin und Chefdirigentin zu haben. Die Zuversicht und Freude an ihrer Arbeit sind für mich klare Zeichen dafür, dass von der Opera Wroclawska noch bedeutende künstlerische Impulse nicht nur für Polen ausgehen werden.
Klaus Billand
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