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IN THE LAND OF BLOOD AND HONEY

Ab 24. Februar 2012 in den österreichischen Kinos
IN THE LAND OF BLOOD AND HONEY
USA  /  2011
Regie: Angelina Jolie
Mit: Zana Marjanovic, Goran Kostic, Rade Serbedzija u.a.

Wer immer Angelina Jolie für nicht mehr als eine volllippige Society-Schönheit gehalten hat, die eben gelegentlich vor der Kamera steht und sich und ihren Mann Brad Pitt medial optimal vermarktet, wird sich entschuldigen müssen: Mit dem Film „In the Land of Blood and Honey“ legt sie ein bemerkenswertes Werk vor, in dem sie als Drehbuchautorin und Regisseurin in nur wenige der Fallen getappt ist, die sich Neulingen im Genre auftun. Es ist ein hochprofessionell gemachter, inhaltlich stringenter Film, der seine Aussage transportiert und dabei als „ewige Geschichte“ in voller Überzeugungskraft funktioniert.

Angelina Jolie ist immer wieder als UNO-Abgesandte durch Konfliktregionen gereist und hat das offenbar doch nicht – der Verdacht lag nahe – für die eigene Publicity getan, sondern genau hingesehen. In den zerrissenen Ländern des Balkan wurde ihr klar, was in Bürgerkriegsregionen in aller Welt immer wieder passiert: Dass Menschen, die zuvor friedlich nebeneinander gelebt hatten, plötzlich als Feinde auseinander gerissen wurden, auf entgegengesetzten Seiten standen und imstande waren, einander die schier unglaublichsten Greuel zuzufügen. Wie viele „Liebesgeschichten“ zwischen den Fronten mögen sich in der Realität abgespielt haben? Angelina Jolie erzählt eine davon, die sich als roter Faden durch das Geschehen zieht.

Es beginnt – noch – friedlich: Ajla ist Malerin (einige ihrer Bilder hängen sogar im Museum), sie lebt mit ihrer Schwester und deren kleinem Kind in einem Plattenbau, und zu Beginn kann sie sich – wie jede Frau – nicht hübsch genug machen für das Rendezvous mit Danijel, dem Mann in Uniform. Wenn sie in der Disco tanzen, tun sie es wie ein schüchtern verliebtes Paar in den Anfängen einer Beziehung, das bereit ist, sich sehr an einander anzunähern… Dann platzt die Bombe im Wortsinn, die Disco wird verwüstet. Beide überleben, aber der Krieg beginnt. Und nun sind sie auf verschiedenen Seiten: sie, die bosnische Muslima (was sich in keinerlei Äußerlichkeiten zeigt, keine Frau trägt hier Kopftuch oder verhüllt sich gar), er, der serbische Soldat (und das sogar in exponierter Stellung).

Und nun kann an ihren Schicksalen jeweils die entgegen gesetzte Position aufgearbeitet werden, grob gesagt natürlich die Situation von Opfern und Tätern, denn die Serben, die dieses Land beanspruchen, erinnern sich ebenso wie die Bosnier an durch Jahrhunderte und Generationen verfestigte Gegensätze. Dass Hass dann ausufert in Greueltaten, die Angelina Jolie als Regisseurin schildert, ohne sie allzu plakativ auszureizen (das aus dem Fenster geworfene Baby ergibt allerdings offenbar unvermeidlich eine „Mater dolorosa“-Pose), macht den Film erschütternd „lebensnah“. Nicht, dass man gerne dabei zusehen würde, wie die Soldaten die Häuser der Bosnier stürmen, die Männer einfach niedermetzeln, die Frauen zusammentreiben und Hunderte davon als Sexsklavinnen mitnehmen, die ihnen noch kochend und arbeitend den Alltag bestreiten – aber man hat nie das Gefühl, hier würde etwas erfunden, was es nicht gegeben hat. Kein Zweifel, was man sieht, ist so oder anders (aber im Prinzip so) geschehen.

Angelina Jolie ist ein Geschöpf Hollywoods, sie muss die Liebesgeschichte, die schwierig bis unmöglich wird, im Zentrum des Geschehens halten – Danijel, dessen Vater einer der wichtigen Generale der serbischen Armee ist, kann nur so verfahren, dass er sich Ajla nach außen hin als seine „Moslem-Hure“ hält. Aber wenn sie allein sind, versucht er, die verlorene menschliche Basis wieder aufzubauen. Wobei Ängste, Zweifel, Misstrauen stets von neuem zu überwinden sind – und letztlich doch zum letalen Ende führen.

Aber diese Geschichte wird natürlich auch dazu benützt, die verschiedenen Positionen ideologisch klar zu machen. Sicher hat es Volkshochschule-Niveau, wenn die Serben so untereinander konversieren, dass sie Geschichte, Emotionen, politische Ambitionen schön klarlegen – aber sie dürfen es, auch ihr Standpunkt wird berücksichtigt, der absoluten Einseitigkeit von Schwarz / Weiß, Böse / Gut macht sich Angelina Jolie nie schuldig. Und weil sie auch mit bemerkenswertem handwerklichem Können verfährt (sie hat offenbar vielen guten Regisseuren, mit denen sie gearbeitet hat, genau zugesehen) und weil es geglückt ist, die Atmosphäre eines vom Krieg zerrütteten, zerschossenen, zerstörten Landes und seiner Menschen auch optisch bemerkenswert einzufangen, ist „In the Land of Blood and Honey“ ein Film, den zu sehen sich lohnt.

Es gibt eine Fassung auf Englisch, eindrucksvoller ist er in der Originalsprache mit Untertitel, wenn da auch Feinheiten unter den Tisch fallen mögen, weil man sie eben nicht versteht. Die Darsteller sind hierzulande unbekannt, aber natürlich nach ihrer Leinwand-Wirkung ausgesucht – sie sind quasi Prototypen, für die es in Hollywood Äquivalente gegeben hätte, auf die die Jolie verzichtet hat: Goran Kostic etwa ist ein Typ ähnlich wie Daniel Craig. Er spielt jenen Danijel, der durch Geburt und Verwandtschaft unauflösbar in seiner Rolle als Armeekommandant steckt, aber nicht zuletzt durch die Gefühle für Ajla von jedem Scheuklappendenken frei ist, weil er die Gegenseite auch kennt. Immer wieder wird klar, wie er in seiner abweichenden Position auf der Hut sein muss, von seinen Kollegen und vor allem seinem Vater nicht durchschaut zu werden. Rade Serbedzija gibt diesem General Vukojevich so viel Gewicht und Würde, dass das schon eher eine Hollywood-Figur ist als ein Verbrecher, der gnadenloses Morden auf sein Banner geschrieben hat. Zana Marjanovic schließlich geht mit schönem Gesicht und waidwundem Blick durch die Hölle der Ajla, wobei Angelina Jolie den bosnischen Frauen, deren Demütigungen sie zeichnet, ihre Würde lässt: Jenes Geheule, Geweine, Gekreische, das Fernsehkameras am liebsten quälend einfangen, wird man kaum finden, vielmehr die hinuntergeschluckten Tränen und die verzweifelten Versuche, durch das Grauen zu kommen.

Happyend kann es natürlich keines geben, so viel Hollywood darf wirklich nicht sein.

Ein Kompliment für Angelina Jolie, die menschliches Kino macht, ohne in die Kitschfalle zu laufen, die im Hintergrund dauernd gähnt. Es ist ihr doch erheblich mehr gelungen als nur das „gut Gemeinte“.

Renate Wagner

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SAFE HOUSE

Ab 24. Februar 2012 in den österreichischen Kinos
SAFE HOUSE
Regie: Daniel Espinosa
Mit: Ryan Reynolds, Denzel Washington, Vera Farmiga, Brendan Gleeson, Sam Shepard u.a.

Alles an diesem Film besteht aus klassischen Thriller-Zutaten: zwei attraktive Hauptdarsteller, einer der „Gute“, der andere der „Schlimme“, wobei die Wertigkeiten sich im Laufe des Geschehens sich durchaus ändern können und Gegner zu Verbündeten werden. Eine Reihe farbiger, interessanter Nebenfiguren, die für legitime Verwirrung im Geschehen sorgen.

Dazu ein attraktiver Schauplatz – hier ist es Kapstadt, das in Luftbildern gezeigt wird, die wahrlich Lust machen, dorthin zu fahren. Wenn man drinnen steckt, ist es schon problematischer. Zelebriert wird die Gedrängtheit der Stadt (Höhepunkt für Klaustrophobiker: ein überfülltes Football-Stadion während eines Matches), das pittoreske Elend der Townships mit einer Wellblech-Hütten-Siedlung, schließlich Fahrt durch eine herrliche, dramatische Landschaft, um in einem einsamen Haus im Nowhere zu landen, wo dann der Showdown stattfindet…

Ryan Reynolds, dem man stets seine Meisterleistung in „Buried“ gutschreiben wird, spielt Matt Weston, einen jungen Agenten am Abstellgeleis, der in Kapstadt gelangweilt und genervt ein „Safe House“ der CIA hütet, in das nie jemand eingeliefert wird. Bis die Sensation passiert – Tobin Frost, legendärer freier Agent zwischen den Fronten, ein hinreißend frecher Denzel Washington, anfangs mit wilder Negerkrause, begibt sich freiwillig in den „Schutz“ der USA. Was ihm nicht bekommt: Gleich unterzieht man ihn der aus Guantanamo so unrühmlich bekannten Wasserfolter („Dürfen wir denn das?“ fragt Matt Weston erschüttert und erweist sich solcherart als liebenswertes Greenhorn, das später allerdings zeigen darf, dass es seinen Agenten-Job beherrscht).

Frost, der auf einem Chip Informationen hat, die allerlei ins Wanken bringen können, steht offenbar auf der Abschussliste vieler, die ihre Profis losschicken, um ihn auszuschalten. Folglich muss Weston, um ihn für seine CIA zu bewahren, mit ihm fliehen. Von Langley aus betrachten eine Menge Agenten und Machthaber (Brendan Gleeson, Vera Farmiga, Sam Shepard) das Geschehen von außen, und dass sie selbst verdächtige Figuren sind und keine saubere Hände haben, dafür kann man die eigenen ins Feuer legen… Durchs Feuer müssen die beiden Agenten: Der Film bietet die altbekannte Jagd, immer wieder die Bösen auf den Fersen, kaum hat man ein paar ausgeschaltet (die Superhelden-Kampf-Qualitäten der Protagonisten gehören bei Filmen dieser Art einfach dazu), sind schon die nächsten da.

Und selbstverständlich muss sich Weston mit Frost irgendwann zusammen schließen, um zu überleben. Wenn es zwischen dem Hetzen von einem Ort zum anderen gelegentlich einen Ruhepunkt gibt, kann man ihnen zusehen, wie sie sich näher kommen – der ältere, abgebrühte Agent und das Greenhorn… Reynolds, der diesmal eher unbedarft wirken darf, und Washington, souverän bis in die Fingerspitzen, spielen das sehr, sehr schön. Und die „Bösen“ sind dann die anderen… Für eine Mädel-Geschichte (Nora Arnezeder bleibt ganz am Rande) ist da kaum Zeit.

Sicherlich ist das nur die obligate Routine, die Regisseur Daniel Espinosa über die Leinwand hetzt, aber auch das muss man können. Mehr als Thriller-Unterhaltung ist nicht beabsichtigt (und Besonderes ist dem Drehbuch nicht eingefallen), mehr bekommt man nicht, aber auch nicht weniger.

Renate Wagner

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EXTREM LAUT UND UNGLAUBLICH NAH

Ab 17. Februar 2012 in den österreichischen Kinos
EXTREM LAUT UND UNGLAUBLICH NAH
Extremely Loud & Incredibly Close  /  USA  /   2011
Regie: Stephen Daldry
Mit: Thomas Horn, Tom Hanks, Sandra Bullock, Max von Sydow, Viola Davis, John Goodman u.a.

Es hat eine Zeit gedauert, bis die nationale Tragödie von 9/11 außerhalb von Zeitungsserien und TV-Dokumentationen behandelt wurde – zu schmerzend ist sie für die Amerikaner vielleicht auch noch aus der Distanz von einem Jahrzehnt, um sich dem Thema fiktional zu nähern. Und ein Film wie dieser tritt im Grunde nur den Beweis an, dass man es besser lassen sollte…

Basis ist ein Roman von 2005 (mit einem nicht wirklich erklärbaren Titel), in dem Autor Jonathan Safran Foer den neunjährigen Oskar (so berühmt wie Oskar Matzerath wird Oskar Schell allerdings mit Sicherheit nicht werden) die Geschichte seiner Trauerarbeit erzählen lässt: Papa starb bei dem Terrorangriff in einem der Hochhäuser, dazu kommt noch die Geschichte der jüdischen Großeltern, die im Film allerdings vernachlässigt wird. Oskar ist seltsam, Oma und Opa sind seltsam, und seine Eltern schaffen es gerade noch, in diesem Film als halbwegs „normal“ durchzugehen. In Rückblenden ist Tom Hanks ein intellektueller Papa, wie man ihn jedem aufgeweckten Sohn wünscht, der sich voll und ganz mit herausfordernden Aufgaben auf den interessierten Nachwuchs einlässt. Was die Mama betrifft, in der Sandra Bullock diesmal gar nicht ihren persönlichen Humor-Charme einsetzen darf, sondern tapfer gegen den Widerstand eines eigenbrödlerischen Heranwachsenden kämpft, so gewinnt sie erst im Lauf des Geschehens Profil und dann auch die verdiente Sympathie.

Diese kann Oskar selbst nicht wirklich erwerben, und daran liegt das Problem von Geschichte und Film, so gescheit der junge Thomas Horn (zur Zeit der Dreharbeiten 14 Jahre alt) den gesprächigen, überaktiven Außenseiter auch spielt. Er ist auch im Film teilweise der Erzähler, und er „bockt“ von Anfang an – als man einen leeren Sarg begräbt, nur um Papa zu ehren, von dem vermutlich nichts übrig geblieben ist. Oskars persönliches Problem rund um des Vaters Tod besteht darin, dass er das Telefon nicht abhob, als dieser aus dem brennenden Hochhaus anrief – und es auch seiner Mutter nie gesagt hat, dass es berührende Abschiedsworte auf dem Anrufbeantworter gibt. Warum das so ist, erklärt sich nicht, aber es ist nicht völlig unverständlich – weiß man denn immer, warum man etwas tut oder nicht tut?

Allerdings hat man es mit dem Rest der Geschichte mehr als schwer, weil sie so abstrus und im Grunde nicht nachzuvollziehen ist. In den Sachen des Vaters, die von der Mutter unberührt bleiben, findet Oskar eine Vase, diese zerbricht, darin befindet sich der Schlüssel zu einem Schließfach und ein Zettel mit der Aufschrift „Black“. Und Oskar setzt nun zu dem Wahnsinnsmarathon hat, Hunderte und Aberhunderte „Blacks“ im Telefonbuch von New York herauszuschreiben und einen nach dem anderen abzuklappern… Nein, man muss glücklicherweise nicht mit ihm von Tür zu Tür (man versagt ihm innerlich ja schon bei dem ganzen Projekt die Gefolgschaft), aber eine Begegnung (mit Viola Davis) wird entscheidend und führt zur schlimmsten aller Lösungen: Dieser Schlüssel, dem Oskar wie besessen monatelang  seine Existenz widmet, hat absolut nichts mit ihm zu tun, Papa hat ihn für einen flüchtigen Bekannten aufbewahrt… Deutlicher könnte sich die Sinnlosigkeit des Ganzen nicht „entschlüsseln“, wenngleich jede dramaturgisch pathetische Lösung wohl noch schlimmer gewesen wäre.

Und um die Unnatur des Gebotenen auf die Spitze zu treiben, findet Oskar eines Tages in Omas Wohnung einen alten Mann, der zwar nicht spricht, sondern seine Botschaften nur aufschreibt, aber ihn nach und nach auf seinen Steifzügen begleitet: Ja, es ist Opa, irgendwo im Hintergrund ist die nicht behandelte Holocaust-Geschichte, und Max von Sydow tut, was ein Schauspieler seines Kalibers machen kann, aber es kommt dabei nichts heraus…

Nein, in diesem Film von Regisseur Stephen Daldry, der wenigstens nur in Grenzen sentimental verfährt, wird eine Trauerarbeit-Geschichte erzählt, die zu seltsam und abgehoben ist, um wirklich Interesse zu erregen oder etwas allgemein Gültiges auszusagen. Dass man sie mit 9 / 11 kombiniert hat, wirkt (obwohl es im Roman vorgegeben ist) im Grunde wie reine Spekulation, denn in Bezug auf das damals Geschehene ist die Handlung absolut unspezifisch.

Renate Wagner

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GEFÄHRTEN

 

Ab 17. Februar 2012 in den österreichischen Kinos
GEFÄHRTEN
War Horse  /  USA  /  2011 
Regie: Steven Spielberg
Mit: Jeremy Irvine, Emily Watson, Peter Mullan, David Thewlis, David Kross u.a.

Aus Steven Spielberg klug zu werden, ist nicht einfach. Der Mann hat Meisterwerke gedreht – „Das Reich der Sonne“ (1987) oder „Schindlers Liste“ (1993) waren solche. Er war ambitioniert, wenn auch von Kitsch verführbar, von „Die Farbe Lila“ (1985) bis „München“ (2005). Der Mann kann etwas, kein Zweifel. Aber warum hat man das dumpfe Gefühl, dass er sich am wohlsten fühlt, wenn er den schrumpeligen Alien „E.T.“ aus dem All holt, wenn er Indiana Jones losschickt oder sich unter Sauriern im Jurassic Park verlustiert? Gerade erst wieder hat er mit „Die Abenteuer von Tim und Struppi“ weniger das kindliche Gemüt der Kinobesucher als wohl das eigene befriedigt – und „War Horse“ ist nun wieder einer jener Filme, in denen er einen harten politischen Hintergrund beschwört, aber dermaßen billig herummanipuliert, dass man von Rechts wegen die letzte Viertelstunde von Weinen geschüttelt in seinem Kinosessel sitzen müsste. Es ist ein Jammer mit einem Mann, der so viel kann und meist zu wenig will… Dass er mit dem, was er in über 40 Jahren Regiearbeit produziert hat, Milliarden von Dollars bewegte, von denen sicher genügend bei ihm selbst gelandet sind (wohl verdient mit harter Arbeit), ist schließlich nur eine Art von Erfolg…

Die Geschichte von„War Horse“, dem „Kriegspferd“, die auf  Deutsch zurecht „Gefährten“ heißt, geht es doch um das Tier und seinen menschlichen Partner, einen englischen Jungen, der zum Mann wird, basiert auf einem englischen Kinderroman von Michael Morpurgo, der auch auf die Bühne gebracht wurde (man fragt sich wie). Die Story bietet zumindest in der Drehbuchfassung  alles auf, um ein Thema nicht ernsthaft, kritisch und wach, sondern sentimental und spekulativ auf schlichte Aussage hin abzuhandeln.

Zu Beginn ist man in England vor dem Ersten Weltkrieg. Da ist eine elendig arme, aber ehrbare Bauernfamilie und ein elendig mieser, ausbeuterischer, sadistischer Großgrundbesitzer, der sie nach allen Regeln der bösartigen Kunst ausbeutet: Peter Mullan und Emily Watson sind als Meisterschauspieler das differenzierte Ehepaar, David Thewlis das arrogante reiche A-loch, man kann es nicht anders sagen. Und da ist der Sohn, Albert (eine sehr schöne Leistung von Jeremy Irvine), der sich in Joey „verliebt“, ein besonderes Pferd, das der Vater aus Trotz kauft, das eigentlich zu gut ist für die Feldarbeit, aber von Albert mit unendlicher Liebe dorthin trainiert wird. Da gibt es herzzerreißende Szenen, wie der alte Bauer und das Pferd ein völlig mit Steinen übersätes Feld beackern, um es allen zu zeigen… Schon da zieht es dem fühlenden Zuschauer innerlich alles zusammen, und es werden noch viele, viele Szenen dieser Art kommen. Denn der Vater verkauft das Pferd, als der Krieg ausbricht, Albert schwört natürlich die Wiedervereinigung, aber bis es dahin kommt, vergehen buchstäblich Stunden (zweieinhalb, das ist klassische Überlänge).

Die Handlung verlässt Albert und bleibt bei Joey, der zwar nicht ganz so „vermenschlicht“ wird wie Tiere bei Disney (nein, er spricht nicht), aber doch eine Menge „Psychologie“ aufgehalst bekommt – rührendes Verhalten jetzt Tiere unter sich. Gute Menschen, die sich etwas aus Pferden machen, böse Menschen, für die sie keine Individuen, sondern nur zu schindende „Sachen“ sind. Es wird viel schmutziger Krieg gezeigt, das Elend der Tiere neben jenem der Menschen penibel beachtend. Die Episode auf den Schlachtfeldern mit den Deutschen handelt längere Zeit von einem blutjungen Soldaten (David Kross spielt ihn, tragisch umweht und mit letalem Schicksal) und wendet sich dann nach Frankreich (mit Niels Arestrup als einem Großvater, der am Ende noch in das Geschehen eingreift, und Celine Buckens als Enkelin). Nach langer Zeit, in der Joey wirklich viel erleiden musste, erleben wir Albert als Soldat im Felde, und natürlich kann man jetzt nur auf ganz bewährte Weise bangen und hoffen, dass die beiden einander wieder begegnen…

Der Film hat eine Szene, die so Über-Drüber spekuliert ist, dass man es kaum aushält, und trotzdem ist sie fast grenzgenial – da ist Joey im Gefecht und in der Panik wild zwischen den Linien hin und her gerannt und hat sich (man kann es kaum ansehen, es schmerzt regelrecht) zwischen Unmengen von Stacheldraht hoffnungslos verfangen. Er steht hilflos im Niemandsland zwischen den englischen und deutschen Linien. Und da kommen sie – Gott sei Dank alles Tier- und Pferdefreunde – von beiden Seiten, vorsichtig, mit keinem anderen Wunsch, als Joey aus seiner katastrophalen Situation zu befreien, und die bösen Deutschen sind gute Deutsche, wenn sie Zangen werfen, nur um die Arbeit zu erleichtern…

Und dann Happyend? Noch lange nicht. Denn der arme Albert ist von einer Giftgasattacke blind, aber er kann das Pferd an seinem Hufschlag erkennen, und Joey erkennt nach Jahren den Pfiff seines Herrn… und noch immer will man ihm das Tier, das einst seines war, nicht zugestehen, man hält es schon nicht mehr im Kinosessel aus. Aber der Opa aus Frankreich – egal, irgendwie muss es gut ausgehen, muss Albert zum Finale auf Joey in auf der Farm seiner armen, aber ehrlichen, tapferen und wackeren Eltern einreiten und endlich, endlich, ist alles gut…vor goldrot glühendem Himmel.

Lieber Steven Spielberg, Sie können wunderbar Filme machen. Müssen Sie Ihr Können immer in den klebrigsten Kitsch ausarten lassen? Oder ist Ihre Sehnsucht nach Schönheit so groß, dass Sie ihr bedenkenlos jede Wahrheit opfern? Egal, Sie haben Ihr Publikum. Es wird in „War Horse“ herzlich weinen und sich nachher gut fühlen. Auch das ist etwas wert. Es gibt ja, Sie zeigen es, nicht nur künstlerische Erwägungen beim Filmemachen.

Renate Wagner

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HUGO CABRET

Ab 10. Februar 2012 in den österreichischen Kinos
HUGO CABRET
Hugo  /  USA  /  2011 
Regie: Martin Scorsese
Mit: Asa Butterfield, Ben Kingsley, Emily Mortimer, Jude Law u.a.

Denkt man an seine unvergeßlichen Mafia-Epen, ist das wohl kein typischer Martin-Scorses-Film. Denkt man an ein Ausstattungsfest wie „Zeit der Unschuld“, seine 1993 Verfilmung eines Edith Wharton-Romans, kommt man der Sache schon näher. Ja, Martin Scorsese kann absolut auch liebevoll sein und sich solcherart in die Welt der „Period Movies“ versenken. Allein, wie in der Geschichte des Jungen Hugo der Pariser Hauptbahnhof um 1930 aufersteht – ein Fest fürs Auge, und wer auch ein bisschen zusieht, wie’s gemacht wird, kann über solche detailverliebte Perfektion nur in Bewunderung ausbrechen.

Hugo Cabret also, der zwölfjährige Junge. Er ist, wie man liest, der Held eines Kinderromans von Brian Selznick (vielleicht keine Bildungslücke, wenn man noch nie davon gehört hat), einerseits wie erwähnt in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts spielend, andererseits ein Hauch von Sci-Fi, denn ein robotergleicher Automat spielt eine große Rolle. Ebenso wie nostaligischerweise mächtige, spektakuläre Uhrwerke, die in Gang gehalten werden wollen.

Vor allem aber ist die Geschichte von Hugo Cabret eine ultimative Huldigung an den Film, an das frühe Kino der zwanziger, dreißiger Jahre, und hier legt Scorsese in einer vielschichtigen, an Personen geradezu überbordenden Handlung sein ganzes Herz hinein.

Aber erzählen wir ein bisschen von der Handlung, sonst wird die Sache zu theoretisch: Hugo ist ein hinreißender Zwölfjähriger (Asa Butterfield gewinnt die Zuschauerherzen, weil er so nett, so hübsch, so unternehmungslustig und so klug ist), eine Waise (Papa in Gestalt von Jude Law taucht später in einer Rückblick-Sequenz auf), der als „blinder Passagier“ am Pariser Hauptbahnhof wohnt, wo ihn vom Blumenmädchen bis zum Polizisten jeder kennt, wo er – Familientradition! – die Uhren in Gang hält und sich seine nötigen Esswaren stibitzt. Er hat jeden Schlupfwinkel hier  im kleinen Finger und turnt sich geradezu hinreißend durch das Riesenareal, das von Scorsese zu seiner Welt für sich gestaltet wird (tatsächlich verlässt man sie nie). Und da lassen sich dann immer wieder 3 D-Effekte (wenn man deren Einsatz auch nicht für unabdingbar hält) einbringen – Hollywood wird mit der neuen Technik so lange spielen, bis man sie still schweigend wieder abschafft…

Zwei Begegnungen treiben die Handlung vorwärts. Zum einen trifft Hugo die etwa gleichaltrige Isabelle (Chloe Grace Moretz), die ihm bei seinem großen Projekt hilft, nämlich den Roboter-Apparat zu reparieren, der gewissermaßen sein Nachlass ist. Zudem ist Isabelle die Nichte von Georges Méliès, der eine historische Persönlichkeit ist – 1861 bis 1938, Theaterbesitzer, berühmter Illusionist seiner Zeit und früher Filmregisseur. In Gestalt des herrlich verbitterten Ben Kingsley schwenkt die Handlung nun auf die Welt des Kinos ein, die für Scorsese so wichtig ist.

Die verlorenen Stummfilme des Georges Méliès tauchen auf, man sieht, wie er sie gemacht hat, Scorsese feiert sie geradezu, indem er sich auf ihre Spuren setzt. Daneben fügen sich geheimnisvolle Elemente der Handlung zusammen (ganz abgesehen von privaten Romanzen, etwa zwischen Blumenmädchen und Polizist, wunderbar Emily Mortimer und Sacha Baron Cohen), und man merkt geradezu gerührt (vielleicht sogar am Randes des Kitsches?), wie Scorses alles gut machen will, was auf der Welt nicht richtig gelaufen ist. Zumindest den großen Vergessenen des Films von einst möchte er ihre zustehende Beachtung und ihren Ruhm wiedergeben…

Das alles ist auf ganz seltsame Art zauberhaft, und wer bereit ist, sich mit Hugo in diese Welt zu begeben und quasi die kindliche Seite seines Herzens ansprechen zu lassen, wird in diesem Film schlechtweg glücklich sein.

Warten wir ab, ob bei der „Oscar“-Verleihung dieses zaubrische Märchen von seinen zahlreichen Nominierungen (bester Film, bester Regisseur…) auch einige heimträgt.

Renate Wagner

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DAME, KÖNIG, AS, SPION

Ab 3. Februar 2012 in den österreichischen Kinos
DAME, KÖNIG, AS, SPION
Tinker, Tailor, Soldier, Spy  /  GB  /  2011
Regie: Tomas Alfredson
Mit: Gary Oldman, Colin Firth, John Hurt, Ciaran Hinds u.a.

Wenn es je Nostalgie pur gab, dann hier: John le Carré war der Thriller-König der Ära des „Kalten Krieges“. Londons MI6 und der Moskauer KGB standen einander in ihren besten Leuten – und sogar mit etwas Respekt für die jeweiligen Fähigkeiten der anderen gegenüber. Oft war das geteilte Berlin Schauplatz, ebenso oft auch die Städte des Ostblocks. Und immer wieder gab es Verräter in den eigenen Reihen (jene der Briten sind in der Realität verbürgt und sogar international berühmt geworden). Wenn Tomas Alfredson mit „Dame, König, As, Spion“ nun den Klassiker, den primus inter pares der vielen le-Carré-Klassiker verfilmt, versetzt er das Geschehen optisch hinreißend in jene muffigen Zeiten, da die Welt noch geteilt war und Agenten ausgesandt wurden, um ihr Leben „für den Westen“ oder „für den Kommunismus“ zu riskieren.

Darüber hinaus aber gibt es die Intrigen im eigenen Haus, durchwoben von Misstrauen – wer verbündet sich mit wem, wer traut wem (am besten niemandem), und letztendlich geht es um die Frage, worum es eigentlich geht: Selbst ein renommierter US-Filmkritiker hat zugegeben, dass er sich in der auf so vielen Ebenen erzählten Geschichte eigentlich nicht ausgekannt habe. Worauf die Stars bei den Interviews angehalten waren zu betonen, dass der Film weniger um die Handlung selbst als um die Atmosphäre gebaut sei. Kann die ultimative Erkenntnis lauten, dass der ganze komplizierte, teure, so viele Menschenleben verzehrende Spionageapparat völlig sinnlos war?

Zu Beginn geht ein konspiratives Treffen in Budapest letal schief. In der Folge muss Chef Control (zerknittert, hintergründig: John Hurt) gehen. Und mit ihm sein bewährtester Agent: Smiley, die Legende zwischen Buchdeckeln, mittlerweile Literaturgeschichte, wunderbar aufgehoben in der skeptisch-fragenden Miene von Gary Oldman. Als man ihn ein paar Jahre später wieder holt, soll er den „Maulwurf“ finden, der offenbar dafür sorgt, dass die britischen Aktionen regelmäßig schief gehen…

Und nun an erzählt Regisseur Tomas Alfredson (kein Brite, sondern Däne, aber mit sehr viel Verständnis für das Milieu) in den Zeitebenen bunt durcheinander: Da ist Vergangenheit mit den Aktionen einzelner Agenten, da ist die Gegenwart an Konferenztischen. Manche Szenen werden immer wieder aus anderer Perspektive gezeigt, wenn Smiley (bzw. der Zuschauer) schon mehr weiß und die Lage besser beurteilen kann.

In einem allerdings hat der amerikanische Kritiker-Kollege recht: Ganz klar wird das Geschehen nie. Nur dass die „Bösen“ im Osten mit grenzenloser Brutalität ans Werk gingen, während die Softies im Westen unverzeihliche Fehler begingen – etwa sein Herz an ein auf sie angesetztes Ostmädchen zu hängen… Sie stirbt nicht schön. Das unterscheidet John le Carré und Smiley auch von Ian Fleming und James Bond: Er ist so realistisch wie der andere glatt, so schmutzig wie der andere chic.

An den Schreibtischen in London sitzen ein paar eindrucksvolle Gesichter, an der Spitze „Oscar“-Preisträger Colin Firth, nicht einmal für eine totale Hauptrolle, weiters TV-„Caesar“ Ciaran Hinds oder der schrullige Toby Jones. Und noch ein paar – und einer muss der Verräter sein. Der Zuschauer wundert sich am Ende nicht. Aber das macht nichts.

Das ist natürlich kein Film für ein junges Publikum, das Action mit Krach verbindet und Psychothriller mit Horror. Aber interessanter geht es bei le Carré und in diesem Film allemale zu.

Renate Wagner

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UNDERWORLD: AWAKENING

Ab 3. Februar in den österreichischen Kinos
UNDERWORLD: AWAKENING
(USA  /  2012)
Regie: Mans Marlind, Björn Stein
Mit: Kate Beckinsale, Stephen Rea, India Eisley u.a.

Vampire und Werwölfe, Werwölfe und Vampire, in der „Teenie-Fassung“ dieser Vorgabe haben erst kürzlich die bleichen Twilight-Helden gelitten, in der erwachsenen Fassung, die eine schier ununterbrochene Folge von Kampfszenen zu bieten scheint, tritt nun erneut die schöne, etwas älter gewordene Kate Beckinsale an. Sieht im Latex-Dress, das man ihr wieder auf die Haut schmiedet (wo sie es her hat? Das weiß keiner), mit dem wehenden schwarzen Mantel nach wie vor sehr gut und erotisch aus. Und darum geht es ja. Vor knapp zehn Jahren kam sie als Vampirin Selene (die durchaus ein liebendes Herz hat) erstmals auf die Leinwand, 2006 gab es die erste Fortsetzung, dann dachte man sich ein Prequel ohne sie aus – aber ohne Kate hat „Underworld“ nichts Wahres zu vermelden. Also ist sie im vierten Film dieser Art wieder da, und am Ende wird geradezu darauf hingewiesen, dass Teil 5 bald folgen muss…

Ja, um die Handlung von Vampiren und Werwölfen, hier Lykaner genannt, wirklich spannend zu machen, braucht man natürlich auch die Menschen, und interessanterweise dreht und wendet sich die Geschichte so, dass diese die eigentlichen Bösen und Feinde sind. Um das leise der Altern der Heldin zu motivieren, ist sie offenbar 15 Jahre lang in einem Koma-Schlaf gehalten worden, damit sie Genmaterial für die Forschungen des bösen, bösen Dr. Jacob (Stephen Rea ist ein so harmloser Typ, aber die Gefährlichkeit glaubt man ihm sofort) abzugeben. Als sie aber aus ihrem Flüssig-Sarg ausbricht, hat sie natürlich nichts von ihrer Kampfeskraft verloren. Bloß – die Zeiten haben sich geändert. Die Menschen sind dermaßen auf Vampir- und Werwolf-Jagd, dass sich die einstigen Feinde sogar zusammenschließen müssen…

Ach ja, die 15 Jahre todesähnlichen Schlafs waren auch nötig, damit Selene nun mit der Tatsache konfrontiert werden kann, dass sie ein 14jähriges Töchterlein hat: India Eisley ist lieblich, wenn normal, verwandelt sich aber scheußlich, wenn ihr vampirische Gelüste einschießen… Immerhin, jetzt sind Mutter und Tochter unterwegs, bekämpfen den Doktor, der schon Zwitterwesen in Menschengestalt mit Vampirkräften geschaffen hat, und verkünden am Ende, dass sie nun aufbrechen werden, Papa Michael zu suchen…

Man kann nur hoffen, dass den Drehbuchautoren dann etwas mehr einfällt als in diesem von dem schwedischen Regie-Duo Mans Marlind und Björn Stein etwas schematisch (nur auf düster und laut) inszenierten Teil der  „Underworld“-Saga. Dann sollte es in Michael, der aparten Vampir / Lykaner-Mischung, auch wieder ein Love-Interest für die immer noch schöne Selene geben, die hier nur kämpfen und etwas verwirrt die Mutterschaft annehmen darf.

Renate Wagner

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THE ARTIST

Ab 27. Jänner 2012 in den österreichischen Kinos
THE ARTIST
Frankreich  /  2011 
Regie: Michel Hazanavicius
Mit: Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman u.a.

„The Artist“ ist ein Charmeboy – sonst wäre es, bei der Versponnenheit der Amerikaner in ihre eigenen Filmwelten, auch nicht zu erklären, dass dieser Film bei den „Golden Globes“ und den „Oscar“-Nominierungen dermaßen abgeräumt hat. Er ist nämlich ein Franzose vom Herstellungsland und den Hauptdarstellern her, und zu Franzosen und anderen Europäern fällt den Amerikanern meist nur ein, möglichst schnell ein Remake mit eigenen Darstellern auf die Beine zu stellen…

Aber „The Artist“ ist etwas Besonderes, denn Regisseur Michel Hazanavicius erzählt eine typische Hollywood-Geschichte. Und er erzählt sie so stilbewusst stilecht, wie man es selten erlebt hat. Er blendet auf das Ende der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts zurück – damals, als die große Zeit des schwarz-weiß-Stummfilms noch einmal explodierte, bevor sie fast abrupt zu Ende ging und den „Talkies“ den Weg freimachte. Und wer da als Schauspieler nicht sprechen konnte oder wollte, war weg vom Fenster – egal, wie groß sein Starruhm gewesen sein mochte…

Dass man die Geschichte des sterbenden Stummfilms in einem schwarzweißen Stummfilm erzählen kann, der den ganzen Glanz und eigentümlichen Zauber der Zeit und des Genres einfängt, das ist das Geheimnis von „The Artist“. Selbst die Zwischentexte sind auf einem Minimum gehalten – hier wird der von den meisten Kinobesuchern vergessene (oder nie gewusste) Beweis angetreten, dass die Kunst der Schauspieler, von Musik begleitet und aufgemischt,  schlechtweg alles zu vermitteln mag. Das liegt am Regisseur, das liegt an den Darstellern, das liegt an dem Mut, mit dem dieses Stilmittel gewählt, durchgehalten – und zum Triumph geführt wurde.

Der Star des Films ist „George Valentin“: In dem, was er zeigt, eine Mischung aus frühem Gene Kelly (weil brillanter Tänzer) und Errol Flynn (weil Mantel- und Degenheld), der Goldesel des Studios, scheinbar immer fröhlich, gut gelaunt, reich und erfolgreich, nur morgens am Frühstückstisch mit einer permanent mürrischen Frau (Penelope Ann Miller) nicht zu beneiden. Dafür hat er einen Diener / Chauffeur, der ein Goldstück ist und auch  dann noch bei ihm bleibt, wenn Ruhm und Geld in kürzester Kürze verschwinden (und die Ehefrau dazu): eine Traumrolle für James Cromwell, der alles kann, nicht nur Schweinchen Babe aufziehen, sondern auch an der Seite von „Queen“ Mirren den Prinzen Philip spielen – und hier eben den treuen Chauffeur wie aus dem Kino, bei dem einem unweigerlich das Herz aufgeht.

Das Geheimnis des Films besteht aber in der Chemie des zentralen Paares: Jean Dujardin spielt den Star, begleitet von seinem Hündchen (das enorm viel Publicity erhielt, aber dennoch nicht wirklich Gefahr läuft, dem „Artist“ die Show zu stehlen), und seine Wandlung vom erfolgsverwöhnten Strahlemann, der sich noch etwas wie echte Herzlichkeit bewahrt hat, zu einem in die Erfolglosigkeit dahinwelkenden Verzweifelten (das alles ohne ein Wort!) ist ein Meisterstück. An seiner Seite Bérénice Bejo, der auch die Übelwollendsten nicht nachsagen könnten, sie habe die Hauptrolle nur bekommen, weil sie (im Leben) die Frau des Regisseurs ist. Sie spielt Peppy Miller, die als Fan beginnt, eine kleine Statistin wird und sich geduldig zum Superstar hinaufspielt. Der Artist war schon nett zu ihr, als sie noch niemand war – und sie ist mehr als nett zu ihm, als das Spiel des Lebens die Rollen umgedreht hat und sie strahlender Jemand und er absoluter Niemand ist. Bérénice Bejo hat, man kann es nicht anders sagen, Herz, und das mit aller Selbstverständlichkeit der Welt. Man glaubt beiden ihre Gefühle, ohne dass der französische Film je so triefend würde, wie es sich Original-Hollywood wohl nicht hätte nehmen lassen…

Dafür spielt Regisseur Michel Hazanavicius europäische Ironie voll aus, wenn er alte Schwarzweißfilme à la Hollywood nachdreht – erst mit Valentin, dann mit Poppy als Star und all den händeringenden Lächerlichkeiten, die dazu gehörten… Aber die original-amerikanische Filmindustrie von heute durfte zu diesem Film im Grunde nichts anderes beisteuern als John Goodman in der Rolle eines Produzenten: schleimend freundlich zu jenen, die Geld bringen, absolut rücksichtslos, wenn jemand „out“ ist…

„The Artist“ ist einfach wundervoll gespielt und als solcher ein Wohlfühl-Film, der genug europäische Distanz zum Thema hat, um all seine mannigfaltigen Ebenen (die Hauptfiguren, die Welt der Studios, die Filme von damals) souverän zu jonglieren, das Thema zu bedienen und dennoch mit einem Lächeln zu betrachten. Ein intellektuelles Verwirrspiel, das funktioniert, wie immer man es betrachtet.

Renate Wagner  

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THE DESCENDANTS – FAMILIE UND ANDERE ANGELEGENHEITEN

Ab 27. Jänner 2012 in den österreichischen Kinos
THE DESCENDANTS – FAMILIE UND ANDERE ANGELEGENHEITEN
The Descendants  /  USA  /  2011
Regie: Alexander Payne
Mit: George Clooney, Shailene Woodley, Amara Miller u.a.

Seltsamerweise kreisten Besprechungen dieses Films oft um den einen Punkt: George Clooney spielt einmal “keinen Helden”. Es ist schwer nachzuvollziehen, wenn einem zu diesem Film nichts anderes einfällt. Wann hätte Clooney je einen glatten „Helden“ gespielt, ist er nicht vielmehr bekannt für differenzierte, oft ironiegetränkte Darstellungen? Sein Matt King, Anwalt in Hawaii, Durchschnittsmann, ist hier nur eine Charakterrolle unter vielen.

Vielmehr unterscheidet sich dieser Film von anderen, die Clooney als Darsteller, Produzent oder Regisseur sehen, einzig durch den leicht tremolierend-tragischen Unterton, den man mit ihm nicht so ohne weiteres in Verbindung gebracht hätte: Das ist, was die Amerikaner einen „Tear Jerker“ nennen, da braucht man mindestens drei Taschentücher, wenn ein hilfloser Vater am Ende die familiären Probleme gelöst hat und zum Lohn die beiden Töchter in die Arme schließen darf.

Problem 1: die Gattin. Sie liegt nach einem Bootsunfall im Koma, und der Film von Alexander Payne lässt offen, ob man das Kino-Wunder ihres Erwachens wünschen soll. Als sich allerdings herausstellt, dass die entfremdete Ehefrau einen Liebhaber hatte, muss sich das Drehbuch entscheiden, was tun: Der Ehemann geht der Sache nach, fast kriminalistisch, beim Aufspüren und Konfrontieren des Rivalen gewinnt der Film in Nuancen einen anderen Charakter.

Denn die Hauptsache ist Problem 2: die Töchter. Alex (Shailene Woodley) ist ein patziger Teenager von 17 mit Drogenproblemen, die ihren tumben Boyfriend überall mit hinschleppt (auch in das heimatliche Wohnzimmer). Die zehnjährige Scottie (Amara Miller) ist ein verstörtes Kind, das begreift, dass die Mutter dahinstirbt. Und beide benehmen sich, wie Kinder es heutzutage vielfach tun, nämlich so frech und aggressiv, dass man in den Schuhen dieses Matt King vermutlich nicht so freundlich reagieren würde. Aber das ist die „Beispielsschiene“: Sei liebevoll und geduldig, dann wirst du ernten, was du Gutes gesät hast.

Problem 3: Die Natur. Clooney spielt einen eingesessenen Hawaiianer, der sogar Eingeborene als Vorfahren hat und zusammen mit seiner weit verzweigten Familie ein riesiges Stück Küste besitzt. Man darf gemeinsam mit der Kamera seinen Blick ausführlich über das Paradies schweifen lassen. Die Verwandten wollen natürlich verkaufen, viel Geld winkt. Aber unser Held verhält sich in allen Belangen des Lebens vorbildlich, also auch hier: Nicht nur, dass er seiner Frau verzeiht, ihr die Augen schließt und letztendlich ihre Asche im Meer verstreut; nicht nur, dass die Töchter nach seinen Bemühungen liebevoll und schmiegsam werden; als zeichnungsberechtigter Anwalt der Familie verweigert der den Verkauf, denn die Natur ist wichtiger und muss gerettet werden.

Vielleicht ist das ein bisschen viel beispielhaftes Gutmenschentum. Aber wie der Preis- und Nominierungsregen mit Globes und Oscars zeigt, geht man damit auf Nummer Sicher. Auch an der Kinokasse: tragische Familienfilme mit glücklichem Ende sind bekannte Renner, zumal wenn ein Superstar den Daddy spielt.

Heiner Wesemann

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EIN RISKANTER PLAN

Ab 27. Jänner 2012 in den österreichischen Kinos
EIN RISKANTER PLAN             
Man on a Ledge  /  USA  /  2012
Regie: Asger Leth
Mit: Sam Worthington, Elizabeth Banks, Jamie Bell, Ed Harris u.a.

Der riskante Plan, den sich Ex-Cop Nick Cassidy ausgedacht hat, ist ein für die Kinobesucher wirklich spannender. Zielstrebig steuert er ein Hotelzimmer im 22. Stock an, so etwa 100 Meter über dem Straßenniveau, kriecht aus dem Fenster, steht auf dem schmalen Sims – und tut das mehr oder minder den Rest des Films hindurch. Immer mit der Drohung, sich angesichts einer Riesenmenge, die hier an einer New Yorker Kreuzung schnell den Verkehr zum Stocken bringt, hinunterzustürzen. Achtung – wer Höhenangst hat, dem wird die meiste Zeit mit dem Helden gewaltig kribbelig im Bauch sein. Denn an Kameraeinstellungen, wie unfasslich tief und steil es nach unten ist, wird nicht gespart…

Das scheint eine eher unbewegliche Situation zu sein, aber ringsum ist viel zu tun. Einerseits will die Polizei (und natürlich auch der Kinobesucher) herausbekommen, wer der geheimnisvolle Fremde ist, als welcher Aussie Sam Worthington recht statuarisch am Sims steht, es aber, wie man bald erfährt, faustdick hinter den Ohren hat. Die Polizei muss zu ihrem Ärger eine höchst unangepasste Psychologin herbeiholen (Elizabeth Banks macht Intelligenz glaubhaft und hat den Charme einer attraktiven Spätdreißigerin), die zwar herausbekommt, wer der Mann ist, aber längere Zeit nicht, was er eigentlich will.

Das läuft parallel, und da ist der Bruder in Gestalt des schmalen, immer pfiffigen Briten Jamie Bell unterwegs, einen verdienten Racheakt an einem wirklich fiesen, verlogenen, betrügerischen Diamantenhändler und Multimillionär (ein erschütternd eingeschrumpfter Ed Harris) auszuführen. Während die Medien kreischend den potentiellen Selbstmörder umkreisen, ist für Ablenkung gesorgt.

Und das Kinopublikum, das sich in der klassischen Situation befindet, mehr zu wissen als alle Leute, die in dem Film vorkommen, kann hochzufrieden verfolgen, wie sich die Geschichte zu ihrem Happyend hin entwickelt. Regisseur Asger Leth hat den Weg, bis die Guten belohnt und die Bösen bestraft sind, in äußerst spannenden Kinostunden nachgezeichnet.

Renate Wagner

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