Wiener Staatsoper: Il Barbiere di Siviglia | Der Neue Merker | Forum
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Wiener Staatsoper
Samstag, den 11. Feber 2012
IL BARBIERE DI SIVIGLIA
Gioachino Rossini
Manchmal geschehen Wunder: Ich hatte mir nicht mehr, als eine solide Repertoirevorstellung erwartet und wurde mit einer erstklassigen überrascht! Es ist kaum zu glauben, dass ausgiebig geprobt wurde – war doch der „Barbiere“ in dieser Besetzung diese Saison nur einmal angesetzt (Leider!, muss ich sagen; sonst wäre ich sicher noch einmal dort!). Doch die Vorstellung sprühte vor Witz und war zum Brüllen komisch; von den gesanglichen Leistungen her war es zwar keine Sternstunde, aber weit mehr, als solides Repertoire. Bedauerlicherweise fanden sich kaum Stammbesucher auf dem Stehplatz ein. Ich war jedenfalls mit einer guten Freundin einig, dass es in letzter Zeit keinen so annähernd guten „Barbiere“ in der Wiener Staatsoper gegeben hat.
Ich hätte nie gedacht, dass ich auch von einer komischen Oper so bewegt sein könne. Bei meinem Heimkommen war ich ganz aus dem Häuschen, konnte bis spät in die Nacht nicht schlafen und meine Begeisterung hielt auch noch am nächsten Tag an.
In dieser Spielzeit ist Rossinis Meisterwerk an zehn Abenden angesetzt – an neun verkörpert Alfred Šramek den Bartolo. Ich habe schon öfters betont, dass Herr Šramek ein hervorragender Darsteller und unverzichtbares Ensemblemitglied ist, doch nachdem ich ihn einige Male als Bartolo erlebt habe, wurde es langsam, aber sicher etwas mühsam und so war ich auf den gestrigen Abend gespannt, an dem Wolfgang Bankl die Rolle verkörpern sollte. Herrn Bankl schätze ich sehr und so hat er mich auch gestern alles andere, als enttäuscht. Unser Šramek in Ehren, aber Wolfgang Bankl ist der weit bessere Interpret – stimmlich, wie darstellerisch.
Im Detail: Fast alle Šramek’schen Gags hat Herr Bankl übernommen (Dazu gehören unter anderem sein Händeabwischen im Bühnenvorhang und seine verwunderte Geste, als die Haustür nur zwei, statt drei Mal zugesperrt wird), und noch neue hinzugefügt. Besonders lustig fand ich, dass er hin und wieder ein deutsches Wort einstreute. Nicht nur rief er dem niesenden Ambrogio ein deutlich hörbares „G’sundheit!“ zu; im zweiten Akt hat er eine Ariette vorzutragen, die angeblich der „große Cafariello“ gesungen hat. Herr Bankl änderte diesen Namen auf „Alfredo Šramek“, was aber im Zuschauerraum kaum für Heiterkeit sorgte – ich schließe das daraus, da kaum Stammbesucher anwesend waren. Er fiel keine Sekunde aus der Rolle und es war zu merken, dass ihm der Abend Freude machte. Auch während Solostellen anderer Sänger tat er oft etwas (Leider habe ich den Großteil seiner kleinen, aber wirkungsvollen Späße schon vergessen.), ohne sich unangenehm in den Vordergrund zu spielen. Nachdem er die Stiege hinaufgelaufen war, keuchte er mehrmals und als er während der Gesangsstunde einnickte, gab er einen Schnarchlaut von sich. Als zum Beispiel Basilo „La Callunia“ anpries, rieb er sich wie ein Kind freudig die Hände und bewies auch Geistesgegenwart: Nachdem Basilo unabsichtlich mit dem Kopf gegen die Wand stieß, bekreuzigte er sich schnell und griff sich gegen den Kopf, als wolle er zeigen, dass es mit diesem alten Intriganten nicht mehr lange gut gehen werde. Köstlich war auch, als er während der Gewittermusik mit weiten Sprüngen davoneilte. Diese Komik driftete aber keinen Moment in peinlichen Klamauk oder billige Outrage ab; nein, ganz im Gegenteil. Er fügte sich problemlos in das Ensemble ein und drängte sich nie in den Vordergrund.
Darüber hinaus war er auch Person absolut glaubhaft: Weder ein seniler Greis, noch ein brutaler Machtmensch., sondern ein recht skuriller, aber liebenswürdiger, wenn auch eigenartiger Vormund. Er machte aus der Rolle keine plumpe Witzfigur.
Natürlich gehört der Bartolo nicht nur gut gespielt, sondern auch ebenso gesungen, was Herr Bankl auch ausgezeichnet meisterte. Sein angenehm timbrierter Bass besticht sowohl durch eine wunderbar aufblühende Tiefe, als auch durch eine gute Höhe und Mittellage. Es fiel ihm nie schwer, seine Bombenstimme zurückzunehmen und das zungenbrecherische Parlando am Ende brachte er auch gut über die Rampe. Auch die Diktion des Sängers lässt nicht erahnen, dass dieser aus Wien stammt und italienische Opern nur einen Teil seines umfangreichen Repertoires einnehmen. Darüber hinaus verfügt er über ein ausgezeichnetes Falsett, denn er konnte mehrmals Rosinas Koloraturen nachahmen. Bevor ich mich zu sehr verzettle: Diese Leistung war exorbitant großartig und Herr Bankl wird von denen, die ihn nur als soliden Haussänger und gemütlichen Wiener sehen, enorm unter seinem Wert gehandelt. Jedes andere Opernhaus könnte auf ein solches Ensemblemitglied stolz sein!
Wer meint, Herr Bankl könne nur komische Rollen gestalten, irrt. Ich kenne ihn auch unter anderem brutalen Klingsor (In dieser Mielitz-Inszenierung ist er leider jeglicher Dämonie beraubt.), tollpatschigen Truffaldin, jähzornigen Dikoj, leicht senilen Benoit und mürrischen Alcindor. Jeden diesen Charaktere gestaltete er herausragend – stimmlich, wie darstellerisch. Einzig als Musiklehrer hat er mir missfallen, denn dieser Part liegt ihm viel zu hoch, aber diese Fehlbesetzung hat die Direktion zu verantworten. Zu meiner Zeit als Opernfan sang er auch noch Figaro (Nozze), Mesner, Papageno, Leporello, Ochs und La Roche. Weiß der Teufel, weshalb ich da nicht hingegangen bin, darob ärgere ich mich nun grün und blau.
Die anderen Protagonisten erreichten nicht ganz sein Niveau, aber es ist von durchaus sehr erfreulichen Leistungen zu berichten.
Allen voran sei Michele Pertusi genannt, der sich zu einem Luxus-Basilo entwickelt hat. Mir gefällt sein schwarzes Timbre und er bot auch darstellerisch eine exzellente Leistung. Positiv ist mir aufgefallen, dass Bartolo und Basilo diesmal auch äußerlich harmonierten. Zwei Männer in den besten Jahren (Die Maske hat beide altern lassen.) hinterlassen eine viel stärkere Wirkung, als wenn sich der 26-jährige Adam Plachetka zu dem 60-jährigen Alfred Šramek (der aber älter aussieht) gesellt. Benjamin Bruns hatte im Oktober 2010 mit dem Almaviva (Seit gestern steht auf dem Abendzettel wieder die italienische Variante, ich bin gespannt, für welche Schreibung man sich längerfristig entscheidet!) am Haus debütiert. Gestern habe ich zum ersten Mal in dieser Rolle erlebt und eine sehr positive Überraschung erlebt, denn Herr Bruns ist mir noch nie sonderlich positiv aufgefallen (Sein Tamino war sehr grenzwertig und als Jaquino stand er großteils nur gelangweilt in der Kulisse herum.). Diesmal waren plötzlich keine Höhenschwierigkeiten hörbar und ich möchte Sie auf die Rezension von Renate Wagner – der ich nicht immer zustimme, aber diesmal kann ich jedes ihrer Wörter unterstreichen (Mit der Ausnahme, dass ich diesmal keine eingelegten Spitzentöne gehört habe; vielleicht war dies vor zwei Jahren anders.) – vom 12. Oktober 2010 verweisen, die ich mir erlaube, zu zitieren (Quelle: Der Neue Merker, Heft 11/2010, Seite 20): „Für den Deutschen Benjamin Bruns bedeutete dieser Abend überhaupt sein Debut am Haus und man kann ihn nur mit offenen Armen in Empfang nehmen. Eine sehr helle, doch recht „deutsche“ Stimme, die an die Tradition von Peter Schreier erinnert (ohne dessen unverwechselbares Timbre zu besitzen), die aber für das schlanke italienische Belcanto-Repertoire die nötige Fülle entwickeln kann. Von seinem ersten Auftritt an zeigte sich der zweifellos noch sehr junge Sänger in Geberlaune und bewies, dass Rossini eine Schule des Singens sein kann, wenn man es denn kann: Er war immer noch zu einer „Draufgabe“, einem Triller, einigen Koloraturen, Pianissimo-Stellen, Spitzentönen bereit. Einmal hielt er einen Ton endlos, während er von der Bühne lief und wieder zurückkam. Als Betrunkener und erst recht in Verkleidung als Abbé genoss er das parodistische nasale Verzerren der Stimme, und alles, was er mit diesem bemerkenswerten Tenor (dessen Zukunftspotential man bei so viel befriedigender Gegenwart auch mitzuhören meint) leistete, wurde noch durch seine ausgelassene Spielfreude getoppt. Dabei zeigte er vor allem als Sänger eine ausgefeilte Disziplin, die ihm an diesem Abend niemand gleich machte. Kurz, dass Benjamin Bruns Mitglied des Staatsopern-Ensemblemitglied ist, hat sich auf Anhieb als Gewinn herausgestellt.“ Die Schlussarie sang er nicht, aber ich habe dieses Stück nicht wirklich vermisst.
Schwachpunkt der Aufführung war die Rosina der Laura Polverelli. Aber in Bezug auf September 2011 war eine Steigerung bemerkbar. Ihr Timbre ist nicht umwerfend schön und ihr Vibrato ist für mich an der gefährlichen Grenze zum Tremolo, aber sie bewies ausgezeichnete Koloraturgeläufigkeit. Zwischen ihr und Herrn Bruns schien die Chemie zu stimmen, denn sie zeigten im Umgang miteinander keinerlei Berührungsängste. Markus Werba war in seiner Auftrittsarie nicht gut hörbar, aber er steigerte sich im Laufe des Abends. Gesanglich lieferte er eine gute Leistung ab, aber auch er bot eine ausgezeichnete schauspielerische Leistung. Als Eisenstein zum Jahreswechsel 2010/11 hat er mir nicht gefallen (Es ist aber auch keine gute Idee, ihm eine Rosalinde und Adele zu Seite zu stellen, die ihn beide um einen Kopf überragen.), doch der Figaro kommt seiner Stimme weit besser entgegen.
Der ausgezeichnete Fiorello von Marcus Pelz empfiehlt ihn für größere Aufgaben (Besonders lustig war, als er aus dem Orchestergraben kommend einen Musiker begrüßte.) und Donna Ellen kreischte auch diesmal, aber schauspielerisch bot sie eine sehr gute Leistung.
Bleibt noch Florian Tomaschitz zu erwähnen, der aus der stummen Rolle des Ambrogio das Maximum herausholte; Oleg Zalytskiy war ein passabler Offizier.
Es macht wirklich Freude zu hören, wie Michael Güttler den „Barbiere“ von Vorstellung zu Vorstellung besser dirigiert. Diesmal war es wirklich ein ausgezeichnetes Dirigat. Das Orchester spielte sehr gut.
Wie auch die „Bohéme“ am 7. Dezember 2011 sah der gestrige „Barbiere“ erst nach einer unspektakulären Vorstellung aus, aber heraus kam eine kilometerweit über dem Durchschnitt stehende. Meiner Meinung waren diese beiden Aufführungen die bisherigen Höhepunkten der Saison.
Wie auch bei der „Bohéme“ wusste das Publikum die ausgezeichneten Leistungen nicht entsprechend zu belohnen. Es sparte mit Zwischenapplaus und klatschte auch am Ende nur kurz. Schade!
Grüße von Gurnemanz
15:38 23. Februar 2012
rochus
2
Um nicht als Gurnemanz-Basher darzustehen: Ich kann diese sehr ausführliche und plastische Kritik teilen. Bankl hat besonders durch ganz lockere Stimmführung beeindruckt. Seine Leistung bleibt übrigens auch dann klasse, wenn man nicht gleichzeitig auf Sramek hinhaut.
15:52 23. Februar 2012
Gurnemanz
3
rochus schrieb:
Um nicht als Gurnemanz-Basher darzustehen: Ich kann diese sehr ausführliche und plastische Kritik teilen. Bankl hat besonders durch ganz lockere Stimmführung beeindruckt. Seine Leistung bleibt übrigens auch dann klasse, wenn man nicht gleichzeitig auf Sramek hinhaut.
Lieber Rochus,
erst danke für Ihre Rückmeldung, aber ich sehe nicht, wo ich auf Šramek "hingehauen" hätte. Ich schätze und bewundere ihn sehr, habe mir aber nur gestattet, ihn mit Bankl zu vergleichen. Dass der Vergleich zu Gunsten letzteren ausgefallen ist, war eine völlig wertfreie Feststellung.
Grüße von Gurnemanz
10:55 24. Februar 2012
rochus
4
Lieber Gralsritter,
vorerst: "In dieser Spielzeit ist Rossinis Meisterwerk an zehn Abenden angesetzt – an neun verkörpert Alfred Šramek den Bartolo. Ich habe schon öfters betont, dass Herr Šramek ein hervorragender Darsteller und unverzichtbares Ensemblemitglied ist, doch nachdem ich ihn einige Male als Bartolo erlebt habe, wurde es langsam, aber sicher etwas mühsam": ja, wenn man – wie ich – nur den letzten Satzteil in Erinnerung behält, klingt es unfreundlicher als gemeint. Natürlich ist Bankl stets eine willkommene Abwechslung zum generell, aber nicht in jeder Aufführung, unverzichtbaren Alfred Sramek. Tut mir leid, einen Gegensatz gefunden zu haben, wo keiner ist.
Grüße von Rochus
10:48 25. Februar 2012
Gurnemanz
5
Ok, dann haben wir es ja geklärt.
Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass ich generell nichts davon halte, wenn Sänger auf Rollen abboniert sind; selbst, wenn sie noch so toll sind, wird es langsam fad.
Grüße von Gurnemanz
17:42 27. Februar 2012
rochus
6
Lieber Gurnemanz,
jetzt sind wir völlig d'accord. Es ist schon besonders reizvoll, die verschiedenen Sänger in gewissen Rollen zu hören, macht ja sogar den Kern eines Repertoiretheaters aus. Nur der Vollständigkeit halber möchte ich freilich betonen, dass es niemandem so sehr wie Sramek gelingt, auch dem 176. Bartolo wieder ein neues G'spasettl dazu zu gesellen. Insoweit wird's eben weniger fad als bei anderen. Aber gar keine Abwechslung soll es eben auch nicht sein.
Grüße
Rochus
18:14 27. Februar 2012
Gurnemanz
7
rochus schrieb:
Nur der Vollständigkeit halber möchte ich freilich betonen, dass es niemandem so sehr wie Sramek gelingt, auch dem 176. Bartolo wieder ein neues G'spasettl dazu zu gesellen. Insoweit wird's eben weniger fad als bei anderen. Aber gar keine Abwechslung soll es eben auch nicht sein.
Ja, das sehe ich auch so. 20 mal Šrameks Bartolo ist wahrscheinlich interessanter, als 20 mal Bankls Interpretation der Rolle, denn ersterer wird nie müde, sich neue Späße einfallen zu lassen. (Bankl habe ich allerdings erst einmal als Bartolo gesehen.)
Aber nichstdestotrotz schätze ich unterschiedliche Besetzungen; siehe oben.
Grüße von Gurnemanz
19:20 27. Februar 2012
rochus
8
Miteinander reden kann also auch vollkommenen Konsens erzeugen. Schön.
Und bitte nicht als unhöflich auffassen, wenn ich nicht mehr antworte. Das Thema erachte ich als abgeschlossen, ok!