Wiener Volksoper: Der Mantel, Gianni Schicchi | Der Neue Merker | Forum
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Wiener Volksoper
Donnerstag, den 9. Feber 2012
DER MANTEL, GIANNI SCHICCHI (In deutscher Sprache)
Giacomo Puccini
Lange habe ich mit mir gerungen, ob ich einen Besuch der beiden Einakter ins Auge fassen sollte. Glücklicherweise habe ich mich dafür entschieden; der Besuch hat sich gelohnt!
Aber der Reihe nach: An der Wiener Volksoper wird der Mittelteil des „Trittico“ – die „Suor Angelina“ – ausgelassen. Die Begründung des Direktors war sinngemäß, dieses Stück würde als langweilig empfunden werden (Ich vermute aber eher, dass keine Besetzung zu finden war. Bei der Premiere wurden übrigens alle Rollen aus dem Ensemble besetzt!). Ich kann mich dazu nicht äußern, da ich das Stück nicht kenne. Jedenfalls ist der „Mantel“ (Ich verwende ab jetzt die deutschen Bezeichnungen, da in deutscher Sprache gesungen wurde.) seit gestern meine Puccini-Lieblingsoper. In welcher Oper findet sich noch so eine geballte Menge an Dramatik, Spannung, aber auch „schöne“ Melodien (Noch dazu dauert das Ganze nur eine knappe Stunde!)? Und besonders witzig finde ich es, dass Puccini sich selbst zitiert und Musik aus der „Bohéme“ eingebracht hat.
Zu den Sängern: Besonders den Namen des Baritons und des Soprans sollte man sich merken, denn von ihnen wird man vermutlich noch einiges hören. Alik Abdukayumov hat vor etwas über einem Jahr einen ziemlich (sau-)mäßigen Escamillo geboten, sodass ich mir nicht allzu viel erwartet habe. Doch als Michele überzeugte er mich fast zu 100 Prozent. Sein interessant dunkel timbrierter, aber höhensicherer Bariton ist fast schon zu groß für die Volksoper. Besonders unter die Haut gegangen ist mir seine Gestaltung: Ich habe dem jungen Sänger die Verzweiflung ob des Ehebruchs genau so abgenommen, wie seine Rachegedanken. Allein, wie verzweifelt er Giorgetta „Du Hure!“ nachschrie, war bemerkenswert. Auch die Aussprache des Usbeken ist sehr gut. Auf jeden Fall freue ich mich schon auf seinen Germont Ende März.
Eine noch bessere Leistung bot die blutjunge und unbekannte Hyuna Ko als Giorgetta. Ich kann mich nicht erinnern, in letzter Zeit eine so packende Darbietung einer Sängerin erlebt zu haben. Das einzige Manko ist, dass manche Höhen ein bisschen scharf gerieten. Ihre Stimme ist nicht nur laut, sondern auch sehr schön und besticht auch durch klangvolle Tiefen. Ihr warmes und mit Ausnahme in exponierten Höhen nie scharf klingendes Timbre habe ich sowieso gleich ins Herz geschlossen. Ich hatte nie das Gefühl, sie sei mit der Tessitur überfordert – die junge Frau ist eine echte jugendlich-dramatische Sopranistin. Des weiteren ist die Diktion der Koreanerin geradezu vorbildlich. Ich schätze es besonders, dass sie sich nicht auf pures Singen verlegte, sondern wirklich spannendes Musiktheater bot. Jeden Moment, in dem sie sich auf der Bühne befand, tat sie etwas, ohne sich unangenehm in den Vordergrund zu spielen. Besonders packend war das Ende: Sie konnte das abgrundtiefe Entsetzen, den erwürgten Liebhaber zu sehen, vollkommen glaubhaft machen, was aber keineswegs aufgesetzt oder theatralisch wirkte. Fassen wir zusammen: Diese Leistung verdient das Prädikat „Sensationell“. Ich wünsche aus ganzem Herzen, dass Frau Ko ihre Karriere gut aufbaut (Und hoffentlich – ja, ich hoffe es wirklich – wird sie nicht verheizt, wie manche andere!), denn dann wird sie uns sicher noch zahlreiche beglückende Erlebnisse bescheren. Mehrzad Montazeri als Luigi konnte erwartungsgemäß nicht an diese beiden großartigen Leistungen anschließen – aber er agierte auch mehr, als zufriedenstellend. Er verfügt über ein baritonales Timbre, konnte aber mit herrlichen und fast vibratofreien Höhen aufwarten. Bei der Aussprache ist allerdings noch viel Steigerungspotential nach oben gegeben.
Von Karl Huml (Maulwurf) habe ich mir nichts erwartet, denn bis jetzt habe ich fast nur inakzeptable Leistungen erlebt (Besonders grauenhaft war sein Sarastro.). Doch gestern schien er wirklich über sich hinauszuwachsen. Er hatte plötzlich eine gut hörbare, wenn auch recht hell timbrierte Stimme.
Gerade noch anhörbar – weil sehr schrill – war Sulie Giradi als Hamsterin (bzw. Frettchen).
Dagegen bot Karl-Michael Ebner als Hering eine wirklich feine Leistung.
Wacker schlug sich Paul Schweinester als Liederverkäufer.
Als Liebespaar waren Daniel Strasser und Özlem Bulut zu hören, wobei sie mehr, als er zu überzeugen vermochte.
Nach der Pause wurde der Dirigent Stefan Klingele mit einem deutlich hörbaren Buhruf empfangen, was ich nur zum Teil nachvollziehen konnte. Er ließ es sowohl im „Mantel“, als auch im „Gianni Schicchi“ recht laut krachen, aber deckte kaum die Sänger zu. Das Volksopernorchester spielte recht plump.
Der zweite Einakter konnte zwar nicht an die hohe Qualität des ersten anschließen, aber er lag durchaus über dem Volksoperndurchschnitt.
Für die Titelrolle war Martin Winkler (der unlängst im Theater an der Wien den Gogol gesungen hat) vorgesehen, aber Michael Kraus sprang ein. Den Wiener würde ich gar nicht ungern öfters hören. Sein Bartion ist sehr kraftvoll, allerdings ein bisschen rau. Die Artikulation des Sängers ist sehr deutlich; schauspielerisch bot er ein wenig mehr, als nötig.
Die Lauretta hat ja nicht viel mehr zu singen, als „O mio babbino caro“ – eine Arie, die wohl jedem Opernfreund bekannt ist –, insofern ist die Lauretta eine dankbare Partie. Anja-Nina Bahrmann entledigte sich ihrer Aufgabe mit Anstand; allerdings habe ich mir von ihr mehr erwartet.
Der Rinuccio war KS Sebastian Reinthaller. Der Sänger polarisiert stark; von Teilen des Publikums wird er geliebt, von anderen Teilen gehasst. Ich kann seiner Stimme durchaus etwas abgewinnen, doch es ist schon beinahe ein Jahr her, als ihn das letzte Mal gehört habe. Doch gestern wurde ich nicht so recht glücklich. Er hatte große Schwierigkeiten vom Übergang von der Mittellage zur Höhe und auch sonst sang er recht leise und kurzatmig. Positiv ist seine Wortdeutlichkeit zu vermerken.
Der Rest der Sänger hat bekanntlich nicht viel Gelegenheit, sich zu profilieren; weswegen ich die folgenden Leistungen recht knapp abhandeln kann: Von Christian Drescher (Gherhardo) habe ich mir mehr erwartet; Elisabeth Flechl war eine unauffällige Nella; sehr positiv auffallend war der junge Bassist Florian Spiess als Betto (Rollendebüt; er avancierte vom Doktor zum Betto.); Andreas Daum (Simon) hatte zu Beginn Schwierigkeiten, konnte sich aber steigern (Dass mir sein Timbre nicht gefällt, ist nicht seine Schuld.); Alexandra Kloose war eine junge Zita; Klemens Sander (Marco) agierte unauffällig; die erst 27-jährige Martina Mikelic war eine Cieska mit bemerkenswert großer Stimme und Sokolin Asillani verkörperte einen sehr guten Notar. Heinz Fitzka (Pinellino), Paul Schweinester (Doktor) und Jaroslaw Jadczak (Guccio) blieben unauffällig; nicht akzeptabel war Simon Fischerauer als Gherhardo.
Das Haus war ausverkauft (Auch auf dem Stehplatz fanden sich einige von der Staatsoper bekannte Besucher ein.), aber seltsamerweise zeigte das anwesende Publikum wenig Begeisterung. Es gab kaum Bravorufe und der Applaus währte nicht lange. Schade, denn besonders der „Mantel“ hätte kräftiger akklamiert gehört.
Alles in allem war es ein lohnender Besuch. In der letzten Szene des „Mantels“ habe ich eine Gänsehaut gespürt, so gefesselt war ich. Solche Momente habe ich nur ganz selten, umso mehr schätze ich sie!
Grüße von Gurnemanz
14:46 28. Februar 2012
Gurnemanz
2
Wiener Volksoper
Montag, den 27. Feber 2012
DER MANTEL (In deutscher Sprache)
Giacomo Puccini
Ich war gestern noch einmal im „Mantel“. Der „Gianni Schicchi“ wurde auch gegeben, aber da ich den „Mantel“ für eine großartige Oper halte und mich der „Gianni Schicchi“ mit der Zeit langweilt, beschloss ich, schon in der Pause heimzugehen.
Obgleich in den Hauptrollen die selben Sänger, wie bei meinem letzten Besuch aufgeboten waren, hat mich die Aufführung nicht überzeugt. Alle schienen nicht mit dem ganzen Herzen bei der Sache gewesen zu sein. Hier ein paar kurze Anmerkungen: Alik Abdukayumov hatte nicht seinen besten Tag; von Gestaltung konnte im Gegensatz zur letzten von mir besuchten Vorstellung keine Rede sein; er wirkte ausgelaugt.
Auch die Leistung von Hyuna Ko hat sich rapide verschlechtert; einiges geriet sehr schrill und von schauspielerischem Totaleinsatz ist diesmal nichts zu vermelden.
„Der Tenor ist eine Witzfigur.“, sagte ein Freund über Mehrzad Montazeri. Mit dieser Meinung hat er nicht Unrecht, denn Herr Montazeri brüllte diesmal, was seine Stimmbänder hergaben. Alexandra Kloose war eine sehr schrille Hamsterin (bzw. Frettchen); Andreas Daum (Maulwurf), Christian Drescher (Hering) und Paul Schweinester (Liederverkäufer) waren zufriedenstellend, wobei ersterer auch eine gute schauspielerische Leistung bot; Lidia Peski und Martin Dablander (Liebespaar) waren mit dünnen Stimmchen entbehrlich.
Am Pult stand der bewährte Hausdirigent Alfred Eschwé und leitete routiniert die Vorstellung.
Sowohl die Sitz-, als auch die Stehplätze waren gut besucht.
Grüße von Gurnemanz
17:34 28. Februar 2012
yamadori1994
3
Montazeri eine Witzfigur???? Sind Sie sicher, daß es tatsächlich Montazeri war, den Sie hier kritisieren?
18:22 28. Februar 2012
Nebbiolo
4
yamadori1994 schrieb:
Montazeri eine Witzfigur???? Sind Sie sicher, daß es tatsächlich Montazeri war, den Sie hier kritisieren?
Man muss nicht alles, was eine Kritik sein soll, auch mit Ernst betrachten. Ich habe es aufgegeben, mir über die Kommentare des in die Gralsburg ausgewanderten Göttervater auch nur irgendwelche Gedanken zu machen. Mein Tipp: einfach ignorieren (auch, wenn es schwer fällt)
19:14 28. Februar 2012
Gurnemanz
5
Nebbiolo schrieb:
yamadori1994 schrieb:
Montazeri eine Witzfigur???? Sind Sie sicher, daß es tatsächlich Montazeri war, den Sie hier kritisieren?
Man muss nicht alles, was eine Kritik sein soll, auch mit Ernst betrachten. Ich habe es aufgegeben, mir über die Kommentare des in die Gralsburg ausgewanderten Göttervater auch nur irgendwelche Gedanken zu machen. Mein Tipp: einfach ignorieren (auch, wenn es schwer fällt)
Was soll ich jetzt noch auf diese charmante Grußbotschaft antworten? In meinem Bericht vom 9. Feber stehen durchaus lobende Worte über Montazeri und dass seine gestrige Darbietung an der Grenze zur Karikatur war, hat auch mein Bruder festgestellt, der kaum in der Oper ist.
Übrigens hat sich nach "Hai ben ragione" keine Hand zum Applaus gerührt …
Grüße von Gurnemanz
21:26 16. März 2012
Gurnemanz
6
Wiener Volksoper
Freitag, den 16. März 2012
DER MANTEL (In deutscher Sprache)
Giacomo Puccini
Heute machte ich mich wieder in die Volksoper auf, um mir Puccinis „Mantel“ – eine meiner Lieblingsopern – wieder einmal anzuhören. Wie auch beim letzten Mal habe ich mir den darauffolgenden „Gianni Schicchi“ geschenkt. Geboten wurde eine durchwachsene Vorstellung.
Ich bin kein Fan von Sebastian Holecek, aber zu meiner großen Verwunderung konnte er mich als Michele vollkommen überzeugen und ich habe mich gefragt, weshalb dieser prächtige Bariton nicht schon längst an der Staatsoper engagiert ist und dort in Hauptpartien eingesetzt wird. Herr Holecek bringt für diese Rolle alles Notwendige mit. Sein kraftvoller Bariton sprach in allen Lagen sicher an und bestach durch Wortdeutlichkeit und Ausdruck. Auch schauspielerisch bot er eine sehr gute Leistung. Maida Hundeling hätte wirklich gute Anlagen, aus denen sich etwas machen ließe. Und so stellt sich die Frage, weshalb sie nur auf Lautstärke bedacht war und forcierte, was auf Kosten des doch recht schönen Timbre ging. Mehrazd Montazeri befand sich hörbar in keiner guten stimmlichen Verfassung, was ihn aber nicht hinderte, zu brüllen (wie auch beim letzten Mal).
Enttäuschend geriet die Darbietung von Alexandra Kloose (Hamsterin/Frettchen). Hohle Tiefen wechselten einander mit herausgespieenen Höhen.
Das Timbre von Andreas Daum (Maulwurf) gefällt mir schlicht und einfach nicht, weswegen ich es dabei bewenden lasse.
Eine sehr gute Leistung hingegen bot Christian Drescher als Hering. Paul Schweinester, Özlem Bulut und Daniel Strasser sangen die Nebenrollen mit dünnen Stimmchen. Alfred Eschwé dirigirte das Volksopernorchester etwas zu laut.
Die Galerie war äußerst schütter besetzt, aber auf dem Stehplatz fanden sich sehr viele Besucher ein.