George GAGNIDZE
Interview, 12/2009: George GAGNIDZE, Nach Deutschland wegen Ordnung und Disziplin
Interview mit George GAGNIDZE: “Nach Deutschland wegen der Ordnung und Disziplin”

Herr Gagnidze, Sie kommen aus Georgien, dem Heimatland vieler großer Sänger.
Ja, aus Georgien. Und stimmt, aus unserem Land kamen und kommen wirklich viele Opernsänger – Paata Burchulaadze, Lado Ataneli, Iano Tamar, Nino Machaidze …
Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass dieses – im Vergleich kleine Land – so überdurchschnittlich viele gute Opernsänger hervorbringt?
Ich weiß es nicht. Vielleicht am Klima, oder am Wein (lacht) – wir haben in Georgien übrigens sehr gute Weine und eine lange Weinbautradition. Aber ich denke, es hat auch mit unserer Volksliedkultur und dem Verständnis für Musik zu tun. Das Singen bzw. Musizieren ist nach wie vor ein fester Bestandteil unserer Volkskultur, und in den meisten Familien wird gesungen oder Instrumente gespielt. Vielleicht kommt unsere Sprache aber der Stimmbildung auch entgegen.
Und wie kam es, dass Sie selbst Sänger wurden?
Das ist eine lustige Geschichte. Eigentlich hätte ich Jurist werden sollen, das war quasi „vorbestimmt“. So ca. mit 17 Jahren war ich mit ein paar Freunden in einem Restaurant in Tiflis, und nach mehreren Flaschen Wein hatten wir alle unsere Hemmung verloren und begannen zu singen. Und da beim Singen im Lokal – das aller erste Mal vor Publikum – hatte sich herausgestellt, dass ich doch eine sehr kräftige und brauchbare Stimme hatte. Von da an war mir dann klar, dass ich Sänger werden wollte. Also studierte ich Gesang, um die Naturstimme technisch zu festigen, bei Professor Desigelashvili (er war auch der Lehrer von Paata Burchulaadze). Sehr bald kam dann schon das Debut an der Georgischen Nationaloper in Tiflis, wo ich damals Partien wie Germont, Belcore und Renato im Ballo in Maschera sowie georgische Opern sang.
Und wann und warum dann der Gang ins Ausland?
Nun, ich wollte in Europa Karriere machen, und es gab zwei Optionen: Italien oder Deutschland. Mein Vater meinte dann, dass mir das Lernen von „Ordnung“ und „Disziplin“ sehr gut täte, und in soferne schickte er mich nach Deutschland (lacht), das war in 2003. Zuerst ging in nach Münster/Osnabrück, und seit 2005 lebe ich in Weimar. Der Anfang war nicht einfach, denn ich konnte kein Wort deutsch – aber es hat irgendwie geklappt.
Wenn man Ihre Karriere ansieht, so ging es ja nun plötzlich sehr schnell, man könnte fast von einem kometenhaften Aufstieg sprechen. Wie kam es dazu?
Nun, am Anfang ging es gar nicht schnell. Ich war eben zuerst in Münster/Osnabrück, und seit 2005 fix am Theater Weimar. Dazwischen nahm ich immer wieder bei Wettbewerben teil, die mir auch etwas gebracht haben: 1999 der Leyla Gencer-Wettbewerb in Istanbul, 2001 der Obrasztsova Wettbewerb in St. Petersburg (daraufhin wurde ich von Gergiev an das Mariinsky eingeladen), und schließlich als Höhepunkt der 1. Preis beim Verdi-Wettbewerb in Busetto, wo mir José Carreras attestierte „Du bist der geborene Rigoletto“. Daraufhin debutierte ich am Teatro Verdi in Parma und Lorin Maazel holte mich an die Scala. Entscheidend für die Zukunft war aber sicher mein Debut an der MET im Frühjahr 2009 als Rigoletto. Das hat mir enorm viel gebracht, und auch die Zusammenarbeit mit meinem Manager Kurt-Walther Schober, das muss ich auch sagen. So gelang es, dass ich jetzt im Herbst den Scarpia in der Tosca-Premiere an der MET sang, das wurde ja auch weltweit in die Kinos übertragen.
Man liest und hört, dass in den kommenden Jahren ja viele wichtige Debuts und Opernhäuser kommen werden.
Ja, bis 2014 bin ich eigentlich schon voll (lacht). Ich werde jede Saison an die MET zurückkehren, dann nach Los Angeles, an die Pariser Oper, nach Berlin, an die Scala, nach Tokyo. Das wird ganz schön stressig (lacht). Besonders aber freue ich mich auf das Wiener Publikum und meine Debuts an der Wiener Staatsoper und den Wiener Festwochen.
Und wie gehen Sie mit dem plötzlichen Rummel und Erfolg um? Verändert dies Ihr Leben?
Ach, nicht wirklich. Natürlich ist jetzt alles stressiger, weil ich so viel herumfahren muss, und die nächsten Jahre immer in anderen Städten leben werde. Aber meine Familie (Frau und zwei Kinder) geben mir da starken Rückhalt. Ja, und ich bekomme plötzlich so viel Post, vor allem von Frauen (lacht).
Was sind Ihre Lieblingspartien?
Rigoletto auf jeden Fall. Dann Germont und der Jeletzki aus der Pique Dame, weil ich so gerne russisch singe. Ansonsten liebe ich Belcanto, weil es so gut für die Stimme ist, und ich würde dies wirklich gerne viel mehr singen, also Bellini und Donizetti. Eine Lieblingspartie ist aber sicher auch der Scarpia, der hat so viele Farben und bietet so tolle Möglichkeiten.
Und was wären Wunschpartien?
Unbedingt der Gérard in Andrea Chenier. Dann der Iago. Und irgendwann auf jeden Fall der Falstaff.
Und wie gehen Sie eine neue Partie „an“?
Zuerst lerne ich mal nur den Text, ganz ohne Musik. Dann die Noten mit einem guten Korrepetitor. Im Anfangsstadium höre ich auch bewußt keine Aufnahmen von anderen Sängern mit der Partie. Wenn die Musik und alles mal „sitzen“, dann schon, um verschiedene Interpretationen kennenzulernen. Dann lese ich auch viel, über die Hintergrundgeschichte der jeweiligen Oper, und die Sekundärliteratur. Und dann kommt das Schauspiel der Rolle. Ich finde ja, gerade wir Baritone müssen ja „singing actors“ sein, die Tenöre haben es hier einfacher, da sie mehr mit ihrer Musik und den hohen Tönen brillieren können. Wir Baritone haben diese tenoralen Glanznummern ja meistens nicht, also müssen wir noch mehr durch das Spiel überzeugen (lacht).
Kritiker vergleichen Ihren Gesang und diesen „fetten Ton“ in der Stimme ja öfters mit Ettore Bastianini, wie stehen Sie dazu?
(lacht). Ja, das haben mir Leute auch schon gesagt. Ehrlich gesagt freut mich dies sehr, denn Bastianini ist ein sehr großes Vorbild von mir. Neben Mattia Battistini und Giuseppe De Luca.
Es heißt ja heutzutage immer, dass Opernsänger schön und sexy sein müssen, und der Gesang selbst oft in den Hintergrund rückt. Wie stehen Sie dazu?
Also, ich denke, das war immer so. Man wollte doch bestimmt immer schöne Menschen auf der Bühne sehen, das ist ja normal. Natürlich hat sich dies verstärkt in der heutigen Zeit. Ich bin aber trotzdem davon überzeugt, dass der Gesang nach wie vor das Wichtigste ist. Oper ist doch immer noch primär Gesang und nicht „Modelling“, sonst verliert sie den Sinn. Vielleicht bin ich da altmodisch (lacht).
Haben Sie Wunsch-Regisseure, mit denen Sie arbeiten möchten?
Die Arbeit mit Luc Bondy jetzt an der MET war sehr angenehm und interessant für mich, das würde ich jederzeit gerne wieder tun. Einmal mit Zefirelli zu arbeiten wäre ein großer Wunsch, oder auch mit Giancarlo del Monaco.
Und wenn Sie gerade nicht singen oder Partien einstudieren, was sind Ihre Hobbies?
Kochen, vor allem die georgische Küche. Das entspannt mich. Und dann Lesen, vor allem Biographiebücher.
Und wie geht es jetzt weiter? Sie leben ja noch in Weimar, wird dies so bleiben?
Also meinen Festvertrag am Theater Weimar habe ich mit Ende der laufenden Saison gekündigt, das lässt sich mit meinen ganzen Verpflichtungen in den nächsten Jahren überhaupt nicht vereinbaren. Soferne ein paar Löcher im Kalender bleiben, werde ich hier aber dann und wann gerne gastieren. Als Lebensmittelpunkt möchte ich aber einstweilen Weimar beibehalten, weil es so eine angenehme Stadt ist, von der Größe gerade richtig. Und für meine Kinder ist es auch ideal – es ist so eine sichere, heimelige Stadt. Langfristig überlegen wir aber nach Berlin zu ziehen – oder noch lieber Wien, das wäre ein Wunsch. Wien liebe ich einfach, und deswegen freue ich mich auch wirklich auf mein Debut hier – als Rigoletto und Nabucco!
Das Gespräch führte Anton Cupak mit George Gagnidze im Dezember 2009
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