GUSTAV NEIDLINGER – Bassbariton (Fast) Vergessene Stimmen

[1]  [2] GUSTAV NEIDLINGER – Bassbariton  

Vergessene Stimmen –  Hamburger Archiv für Gesangskunst – www.vocal-classics.com[3] – 6 CDs

Das rührige Hamburger Archiv für Gesangskunst hat passend zum 100. Geburtstag (21. März 2010) und zum 20. Todestag (26.12.2011) des langjährigen „Alberich vom Dienst“ eine umfangreiche Dokumentation seiner Gesangs- und Vortragskunst veröffentlicht. Auf nicht weniger als 6 randvollen CDs in zwei Boxen mit informativen und fachkundig verfassten Beiheften offenbart sich das unglaublich breite Repertoire des langjährigen Ensemble-Mitglieds der Hamburgischen, Stuttgarter und Wiener Staatsoper und vielfach ausgezeichneten Kammersängers. Über seinen jahrelang unangefochtenen Status als die Inkarnation von Alberich in Wagners „Ring“ hinaus wurde der äußerst rege, ja fast rekordverdächtige Fleiß des in Mainz geborenen Sängers übersehen und schon gar nicht gewürdigt. Zum einen lag das sicher in seiner bescheidenen Art, die sich einer medialen Vermarktung sperrte, zum anderen an dieser über mehrere Jahrzehnte währenden Total-Identifikation mit der eigentlichen Titelgestalt im „Ring“. Bereits mit Anfang 30, während seiner fünfzehn Hamburger Jahre, hatte er als Alberich debutiert und wurde nach seinem Wechsel ins legendäre Stuttgarter Ensemble bereits für die zweiten Nachkriegsfestspiele in Bayreuth 1952 von Wieland Wagner in dieser Leib- und Magenrolle beordert. Damit begann seine Weltkarriere, die ihn neben 18 Jahren auf dem Grünen Hügel zu weiteren bedeutenden Festspielen und zu zahlreichen Gastspielen rund um die Welt führte. Dennoch ist er der Stuttgarter Oper treu geblieben und hat dort bis Ende der Siebziger Jahre eine enorme Bandbreite an Partien gesungen, die jegliche Fachgrenzen sprengen und ihn auch nur sehr schwer einordnen lassen. So finden sich in den hier zusammengestellten Aufnahmen sowohl dramatische Charakter-Partien wie Telramund, Klingsor, Pizarro, Lysiart (Euryanthe) oder Sebastiano (Tiefland), heldenbaritonale Partien wie Wotan (diesen an seinem Stammhaus Stuttgart öfter als den Alberich), Sachs, Holländer, Kurwenal, Amfortas, Amonasro oder Falstaff als auch Bass-Buffo-Rollen wie Bartolo, Don Pasquale, Dulcamara, Melitone, van Bett, Baculus, Warlaam (Boris Godunow), Kezal oder Ochs. Da Aufnahmen fast nur aus seiner mittleren und späten Periode existieren, muss extra darauf hingewiesen werden, dass er in seinen Hamburger Jahren, wo er alleine in 15 Jahren bereits gut 2000 Auftritte in kleinen, mittleren und Hauptrollen zu verzeichnen hat, mit Osmin, Daland, Fafner oder Sparafucile auch das seriöse Bassfach bedient hat. Angesichts dieser grenzenlosen stimmlichen Einsatzfähigkeit wundert es dann nicht mehr, dass auch das sogenannte Spiel- oder Belcanto-Fach wie Plumkett (Martha), Haly (Italienerin in Algier) oder Faninal in seinem Register nicht fehlt. Selbst vor der leichten Muse oder gar Volksmusik von Seemannsweisen bis zu Country-Songs, die in den 50er und 60er Jahren nicht nur vom Süddeutschen Rundfunk in größerem Umfang aufgenommen wurden, machte er wie viele seiner Generation nicht Halt.

Auf den vorliegenden CDs sind neben einigen Rundfunk-Produktionen vor allem wertvolle internationale Live-Dokumente erstmals zugänglich, u.a. aus Rom, Mailand, Bayreuth, Paris, Buenos Aires, Berlin und natürlich ganz besonders aus Stuttgart, wo er auch in Raritäten wie Werner Egks „Zaubergeige“ und Hermann Reutters „Doktor Johannes Faustus“ einen Schritt in die damalige Moderne nicht  scheute. Unter der gesamten Auswahl erweisen sich Ausschnitte aus diesen beiden Werken als lohnenswerte Entdeckungen, die es wert wären auch heute wieder aufgeführt zu werden. Für sein ebenfalls nicht ausgelassenes Konzert- und Oratorien-Repertoire stehen hier Aufnahmen von Bachs „h-moll-Messe“ und Reutters „Der große Kalender“. Nur für das Kunstlied hatte der bis zuletzt unermüdliche Sängerdarsteller dann wirklich keine Zeit mehr. Wenn man heute diese einerseits schwarz gefärbte, andererseits auch (wie im Beiheft so trefflich beschrieben) marone Stimme in einem unbeschreiblichen dynamischen Umfang von satt-schweren, metallisch explosiven, und dann auch wie verwandelt lyrisch-weich strömenden und locker leichten Tönen mit einem unerschöpflichen Atem und einer Konsistenz hört, die für mehrere Stimmen ausreichen würde, bekommt man einen Eindruck von dieser außergewöhnlich belastbaren Charakterstimme. Wie in einem späten Mitschnitt (dem wahrscheinlich letzten seines Wirkens) des „Siegfried“ aus dem Stuttgarter „Ponnelle“-Ring von 1978 feststellbar, hat Neidlinger auch im damaligen Alter von 68 Jahren kaum etwas von seiner Substanz, geschweige denn seiner gleichmäßig hohen Tonqualität und seiner Gestaltungskraft verloren. Es gibt also genügend Beweise, ihn unter die herausragenden Dinosaurier des Gesanges einzureihen. Die hier versammelte Fülle an Tondokumenten gibt Gelegenheit, diesen universellen Bühnenkünstler den nachfolgenden Generationen als Vorbild für eine stabile, alles ermöglichende Technik in Erinnerung zu rufen.

Udo Klebes

 

 

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  3. www.vocal-classics.com: http://www.vocal-classics.com/

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