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Herbert WILLI

Interview 10/2009: Herbert WILLI, Kunst muss versuchen, Hoffnung zu geben.

Gespräch mit dem Komponisten Herbert Willi
Kunst muss versuchen, Hoffnung zu geben
„Schlafes Bruder“ zählt zu den erfolgreichsten modernen Opern unserer Zeit. Seither gibt es immer wieder Anfragen bei dem Vorarlberger Komponisten Herbert Willi (53), unbedingt eine neue Oper zu schreiben. Doch gut Ding braucht bei ihm Weile. Nun spielt die Neue Oper Wien die Neufassung von „Schlafes Bruder“ – und Herbert Willi hat uns vieles darüber, aber auch über Künftiges erzählt
Das Gespräch führte Renate Wagner
Herr Willi, als Ihre Oper „Schlafes Bruder“ 1996 in Zürich uraufgeführt wurde, war sie ein außerordentlicher Erfolg, was ja nun wirklich nicht jedem modernen Opernwerk passiert. Wie kommt es, dass Sie daran etwas ändern wollten und eine Neufassung geschaffen haben?
Es war mir schon bei der Uraufführung klar, dass es Elemente gibt, die ich noch deutlicher machen wollte. „Schlafes Bruder“ handelt von der ungewöhnlichen Fähigkeit des Elias, nach innen zu hören – das mache ich zuerst durch einen gegenüber der Erstfassung wesentlich verlängerten Prolog deutlich, der nun fast eine Viertelstunde dauert, „reine“ Musik. Dann wird die Geschichte erzählt, allerdings nicht als „Handlung“ wie im Roman - bis zu der zentralen Erkenntnis: „Wer liebt, schläft nicht.“ Ich habe in der neuen „Hörwunder“-Musik ausgedrückt, was den Menschen über den Intellekt hinaus ausmacht. Schließlich gibt es auch noch einen neuen dritten Teil, Robert Schneider hat den Monolog des Sprechers entschieden erweitert. So wollte ich die „Reise in die Stille“, die hier erzählt wird, durch Ergänzung „reiner Musik“ und Wort noch klarer machen. Die Oper dauert nun gut 95 Minuten ohne Pause.
Sie sagen: „nicht als Handlung“. Wer also den Roman gelesen oder den Vilsmaier-Film gesehen hat, bekommt jetzt nicht die „vertonte Version“?
Robert Schneider und ich haben die Oper gemacht, bevor noch sein Roman erschienen und ein Welterfolg geworden ist. Wer das Buch „mit Musik“ vorgesetzt bekommen will, ist am falschen Ort. Die Oper erzählt die Geschichte des Hörens, also was mit Elias passiert, wenn er „in sich hört“. Darum muss das „Hörwunder“ auch der musikalische Höhepunkt des Abends sein. Auch habe ich die „Person“ namens „Schlafes Bruder“, die es im Roman nicht gibt, in Gestalt eines unsichtbaren Chores eingeführt, der aus den Boxen kommt. Vor allem geht es mir in dem Werk auch um die Aussage, „Alles, was Liebe ist, ist ewig“. Und um das Prinzip Hoffnung – ohne dieses kann es in meinen Augen keine Kunst geben.
Diese Neufassung ist vor eineinhalb Jahren in Klagenfurt aufgeführt worden.
Ja, nach der Uraufführung in Zürich, die dann auch im gleichen Jahr als Festwochengastspiel im Theater an der Wien zu sehen war, kam noch eine Produktion der ursprünglichen Fassung in Innsbruck, obwohl ich damals schon die Umarbeitung beschlossen hatte. Aber so etwas ist eine Riesenarbeit, und ich hatte so viele Kompositionsaufträge, dass ich nicht dazu gekommen bin. Dann setzte Josef Ernst Köpplinger die Aufführung von „Schlafes Bruder“ 2008 in Klagenfurt an, ohne zu wissen, dass ich an einer neuen Fassung arbeitete. Er war so fasziniert von dem Werk, dass er nach der Uraufführung beschlossen hatte, sobald er irgendwo als Intendant Entscheidungen fällen könnte, würde er diese Oper spielen. Und da die Neufassung zu diesem Zeitpunkt schon fast fertig war, hat er sie bekommen. Die Auslastung war, wie überall, wo die Oper gespielt wurde, unglaublich gut, über 90 Prozent.
Und nun bringt die Neue Oper Wien die erste eigene Produktion für Wien heraus.
Auch Walter Kobera kennt die Oper seit der Premiere und wollte sie schon immer machen, aber für ihn ist es bekanntlich nie einfach, seine Aufführungen zu finanzieren. Und „Schlafes Bruder“ ist zwar keine lange, aber eine große Oper mit ungefähr 60 Mann Orchesterbesetzung. Wir sind schon seit längerer Zeit immer wieder im Gespräch, ohne dass sich etwas konkret realisiert hätte. Als wir uns zuletzt trafen, erzählte er mir begeistert von Sängern, und ich wusste nicht, wovon er redete, weil er vergessen hatte mir mitzuteilen, dass der die Oper jetzt im Herbst endlich und wirklich aufführt. Und ich habe gehört, dass das Interesse enorm ist. Ich freue mich wirklich über die vielen Fachleute und Promis aus dem Musikleben, die sich zur Premiere am Dienstag angesagt haben.
Haben Sie sich in die Aufführung „eingemischt“?
So gut wie gar nicht, ich bin auch erst wenige Tage vor der Premiere nach Wien gekommen. Jetzt hat „Schlafes Bruder“ die Form, mit der ich total zufrieden bin, nun kann ich das Werk loslassen und den Interpreten übergeben. Jetzt bin ich nur noch neugierig, was sie damit machen. Ich war ja auch mit der Klagenfurter Aufführung sehr glücklich, fand sie toll, und Leonard Prinsloo hat hier in Wien großartige Arbeit geleistet. Ich habe mir nur erlaubt, die Position eines Trompeters zu verändern, damit er wirklich entsprechend im Zuschauerraum wahrgenommen wird.
Herr Willi, Sie sind ein international anerkannter Komponist, der nicht nur in seiner Heimat bewundert wird, sondern beispielsweise in besonderem Ausmaß in Ostasien, in Korea und Japan. Sie haben in den letzten Jahren im Rahmen des  Zyklus, den sie „Montafon“ nennen, bemerkenswerte Werke für Soloinstrumente geschrieben. Dennoch bekommt man als Komponist nie so viel Resonanz als mit einer Oper. Werden Sie nach „Schlafes Bruder“ eine weitere schreiben?
Inzwischen kann ich sagen: Ja. Über den Stoff will ich nicht reden, das wäre auch im Moment zu kompliziert, es zu erklären, denn gewissermaßen ist es eine „Fortsetzung“ der „Schlafes Bruder“-Idee, aber doch eine ganz eigene Geschichte. Ich habe starke Anregungen auch aus Ostasien bekommen. Aber ich habe gewartet, bis da jener Stoff kam, der zu mir sagte: „Du musst.“ Dann hat man als Künstler keine Wahl. Die Musik bestimmt, wann sie beginnt, in mir hörbar zu werden. Sie bestimmt auch, wann sie zu Ende und richtig ist.
Und das ist jetzt der Fall?
Ich kann und will kein Datum nennen. Im allgemeinen ist es so, dass ich Musik lange, bevor ich sie in Noten niederschreibe – nach wie vor übrigens mit der Hand, nicht mit dem Computer -, in mir verdichtet tragen muss. Ich kann sie dann, wie es übrigens auch Olivier Messiaein, einer meiner wichtigsten Förderer, getan hat, in einer kleinen, farbigen Zeichnung konzentrieren, die es mir noch nach Jahren ermöglicht, die Musik, wenn ich sie nicht niedergeschrieben habe, wieder zu finden. Als mich Peter Ruzicka für das Mozart-Jahr 2006 fragte, ob ich mir für die Salzburger Festspiele ein Klarinettenkonzert vorstellen könnte, musste ich nur in mich hineinhören um zu wissen, dass ich seit 10, 15 Jahren ein solches in mir spürte, ich sage dann: „Ich war schon einmal Klarinettenkonzert“.
Und wie lange dauert es dann, bis eine Komposition fertig ist?
Wenn ich so weit bin, dauert der Prozess des Niederschreibens vergleichsweise nicht lange – tatsächlich immer neun Monate, als ob man ein Kind zur Welt bringt. Für meine künftige Oper habe ich mir nach langen Jahren, wo es viele Auftragswerke für mich gab, den totalen Rückzug erlaubt – und gewartet, was die Musik mit mir macht. Das ist natürlich eine der spannendsten schöpferischen Phasen, wenn man sich fragt: „Was erzählt mir die Musik?“ Wenn ich sie aufschreibe, ist sie fertig, jede Note ist fixiert, das ist dann eine Bratsche oder eine Harfe, daran ist nicht mehr zu rütteln. Und wenn ich Klänge höre, für die es kein Instrument gibt, dann muss ich in mir eben die Instrumente so lange mischen, bis dieser Klang erzielt ist…

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