Hilde Sochor: KINDER, KÜCHE, BÜHNE

Hilde Sochor
KINDER, KÜCHE, BÜHNE
Ein Leben in Bildern und Anekdoten
240 Seiten, Amalthea Verlag 2011 

Auf dieses Buch hat man gewartet, wenn man das Glück hatte einmal live zu erleben, wie Hilde Sochor im privaten Kreis aus ihrem Theaterleben erzählen kann – eine Fülle brillant beobachteter, hoch intelligenter Erinnerungen an Dinge, von denen kaum mehr jemand etwas weiß. Leise wird man allerdings die Enttäuschung zu bekämpfen haben, dass in dem Buch lange nicht so viel aus Volkstheater-Zeiten drinnen steht, wie man erhofft hat…

Hilde Sochor, die Ikone des Volkstheaters (darum hat auch verständlicherweise der derzeitige Direktor des Hauses, Michael Schottenberg, das verehrende Vorwort geschrieben). Geboren am 5. Februar 1924 in Wien, breitet sie Teile ihres Lebens vor dem Leser aus. Von dem Titel, den sie nach Dario Fo paraphrasiert hat, scheinen dennoch nur zwei Drittel zu stimmen: Kinder, Küche, Bühne. Kinder, ja, sie hat drei und sie ist eine jener Mütter, die gerne von ihnen spricht (also auch schreibt). Küche sieht man weniger ein, zumal sie selbst zugibt, es im Kochen nicht weit gebracht zu haben. Und um Hausfrau zu sein, hatte Hilde Sochor weder Lust noch Zeit, denn die Bühne beherrschte ihr Leben.

Aufgewachsen in Breitensee (das war früher noch mehr am „Rand“ von Wien als heute) in sehr bürgerlichen Verhältnissen, war Hilde Sochor, „Guggi“ genannt, immer sehr unternehmungslustig. Das Theater packte sie früh, im Krieg segelte sie durch den Arbeitsdienst, um danach einerseits Theaterwissenschaft zu studieren, andererseits die Bühne selbst anzustreben. Vorbild: Paula Wessely, einer ihrer Lehrer am Prayner Konservatorium war Leopold Rudolf. An der Studentenbühne waren ihre Freunde und Kollegen gemeinsam mit ihr jung – und später sehr berühmt wie etwa der Qualtinger.

„Mein Leben auf der Bühne und mein privates Glück sind untrennbar mit ihm verbunden“ – und dieser „er“ ist Gustav Manker. Ihm begegnete sie schon in ihren Nebenrollen-Anfängen, er war immer da, schon als sie ans Volkstheater kam, er war ihr Mann, Vater ihrer Kinder, ihr Regisseur, dann zehn Jahre lang am Volkstheater ihr Direktor. Er behandelte sie schlechter als alle anderen, weil er mehr von ihr verlangte. Am Volkstheater ist die Sochor, mit Ausnahme eines Gastspiels bei Gründgens in Düsseldorf, wo sie nach einer Rolle wieder ging, unerschütterlich geblieben – noch vor wenigen Jahren, 2007, hat sie dort in „Cabaret“ das Fräulein Schneider gespielt.

Leider läuft das Buch hier ein wenig aus dem Ruder, denn Herausgeberin Barbara Lipp hat es nicht geschafft, hier einigermaßen nicht nur die Chronologie, sondern auch einen zusammenhängenden Erzählfaden herzustellen. Möglicherweise hat man das gespürt, als der Untertitel „Ein Leben in Bildern und Anekdoten“ gewählt wurde. Jedenfalls

hat man als Leser das Gefühl, sehr viel Wichtiges über Theaterarbeit nicht zu erfahren, während die Probleme mit den Kindermädchen für Außenstehende ja nicht so unbedingt wissenswert sind. Es ist eines, was man erzählt bekommt, und ein anderes, was von so weitgehendem Interesse ist, dass man es auch veröffentlicht.

Tatsächlich muss man sich vielfach an das Register der Sochor-Rollen und an die eingefügten fabelhaften Bildteile halten, um die Vielfältigkeit und Könnerschaft, den Humor und die spontane Kraft der Schauspielerin Hilde Sochor aus den Fotos zu holen, denn zu ihrer Arbeit und zu jener von Manker, zu bedeutenden Kollegen und wichtigen Ereignissen an ihrem Haus ist sie zu wenig gefragt worden.

Am Ende dürfen auch noch ihre eigenen Kinder das Wort ergreifen (bzw. in den Computer klopfen), aber das macht das Endergebnis nicht besser.

Doch es ist ja noch nicht aller Tage Abend. Wie wäre es, wenn man das Buch in wenigen Jahren zum 90er zu einer Schauspieler-Biographie auffettete, wie sie der Sochor würdig sei?

Renate Wagner

Source URL: http://www.der-neue-merker.eu/hilde-sochor-kinder-kuche-buhne