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Imre KISS

Interview, 10/2009: Imre KISS, Generaldirektor Palast der Künste – Budapest, Ein Mann mit einer Vision für eine bessere Gesellschaft durch die Kunst

Interview mit Imre Kiss, dem Generaldirektor des Palastes der Künste (MÜPA) in Budapest
 
Imre Kiss. Photo: Klaus Billand

Ein Mann mit einer Vision für eine bessere Gesellschaft durch die Kunst
 
Anlässlich der beiden „Parsifal“-Aufführungen Ende Juni im Rahmen der Budapester Wagner-Tage unter der künstlerischen Leitung von Ádám Fischer, nahm ich die Gelegenheit wahr, nach vier Jahren Berichterstattung von den Wagnertagen aus dem wunderschönen Nationalen Konzerthaus Béla Bartók, Imre Kiss den Generaldirektor des MÜPA, zu interviewen. Seit etwa zehn Jahren ist Imre Kiss, ein äußerst sympathischer, bescheidener und im Kunstmanagement sehr erfahrener Mann, nun Generaldireketor des MÜPA. Vor mir sitzt ein etwas gebrechlich wirkender älterer Herr, der aber mit einem stets freundlichen Lächeln und blitzenden Augen eine starke Überzeugungskraft bei seiner Mission an der Spitze dieser mittlerweile in Ungarn sehr bedeutend gewordenen Kulturinstitution unter Beweis stellt. Er entspricht so gar nicht dem traditionellen, oft abgehobenen Stil des internationalen Kulturmanagers und ist ungewöhnlich humorvoll. Obwohl Kiss sehr gut Deutsch spricht, lässt er eine Dolmetscherin hinzuziehen um sicher zu gehen, dass kein Detail des Interviews missverstanden wird. Wir blicken aus seinem modernen großzügigen Büro auf die langsam dahin ziehende Donau, und in der Ferne auf die Zitadelle auf der anderen Seite sowie die Stadt Budapest flussaufwärts. Diese Ferne, das soll sich im Laufe des Interviews zeigen, hat durchaus auch symbolischen Charakter…
 
Das künstlerische und gesellschaftliche Konzept des Palasts der Künste: Imre Kiss hat die ganze Entwicklung dieses völlig neuen und modernen Kunstkomplexes am linken Donauufer weit unterhalb des Stadtzentrums miterlebt, wo ein ganz neuer und hochmoderner Stadtteil entsteht. Kiss ist stolz auf den Kunstpalast, das merkt man ihm sofort an. Denn er kann auch darauf verweisen, dass im Palast acht verschiedene Kunstgattungen beheimatet sind, was auf den ersten Blick nicht recht auffällt. Es begann mit der Klassik, dann traten Jazz, Ballett und andere Sparten hinzu. Es gibt umfangreiche spezielle Programme für Kinder bis zu 20 Jahren, so z.B. wie man mit Musikinstrumenten umgeht, Musiktheorie, viel Interaktivität. Selbst die Kleinsten mit 5-8 Jahren hören schon Melodien. Solche Programme finden außerhalb der Schulzeit statt, an Wochenenden und am Mittwoch. Außerdem sind bei den Konzerten und Opern im Konzerthaus Béla Bartók 168 Plätze für Studenten reserviert.
Das dramatische Theater wird im Haus gegenüber gegeben, über dessen eigenwilliges Aussehen, das nur bedingt höheren ästhetischen Ansprüche an die Architektur gerecht wird, sich man immer wieder wundern kann und eigentlich muss. Imre Kiss schaut aus seinem riesigen Bürofenster im obersten Stock des Kunstpalastes den ganzen Tag darauf…
 
Was ist die Motivation, die Imre Kiss zur Konzipierung und Entwicklung des Palastes der Künste veranlasst hat? Für ihn ist das Budapester Musikpublikum sehr alt geworden und damit auch allzu konservativ geblieben. Und das hat sich zu seinem Bedauern auch nach der politischen Wende nicht nachhaltig geändert. So sieht er in den 40 Jahren des Kommunismus einen großen Verlust für die Entwicklung des ungarischen Bürgertums im allgemeinen und des Kultur-Publikums im speziellen Sinne. Er wollte einen Beitrag zur Verbesserung dieser Situation leisten und mit der Gründung des Palastes der Künste Impulse setzen und ein jüngeres Publikum für die klassische Musik und die anderen Kunstformen, die in seinem Hause angeboten werden, gewinnen. So gewann er einige führende ungarische Intellektuelle und bildete mit ihnen, diversen Künstlern und privaten Förderern ein Team, in dem auch Ausländer vertreten sind. Sie formulierten in gewissem Sinne die Vision, mit dem Palast der Künste ein stärkeres zivilisatorisches Bewusstsein zu entwickeln und die große Bedeutung der Kultur, wie sie von vielen Intellektuellen bereits hervorgehoben wurde, einem breiteren Publikum nahe zu bringen. Dabei erlangte ihre Arbeit zunächst mehr Aufmerksamkeit im Ausland.
 
Die Finanzierung: Der MÜPA bekommt staatliche Subventionen, aber in relativ begrenztem Ausmaß. Man muss aber dabei bedenken, dass es schon zwei Opernhäuser und einen Musiksaal in der Stadt gibt, die ebenfalls subventioniert werden. Neben den begrenzten Subventionen gibt es eine Reihe von bedeutenden Mäzenen, unter ihnen den größten Investor in Ungarn. Hinzu kommt eine gewisse Selbstfinanzierung durch die Eintrittskarten. Eine private public partnership (ppp) ist geplant. Die Regierung ist Pächter des MÜPA, zunächst einmal für 30 Jahre.
 
Das Konzept der halbszenischen Aufführung von Wagners Musikdramen: Imre Kiss geht zunächst einmal davon aus, dass man bei den Werken, die halbszenisch aufgeführt werden, das zu Begin gesetzte Ziel wohl nicht erreichen kann. Der Anspruch, in die Nähe davon zu kommen, ist ihm aber wichtig. Er sieht aber in den halbszenischen Opernproduktionen eine Option für die Zukunft, zumal wenn man bedenkt, dass man sie wie hier in einem großen Konzertsaal aufführen kann. Als der Regisseur Schörghofer einst mit der Idee kam, den gesamten „Ring“ auf diese Weise zu inszenieren, unter Verwendung erheblicher und in dieser Form bis dahin kaum bekannter visueller Mittel, bekam Kiss erst mal einen Schüttelfrost! Obwohl er wirklich eine solche Lösung wollte, um die Werke im MÜPA zeigen zu können. Ádám Fischer hat ihn dann letztlich von der Tragfähigkeit dieses inszenatorischen Konzepts überzeugen können. Heute ist Imre Kiss glücklich, dass es einen so guten Anklang gefunden hat. Auf den Nagy-„Ring“ an der Budapester Staatsoper angesprochen, der in der vergangenen Saison zum letzen Mal gezeigt wurde, dessen Markenzeichen enorme Kulissenaufbauten waren und der sich einer außerordentlichen Beliebtheit – auch im Ausland – erfreute, meint Imre Kiss, damals Direktor der Staatsoper: „Ich gab dem Bühnenbildner freie Hand. Nun ist dieser ‚Ring’ viel zu teuer geworden. Und auf Tour schicken konnte man ihn wegen der zu hohen Transportkosten auch nicht. Auch damals hat mir Ádám Fischer ideell geholfen. Der Geschmack des Publikums ist eben an der Staatsoper besonders konservativ.“
 
Seine weiteren Pläne: Imre Kiss versucht, seinen Spielplan mit dem der Budapester Staatsoper und des Erkel-Theater zu koordinieren, was nicht immer hundertprozentig gelingt, oft erst hinterher. Pro Jahr macht er 12 bis 13 Vorstellungen am MÜPA. Der Wiener Staatsoperndirektor Ioan Holender berät ihn, sie sind bereits mehrere Jahre befreundet. Auf meine Frage, wann man einmal Richard Strauss Opern hier erleben kann, sagt er, dass sowohl Johann wie Richard Strauss ab 2012 geplant sind. Er kümmert sich intensiv um Verflechtungen und Zusammenarbeit mit ausländischen Kulturinstitutionen, 71 Mitarbeiter des MÜPA befinden sich zeitweise im Ausland, um zu lernen, Kontakte zu machen und zu pflegen, manchmal 15 zur gleichen Zeit. Kiss würde gern auch Theater und Orchester aus dem Ausland in den MÜPA holen, wie das Piccolo Theater Mailand, den Wiener Musikverein und die Wiener Philharmoniker. Er erhofft sich dabei eine steigende internationale Anerkennung des MÜPA-Konzepts und die Realisierung seiner Vision. Nicht zuletzt im Neuen Merker hat sich der Palast der Künste durch Programm-Annoncen einem weiten Leserkreis vorgestellt. Wir danken Imre Kiss für diese Zusammenarbeit und freuen uns auf Ihre Fortsetzung 2010. Wir wünschen ihm und seinem engagierten Team weiterhin Erfolg bei seinen unkonventionellen Projekten und seiner gesellschaftlichen Mission.
 
Klaus Billand

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