Jennifer O’LOUGHLIN
Interview, 10/2009: Jennifer O’Loughlin, Auf die Bühne – da gehöre ich hin!
Gespräch mit Jennifer O’Loughlin

Auf die Bühne – da gehöre ich hin!
Jennifer O’Loughlin (sprich: O-lak-lin) hatte in der Volksoper als Gilda einen sensationellen Premierenerfolg. Dafür, dass die junge Amerikanerin seit 2003 am Haus ist, hat man sie bisher kaum ausreichend wahrgenommen. Obwohl Opernfreunde bei ihr immer wieder und zuletzt im September bei ihrer Zerbinetta ganz heftig die Ohren gespitzt haben…
Das Gespräch führte Renate Wagner
Frau O’Loughlin, was war aufregender, 2007 in Salzburg für Diana Damrau als Susanna einzuspringen oder innerhalb kürzester Zeit die Gilda in der „Rigoletto“-Premiere zu übernehmen?
Also schon Salzburg, das war ein unglaublicher Druck. Ich war 2006 als Cover für Anna Netrebko engagiert gewesen, hatte ein paar Proben mitgemacht, bin aber nie zum Zug gekommen. 2007 war ich dort nicht engagiert, als plötzlich der Anruf kam, Frau Damrau sei erkrankt, ob ich morgen einspringen könne, Frau Netrebko und ich seien die einzigen, die die Inszenierung kennen, und Frau Netrebko sei nicht zu erreichen. Nun hatte ich die Susanna seit einem Jahr nicht mehr Italienisch gesungen, in der Volksoper haben wir sie ja immer auf Deutsch, und ich habe im Zug wie der Teufel noch einmal den italienischen Text durchgearbeitet. In Salzburg bin ich am Tag davor um 18 Uhr angekommen, war am nächsten Tag eine Stunde in der Kostümabteilung, man zeigte mir ein Video, wo ich sah, dass es einige Änderungen im Vergleich zum Vorjahr gab, ich hatte eine kurze Besprechung mit Daniel Harding – und dann auf die Bühne, mit lauter neuen Kollegen außer Dorothea Röschmann, die mir rührend geholfen hat, sie war ein Engel. Es gab in dieser Vorstellung keinen Souffleur, und man hat mir auch keinen zur Verfügung gestellt, was ich unter diesen Umständen doch ziemlich enttäuschend fand. In der Pause dachte ich, ich sterbe, ich kann nicht weitermachen, aber am Ende war es ein großer Erfolg, und das Publikum war unglaublich freundlich und dankbar, dass ich die Vorstellung gerettet hatte…
Haben sich die Salzburger Festspiele außer mit einer Gage für diese Bravourleistung bedankt?
Eigentlich nicht, denn den Vertrag, mit dieser Inszenierung in Japan zu gastieren, hatte ich schon vorher. Seither hat sich nichts ergeben. Ich hatte meine Gesangslehrerin gefragt, ob ich dieses Einspringen machen soll, und sie hat gemeint: Vielleicht bringt es etwas, vielleicht auch nicht…
Da war das Einspringen als Gilda einfacher?
Schon. Samstag war Premiere, Dienstag stellte sich heraus, dass Frau Reinprecht sie nicht singen kann. Aber sie hatte während der Probenzeit eine Pamina-Serie an der Staatsoper, also hatte ich viel an ihrer Stelle geprobt, mehr als eine zweite Besetzung üblicherweise, darum war es nicht so schlimm. Außer dass ich am Mittwoch die Orchesterhauptprobe und am Donnerstag die Generalprobe singen musste, aber ich habe das erste Mal eine Oktave tiefer gesungen und bei der Generalprobe nur den ersten Akt voll, sonst wäre es zu anstrengend gewesen.

Mochten Sie die Inszenierung, die ja sehr umstritten ist?
Doch, ich hatte eine schöne Zeit mit Regisseur Stephen Langridge, ich muss sagen, es hat mich überzeugt, das Stück in dieses Milieu zu versetzen. Und Jacek Strauch ist ein angenehmer, urlustiger Kollege. Was mich ein wenig gestört hat, waren die reizlosen Kostüme, ich hätte lieber zumindest die blaue Weste nicht getragen, aber das ging nicht, und ich habe keine Lust, um solche Dinge zu kämpfen, das bringt nichts. Ich hoffe, dass es wenigstens ein bisschen sexy wirkt, wenn ich im Männerhemd herumlaufe.
Nun singen Sie die Gilda Deutsch, was Sie vermutlich nie wieder in Ihrem Leben werden verwenden können. Das betrifft auch, wie wir gehört haben, etwa die Susanna oder die Musetta. Was sagen Sie dazu, dass Volksopern-Direktor Robert Meyer darauf besteht, alles auf Deutsch singen zu lassen?
Keine Frage, dass die Originalsprache besser ist. Aber es hat natürlich einen Vorteil, die Gilda Deutsch zu erarbeiten, weil ich sie zum Beispiel dauernd mit dem italienischen Text verglichen habe, und dann lernt man das Original besser kennen. Aber das Umlernen kann auch anstrengend sein – unter Berger haben wir den Britten’schen „Sommernachtstraum“ Englisch gesungen, unter Meyer war ich die Titania dann auf Deutsch. Ich selbst habe mit ihm nie über dieses Problem gesprochen, kann also nicht sagen, was ihn da bewegt.

Nun sind Sie bereits seit der Saison 2003 / 04 an der Volksoper. Wie sind Sie überhaupt an das Haus gekommen?
Wie man eben engagiert wird, nach einem Vorsingen. Wir Amerikaner haben nur die Möglichkeit, uns in den USA einem der Young-Artists-Programs anzuschließen oder nach Europa zu gehen. Ich habe in New York für das Züricher Opernstudio vorgesungen, das Stipendium der Herbert-von-Karajan-Stiftung bekommen und bin nach Zürich gegangen, wo ich auch kleine Rollen am Haus singen durfte. Man hat mich an Rudolf Berger empfohlen, ich fuhr zu ihm nach Straßburg zum Vorsingen, und er sagte sofort ja. Wenn man 24 ist und in die Welthauptstadt der Musik gehen kann, dann tut man das. Damals hatte ich einen Zweijahresvertrag, ich mietete mir eine Wohnung im 15. Bezirk – und da wohne ich immer noch.
Was war Ihre erste Rolle an der Volksoper?
Die Valencienne in der „Lustigen Witwe“, was gar nicht so einfach war, denn nach einem Jahr Zürich habe ich noch nicht fließend Deutsch gesprochen. Und ich habe außerdem in sieben Tagen den CanCan gelernt. Seither bin ich hier in Wien, nicht aus privaten, sondern aus rein professionellen Gründen, weil ich einfach im Laufe der Jahre eine Reihe wirklich schöner Rollen gesungen und sehr viel gelernt habe. Und wenn ich denke, wie lange ich schon von Gilda und Konstanze träume, und nun kommen beide in ein- und derselben Saison auf mich zu – da bin ich schon sehr glücklich.
Trotzdem muss man sagen, dass Sie als Konstanze die zweite Besetzung sind, als Gilda ursprünglich auch, detto als Zerbinetta, Martha und in vielen anderen Rollen. Sie haben in sechs Jahren an der Wiener Volksoper außer dem unverhofften „Rigoletto“ eine einzige Premiere gesungen, nämlich die „Kluge“ 2007 – ich könnte mir Sängerinnen vorstellen, die ihrem Direktor den Kopf abreißen, wenn sie immer in der zweiten Reihe stehen müssen.
Ja, vielleicht sollte ich wirklich hingehen und sagen: „Warum spielen Sie nicht für mich Lucia di Lammermoor?“ Das würde ich wirklich leidenschaftlich gerne singen. Man muss einen Zwischenweg finden, nicht allzu „gehorsam“ und nicht allzu fordernd zu sein. Aber wenn ich wirklich etwas will, erreiche ich es auch. Ich habe Rudolf Berger eine Liste meiner Wunschrollen gegeben, und er ließ mir sagen, die Pamina sei vielleicht noch nicht richtig für mich. Da ging ich zu ihm und sagte: „Nein, ich weiß, dass die Pamina richtig für mich ist.“ Und ich habe sie gesungen, zuerst gesungen, dann erst die Königin der Nacht – die meisten Kolleginnen machen es umgekehrt.
Zerbinetta, Konstanze, Königin der Nacht, Gilda – da sind wir nun bei Ihrem jetzigen Fach eines dramatischen Koloratursoprans. Fühlen Sie sich hier richtig?
Absolut, und da will ich jetzt eine längere Zeit bleiben. Und die Lucia singen, die Adina, Norina, Somnambula, Juliette, die Regimentstochter wäre auch wunderbar, all die schönen Belcanto-Partien. Ich fände es auch toll, in „Hoffmanns Erzählungen“ alle drei Frauenrollen zu singen. Man hat mich schon am Haus gefragt, ob ich nicht die Traviata machen will, aber ich denke, es ist besser, man geht Schritt für Schritt vor, ich wollte erst die Gilda sein. Ich singe derzeit nach wie vor sehr gern die Musetta, da kann man herrlich spielen, und da springe ich in der Kupfer-Inszenierung, die ich sehr mag, nach meiner Arie in die Arme von Marcello, Frank Morten Larsen hat mich schon oft aufgefangen. Die Mimi hingegen, die man mir manchmal vorschlägt, wäre für mich wahrscheinlich zu lyrisch. Ich will jetzt gerne bei den Koloraturen bleiben.
Diese Koloraturen, die Sie ja ungewöhnlich brillant singen, bringen Sie nun auch an die Met…
Also, es ist so, dass ich vom 14. Jänner bis zum 20. Februar 2010 in New York sein werde, dass ich da aber nur als Cover für die Zerbinetta in dieser „Ariadne auf Naxos“-Serie engagiert bin. Das heißt, dass ich die Rolle wahrscheinlich nicht singen werde – und ich wünsche auch wirklich keiner Kollegin, dass ihr etwas passiert, ich denke, das bringt nichts. Aber es wäre natürlich mein Traum, einmal in meiner amerikanischen Heimat auf der Bühne zu stehen, was ich nur als Kind im Chor getan habe. Immerhin, ich habe an der Met vorgesungen, mein Agent hat mir das verschafft. Ich hatte das Glück, dass mein wunderbarer Coach Mark Markham, dem ich immer wieder nachfahre, um mit ihm zu studieren, mich am Klavier begleitet hat. Ich habe Konstanze, Königin der Nacht und Gilda gesungen – und sie sagten danke. Ich bin abgereist, habe gewartet, und dann kam der Anruf, dass ich als Zerbinetta-Cover engagiert bin. In der Volksoper war man trotzdem sehr stolz auf mich, Robert Meyer hat mir gleich Urlaub gegeben und gratuliert.
Daheim auf der Bühne zu stehen… Schildern Sie uns kurz den Weg einer Amerikanerin aus Pittsburgh auf die Opern-Bretter?
Mein Vater ist „Amateur-Tenor“, singt leidenschaftlich im Kirchenchor, und meine Eltern sind sehr stolz auf mich, dass ich Sängerin geworden bin. Neben meinen Lehrern und meinem Coach muss ich ihnen wohl am meisten dafür danken, wie sehr sie mich bei meinem Berufsweg unterstützt haben. Ich habe vor dem Kirchenchor schon im Kinderchor gesungen und bin in „La Bohème“ auf der Pittsburgh Opera da ganz in der Nähe der Musetta gestanden, als sie ihre Arie sang. Und nachher ging ich zu ihr und sagte ihr, wie wunderbar es gewesen sei. Und neulich kam hier an der Volksoper nach einer „Bohème“-Vorstellung eine junge Amerikanerin zu mir und sagte mir dasselbe wie ich einst der bewunderten Sängerin… und das fand ich eigentlich sehr schön. Für mich war es als Kind schon großartig, auf den Brettern zu stehen, ich hatte da wirklich das Gefühl: Da gehöre ich hin – here I belong.
In Ihrer Biographie steht, Sie hätten auch Klarinette gelernt?
Ja, Klavier und Klarinette, das kann ich immer noch sehr gut, das könnte ich wahrscheinlich professionell in einem Orchester spielen. Aber ich habe immer wunderbare Gesangslehrerinnen gefunden, und das war mein Glück – erst Ruth Drucker am Peabody Conservatory of Music an der Johns Hopkins-Universität in Baltimore, dann Joan Patenaude-Yarnell an der Manhattan School of Music, wo ich 2002 mit einem Master-Degree abgeschlossen habe. Und dann kam ich nach Europa.
Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?
Ich denke eigentlich in Rollen, alle, die ich aufgezählt habe. Mein Vertrag für die Volksoper läuft noch ein Jahr, dann stellt sich die Frage, ob man aus dem Festvertrag aussteigt. Da müsste man aber die entsprechenden Gastverträge in der Tasche haben. Es wäre auch nicht ganz leicht, von Wien wegzugehen, weil es hier wirklich ein rührendes Publikum gibt, das mich lieb und treu immer bei der Bühnentür erwartet. So etwas ist sehr wichtig. Und im Moment könnte ich nicht glücklicher sein, so wie es sich mit dem „Rigoletto“ für mich ergeben hat.
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