
[1] JOHN CRANKO – Frühwerke:
THE LADY AND THE FOOL and PINEAPPLE POLL
ICA classics ICAD 5040
Solisten 1959: Svetlana Beriosova, Ronald Hynde; Merle Park, David Blair / Dir. Charles Mackeras
John Cranko (1927-1973) war ein Meister des Handlungsballetts. Auch wenn seine Arbeit in einer Zeit, in der die Choreographie im Zeichen des Neoklassizismus von George Balanchine beherrscht wurde, als anachronistisch hätte gelten können, genossen Crankos Tanzdramen anhaltenden Erfolg. Das liegt nicht einfach nur daran, dass seine besten Ballette auf einigen der bedeutendsten Werke Shakespeares und Puschkins basierten; Crankos fruchtbare Phantasie schuf choreographische Episoden von verblüffender Wirkung, die bekannte Geschichten in ein neues Licht rückten. Aus gutem Grund trägt John Percivals ausgezeichnete Cranko-Biographie im englischen Original den Titel Theatre in My Blood! (deutsch: John Cranko). Was Crankos Genie ausmacht, ist die Theaterwirksamkeit seiner Choreographien.
Crankos abendfüllende Meisterwerke, Romeo und Julia (1962), Onegin (1965) und Der Widerspenstigen Zähmung (1969), begründeten den Weltruf seines Stuttgarter Balletts. Dass diese Werke anschließend in das Repertoire zahlreicher führender Balletttruppen Eingang fanden, zeigt ihre universelle Gültigkeit. Und obwohl sie ursprünglich auf die besonderen Talente der Stuttgarter Tänzer in Crankos Truppe zugeschnitten waren, fanden sie auch anderswo überzeugende Darsteller. Was zählt, ist der Tanz, nicht bloß der Tänzer. Bevor Cranko die Leitung des Stuttgarter Balletts übernahm, war er in London tätig.
In Südafrika gebürtig, kam er mit 18 Jahren nach London und wurde bald darauf Mitglied des Sadler’s Wells Ballet. Dort wurde ihm und den Direktoren des Balletts allerdings bald klar, dass seine Stärke nicht im Tanz, sondern in der Choreographie lag. Sein erster großer Erfolg war die übermütige Komödie Pineapple Poll, deren Premiere am 13. März 1951 als Teil eines allein von Cranko gestalteten Programms stattfand – eine beachtliche Leistung für einen Choreographen am Beginn seiner Laufbahn!
Pineapple Poll war die erste Zusammenarbeit zwischen Cranko und Charles Mackerras, dem damaligen Assistant Conductor der Sadler’s Wells Opera. Mackerras fand die Musik von Sir Arthur Sullivan, deren Urheberrechte gerade abgelaufen waren, wunderbar als Ballettmusik geeignet. Er hatte zahllose Aufführungen der Operetten von Gilbert und Sullivan dirigiert und aus fast einem Dutzend von ihnen eine entzückende Musik für Crankos umwerfendes Ballett zusammengestellt. Die Hauptfiguren in Pineapple Poll sind Pineapple Poll, eine Blumenverkäuferin, Jasper, der Laufjunge im örtlichen Gasthaus sowie der schneidige Kapitän Belaye der H.M.S. Hot Cross Bun, die gerade in Portsmouth angelegt hat. Alle Mädchen der Stadt himmeln Kapitän Belaye an, auch Pineapple Poll – was wiederum Jasper sehr betrübt, der sich ernsthaft in sie verliebt hat. Aber Belaye interessiert sich für Blanche, eine lokale Schönheit, die in der Obhut ihrer Tante Mrs Dimpie lebt. Die liebestollen jungen Damen von Portsmouth verfallen auf merkwürdige Machenschaften, um Belaye näherzukommen, indem sie sich z. B. als Seeleute verkleiden, um an Bord seines Schiffes zu gelangen. Als der Kapitän am nächsten Morgen seine Mannschaft exerzieren lässt, scheint er nicht zu bemerken, dass sie alle kleiner geworden und unterschiedlich groß sind und dass Pineappie Poll ihre Übungen en pointe (auf Zehenspitzen) ausführt. Er hat gute Gründe, unaufmerksam zu sein, weil er gerade an diesem Morgen mit dem Segen von Mrs Dimple Blanche geheiratet hat. Schließlich klärt sich alles auf. Der Kapitän wird zum Admiral befördert, Jasper wird dank der Intrigen von Mrs Dimple zum neuen Kapitän der H.M.S. Hot Cross Bun ernannt, worauf Pineappie Poll unverzüglich ihre Zuneigung von Admiral Belaye zu Kapitän Jasper verlagert, während die Stadtmädchen sich wieder ihren verärgerten Bauernburschen zuwenden. David Blair, der die Rolle des Kapitän Belaye bei der Premiere im Jahr 1951 getanzt hatte, übernahm die gleiche Rolle bei der Fernsehaufnahme von 1959, die auf dieser DVD zu sehen ist.
Für die musikalische Untermalung von The Lady and the Fool griff Mackerras auf Musik von Verdi zurück und gestaltete weniger bekannte Auszüge aus 15 Verdi-Opern zu einer besonders effektvollen Partitur für die nicht ganz so heitere Stimmung dieses zweiten Gemeinschaftsprojektes mit Cranko, der Szenario und Choreographie besorgte. The Lady and the Fool wurde am 25. Februar 1954 in Oxford uraufgeführt; die Londoner Premiere fand nur einen Monat später im Sadler’s Wells Theatre statt. Das Werk erzielte nicht sofort den gleichen Anfangserfolg wie Pineapple Poll. Crankos Choreographie für das corps de ballet in der zentralen Ballsaalszene ließ seinen gewohnten Einfallsreichtum vermissen; er scheint sich nur mit halber schöpferischer Kraft eingesetzt zu haben. Auch fand er keine Unterstützung in seinem Bühnenbildner, der hauptsächlich als Maler gearbeitet und kaum Erfahrung mit dem Theater hatte. Cranko bekam Gelegenheit, das Werk für seine Covent Garden-Premiere am 9. Juli 1955 umzuarbeiten und zu straffen. Einige Nebenfiguren entfielen gänzlich, so dass die Beziehungen zwischen den Hauptfiguren klarer hervortraten. Außerdem wurde die Bühnenausstattung wesentlich verbessert und das Orchester vergrößert, was zu einem üppigeren Klangbild beitrug. Die drei Hauptfiguren in The Lady and the Fool sind zwei vagabundierende Clowns, Moondog und Bootface, sowie La Capricciosa, eine maskierte Schönheit. Moondog und Bootface sind auf einer Bank in der Nähe des Palastes von Signor Midas eingeschlafen. La Capricciosa kommt auf ihrem Weg zum Palast, in dem ein Ball stattfindet, an den Clowns vorbei und lädt diese ein, sie zu begleiten. Auf dem Maskenball unterhalten die Clowns die Gäste, während La Capricciosa von drei adligen Gästen von Signor Midas verfolgt wird, die sie aber zurückweist; endlich allein nimmt sie die Maske ab, da betritt Moondog den Ballsaal. Er verliebt sich Hals über Kopf in sie und sie sich in ihn, was wiederum ihre Verehrer und Bootface empört, der vergeblich auf dem Ball versucht hat, sich einigen der Debütantinnen zu nähern. La Capricciosa und Moondog verlassen gemeinsam den Palast, drehen aber noch einmal um, um Bootface mitzunehmen. In der Schlussszene kehren die drei zur Bank zurück, auf der die Clowns vorher eingeschlafen waren, und sinken in Schlaf, als der Vorhang fällt.
Sowohl Pineapple Poll als auch The Lady and the Fool blieben weiter im Repertoire des Sadler’s Wells Ballet mit sporadischen Wiederaufnahmen sowie Inszenierungen anderer Balletttruppen. Während ihrer Tournee durch Russland war The Lady and the Fool das populärste Stück der inzwischen zum Royal Ballet avancierten Truppe. Wahrscheinlich haben die Misere der heimatlosen Clowns Moondog und Bootface und endlich die Umarmung durch die scheinbar unnahbare La Capricciosa beim russischen Publikum eine mitfühlende Saite berührt.
Crankos anschließende Arbeit mit seiner Stuttgarter Truppe wurde von einer weitaus breiteren Vision getragen als diese entzückenden Londoner Werke, und er bekam alle Mittel, die er zu ihrer Realisierung brauchte. Er war erst 45, als er nach einem sehr erfolgreichen New Yorker Gastspiel seiner Truppe auf dem Rückflug starb. Man kann nur mutmaßen, was er noch hätte erreichen können, wenn der Tod ihn nicht so grausam ereilt hätte.
Ernie Gilbert im Booklet (Übersetzung: Christiane Frobenius)
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