Der Neue Merker

KÖLN/ Palladium: MESSA DA REQUIEM von Verdi (szenisch)

Palladium in Köln:

„Messa da Requiem“ von Giuseppe Verdi (szenische Aufführung: 19. 11. 2011)

 Im Palladium von Köln, einer ehemaligen monumentalen Maschinenhalle (um 1890 erbaut), die zurzeit der Kölner Oper während ihrer Renovierung als Ausweichstätte dient, wurde das „Requiem“ von Giuseppe Verdi erstmals szenisch aufgeführt. Der Komponist hatte das Requiem anlässlich des ersten Todestages des von ihm verehrten Dichters Alessandro Manzoni geschaffen – uraufgeführt wurde es am 22. Mai 1874 in der Kirche von San Marco in Mailand.

 Das Werk – zwischen Oper, Oratorium und Musica Sacra angesiedelt – wurde von Regisseur Clemens Bechtel inszeniert, indem er vier Menschen ihre Erfahrungen mit dem Tod erzählen lässt, wobei er diese Schilderungen in die Aufführung integrierte. Dazu zwei Zitate aus einem Gespräch mit dem Regisseur, das im reichhaltig illustrierten Programmheft abgedruckt ist: „Diese Aufführung möchte ebenso vom Leben wie vom Tod erzählen, vom Umgang der Lebenden mit dem Tod – eben anhand der Fragen, die sich im Leben stellen. Zentrale Begriffe sind Schuld, Strafe, Gericht, Religion – und die sind für das Diesseits mindestens genauso entscheidend wie für das Jenseits.“… „Wir hatten es uns bei der Auswahl zur Aufgabe gemacht, Menschen zu finden, die durch bestimmte Erlebnisse mit Themen konfrontiert wurden, wie sie auch im Requiem verhandelt werden. Wichtig war uns, dass all diese Erfahrungen mit dem Tod zusammenhängen.“

 Diese vier Erzähler stehen in der Aufführung den vier Gesangssolisten gegenüber, die vom Regisseur als „überirdische Wesen“ angesehen werden, „die in ihre Bücher schreiben, was gut und böse ist, wer schuldig ist und wer nicht“. Aktuell die erste Erzählung, die sich auf die Erdbeben-, Tsunami- und Nuklearkatastrophe vom März dieses Jahres bezieht. Eine Touristin (Martina Franck) verspürt beim Fotografieren eines Tempels ein unterirdisches Grollen und begibt sich sofort in den Ort, wo bereits der Strom ausgefallen ist und aus Lautsprechern von Einsatzfahrzeugen Durchsagen dröhnen, die sie nicht versteht. Sie flüchtet ins Rathaus, wo bereits Teppiche und Decken ausgelegt sind. Angst macht sich unter der Bevölkerung breit. Drei Tage später, zurück in Deutschland, begreift sie, wovon sie in Japan Zeugin geworden war. – Ein türkischstämmiger Schriftsteller (Doğan Akhanli) erfährt in einem Istanbuler Gefängnis, in das er nach seiner Einreise ungerechterweise inhaftiert wurde,  vom Tod seines Vaters, den er besuchen wollte. – Eine junge Frau (Caroline Klütsch) berichtet von ihrem Kampf mit der Bulimie und ihrer Sehnsucht nach dem Tod, den sie als Erlösung betrachtet. – Die Mitarbeiterin einer kirchlichen Organisation (Sonja Grolig), die sich für Entwicklungshilfe einsetzt, leidet nach ihrer Rückkehr aus Afrika unter der Vorstellung des drohenden Todes jener Menschen, die sich weiterhin für ihre Mission einsetzen. Die Erzählungen wurden von Videosequenzen begleitet, die links und rechts der Bühne projiziert wurden (Gestaltung: Uli Sigg & Lucy Milanova).

 Bemerkenswert, dass alle vier „Berichterstatter“ ihre eigenen Erlebnisse erzählten!

 Für die Sänger und Erzähler, die zwischen Publikumstribüne und Orchester agierten, hatte Matthias Schaller eine in Weiß gehaltene Bühne mit einigen Requisiten (Bett, Tisch, Stühle, Arbeitstisch mit Laptop) gebaut, die anfangs auch vom Chor genutzt wurde. Später verteilten sich die Sängerinnen und Sänger, die allesamt in Alltagskleidung auftraten (Kostüme: Sabina Moncys), auf eine dreistöckige Galerie hinter dem Orchester und auf einen Balkon. Für die Lichteffekte sorgte Andreas Grüter.

Das Gürzenich-Orchester Köln unter der Leitung des französischen Dirigenten Fabrice Bollon schaffte es, den monumentalen, in allen Farben schillernden Klangteppich der Partitur Verdis auf eindrucksvolle Weise wiederzugeben. Sehr gut unterstützt vom spielfreudigen und gesanglich exzellenten Chor (Einstudierung: Andrew Ollivant).

 Aus dem Gesangsensemble ragte der maltesische Tenor Joseph Calleja mit seiner großartigen hellen Stimme heraus, die alles überstrahlte. Sehr gut auch die litauische Mezzosopranistin  Jovita Vaskeviciute, die mit mächtigem und breitgefächertem Stimmvolumen beeindruckte. Der russische Bass Dimitry Ivashchenko spielte neben seiner sonoren Stimme seine bühnenwirksame Erscheinung aus. Die junge georgische Sopranistin Tatiana Larina blieb anfangs etwas blass, steigerte sich aber am Schluss des Requiems und konnte auch schauspielerisch voll überzeugen.

 Das tief beeindruckte Publikum im Palladium des Kölner Schanzenviertels belohnte Sänger wie Erzähler, Chor, Orchester und den Dirigenten mit starkem, lang anhaltendem Applaus und bejubelte Joseph Calleja mit zahlreichen Bravorufen. Verdientermaßen!

 Udo Pacolt, Wien – München

 

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