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Lotte INGRISCH

Interview, 02/2010: Lotte INGRISCH,

INTERVIEW MIT DER AUTORIN LOTTE INGRISCH: “Ich fühle mich wie 8 Jahre”


Als ich im vergangenen Juni mit Frau Sissy Boran,  künstlerische Leiterin der Komödie am Kai den Spielplan des Jahres 2009/10 besprach, bot sie mir an, mich mit der großen österreichischen Autorin Lotte INGRISCH zusammenzubringen. Sie plante eine Österreichische Erstaufführung ihrer  Komödie : DIE FÜNFTE JAHRESZEIT. Und so bekam ich wirklich die Gelegenheit mich mit dieser interessanten und außergewöhnlichen Künstlerin zu treffen. Ein wenig nervös wartete ich auf ihr Kommen und dann war alles unheimlich einfach und unkompliziert. Wieder einmal erfuhr ich, dass große Persönlichkeiten oftmals eine ganz besondere natürliche Bescheidenheit ausstrahlen und vollkommen „normal“ sind. Die spezielle Begabung, das Genie zeigt sich dann ganz anders.


Diese kleine eher zierliche Dame nähert sich im nächsten Jahr ihrem 80. Geburtstag – nie würde ihr man dies ansehen und auch im gesamten Gespräch hatte ich nie das Gefühl, dass diese Frau bereits 8 Jahrzehnte gelebt hatte. Sie meinte auch ganz liebenswürdig sie fühle sich erst wie 8 Jahre und jeder Mensch sei eigentlich so alt wie er sich fühlt! Es ist nicht das  Geburtsjahr das zählt, nein – wie man mit diesem Leben umgeht, wie man sich fühlt. Neugierde für alles um sich, Freude und Energie für alles was herum passiert ist ein wichtiger Teil des Lebens. „Ich mache mir viele Gedanken um das Leben und das Leben nach dem Tod – dies hat mir schon viel Kritik eingebracht“! Aber wer kann es wirklich beurteilen? Es ist auf jeden Fall ein lohnenswerter,  interessanter  Ausflug in eine Welt der man oft selber gerne entfliehen möchte, weil oft die Antworten, die man selber findet eher beängstigen als beruhigen.  Wenn sie aber darüber spricht klingt alles so selbstverständlich und so einfach.

 

Und auf die Frage warum wir eigentlich von niemanden schon von klein auf geschult oder einfach auch nur vorbereitet werden um uns mit dem Altwerden oder mit dem Sterben auseinander zu setzen, treffe ich einen ganz besondere Teil ihrer Leidenschaft. Sie erzählt, dass sie schon mit so vielen Unterrichtsministern über dieses Thema gesprochen und verhandelt hat, doch nie gelang es. Einige waren einverstanden, manche von ihren Argumenten überzeugt, so mancher total dagegen. Und es klang immer wieder traurig durch, dass sie viele Jahre nicht nur angefeindet wurde sondern auch immer wieder bedroht wurde.

Und das nicht nur 1996 wo sie die Adressantin der letzten Briefbombe von Franz Fuchs war, und es an der veralterten Adresse lag, dass ihr nichts geschah. Sie wurde immer wieder ob ihrer Meinung und ihrer Aktivitäten heftigst bekämpft. Vielleicht auch ein Grund warum  die „Fünfte Jahreszeit“ ihren Weg nach Wien erst jetzt gefunden hat – nach über 30 Jahren.


Auch ihr Text zu der Oper „Jesu Hochzeit“ ihres zweiten Ehemanns Komponist Gottfried von Einem – mit dem sie 30 Jahre ihres Lebens verbringen durfte – rief einen ganz furchtbaren Skandal hervor.

Jedoch ist es faszinierend mit wie viel Kraft und Überzeugung sie davon spricht wie das Leben und der Tod zusammengehört und dieser auch nichts beängstigendes sei.


Weiterführend kommen wir aber auch zu einer Thematik die sie sehr bewegt: Kinder brauchen zu ihrer Entwicklung nicht nur Fachwissen der Wissenschaften, die die linke Gehirnseite anspricht – sondern genauso Schulung und Unterricht für die rechte Gehirnseite: Kunst, Musik, Literatur muss mehr gefördert werden, denn mit ihr kann man die Gefühle, die Leidenschaften entwickeln – und die Intuition und Kreativität ausbauen, die für unser Leben mindestens genauso wichtig wäre wie Mathematik, Wissenschaften und logisches Denken.

Nur sehr langsam, und in winzigen Schritten wird es in unserer Gesellschaft begriffen, aber immer noch gibt es keinen Platz dafür, denn wir alle müssen funktionieren und an der Weltwirtschaft arbeiten und vergessen somit das Leben auch anderes bedeuten sollte!


Bei so vielen interessanten Facetten des Denkens muss ich mich dann noch mehr bemühen, wieder zum Theaterstück zu kommen, denn es geht in der „Fünften Jahreszeit“ um zwei Damen im Altersheim. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein. Die eine temperamentvoll und lebenslustig, die andere schüchtern und verschlossen. Sie wollen es nochmals wissen, noch einmal das Leben herausfordern. Komödiantisch und trotzdem ein wenig nachdenklich zeigt uns die Autorin den Umgang mit dem Leben und dem Alter.

 

Anfänglicher  war es gar nicht ihr Wunsch Autorin zu werden. Aber am Beginn ihrer ersten Ehe – so erzählt sie launig und mit einem spitzbübischen Lächeln wollte sie ganz  einfach der Arbeit mit den „Hangerl“ entfliehen. Ihr Ehemann hatte einen Textilgroßhandel und wollte absolut nicht, dass seine Frau für andere Leute arbeitete. Sie aber setzte sich mit einer Bücherei in Verbindung und fragte, was denn die Leute gerne lesen: Komödien – heiteres war immer gefragt.  Den Rat befolgte sie, sie begann zu Hause zu schreiben. Schon bald kamen die ersten Erfolge – und es dauerte nicht sehr lang, dass sie vom schreiben leben konnte. Und dass das Schreiben ihr Leben wurde. Unzählige Bücher, Theaterstücke und Textbücher zu Opern von Gottfried von Einem folgten. Sie gilt aber auch als der „Geheimtipp“ in der Theaterszene. Und wir dürfen uns freuen, dass nach der sehr erfolgreichen Aufführung Ihrer „Vanillekipferln“ im Wiener Burgtheater nun die charmante und lyrische Komödie „Die fünfte Jahreszeit“ in der Komödie am Kai die österreichische Erstaufführung erlebt. Und wieder sind es zwei Burgschauspielerinnen Ulli FESSL und Helma GAUTIER die der grossen Autorin Lotte Ingrisch die Ehre erweisen. Weiters spielen Robert Mohor, Martina Ebm und Christoph Weber. Erleben Sie es selbst, seien Sie neugierig auf ein Stück dass mit Humor und Augenzwinkern sowohl das Problem des Älterwerdens als auch die Probleme der Jugend und ihrem Heranwachsen beschreibt.

 

Zum Abschied unseres Gespräches danke ich ihr für Ihre Zeit und sie lächelt und sagt sehr gerne – sehen Sie auch mit fast 80 gibt es immer wieder Neues! Sie versäumen doch nicht meine Premiere. Ich sage – erfüllt von Ihrer Lebensfreude und ihrer Begeisterung „SELBSTVERSTÄNDLICH  NICHT!“ Ja und diesen Tipp kann ich nur weitergeben.


Achtung – die Termine gehen nur vom 14. Jänner bis 20. Feber 2010.

(Das Gespräch führten Susanne Resperger gemeinsam mit  Sissy Boran)

 

Weitere Informationen: http://www.komoedieamkai.at/willkommen.html

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