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Manuel LEGRIS

Interview, 01/2011: Manuel LEGRIS, Wir haben schöne Mädchen und attraktive Herren!

 

 

MANUEL LEGRIS UND SEINE ERSTEN 100 TAGE: Gespräch Manuel Legris mit Meinhard Rüdenauer


Manuel Legris. Foto: David Elofer

Also, bitte, völlig d´accord haben sich gleich am Beginn ihrer Unterhaltung der neue Direktor des Wiener Staatsballetts wie auch sein Gesprächspartner gezeigt. In Übereinstimmung nämlich, dass in diesem Ensemble, welches Manuel Legris aus der Hand  von Gyula Harangozó beinahe unverändert übernommen hatte, eine große Anzahl an wirklich sehr, sehr guten wie noch entwicklungsfähigen jungen Tänzern engagiert ist. Da musste und da wollte Legris bei seinem Einstand kaum Veränderungen vornehmen. Diese Kompanie hat Zukunft. Jetzt ist Legris´ Bestreben danach ausgerichtet, höchst intensiv zu arbeiten, daheim an Profilierung vor dem Publikum und in der internationalen Ballettszene an Renommee für das Wiener Staatsballett zu gewinnen.

Der 1964 in Paris geborene Manuel Legris, der sich 2009 in einer fulminanten Gala als Premier Danseur Étoile des traditionsreichen Pariser Opernballetts verabschiedet hatte, findet in Österreich jedoch ziemlich  andere Verhältnisse als in seiner langjährigen Heimstätte vor. In Paris kommen alle Tänzer ausschließlich aus der hauseigenen Schule, der École Francaise (mit “königlicher Tanzakademie”-Wurzeln, die bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts reichen). Sie sind somit in künstlerischer wie athletischer Hinsicht einheitlich harmonisch ausgebildet und geformt, und sie pflegen das unverwechselbar Französische in ihrem Stil. Die Wiener Kompanie hingegen hat eine gewisse eigenständige österreichische Kultur in den vergangenen zwei Jahrzehnten nach und nach bereits bis auf die letzten Reste total verloren. Ein international völlig gemischtes Ensemble ist heute an der Wiener Staatsoper engagiert. Wobei TänzerInnen aus den slawischen Ländern zur Zeit den Ton angeben. Sie kommen aus den verschiedensten Schulen und mussten während der fünf Direktionsjahre von Harangozó Schritt für Schritt zusammengeschweißt werden. Es ist geglückt. Ob sich allerdings an der Wiener Staatsoper in Zukunft vielleicht doch wieder junge Talente aus dem eigenen Land durchsetzen können werden? Legris wiegt den Kopf, weist auf wenigstens eine Begabung aus den eigenen Reihen hin und scheint zu hoffen: “Wir werden sehen, wie sich nun die  Ballettschule der Bundestheater unter der neuen Leitung von Simona Noja entwickeln wird.”

Auf eine Neuerung hat Legris bei seinem Amtsantritt jedoch Wert gelegt. Er, der als Startänzer die an der Pariser Opéra gepflegte strenge Rangordnung anführte, forciert nun auch in Wien eine gewisse Hierarchie in der Kompanie. So gut die Leistungen der Solisten auch überwiegend waren, das Wiener Publikum (wie auch so mancher Habitué der heimischen Ballettszene) konnte sich mit Namen wie Cherevychko, Tsymbal, Kourlaev, Poláková, Sovnoschi, Peci – oder wie auch immer sonst ausgefallen klingend –  kaum zurechtfinden. Das soll sich nun ändern! Jeweils zwei Erste SolotänzerInnen, Olga Esina und Maria Yakovleva sowie Roman Lazik und Vladimir Shishov werden jetzt als Stars die Kompanie anführen. “Wir haben schöne Mädchen, wir haben attraktive Herren. Wir wollen sie auf der Bühne herzeigen, wollen sie unterstützen. Ich wünsche, dass das Publikum mit unseren Stars vertraut wird, sie kennen und zu lieben lernt.” Und alle anderen sollten ihre Chancen bekommen, sich bis an die Spitze hoch zu arbeiten.

Arbeit! Ja, das ist ein Wort, dass aus Legris´ Mund wiederholt zu hören ist. Er selbst gibt den Arbeitsrhythmus vor: ”Ich bin zumeist von 9 bis 21 Uhr hier in der Staatsoper. Meine Präsenz ist im ersten Jahr besonders wichtig. Um alles kennen zu lernen.” Und er trainiert beinahe jeden Tag gemeinsam mit den Tänzern. Mit Bestimmtheit formuliert er, was er sich von den vielen Jungen rund um sich wünscht: “Sie sollen lernen, lernen, arbeiten, arbeiten! Je mehr sie an sich arbeiten, eine desto bessere Verfassung werden sie erreichen können.” Und Legris betont mit Nachdruck, dass an der Staatsoper ganz vorzügliche Trainings- und Probenleiter tätig sind: “Alle von ihnen sind gut.”

Legris wünscht von seinen Tänzern, den Solisten vor allem, dass sie einen gewissen Stolz verspüren sollen, ein strahlendes Selbstbewusstsein, an einem so großen und angesehenen Haus wie der Wiener Staatsoper engagiert zu sein. Und dies ihnen auch Kraft zu Leistungssteigerungen vermittelt. “Wir finden im Ensemble so unterschiedliche Charaktere, so viele unterschiedliche Körper, unterschiedliche Temperamente …. es ist sehr, sehr gut, so völlig verschiedene Typen zu haben. Da sind Wechsel, Auffrischungen im Ensemble nicht nötig. Wir müssen wirklich nichts verändern.”

Ich habe das Gefühl, Legris meinte diese seine drastischen Aufforderungen zu verstärktem Ehrgeiz und totaler Hingabe – und es ist in diesen seinen ersten 100 Tagen wirklich höchst intensiv bis hin zu einer gewissen Überforderung gearbeitet worden – durchaus mit einfühlsamem Verständnis für Tänzerseelen. Und zielstrebig bewusst, um die Positionierung des Wiener Staatsballetts zu heben (auch in Hinblick dessen internationalen Rufes) wie auch seinen eigenen Status zu bekrönen.

Seine für die weitere Entwicklung des Wiener Staatsballetts doch so wesentliche Programmlinie für die Zukunft? Denn ohne eigene kreative Kraft läßt sich keine originäre künstlerische Profilierung erzielen. Absolut sicher und entschieden scheint er mir diesbezüglich noch nicht zu sein. “Man muss die richtige Stückauswahl treffen, die passenden Stücke finden.” Somit jetzt, in seiner ersten Saison, setzt er auf die Nachgestaltungen von einigen Gustostückerln, welche Stil bildende große Choreografen wie George Balanchin, Jiri Kylián, Jerome Robbins (mit einer edlen “Hommage” an ihn) oder Maurice Béjart (“Le Concours” für die Volksoper) im letzten halben Jahrhundert geschaffen haben. Ein bisschen frischeres Choreografen-Blut noch dazu und als Klassiker-Aufputz die Rundumerneuerung von Nurejews unübertrefflicher “Don Quixote”-Version.

Über eventuell geplante eigene Auftritte hält er sich eher bedeckt.  Allerdings, bei der großen Nurejew-Gala 2011 am Ende dieser Saison – und Rudolf Nureyew ist ja für ihn der entscheidende Förderer und Schutzengel im Pariser Ballett gewesen – wird er doch auf der Bühne stehen. Sonst aber definiert er seine Funktion, die er in Wien voll ausfüllen möchte, mit aller Bestimmtheit. Direkt kommt die Antwort: “Le directeur!”

Meinhard Rüdenauer

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