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Massimo GIORDANO

Interview, 10/2010: Massimo Giordano, Ich möchte das Publikum glücklich machen

 

Merker-Gespräch mit Massimo Giordano

Ich möchte das Publikum glücklich machen
Mit drei Rollen in dieser Saison, zwei in der nächsten (eine davon hoffentlich eine Premiere), ist Massimo Giordano einer der großen italienischen Tenöre an der Wiener Staatsoper. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie besonnen er mit Stimme und Karriere umgeht
Von Renate Wagner
Herr Giordano, Sie singen in der ersten Saison der Ära Dominique Meyer drei Ihrer großen Rollen an der Staatsoper. Die Zeiten, da Sie hier immer nur einspringen durften, sind also vorbei?
Das ist nicht ganz gerecht gegenüber Ioan Holender. Ich habe im Oktober 2003 ganz normal als Nemorino hier debutiert. Dann kam das Einspringen in „Manon“ neben der Netrebko. Dass ich in „Carmen“ eingesprungen wäre, kann man eigentlich nicht sagen: Rolando Villazon hatte den Don José bereits ein Jahr vor der Premiere abgesagt. Die Direktion hätte unter allen Don Josès der Welt wählen können, und man nahm mich. Das war ein ganz anderer Fall als das In-letzter-Minute-Einspringen von Frau Krasteva für Frau Garanca kurz vor der Premiere. Ich denke, das sollte man einmal klarstellen.
Sie singen jetzt Rudolf, Cavaradossi, Romeo, also Puccini und das französische Fach. Wann werden Sie es erweitern?
Ich liebe mein Repertoire, und ich bin sehr vorsichtig mit meiner Stimme. Man hat mir schon mehrfach den Kalaf angeboten, aber ich sage noch nein, es ist zu früh, das singe ich erst in fünf bis zehn Jahren. Ich bin noch jung, ich kann es mir einteilen, ich denke, ich habe noch 25 Jahre vor mir. Der Cavaradossi ist der Auftakt für das große Repertoire, aber ich bedenke immer, was der große Carlo Cossutta mir einmal gesagt hat: Wenn Du einmal Canio und Othello singst, dann gibt es kein Zurück. Ich hingegen will meine Stimme geschmeidig und frisch halten, dass sie sich jederzeit unbeschadet zwischen Nemorino und Don José bewegen kann.
Sie singen außer dem Fenton in Ihren Anfängen und neuerdings den Alfred nicht viel Verdi?
Ich möchte den Herzog in „Rigoletto“ aus einem einzigen Grund nicht singen, weil ich die Figur nicht mag. Ich brauche ein gutes Gefühl für meine Rolle, wenn ich auf der Bühne stehe, und wenn ich das nicht entwickeln kann, dann lasse ich es sein. Man muss seine innersten Gefühle respektieren, jede Kleinigkeit ist wichtig, das Leben besteht aus Kleinigkeiten, also tut man besser nur, was man will. Es gibt eine Verdi-Rolle, die ich sehr liebe, in Köln gesungen habe und in Zukunft hoffentlich öfter singen werde, und das ist der Don Carlos. Der ist wunderschön, jede Note eine Offenbarung, Verdi war ein Genie. Ich sage immer: Das einzige, was dem Carlos fehlt, ist eine große Arie… Irgendwann nehme ich mir auch den Riccardo im „Maskenball“ vor. Aber ich zwinge mich selbst nie zu etwas, zu dem ich mich nicht bereit fühle. Da muss man ganz einfach klug sein.
Sie haben im Sommer vor zwei Jahren in Glyndebourne den Lenski gesungen. Wie ist das ausgegangen?
Phantastisch! Ich würde ihn liebend gerne wieder singen. Ich spreche Russisch, meine Frau ist Russin, und der „Onegin“ war einfach eine perfekte Produktion. Es tut mir leid, dass es sonst im russischen Repertoire im Moment nichts für meine Stimme gibt, der Hermann ist es eine tolle Rolle, aber doch zu dramatisch für mich, der ist ja schon eine Vorstufe zum Othello. Ich würde eher in Richtung Mozart gehen, den Don Ottavio habe ich schon gesungen, der Tamino wäre wunderbar für mich, auch wenn mein Deutsch verheerend ist, aber so etwas muss man eben lernen.
Wenn Sie derzeit mit Ihrem Repertoire so zufrieden sind und im Moment keine neuen Rollen anpeilen, arbeiten Sie dann eigentlich an Ihrer Technik weiter?
Ununterbrochen! Ich stehe seit mehr als zehn Jahren auf der Bühne und arbeite wie verrückt, sowohl mit einem Gesangslehrer wie mit einem Pianisten, an der Stimme, an den Rollen. Ich schaue immer nach etwas Neuem. Sich einfach mit dem Vertrauten und Bewährten zufrieden zu geben, wäre nichts für mich, das wäre auch gefährlich für einen Künstler. Man muss sich immer weiter entwickeln und den Respekt des Publikums auch verdienen. Dabei studiere ich nicht nur selbst, ich sitze stundenlang über You Tube und höre mir die Tenöre der früheren Zeiten an, wie sie etwas gemacht haben. Man kann da einiges aus der Vergangenheit lernen, ohne es nachzumachen, aber es ist doch faszinierend, wie bei den großen Sängern der Zugang zu den Rollen war. Das ist für mich das wahre Glück, hier zuzuhören, wobei ich nicht unbedingt die schönsten Stimmen bevorzuge – Aureliano Pertile hatte gar keine so besonders schöne Stimme, aber über seinem grandiosen Ausdruck vergesse ich alles. Das macht mich glücklich, und ich für meinen Teil wünsche mir auch nichts mehr, als ein Publikum glücklich zu machen.
Wie teilen Sie sich Ihre Zeit und Ihre Karriere ein?
Ich lebe mit meiner Frau und den beiden Kindern – Sofia ist 10 und Federico ist 2 – in Triest, versuche aber, meine Familie so viel wie möglich bei mir zu haben. Sofia geht bei längeren Engagements von mir auch manchmal im Ausland in die Schule, ihr Englisch ist perfekt. Das ist natürlich nicht immer möglich, und das ist der einzige Teil meines Berufes, der mich nicht glücklich macht und den ich irgendwie nicht akzeptieren kann, dass man sich selbst Zeit für die Familie wegnimmt – ich bin durch und durch ein Familienmensch. Früher habe ich öfter in den Vereinigten Staaten gesungen, jetzt versuche ich, mehr in Europa zu sein, um öfter nach Hause zu können – die Wiener Staatsoper ist natürlich ideal, von Wien nach Triest brauche ich viereinhalb Stunden. Natürlich ist man davon abhängig, welche Angebote es gibt, aber ich versuche eben, in Paris, Berlin, München, Zürich oder auch in Wien zu sein. Nächstes Jahr werde ich wieder zwei Rollen hier singen, „Carmen“ und ich denke eine Premiere. An sich bin ich bis 2014 „gebucht“, aber ich versuche eigentlich, statt mehr immer weniger zu machen.
Sie haben in der Wiener „Carmen“ in einer Zeffirelli-Produktion gesungen, auch die „Traviata“ an der Met ist von ihm – ist es für Sänger eigentlich angenehm, sich in solchen Inszenierungen zu bewegen, die ihnen keine darstellerischen Exzesse abverlangt?
Ich habe eine lange Geschichte mit Zeffirelli, ich könnte stundenlang von ihm erzählen, und ich bin stolz, dass wir Freunde geworden sind. Es begann damit, dass ich in Rom in seiner „Boheme“-Inszenierung gesungen habe. Vor dem dritten Akt kam er zu mir. Da steht Rudolf ja vor einer ganz, ganz schwierigen Situation – er weiß, dass Mimi sterben wird. Ich kann die Worte nicht wiederholen, aber wie Zeffirelli mir erklärt hat, was Rudolf fühlt und wie ich es ausdrücken kann, das war eine unglaubliche Hilfe, und ich trage es noch immer in mir.
Das heißt, man zieht von Opernhaus zu Opernhaus und bringt seine Interpretation einer Rolle in die verschiedensten Inszenierungen mit…
Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen, nämlich dass man viel zu wenige Premieren hat, um etwas darstellerisch zu erarbeiten. Glücklicherweise stehen mir in den nächsten Jahren fünf bis sechs Premieren bevor, zu denen ich natürlich noch nichts sagen kann. Ich habe nur ein Problem mit Regisseuren, wenn ich nicht nachvollziehen kann, was sie mir sagen. Ich denke, ich würde wohl nicht eine Affenmaske überstülpen, das macht keinen Sinn. Aber wenn ich eine Arbeit von einem Regisseur wie Calixto Bieito sehe, diese unglaublich intelligente Art, Oper zu machen, dann bin ich zu so etwas jederzeit bereit.
Was macht Massimo Giordano, wenn er nicht gerade Oper singt?
Ich bin ein leidenschaftlicher Schach-Spieler, ich spiele es im Internet auf einem ziemlich hohen Niveau. Und ich liebe die Kunst, ich kenne alle großen Museen der Welt, und diesmal werde ich mir hier in Wien mit meiner Frau Zeit für das Kunsthistorische Museum nehmen – ich warte, bis sie auch in Wien ist, weil die Dinge allein zu unternehmen, viel weniger Freude macht. Mein Lieblingsbild hängt in der National Gallery in London, es stammt von Hans Holbein dem Jüngeren und heißt „Die Gesandten“. Ich habe es sogar in meinem Handy gespeichert. Ich kann es stundenlang ansehen mit all seinen faszinierenden Details, etwa dem Totenkopf vorne, der stets anders aussieht, je nachdem, aus welcher Perspektive man ihn ansieht. In Bildern kann ich mich geradezu verlieren. Wenn ich sehr viel Geld hätte, ich würde es in große, alte Kunst investieren.

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