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Michael WEINIUS

Interview, 04/2011: Michael WEINIUS

“Wäre ich Popstar, wäre ich gerne wie Tom Jones oder Frank Sinatra”. Tenor Michael WEINIUS im Gespräch mit “Merker”-Mitarbeiter Marc Rohde im April 2011

Nach einem der schneereichsten Winter Helsinkis liegt am Tag der Wiederaufnahme von Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ an der Finnischen Nationaloper erstmals Frühlingsluft über der Stadt. Der letzte Schnee schmilzt langsam dahin, die Menschen genießen die ersten Sonnenstrahlen. Trotzdem bleibt ab 17:00 Uhr kaum einer der etwa 1.350 Plätze im 1993 eröffneten Haus an der noch zugefrorenen Töölönbucht leer. Die Künstler verstehen es, die Zuschauer für die nächsten fünfeinhalb Stunden in ihren Bann zu ziehen.

Am nächsten Tag hat Merker-Mitarbeiter Marc Rohde Gelegenheit, sich ausgiebig mit dem gefeierten schwedischen Tenor Michael Weinius zu unterhalten. Der in Stockholm geborene Weinius begann seine musikalische Ausbildung als Bariton an der Adolf Fredrik’s School of Music und beendete 1995 mit Examen das University College of Opera in der schwedischen Hauptstadt. Danach etablierte er sich sehr schnell als einer der begehrtesten Tenöre Skandinaviens. Seit seinem Debüt 1993 als Guglielmo in Mozarts „Così fan tutte“ ist er regelmäßiger Gast an allen großen Opernhäusern Schwedens. In zeitgenössischen Opern wie „Cry Wolf“ von Hans Gefors und „Jeppe“ von Sven David Sandström verkörperte Michael Weinius mehrfach Rollen, welche speziell für ihn geschrieben wurden. 2004 gewann Weinius den angesehenen Gösta Winbergh Award. Darauf folgten 2006 der Birgit Nilsson Preis und 2008 der repräsentative Seattle Opera’s International Wagner Wettbewerb. Nach seinem Fachwechsel vom Bariton zum Tenor im Jahr 2004 erhielt er sofort die Rolle des Laca ( „Jenufa“) an der Norrland Opera in Schweden. Ein Jahr später sang er Don José konzertant unter der Leitung von Marc Soustrot, Loge in „Das Rheingold“ mit dem Gothenburg Symphony Orchestra unter Kent Nagano und den Sergej in „Lady Macbeth von Mzensk“ in der Värmlandsoperan in Karlstad. Weitere Engagements umfassten Riccardo („Un ballo in maschera”) an der Malmö Opera, die Titelpartie in Wagners „Parsifal” (Nationaltheater Mannheim, Värmland Oper, Deutsche Oper am Rhein und Finnische Nationaloper), Herodes (Malmö Opera) und Siegmund (kgl. Oper Stockholm, Nationaltheater Mannheim, De Nationale Reisoper Enschede). Im Dezember 2008 war er in der Weltpremiere von „Bathsheba“ von Sven David Sandström in der für ihn eigens geschriebenen Rolle König David zu erleben.

Zurück nach Helsinki: Für Micheal Weinius war diese Wiederaufnahme an der Kansallisooppera wie eine kleine Premiere, mit der eine weitestgehend neue Besetzung unter neuer musikalischer Leitung ihre erste gemeinsame Vorstellung absolvierte. „An solchen Tagen danach sitze ich oft in meinem Apartment und denke mir, jetzt sollte ich aber mal die Wohnung verlassen. Eine Stunde später sage ich mir dann, nun sollte ich aber wirklich los. Und noch etwas später ist mir klar, dass es nun aber  tatsächlich mal losgehen muss, wenn ich den Tag nicht komplett von der Außenwelt abgeschirmt verbringen möchte. Und dann ist es irgendwann Abend und alle guten Vorsätze dahin.“ Dieses Gefühl kennt auch Tommi Hakala, der am Vorabend als Amfortas debütierte. Als Finne, der in Helsinki studiert hat, kennt er sich in der Stadt sehr gut aus und hat sich zu einem späten Lunch mit Michael Weinius und mir verabredet. Auf dem Weg zum „Kynsilaukka“ (=Knoblauch) Restaurant werden wir an einigen der Sehenswürdigkeiten Helsinkis vorbeigeführt und stehen schließlich vor dem Alexander Theater, wo bis zum Umzug ins neue Haus in Töölö auch die Nationaloper untergebracht war. Nach kurzem Schäkern mit der Dame an der Kasse hat Tommi uns Zutritt auf die historische Bühne verschafft. „Unglaublich, dass in diesem kleinen Haus mit weniger als 500 Sitzplätzen Meistersinger, Parsifal und der komplette Ring aufgeführt worden sind.“ so Weinius. Er selbst wusste übrigens schon, seit er als 10-jähriger Junge im Chor auf der Bühne in Stockholm stand, dass er Opernsänger werden wollte. Nach einem weiteren kleinen Fußmarsch erreichen wir das „Kynsilaukka“, wo es von der Knoblauchcrèmesuppe über geräucherte Rentierzunge in Knoblauch bis zum Knoblauchbier alles Mögliche und Unmögliche rund um die Knolle gibt. Auch das Bier ist stilecht: Knoblauchbier! „Am Tag nach der Vorstellung muss man glücklicherweise beim Essen auf niemanden Rücksicht nehmen“. Wie ist denn eigentlich die Zusammenarbeit mit der Opernlegende Matti Salminen, der hier in Helsinki den Gurnemanz verkörpert? „Zunächst war Matti mir gegenüber zurückhaltend, aber nach ein paar Tagen hatte ich sein Vertrauen gewonnen und unser Verhältnis wurde offener. An Bühnenpräsenz ist Salminen kaum zu übertreffen. Für einen Regisseur genügt es eigentlich, seine Inszenierung um Matti herum zu erarbeiten. Matti hat eine solch phänomenale Erfahrung, dass man damit kaum falsch liegen kann.“

Unser Weg führt uns nach dem Essen an die Ostseeküste, wo wir in einem Café am Ufer noch einen Kaffee und die von Tommi angepriesenen „Pullas“, einem finnischen Zimtgebäck, zu uns nehmen. Es fällt auf, wie Weinius von der Qualität der Leckerei schwärmt. Fast überall, wo wir sind, konzentriert er sich auf das Positive, das es wahrzunehmen gibt und erfreut sich am Schönen um uns herum. Im Raum befindet sich auch eine Bühne und Equipment für die Veranstaltung von Konzerten. „Wenn ich ein Popstar wäre, wäre ich sehr gerne wie Tom Jones oder Frank Sinatra“ sagt der sympathische Operntenor. „Beide haben großartige Stimmen, eine fantastische Bühnenpräsenz, eine große Portion Humor und geben sich ganz ihrem Beruf hin.“ Sein Humor zeigt sich auch, als wir an einem Werbeplakat für das Ballett „Manon“ vorbeikommen, auf dem sich eine leicht bekleidete Ballerina sexy räkelt und Weinius mit ernster Miene erklärt, man wollte ihn für die Parsifal-Werbung auch so fotografieren. Insbesondere als Wagnerianer kann man allerdings froh sein, dass Michael sich nicht der leichten Muse gewidmet hat.

Ein wenig Inspiriert durch den heutigen Sonnenuntergang an der Ostsee würde ich seine Stimme als „bernsteinfarben mit sonnenstrahlenem Glanz in der Höhe“ bezeichnen. Wo kann man sich selbst einen Eindruck von ihr machen? Im Mai und Juni diesen Jahres ist der Schwede erneut als Parsifal in Düsseldorf zu hören, bevor er an der Värmlandsoperan als Siegmund zu erleben sein wird. Im Herbst folgt Don José in Stockholm, wo er im Frühjahr 2012 auch den Lohengrin geben wird. Im Jahr 2013 steht erneut Parsifal, dieses Mal aber an der Bayerischen Staatsoper in München in seinem Terminkalender. Auch Tannhäuser und Tristan wurden ihm bereits angeboten, aber gut Ding will bekanntlich Weile haben. Bleibt eigentlich noch genug Zeit für die Familie? „Das ist die Kehrseite der Medaille, aber normalerweise organisieren wir uns so, dass wir nicht zu lange getrennt sind. Richtig schwierig war es im vergangenen Jahr, als auf ein Engagement an der Bastille Opéra in Paris direkt der Siegmund in Enschede anschloss. Normalerweise bin ich zwischen den verschiedenen Produktionen immer eine Zeit lang zu Hause und singe ja auch recht häufig in Stockholm. Zur letzten Vorstellung der Parsifal Serie werden mich meine Frau und mein Sohn auch in Finnland besuchen kommen. Am folgenden Tag werden wir dann gemeinsam mit der Fähre zurück nach Hause fahren und diese Minikreuzfahrt als kleinen Familienurlaub genießen.“ Ginge es nach Weinius, bräuchte auch seine Heimatstadt dringend ein moderneres Opernhaus. Die königliche Oper sei zwar wunderschön, aber mit der vorhandenen Bühnentechnik bliebe man weit hinter den Möglichkeiten anderer Häuser zurück. „Und bei aller Internationalität im Business ist ein repräsentatives Opernhaus immer auch ein Stück Identität eines Landes, mit der man sich der Welt präsentiert.“

Marc Rohde im April 2011

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