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22. Jahrgang
Juli/August/Septemb.
2010
168
- - - - -
Anton Cupak
19.07.2010
13:35:40
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Film/Tv Aktualisiert: 30.08.2010 13:40:08
Ab 3. September 2010 in den österreichischen Kinos
 
 
DER ATEM DES HIMMELS
Österreich / 2010
Regie: Reinhold Bilgeri,
Mit: Beatrice Bilgeri, Jaron Löwenberg, Gerd Böckmann, Julia Gschnitzer, Krista Stadler, Laura Bilgeri u.a.
 
Kleine Brötchen zu backen, war nie die Sache des Reinhold Bilgeri, da klotzt er viel eher, wie auch die Premiere seines Films „Der Atem des Himmels“ vor 7000 Zuschauern auf der Bregenzer Seebühne gezeigt hat. Glücklicherweise ist aus dem ganzen Unternehmen keine Peinlichkeit der Unverhältnismäßigkeit geworden. Vielmehr hat der als Filmregisseur „Spätberufene“ eine zumindest technisch sehr ordentliche Arbeit abgeliefert. Es ist immer gut, sich hochkarätige Profis als Mitarbeiter zu suchen, und so sieht das Endprodukt bezüglich Kameraführung, Schnitt, Verwendung von historischem Material (das sehr geschickt – wie oftmals da gewesen – in neues eingeblendet wurde), aber auch so Elementarem wie die Wahl passender „Locations“ dann auch aus: In dieser Hinsicht ist nichts Dilettantisches zu vermerken.
 
Allerdings schwelgt Bilgeri in der Schönheit seiner Vorarlberger Heimat, als handelte es sich bei „Der Atem des Himmels“ um einen Heimatfilm der fünfziger Jahre – wo die Handlung allerdings auch spielt. Dabei hat der Film, der auf Bilgeris gleichnamigem Erfolgsroman basiert, zwei wesentliche Handlungsstränge. Die erste scheint – passend zur Optik des Films – aus einem Frauenroman sogar des 19. Jahrhunderts zu stammen. Da mag vieles an der Geschichte sich so begeben haben (schließlich schildert Bilgeri teilweise das Schicksal seiner eigenen Mutter), aber man wird das Gefühl nicht los, hier habe die Courths-Mahler umgerührt: Da beschließt das adelige Töchterchen aus Südtirol gegen den Wunsch der hochnäsigen Mutter, die natürlich in Innsbruck „mit Blick auf die Nordkette“ leben will, ihr Leben lieber als Lehrerin in einem kleinen Dorf im Vorarlberger Walsertal zu verbringen. Da steht sie prompt zwischen dem Baron (dem skrupellosen Kapitalisten mit der sich so von oben herab  gebenden Nazi-Mama) und dem Lehrer, der alles mitbringt, was ein politisch korrekter Gegner (der natürlich haushoch „siegt“) mitbringen muss: den italienischen Namen, also „Zugereister“, die Vorliebe für Charlie Parker (womit er die Dorfbewohner ebenso entrüstet wie die Lehrerin, wenn sie es wagt, auf ihrem kleinen Plattenspieler Ravels „Bolero“ zu spielen), vor allem aber sein engagiertes Naturschützertum. Er ist es, der ohne Unterlass vor der Lawinengefahr warnt, denn die Natur hat hier schon mehrfach tödlich zugeschlagen. (Seine tätige Nächstenliebe zeigt sich auch, indem er ein Mädchen aufzieht, dessen Eltern beim letzten Lawinenunglück ums Leben gekommen sind). Kurz, ein Traummann mit dem alternativen Wollkappl auf dem Kopf gegen den ländlich-eleganten Baron, auch wenn dieser mit Geschmeide winkt. „Großes Gefühlskino“ nennt Bilgeri dergleichen.
 
Tja, das ist die eine Geschichte und entschieden des Filmes schwächerer Teil. Auch weil hier ein paar Dialoge geboten werden, bei denen sich die Zehennägel kräuseln. (Der große amerikanische Drehbuchautor, den Beatrice Bilgeri bei der „Seitenblicke“-Berichterstattung vor die Kamera schob, ein halbes Jahr habe er bei ihnen gelebt und gearbeitet, erscheint nirgendwo mit Namen – vermutlich hat ihn Autor Bilgeri gnadenlos überrannt…) Nicht nur in der klischierten Handlungsführung, auch sprachlich hätte einiges nicht passieren dürfen. Da tun sich selbst Schauspieler ersten Kalibers, und auch davon gibt es einige, schwer.
 
Der andere Teil der Handlung macht den „Atem des Himmels“ zu einem Katastrophenfilm und damit zu einem Vorarlberger Heimatepos von einigem Gewicht. Berg, Schnee, Eis, Lawinen – es war schon oft da, aber so wie es hier gemacht wird, hat man es mit einem durchaus gelungenen Exempel des Genres zu tun. Bilgeri beschwört die „Falvkopf-Lawine“, die am 11. Januar 1954 nicht weniger als 57 Menschenleben (in Blons, einem Dorf von 380 Einwohnern) gefordert hat. Auch die Lehrerin büßt hier ihren Geliebten ein, bekommt aber einen Sohn – der Bilgeri Reinhold kann es allerdings nicht gewesen sein, der fungiert offiziell als Jahrgang 1950... Kameramann Tomas Erhart hat sich u.a. bei Willy Bogner-Eis & Schnee-Filmen seine Sporen verdient und schafft höchst eindrucksvolle Bilder von Bedrohung und Zerstörung.
 
Wobei es nicht nur um spektakuläre Katastrophenbilder geht, sondern auch um die Menschen, die hier betroffen sind. Bilgeri hat sich (vermutlich schon im Roman, den ich nicht gelesen habe) neben der Mama zwischen den beiden Männern auch um das Leben im Dorf gekümmert, wie es sich in den frühen fünfziger Jahren dargestellt haben mag (wobei die französischen und amerikanischen Truppen nur rudimentär erscheinen). Im Bergdorf gibt es die Kapazunder, neben dem Baron also Bürgermeister und Schuldirektor, wir haben Doktor und Pfarrer, Gendarm, den Greislerladen und die einfachen Bauern, ganz wie im wirklichen Leben, teils laut Klischee aufbereitet, teils ein bisschen differenziert, aber letztendlich ziemlich genau in „gut“ und „böse“ geteilt, und wer böse ist, war einmal ein Nazi, versteht sich. Allerdings gibt es auch Erkenntnis von Schuld und Sühne mit Selbstmord, auch in Bergtälern ist das Leben dramatisch. Der kleine Kosmos umrahmt jedenfalls Bilgeris Hauptanliegen, und das dürfte für den Film wohl gelautet haben, seine Gattin Beatrix, pardon Beatrice, ins rechte Licht zu rücken – weil sonst noch niemand dies getan hat.
 
 
Als sie noch jung, ein Model und Filmkritikerin war (und schlicht „Beatrix“ heißt, was für eine Vorarlbergerin damals exotisch genug war), war diese Beatrix Bilgeri eine wirkliche schwarzhaarige Schönheit. Sie hat sich auch mit 50 ihr Aussehen und ihren Reiz bewahrt, eine gewissermaßen sanft-feminine Ausstrahlung, die sich so gut ins Bild setzen lässt, zumal wenn man es mit freundlicher Charakterstärke paart. Freilich, wenn der eifersüchtige Gatte hinter der Kamera waltet, dann klappt es nicht so recht: Aber das Als-Ob der Sexszenen wirkt nicht nur hier leicht lächerlich, Leidenschaft im Busenhalter und mit bemühtem Gestöhne - man glaubt’s ja doch nie. Jedenfalls umschmeichelt die Kamera die nunmehrige „Beatrice“ Bilgeri (neuer Name für eine internationale Karriere? Jedenfalls gibt es für den „Atem des Himmels“ auch eine englische Website) und will darüber hinwegtäuschen, dass sie keine genuine Schauspielerin ist. Sie ist einfach sie selbst, was manchmal etwas ungelenk wirkt, aber sie ist über zwei Stunden lang permanent auf der Leinwand, da hat man gar keine andere Möglichkeit, als sich an sie zu gewöhnen.
 
Freilich, wenn sie von „echten“ Schauspielern umgeben ist, dann merkt man den Unterschied, aber auch Schwergewichte wie Gerd Böckmann als Baron oder Julia Gschnitzer und Krista Stadler als die unliebenswürdigen älteren Damen waren sich wohl darüber klar, dass von ihnen nichts anderes als die Glaubwürdigkeit einer RTL-Soap abgefordert wird. Dergleichen produzieren sie mit Könnerschaft quasi mit der linken Hand. Bilgeri hat auch ein paar ungewöhnliche Besetzungen riskiert, aber der aus Israel gebürtige Jaron Löwenberg ist für den mutigen Lehrer Casagrande durchaus ein guter Typ. Eher überrascht, einem „urwiener“ Typ wie Ernst Konarek hier zu begegnen, von dem man sich fragt, was der im Großen Walsertal tut, aber auf Dialekt ließ sich der Regisseur klugerweise nicht ein (Vorarlbergerisch ist eine Sprache für sich, wenn sie untereinander loslegen, sind andere Deutschsprachige ausgeschlossen, als befänden sie sich im tiefsten Ausland): Man schleift ein allgemeines Hochdeutsch zurecht, das kaum eine Ahnung des originalen Tonfalls weich durchhören lässt. Nicht zu vergessen schließlich: die 15jährige Bilgeri-Tochter Laura – in den „Seitenblicken“-Berichten ganz Girlie von heute – verwandelte sich überzeugend in ein schlichtes Bergkind von anno dazumal, sogar von einiger Leuchtkraft.
 
Der Berg ruft, Bilgeri hat geantwortet, und er braucht viele Zuschauer, um das in seinen Film investierte Privatvermögen zu retten. Mal sehen, ob außer den Vorarlbergern noch der Rest von Österreich (und am besten noch Deutschland und die Welt) seinen Film stürmt.
 
Renate Wagner
 
 
  
 
Ab 3. September 2010 in den österreichischen Kinos
 
 
DAS LEBEN IST ZU LANG
Deutschland / 2010 
Regie und Drehbuch: Dani Levy
Mit: Markus Hering, Meret Becker, Veronica Ferres, Hans Hollmann, Heino Ferch, Justus von Dohnanyi, Elke Sommer, Yvonne Catterfeld u.a.
 
Er ist „der“ jüdische Filmemacher Deutschlands (ungeachtet seiner Schweizer Herkunft), und er hat zuletzt den deutschen Film um zwei große jüdische Komödien bereichert – 2004 „Alles auf Zucker“, eine innerjüdische Familiengeschichte zwischen orthodox und allzu liberal, und 2007 „Mein Führer“ (mit der letzten Rolle für den genialen Ulrich Mühe), Hitler und sein jüdischer Schauspiellehrer, eine wirklich kostbare Satire: Dani Levy hat jeden Filmpreis, den man ihm verliehen hat, verdient. Wer allerdings jetzt mit „Das Leben ist zu lang“ auf den Hattrick gehofft hat, wird enttäuscht: Vielleicht sollte man – die Erfahrung ist übrigens alt – als Filmemacher nicht zu persönlich werden.
 
Denn von wem erzählt man schon, wenn die Hauptfigur eines Films ein Filmemacher ist, jene Unglücksmischung aus Drehbuchautor / Regisseur, die in der Branche eigentlich ununterbrochen betteln gehen muss, damit Produzenten und Schauspieler sich für ihn interessieren? Zumindest geht es Levys Helden, Alfi Seliger, so, und Levy nimmt sich Zeit, dessen deprimierende Lebenssituation auszumalen. Die Gattin (Synchronsprecherin, gespielt von der maliziösen Meret Becker) mag ihn nicht mehr so richtig und ist durchaus zu Seitensprüngen bereit, die Kinder sind eine Katastrophe (für die halbwüchsige Tochter schickte Levy sein eigenes Produkt, Hannah Levy, vor die Kamera), und wenn er auf Filmparties auftaucht, wollen die Promis möglichst nicht von ihm angesprochen werden (Bully Herbig gibt den Hochmutspinsel höchst überzeugend). Na ja, und Alfis jüngstes Projekt, eine Satire auf die Mohammend-Karikaturen („Mo-ha-ha-med“), reißt natürlich auch niemanden vom Sessel, vielmehr fragt man ihn ganz richtig, ob er auf diese subtile Art Selbstmord begehen wollte…
 
 
Levy schmückt die deutsche Filmszene mit ihren Typen: Er hat Hans Hollmann vor die Kamera geholt, und der große Theaterregisseur von gestern trieft den Filmproduzenten, der nie etwas Definitives sagt, ganz köstlich – warum hat man ihn eigentlich nicht öfter als Schauspieler besetzt? Keinerlei Hemmungen hat Levy sich und Veronica Ferres auferlegt, die als des Produzenten russische Gattin, die einmal eine Hauptrolle spielen will, mit dickstem Akzent dickste Outrage liefert, dies aber mit so ausgefeilter Komik, dass man sich nur vor dieser „Natascha“ nur verbeugen kann. Auch, was sich so als Filmstar geriert (Gottfried John) bedient den Kuriositäten-Zoo, den die hermetisch abgeriegelte Filmwelt wohl tatsächlich darstellt.
 
 
Dann landet Ari mit einem Selbstmordversuch und zerrütteten Nerven (sein Psychiater ist übrigens ein Spinner im Guru-Look, Udo Kier) im Krankenhaus („Denken Sie sich viele kostspielige Untersuchungen aus, er ist Privatpatient“, verfügt der Arzt) – und da passiert es. Der ölige Doktor sieht wirklich aus wie Heino Ferch. Das legt doch den Gedanken nahe, dass er, Ari, sich in einem Film befindet, also eine von dem Autor erfundene Figur ist. Warum, begehrt er seinem Schöpfer gegenüber auf (es ist wohl Dany Levy, den man kurz buchstäblich ins Eck gedrängt, sieht) – warum kann er bitte nicht ein vernünftiges Schicksal haben? Warum muss er eine blöde Fernsehserie drehen (Hauptdarstellerin – Yvonne Catterfield – drängt sich ganz eng an ihn), warum will man sein Drehbuch von einem seltsamen Autoren-Duo umschreiben lassen, warum muss er sich von Natascha belästigen lassen? Von privaten Kalamitäten ganz zu schweigen?
 
Ja, warum? Jetzt nämlich ist es bald so weit, dass man Dani Levys Drehbuch gar nicht mehr so witzig findet, zumal er selbst nicht gewusst haben dürfte, wohin er mit der Geschichte eigentlich hin will. Eine ehrende Filmpreisverleihung für Ari ist – Traum? Ein schlechter Drehbuchscherz? Was immer, so wie der Held, so verliert auch der Kinobesucher die Übersicht und damit den Spaß an der Sache. Allzu gewollt, hin und hergedreht, auf jiddisch: überhochmetzt, verliert die Sache gänzlich ihren Witz, und am Ende fragt man sich, was man eigentlich gesehen hat. Und warum?
 
Der Film scheitert aber auch an der Besetzung von Ari Seliger. Dafür hätte Levy einen etwa 40jährigen Woody Allen finden müssen (vielleicht hätte es auch Jaron Löwenberg getan, wenn er von Bilgeri nicht in die Berge geholt worden wäre). Diese Juden, die man in New York von der Straße auflesen kann, laufen aber in Deutschland nicht auf ebendieser Straße herum. Also nahm Levy Markus Hering, der in „Whisky mit Wodka“ wacker gegen Harry Hübchen angespielt hat. Man kennt Hering aus dem Burgtheater, ob er Jude ist, weiß man nicht, würde es allerdings bezweifeln, doch es ist egal, schließlich kann man alles erspielen. Aber Hering wirkt nicht jüdisch, und das ist das Wesen der Rolle. Er spielt einfach einen unglückseligen Schussel, aber er ist keinen Augenblick lang „echt“. Und daran scheitert eigentlich schon das meiste. Levy hat sich zu seinem blonden Unglückshelden (im doppelten Sinn – vom Drehbuch und der Besetzung her) dann noch eine doppelte Pointe ausgedacht: Die blonde, deutsche, Heidekraut-Pastorentochter Elke Sommer als jüdische Mame. Nein, auch das funktioniert nicht, so ironisch sich das, was ein Gesicht sein will (nach allem, was man daran herumgeschnippelt hat), auch gibt.
 
Macht nichts, nicht alles kann gelingen. Man muss ja nicht immer die Sein und Schein-Frage stellen. In Dani Levys Kopf sind sicher noch viele, wunderbare jüdische Geschichten drin. „Das Leben ist zu lang“ legt man mittlerweile unter „Außer Spesen nix gewesen“ ab und erinnert sich nur, über Veronica Ferres sehr gelacht zu haben. Die braucht ja auch eine neue Karriere (wie Ari Seliger). Sie hat allerdings als Komikerin sehr gute Chancen.
 
Renate Wagner
 

   
Ab 2. September 2010 in den österreichischen Kinos
 
 
DUELL DER MAGIER
The Sorcerer's Apprentice / USA /   2010
Regie: Jon Turteltaub
Mit: Nicolas Cage, Jay Baruchel, Alfred Molina, Monica Bellucci, Teresa Palmer u.a.
 
Also, der deutsche Titel „Duell der Magier“ stimmt auch: Nicolas Cage gegen Alfred Molina, das ist zweifellos amüsant. Aber hätte man den Originaltitel „The Sorcerer's Apprentice“ akkurat übersetzt, wüsste man noch genauer, worum es geht: Es ist eine „Zauberlehrling“-Geschichte, die teilweise auf einem alten Disney-Zeichentrick-Film, nämlich „Fantasia“, beruht. Die Realverfilmung heute ist nicht strikt für Kids, eher für Teenager in dem späten Schulalter wie der „Zauberlehrling“ des Films Jay Baruchel, aber Erwachsene dürfen auch schmunzeln. Etwa, wenn sie sich an „Fantasia“ erinnern und zusehen, wie die Szene der entfesselten Haushaltsgegenstände – von Kübeln bis Besen, wild plantschendes Wasser inbegriffen – nun vom Computer aus so fröhlich „getanzt“ werden soll wie einst von den Stiften der genialen Disney-Zeichner…
 
Ein Fantasy-Spaß führt zurück bis zu dem guten, alten Merlin – hoffentlich wissen die heutigen Jugendlichen noch, wer das ist (andererseits gibt es ihn vielleicht in irgendwelchen Artus-Videogames?). Zwei Ritter des Altmeisters der Zauberei geraten sich wegen einer Frau in die Haare, verzaubern sich wechselseitig in unerbitterlicher Wut und Feindschaft und sind als Phantasiegestalten natürlich keinerlei Sterblichkeit unterworfen. Also finden wir uns prompt im heutigen New York, wo Nicolas Cage als langhaariger Antiquitätenhändler (und so locker wie nie) den Gegner in einer Puppe (eine Art russische Matrioska) festhält. Bis ein patscherter junger Mann ihm diese zerdeppert. Was natürlich Schicksal ist. Denn dieser Dave ist dazu auserkoren, das Duell der Magier zu entscheiden. Dazu muss er aber selbst das Zaubern lernen, worauf er sich nur höchst widerwillig einlässt. Aber er hat keine Wahl, er muss die Welt vor Morgana Le Fay retten, und wer nur die geringste Ahnung von Artus, Merlin & Co. hat, der weiß, was für ein bitterböser Finger die Dame ist…
 
Dieser Film hat zwar keine exakten Vorläufer, aber Verwandte im Geist, und auch sie sind mit dem Trio Jon Turteltaub (Regie), Jerry Bruckheimer (Produktion) und Nicolas Cage (Hauptdarsteller) entstanden: Das waren „Das Vermächtnis der Tempelritter“ (2004) und „Das Vermächtnis des geheimen Buches“ (2007), auch Dinge, die man nicht ernst nehmen durfte – so wie das Duell der Magier hier. Jon Turteltaub hat das Motto „Alles Spaß“ ausgegeben, ungeachtet, dass es ein bißchen Action (darunter eine Autojagd, wo sich die Autos ununterbrochen ändern – Zauberer können alles!) und ein bißchen an Schaurigem gibt, aber nie wirklich viel davon, das Zielpublikum sind ja doch Teenager.
 
 
Der Charme der Sache entwickelt sich aus der möglichen Identifikation mit dem „Zauberlehrling“, und wenn jemand (ungeachtet seines realen Alters) noch wie ein unbedarfter Zwanzigjähriger wirken kann, dann Jay Baruchel. Er schafft es, als der bedauernswerte Loser dazustehen, aber dafür nicht Häme, sondern Sympathie zu ernten, weil er einfach so liebenswert ist. Außerdem hat er eine überdurchschnittliche Begabung für Physik, und das wird – wer glaubt’s denn – am Ende die ganzen alten Zauberkräfte außer Kraft setzen: Ein bisschen gezielt eingesetzte Naturgewalt in Form von Stromstößen, und schon darf Nicolas Cage die schöne Monica Bellucci (in einer Mini-Rolle) im Arm halten, und Alice Krige (die böse Morgana) ist weg.
 
In den Turteltaub-Bruckheimer-Cage-Filmen muss es auch immer eine schöne Blondine geben, aber das kann diesmal nicht Diane Kruger sein, weil sie als Love-Interest für den Zwanzigjährigen eindeutig zu alt wäre. Die Australierin Teresa Palmer ist genau ihr Typ, nur entsprechend jünger, und damit ist dieser Handlungsstrang zufrieden stellend erledigt. Der andere lässt, wie gesagt, Zauber Nicolas Cage (als Balthazar Blake) gegen Zauberer Alfred Molina (als Maxim Horvath) auf einander los, ersterer einmal völlig unverkrampft unterwegs (eine angenehme Überraschung), letzterer voll Spaß an der düsteren Miene, die er aufsetzen muss. Es gibt witzige verbale Schlagabtausche, die Geschichte ist lustig, und man sollte sich doch sehr wundern, wenn eine so gut gemachte Belanglosigkeit, die gewissermaßen den originalen Disney-Charme bewahrt hat, nicht reüssieren sollte.
 
Renate Wagner
 

 
Ab 27. August 2010 in den österreichischen Kinos
  
 
THE EXPENDABLES
USA / 2010 
Regie: Sylvester Stallone
Mit: Sylvester Stallone, Jason Statham, Jet Li, Mickey Rourke, Dolph Lundgren, Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger, Eric Roberts u.a.
 
Die Aufregung zumal in den amerikanischen Medien war groß, als hätte es dergleichen noch nie gegeben – „alle“ Action-Stars der Welt zusammen in einem Film, das müsste doch die Leinwand (und vor allem die Kinokassen) sprengen. Die Kassen vielleicht, die Leinwand hält es aus, denn ganz so wild ist es auch wieder nicht. „Sly“ rief – und einige kamen. Besonders gefordert wurden sie von ihm nicht.
 
Es ist der Film des Sylvester Stallone, der auch produziert und inszeniert hat (dieses mit einiger Routine und einer Krachorgie zum Finale, die kein Ende zu finden scheint). Vor allem aber wollte er sich selbst in den Mittelpunkt stellen, und das hat er nachdrücklich getan – wie viel das Chirugenmesser dazu beigetragen hat, wie viel die Schminkkünste der Garderobenzauberer, dass er von seinen Jährchen gut zwei Jahrzehnte runterdiskutieren kann, ist ja nun eigentlich egal. Mit enormen Muskeln, jugendlich gestrafftem Gesicht und immer schräg verzogenem Mund ist er jedenfalls als Söldner Barney Ross die Seele seiner Truppe, die üblichen eisenharten Männer, die dort eingesetzt werden, wo die USA nicht offiziell eingreifen – Geiselnahme in Somalia, Diktator-Töten im Golf von Mexiko und dergleichen. Wenn die Herren draufgehen, stört das niemanden, sie sind „expendable“, also verzichtbar, entbehrlich, aber wenn sie die richtige Leistung bringen, zahlt man ihnen auch Millionen von Dollar.
  
 
Was versammelt sich nun um den ach so coolen Sly? Am ehesten hat noch Jason Statham als sein direkter Buddy, immer an seiner Seite, eine größere Rolle, er grämt sich sogar „unmännlich“ um eine Frau (Herz und Fäuste, wie unwiderstehlich) – und als Messerwerfer ist er ganz groß. Außerdem darf er mit Sly verbalen Schlababtausch mit mäßig pointieren Dialogen spielen (Stallone hat auch, wer hätte es bezweifelt, am Drehbuch mitgewerkelt), und dabei kommen sie sich so gut vor. (In diesem Fall möchte man übrigens ganz ausnahmsweise dringend vor dem Besuch der Originalversion des Filmes abraten – was da von allen Beteiligten unverständlich herumgenuschelt wird, geht auf keine Kuhhaut.)
 
Da ist dann noch Jet Li, sonst an Hauptrollen gewöhnt, diesmal als Jammerlappen (dauernd will er mehr Geld, dauernd stöhnt er, dass er zu klein ist) an den Rand gedrängt, kaum, dass er seine Martial Arts einmal einsetzen darf – wenn es je eine Nebenrolle gab, die er nicht spielen hätte sollen (oder fühlte er sich ausnahmsweise als „Komiker“?), dann diese. Auch zur Gruppe gehörte ursprünglich Dolph Lundgren mit schier unbeschreiblich „bösem“ Gesicht, darum wendet er sich auch gegen die Kameraden (und „Gunnar Jensen“ heißt er auch noch, das stinkt doch nach Nazi!). Aus politischer Korrektheit muss noch ein Schwarzer dabei sein (Terry Crews, auch als Footballer bekannt, hier wie wild mit dem Maschinengewehr fackelnd), und ein Psycho mit verwachsenen Ohren und den ewigen Ratschlägen, einen Psychiater aufzusuchen (der Wrestler Randy Couture als Sprengstoff-Spezialist), ist wohl auch „lustig“ gemeint. Die beiden Letztgenannten werden als Sportler in den USA wohl ein Publikum haben, hierzulande ist man daran wohl weniger interessiert.
 
Mickey Rourke ist zuerst damit beschäftigt, Sly zu tätowieren, später aber angehalten, sentimental über den Killer-Beruf der Söldner zu philosophieren – ein bisschen Tiefgang muss sein. Und dann gibt es noch die eine Szene in der Kirche, wo sich ein glatzköpfiger Bruce Willis gleich „Mr. Church“ nennt und einen Mord bestellt. Dann aber geht die Kirchentüre auf, und im strahlenden Licht erscheint er – unser Arnie, Schwarzenegger ist seit langem wieder einmal auf der Leinwand, sagt regungslos ein paar Sätze herunter, die ironisch und witzig sein sollen, und schwankt wieder weg. Was der wohl habe? wundert sich Willis. Er will Präsident werden, meint Stallone… Solche Auftritte nennt man übrigens „Cameo“.
 
Weiters braucht man noch den Latino-Serienstar David Zayas dafür, den bösen Diktator einer fiktiven Insel im Golf von Mexiko zu spielen. Aber der Mann hat ja noch ein Herz, der mag seine Tochter, auch wenn sie für die Freiheit kämpft (Stallone mag sie auch, obwohl die Brasilianerin Giselle Itie nicht gerade einen aufregenden weiblichen Blickpunkt abgibt). Aber der eigentliche Bösewicht ist ja der Amerikaner, Ex-CIA, der dort abcashen will: Eric Roberts, auf fiese Nebenrollen abonnierter Bruder seiner schönen Schwester Julia, tut seinen Job.
 
Das ist es auch schon. Die Crew fliegt, nachdem Bruce Willis seine Killer-Bestellung aufgegeben und Arnie seine paar Worte geliefert hat, per Wasserflugzeug auf die Insel, killt natürlich massenhaft die Militärs, seilt sich wieder ab, und kehrt zurück, weil Stallone – a man’s got to do what a man’s got to do (sie zitieren sogar John Wayne) – die arme Frau nicht bei der Wasserfolter zurücklassen kann. Die müssen wir übrigens mitansehen, bevor sie dann knapp vor der Vergewaltigung gerettet wird. Es gibt unendlich viel Tschin Bumm Krach, in dieser Hinsicht ähnelt der Film allen anderen dieser Art. Und darum hat Stallone mit der Ballung berühmter Namen wohl richtig kalkuliert: Seine „Rambo“-Zeiten sind vorbei, wäre er allein in den ewig gleichen Kampf gezogen, die Gefahr wäre groß gewesen, dass kein Hahn danach gekräht hätte. Aber so?
 
Man will nun rasch den wohlfeilen Witz herunterschlucken (er wäre so matt wie die meisten des Drehbuchs), dass die Expendables ihrem Namen als Verzichtbare alle Ehre machen…
 
Renate Wagner
 
 
Ab 27. August 2010 in den österreichischen Kinos
  
 
SPLICE
Kanada / 2009 
Regie: Vincenzo Natali
Mit: Adrien Brody, Sarah Polley, Delphine Chanéac u.a.
 
Sci-Fi, Horror? Seltsam, man braucht nur Menschen mit Gesichtsmasken in Laboren über irgendwelchen offenbar versiegelten Behältern zeigen, was für sicherlich viele eine gänzlich normale Arbeitssituation ist, und schon stellt sich für den Durchschnitts-Zeitgenossen leises Gruseln ein. Und vermutlich zu Recht, wenn man überlegt, was da alles vor sich geht. Das denken sich ja nicht Drehbuchautoren aus, das wird ja ganz offen diskutiert – DNA-Experimente, um eine Art „Leben“ zu züchten, das dann natürlich „nur“ dazu verwendet wird, für schadhafte DNA von „Echtmenschen“ Heilungsmöglichkeiten zu finden: wabbelnde Masse als menschliche Ersatzteillager – die Wissenschaftsseiten der Zeitungen berichten immer wieder einmal darüber. Aber das sind natürlich „Zauberlehrlings“-Versuche, und dieser Film denkt auf einigen Ebenen durch, was daraus werden könnte…
 
Man lernt also Clive und Elsa kennen, ein ziemlich besessenes Paar, das gemeinsam über seinen Versuchen brütet, offenbar von echtem Forscherdrang und wissenschaftlichem Interesse getrieben. Was sie da an qualligen Geschöpfen – transgene Tierhybriden, wie man lernt -  produzieren, scheint zwar aus der typischen Pseudo-Wissenschafts-Sci-Fi-Trickkiste zu kommen, ist aber auch echt unheimlich. Und wird umso schräger, seltsamer und schummriger, als eines dieser Geschöpfe plötzlich annähernd menschenartig wird – und Elsa sich nicht entschließen kann, es zu töten…
 
Nun ufert die Zauberlehrlings-Geschichte von den zwei Wissenschaftlern, die mit den Geistern, die sie riefen, nicht umgehen können, in jede Richtung aus. Dass hier eine Mensch-Tier-Kreuzung mit langem, tödlichen Schwanz heranwächst, die lernfähig ist, aber auch seine tierischen Killer-Instinkte nicht beherrschen kann, ist eines – und dass dies von seinen Schöpfern mit großen Emotionen als Wesen, Lebenwesen akzeptiert wird, würde als Problem schon genügen. Aber da hat man der Wissenschaftlerin Elsa noch allerlei Probleme aufgelastet, dass sie, selbst ein misshandeltes Kind, dieses Geschöpf braucht, um Machtspiele zu spielen…
 
 
 
Gut ist auch nachgezeichnet, wie verschieden Elsa und Clive dem Problem letztendlich gegenüberstehen und wie das früher so einige Team solcherart auseinanderdriftet. Hier ist psychologisch manches durchdacht und weiter gedacht, abgesehen davon, dass man das heranwachsende Wesen mit Namen Dren natürlich verstecken muss, allein lassen muss und nie weiß, was man nach der Rückkehr vorfindet. Dazu kommt das wachsende Misstrauen der Umgebung – kurz, die legitime Krimi-Spannung, vermischt mit einigen Horror-Elementen. Schließlich wird der Show-Down mit einer Schlusspointe gekrönt, die man nicht unbedingt vorhergesehen hat, und so gibt der Film neben „schauriger“ Unterhaltung auch das eine oder andere zum Nachdenken.
 
Freilich, eine besondere Herausforderung scheint er für die Interpreten nicht, darum fragt man sich, warum ein so außerordentlicher Schauspieler wie Adrien Brody neuerdings jedes Drehbuch anzunehmen scheint. Sarah Polley hat die interessantere Rolle, schließlich muss sie das „Verrücken“ ihres Bewusstseins durch die Ereignisse bis an den Rand der Verrücktheit führen. Am bemerkenswertesten ist jedoch, wie die junge Delphine Chanéac dieses undefinierbare Geschöpf namens Dren spielt und ihm so etwas wie unheimlichen und doch mystischen Zauber verleiht.
 
So ist dem kanadischen Regisseur Vincenzo Natali hier doch einiges gelungen. Und sei es nur, dass sich für den Durchschnittsmenschen wieder einmal der düstere Verdacht verstärkt hat, dass in den Labors der Welt hinter tresorartig verschlossenen Toren die allerschrecklichsten Experimente stattfinden…
 
Renate Wagner
 

 
Ab 20. August 2010 in den österreichischen Kinos
 
 
SALT
USA / 2010 
Regie: Phillip Noyce
Mit: Angelina Jolie, Liev Schreiber, Daniel Olbrychski,
August Diehl, Chiwetel Ejiofor u.a.
 
Zu Beginn wird Angelina von den Nordkoreanern grausam gefoltert. Vergeblich versichert sie, sie sei nur eine Geschäftsfrau. Zwei Jahre später wankt sie aus dem Gefängnis und wird mit schauerlich misshandeltem Gesicht ausgetauscht. Dann allerdings darf sie mit ungewohntem blondem Langhaar liebevolle Gattin ihres deutschen Mannes und eine souveräne, russisch sprechende Agentin des CIA sein – sie kann einfach alles, es ist voll und ganz der Film der Angelina Jolie.
 
In der Folge wird sie noch viel, viel mehr zeigen, später schwarzhaarig, kurzhaarig, Pistolen und Maschinengewehre rattern lassend, auf der Flucht über Dächer, auf fahrende Laster springend, kaltblütig mordend… kurz, sie tut als „Salt“ alles, was sonst ein Mann täte (und angeblich war das Drehbuch ursprünglich auch für einen solchen geschrieben). Nun aber haben wir „Angelina Superman“ (bzw. Superwoman) mit höchst beeindruckender Körperlichkeit (wenn sie auch keinesfalls alle Stunts selbst gemacht haben kann), und wahrscheinlich unterscheidet nur die Besetzung der Hauptrolle mit einer Frau diesen Männer-Action-Film von Phillip Noyce von anderen Streifen dieser Art. Aber gründlich – über Angelina in „Salt“ wird man wohl noch lange reden.
 
Allerdings zeichnet sich das Drehbuch von Kurt Wimmer und Brian Helgeland durch keinerlei besondere Originalität aus. Ein russischer Überläufer beschuldigt CIA-Agentin Evenlyn Salt eine russische Agentin zu sein, die mit Tausenden anderen ihrer Art (best ausgebildet und indoktriniert) im Kindesalter in die USA eingeschleust wurde, um später das Land zu unterminieren (Lee Harvey Oswald wird als Beispiel vorgeführt). Das war zu oft da, und wir brauchen auch nicht lange Zeit die spannenden Zweifel hegen – ist sie’s oder ist sie’s nicht? Denn sie läuft und läuft (Lola rennt ist nichts dagegen), ist den ganzen Film auf der Flucht und nie um eine Finte verlegen: ein Profi.
 
 
Erst soll der russische Präsident umgebracht werden – Salt tut’s (oder?). Dann soll der amerikanische Präsident dazu gebracht werden, dem Islam den großen Krieg zu erklären… und dann – dann darf man honetterweise nicht weitererzählen, denn hier soll ja nun die Spannung halten, ob Angelina wirklich eine solche Bösewichtin spielen würde? Imstande wäre sie’s ja. Man darf nur verraten, dass sie am Ende wieder „on the run“ ist – und der Weltkrieg glücklicherweise verschoben werden konnte. Die bösen Russen sind auch nicht mehr, was sie waren, obwohl man sie offenbar schon wieder auf der Leinwand als die großen Gegner aufbaut. (Vielleicht auch, weil sie sich das friedlicher gefallen lassen als die Araber, die ja auf vieles ziemlich humorlos reagieren.)
 
Was Noyce bietet, ist atemberaubendes Tempo, jene Schnittfolgen, die dem Zuschauer überhaupt keinen logischen Einblick mehr in das Geschehen erlauben. Aber man hat ohnedies bald begriffen, dass Salt so beweglich und unzerstörbar ist wie die ganz großen Leinwandhelden (die ja im Grunde alle die Konstitution von Comic-Figuren haben). Angelina Jolie hat sich von ihren männlichen Kollegen eine undurchdringliche verschlossene Miene abgeschaut, und sie muss ja auch nie wirklich spielen, weil sie ja dauernd über Dächer hetzt und sich aus den unmöglichsten Situationen befreit. Das ist als Leistung mehr als ausreichend.
 
Rund um sie tut sich darstellerisch nicht viel - Liev Schreiber als der CIA-Kollege, der ihr lange Zeit den Rücken stärkt, hat in allen Filmen immer nur ein- und denselben Gesichtsausdruck, also auch hier (das ist praktisch, weil man nie weiß, was man von ihm halten soll – die Hintergründigkeit ist gewissermaßen konstitutionell). Das europäische Kino steuerte den Polen Daniel Olbrychski bei, der den dämonischen Russen spielt. Der Deutsche August Diehl darf ganz kurz als Angelinas Ehemann fungieren (worum ihn sicher viele glühend beneiden werden, wenn auch gar kein Sex dabei ist), aber sein Verbleiben auf der Leinwand ist kein langes. Aus Quotengründen braucht man einen intelligenten Schwarzen, und das macht Chiwetel Ejiofor, der lange Zeit nicht weiß, was er von Salt halten soll – wie auch? – ganz ausgezeichnet.
 
Fabelhaft, wie dieser Spätsommer-Blockbuster zu verbergen versteht, dass er im Grunde nicht mehr ist als sehr gekonnte Routine.
 
Renate Wagner
 

 
Ab 20. August 2010 in den österreichischen Kinos
 
 
DIE LEGENDE VON AANG
The Last Airbender / USA /   2010
Regie und Drehbuch: M. Night Shyamalan
Mit: Noah Ringer, Dev Patel, Nicola Peltz, Jackson Rathbone u.a.
 
Wahrscheinlich hat der US-Inder M. Night Shyamalan nur einen schrecklichen und unwiderruflichen Fehler begangen: Er wurde 1999 auf Anhieb mit einem Film bekannt, der so gut war, dass er daran nie wieder anknüpfen konnte. Mit „The Sixth Sense“ hat er damals den Begriff „Mystery“ auf höchster Ebene nahezu neu definiert und damit die Erwartungen an alles, was von ihm kommen würde, aufs höchste gespannt. Aber da man im Leben letztlich nichts bestellen und nichts mit Sicherheit planen kann, ist ihm daraufhin nichts mehr so recht gelungen – es waren teilweise starbesetzte Filme, in denen er mit dem Geheimnisvollen spekulierte, aber alle scheiterten nicht zuletzt am eigenen Anspruch, von der Latte, die er sich gelegt hatte.
 
Mit der „Legende von Aang“ versuchte er nun wieder Neues und ist zumindest bei der amerikanischen Kritik noch blutiger auf die Nase gefallen als bisher. Und angeblich auch bei den Fans. Denn er hat in „The Last Airbender“ – was hierzulande kaum erwähnt wird, weil wir die Vorlage nicht kennen – die animierte Kinder-Fernsehserie „Avatar - Der Herr der Elemente“ einer Realverfilmung zugeführt. Das hat übrigens gleich zu Beginn zu Krach mit James Cameron geführt, der sich den „Avatar“-Begriff gesichert und seither mit seinen blaugesichtigen Ur-Menschen Millionen (Milliarden?) gemacht hat. In Titel und Werbung spart der Shyamalan-Film nun den Begriff aus, aber dass sein kindlicher Held Aang als „Avatar“ bezeichnet wird, daran kann er nichts ändern, so nennt sich nun einmal der erwartete Weltenretter.
 
Die Geschichte spielt in mystischen Welten (Vergangenheit oder Zukunft spielt da keine Rolle), und es geht um die vier Elemente Erde, Feuer, Luft und Wasser, denen jeweils verschiedene Menschengruppen anhängen, die die  Fähigkeit besitzen, ihr Element mit magischen Künsten zu beherrschen (je nachdem heißen sie dann „Airbender“, „Waterbender“ usw.). Aber weil die Menschen nun einmal nicht in Frieden leben können, bekriegen die „Feuer“-Leute die übrigen, und dringend wird auf einen „Erlöser“ gewartet, hier Avatar genannt, tatsächlich aber von der Story her eine Art von kleinem Dalai Lama (das Kind wird sogar nach denselben Kriterien ausgesucht, indem man ihm beispielsweise hunderte Spielzeuge zeigt und er muss, als Wiedergeburt der Vorgänger, die richtigen herauspicken…). Tatsächlich kommt der Knabe gänzlich wie ein buddhistisches Mönchlein einher.
 
Die Geschichte führt also ein sympathisches junges Geschwisterpaar vor, Katara und Sokka, Wassermenschen, die in einer Art nordischer Urzeit-Welt unterwegs sind. Der seltsame kleine Junge mit dem tätowierten Kahlkopf, auf den sie stoßen, stellt sich bald als der gesuchte nächste Avatar heraus – er ist nur vor dieser Aufgabe geflohen. Wenn er jetzt doch bereit ist, sich ihr zu stellen, muss er lernen, die Elemente zu beherrschen.
 
 
Der Film handelt nun, nicht sehr abwechslungsreich, davon, wie der kleine Aang mit den Geschwistern in den verschiedenen Welten herumreist, immer verfolgt von dem „Prinzen des Feuers“, der von seinem Vater, der ihn verachtet, die Aufgabe erhalten hat, den Avatar zu fangen. Gut und Böse, schlicht aufgeteilt, das Road-Movie der Verfolgung, immer wieder dramatische Schrecksekunden, wenn der Junge doch erwischt wird (einmal hängt man ihn an den Armen auf – wie man es von Prinz Eisenherz in Erinnerung hat, manche Bilder gleichen sich in allen Mythen).
 
Nun müsste ein Film wie dieser vielfachen Reiz haben – Milieu, Action, Besetzung. Alles bleibt eher unterdurchschnittlich. Der optische Reiz pendelt zwischen archaischer Natur (das Eis spielt eine große Rolle), viel Wasser, Berge, Wälder, Weiden, oder Burg- und Tempelbauten, bei denen sich die Ausstatter gleicherweise von chinesischer, tibetischer und indischer Architektur inspirieren ließen, während ein großes Schiff an die Wikinger gemahnt. Im Grunde nur lächerlich sind die fliegenden pelzigen Monster, die auch als Reit- und Beförderungsmittel dienen (die „Unendliche Geschichte“ lässt grüßen).
 
Der Showdown des Films ist rein von den regie- und tricktechnischen Künsten weit unter dem ausgefallen, was Hollywood sonst in diesem Genre anzubieten hat – damit hat sich Shyamalan offenbar noch nicht genug auseinander gesetzt, auch das will gelernt sein. Die Karate-Bewegungen des kleinen Helden wirken ausgesprochen schaumgebremst. Es gibt auch kein Happyend, denn der Feuer-König befiehlt schon seiner Tochter den fortgesetzten Kampf, und das ist das düstere Ende.
 
Die Darsteller haben in den USA ein Problem aufgeworfen, das „politische Korrektheit“ auf den Plan rief – in der Animation handelt es sich um asiatische Protagonisten, Shyamalan besetzte nur Weiße mit drei Ausnahmen – zwei Inder („Slumdog Millionaire“ Dev Patel als Feuer-Prinz Zuko und Aasif Mandvi als Commander Zhao) und der exotisch wirkende Neuseeländer Cliff Curtis als Feuer-König sind ausschließlich „Bösewichte“. Dass der Iraner Shaun Toub einen guten Onkel spielen darf, war kein ausreichendes Gegengewicht. Es gab Grund genug, Vorwürfe sonder Zahl über den Inder regnen zu lassen, der offenbar so rassistisch ist, fast alle „Guten“ mit Weißen zu besetzen. Wobei der kleine Noah Ringer als Aang, so amerikanisch er von der Herkunft auch sein mag, ohnedies recht alienhaft (wenn auch in positiver Ausprägung) wirkt.
 
Katara ist mit der hübschen, 15jährigen Nicola Peltz besetzt, und Jackson Rathbone, zwar nur ein Neben-Vampir in der „Twilight“-Saga, aber den jugendlichen Fans als solcher bestens bekannt, spielt ihren Bruder Sokka. Seychelle Gabriel, eine höchst attraktive 19jährige (sie ist mexikanischer Herkunft, sieht aber aus wie die junge Denise Richards), erscheint als weißhaarige Prinzessin Yue. Sie alle passen irgendwie in ihre Rollen, ohne besonderes Entzücken auszulösen (aber das war ja auch bei den Kindern bei den „Chroniken von Narnia“ genau so). Wahrscheinlich müssten sie jetzt noch ein paar Filme lang Gelegenheit bekommen, in ihre Figuren zu wachsen.
 
Nun weiß man, dass Shyamalan mit diesem „Wasser“-Film ja nur eröffnet hat, was er als eine vierteilige Film-Saga nach der animierten Vorlage plant. Über diese Fortsetzungs-Zukunft entscheidet allerdings der Kassenerfolg von Teil 1, und da scheinen die Aktien in den USA derzeit nicht allzu hoch zu notieren…
 
Renate Wagner
 

 
Ab dem 20. August 2010 in den österreichischen Kinos
 
 
BRIEFE AN JULIA
Letters to Juliet / USA / 2010 
Regie: Gary Winick
Mit: Amanda Seyfried, Vanessa Redgrave, Franco Nero, Christopher Egan, Gael Garcia Bernal u.a.
 
Liebesbriefe an der Wand von Julias Haus in Verona zu deponieren und auf die Erfüllung der Wünsche zu hoffen – das ist fast so „schön“ wie Briefe an das Christkind zu schreiben und bietet geronnene Romantik als Ausgangspunkt für einen Film. Um diese Grundidee breitet das Drehbuch eine doppelte Geschichte aus: jene von Sophie und Victor (bzw. dann Charlie) kann man vergessen, die von Claire und Lorenzo ist nicht viel besser und noch kitschiger, hat aber einen Vorteil, der den ganzen Film rechtfertigt…
 
Es beginnt also mit Sophie (schon wieder die blonde, glupschäugige Amanda Seyfried, diesmal nicht gewaltsam auf geheimnisvoll wie in „Chloe“, sondern einfach nur schlichtes American Girl mit waberndem Gefühlsleben). Sie und ihr Bräutigam, ein Workaholic (Gael Garcia Bernal, glaubhaft in seiner Besessenheit für den Job), brechen nach Verona auf. Sie hält es für romantische Ferien, vorweggenommene Flitterwochen. Er hingegen will in New York ein italienisches Restaurant eröffnen und kann gar nicht genug in Lokalen und bei Verkäufern herumhängen. Die von ihrem Gar-nicht-Romeo vernachlässigte Braut schleicht entsprechend traurig durch Verona. Wie sie nun die Frauen entdeckt, die Liebesbriefe einsammeln, die traurige Herzen in die Spalten des Julia-Hauses stecken, wie sie aus Vereinsamung ihre Hilfe anbietet, einen 50 Jahre alten Brief entdeckt, ihn freundlich beantwortet und auf einmal den Enkel der einstigen Schreiberin und dann diese selbst vor sich hat – das zieht sich unendlich, braucht spannungslos lange und ist bar jeder Glaubwürdigkeit. Und Regisseur Gary Winick ist absolut nichts eingefallen, was er dagegen tun könnte.
 
Dann erscheint allerdings die einstige Schreiberin, und es ist Vanessa Redgrave. Damit beginnt ein neuer Film, wenn das Geschehen auch nicht eben an Logik oder Sinnfälligkeit zulegt. Aber gut, Madame macht sich mit unliebenswürdigem Enkel Charlie (Christopher Egan) und der neu gefundenen Freundin auf die Suche nach dem einstigen Geliebten, mit dem es damals kein Happyend gab. Da fährt man zwar durch die toskanische Landschaft (was schlußendlich auch monoton wird, wenn ein Auto sich immer wieder durch Felder und Weingärten bewegt), um von einem alten Mann namens Lorenzo Bartolini zum nächsten zu fahren und in den diversen Mümmelgreisen doch nicht den Gesuchten zu wittern…
 
 
Man muss die Pointe verraten, denn sie erst macht den Film für Cineasten, die wegen Vanessa Redgrave ins Kino gehen, perfekt (auch wenn die „Briefe an Julia“ selbst höchst vergessenswert sind). Denn wenn da, von seinen Enkeln angekündigt, ein strahlender älterer Herr hoch zu Roß herbeigaloppiert und sich als Franco Nero herausstellt – dann weiß man, dass man den richtigen Lorenzo gefunden hat. Denn die Redgrave und Nero waren in den sechziger Jahren (beide echt jung und wild) ein Paar, das auch einen gemeinsamen Sohn hat, und sie haben sich nach jahrzehntelanger Trennung vor einigen Jahren wieder gefunden und geheiratet. Die Altersromanze wird nun im Film fixiert – das Drehbuch ist gnädig, beide sind verwitwet, der Vereinigung des „alten“ Paares (endlich! Geduld bringt Rosen) steht nichts entgegen.
 
Und dass nicht auf die brave Sophie vergessen wird… na, wo da das Happyend liegt, das braucht man niemandem zu sagen, samt den dazugehörigen Pointen. Gewünscht hätte man sich freilich, wenn zwei so außerordentliche Schauspieler wie Redgrave und Nero (er ist nämlich auch Klasse) wieder auf die Leinwand kommen, dass dies einen wirklich anspruchsvollen Film ergibt und nicht bloß eine Schnulze mit Italien-Hautgout -  aber die Freude, die beiden zu sehen, rechtfertigt wahrlich eine Kinokarte.
 
Renate Wagner  
 

Ab 12. August 2010 in den österreichischen Kinos
  
 
CHLOE
USA, Kanada / 2010
Regie: Atom Egoyan
Mit: Julianne Moore, Liam Neeson, Amanda Seyfried u.a.
 
Interessanterweise verschweigt das Pressematerial rund um diesen Film, dass er ein Remake ist, aber es gibt Elemente, die einem gänzlich bekannt vorkommen. Ein bisschen Recherche hat es ergeben – das französische Original hieß „Nathalie“ und war mit Fanny Ardant, Emmanuelle Béart und Gerard Depardieu genau so hoch besetzt wie die Neuverfilmung, die immerhin mit dem "kanadischen Armenier" Atom Egoyan einen Meisterregisseur vor der Kamera hatte, den man allerdings mit anderen Themen in Verbindung bringt. Er hat die Geschichte übrigens von Frankreich in sein heimatliches Kanada geholt, wodurch sie eher amerikanisch als französisch wirkt.
 
Die „Dreiecksgeschichte“ mag für ihn vielleicht etwas simpel sein, aber er lädt den Erotik-Film nicht nur mit der hintergründigen Psychologie der drei Hauptfiguren auf, sondern auch mit einer Stimmung, die so von Tragik, Geheimnis und Abgrund durchwoben ist, dass man völlig gespannt bei der Sache bleibt.
 
Es ist der Film der Julianne Moore. Sie ist Catherine, die nach wie vor ungemein attraktive Frau in den mittleren Jahren (gelegentlich sieht man sie in ihrem Beruf als Gynäkologin, damit auch ihr beruflicher Erfolg klar wird), die still darunter leidet, dass ihre Ehe so schal geworden ist. Dabei steht auf Seite des Gatten (ein seelisch wunderbar versteinerter Liam Neeson als Musikprofessor David – wieder einmal eine Charakterrolle, es geht doch noch!) keinerlei böse Absicht dahinter – er mag seine Frau, er benimmt sich korrekt, aber lebendige Gefühle hat er offenbar keine mehr zu bieten. Und da ist nun der Verdacht, dass er sie möglicherweise betrügt… Julianne Moore muss nun glaubhaft machen, dass sie das Callgirl Chloe auf ihn ansetzt, um seine Treue bzw. Verführbarkeit durch andere Frauen zu „prüfen“– und sich mit einer hinreißend vermittelten Mischung aus Lüsternheit und Verzweiflung anhört, was die junge Frau ihr zu berichten hat.
  
 
Es ist weniger der Film der Amanda Seyfried, die vor gar nicht langer Zeit als blonde Teenie-Tochter von Meryl Streep in „Mamma Mia“ auf der Leinwand erschien, als schwacher Goldie-Hawn-Verschnitt neben der Starpower der „Oldies“ nicht auffiel und als die geheimnisvolle Chloe möglicherweise eine Spur unterbesetzt ist. Denn wenn die Geschichte ein paar unerwartete Wendungen nimmt, man Chloe dann plötzlich mit Catherine (!) im Bett sieht und hinter der erotischen (na ja?) Blondheit Besessenheit aufbricht, Besitzgier, Zerstörungswut, dann spielen ihr die anderen die Wirkungen weg (obwohl der finale Knalleffekt bei ihr liegt). Neeson bleibt zwar schon vom Drehbuch her im Hintergrund, hat aber ungeheuer starke Präsenz, wenn er da ist. Und gegen Ende wird auch der Sohn des Paares (Max Thieriot bietet typische, schlaksige, abwehrende Jugend) in die abgründige Geschichte um Chloe und den Wirbel ihrer Gefühle hineingezogen.
 
Julianne Moore ist es, die ihr Spiel mit dem Feuer durchziehen muss, zweifelt, schwankt, strauchelt, fällt… eine Lebenskrise, die sie ihren Patientinnen vielleicht als hormonale Störung erklären würde, die sie aber virtuos als den Tanz einer unglücklichen Frauenseele über dem Abgrund des „Ich werde nicht mehr geliebt“ hinlegt. Und was Atom Egoyan betrifft – über einen simplen Psychothriller ist er allemale hinaus gelangt.
 
Renate Wagner
 

     
Ab 12. August 2010 in den österreichischen Kinos
  
 
 
Das A-Team - Der Film
The A-Team / USA / 2010
Regie: Joe Carnahan
Mit: Liam Neeson, Bradley Cooper, Quinton Jackson, Sharlto Copley, Jessica Biel u.a.
 
Man kann nicht jede amerikanische Serie gesehen haben, schon gar nicht, wenn sie aus den achtziger Jahren stammt. Also ist es durchaus möglich, sich das „A-Team“ völlig unbefangen anzusehen, ohne den Kopf mit einer alten TV-Legende verklebt zu haben. Noch ein Action-Film mit harten, aber fröhlichen Männern eben – immer ein Grinser im Gesicht, egal, wie schräg die Situation auch sein mag.
 
Sie sind vier: John Hannibal Smith, der klassische „Leader“ (der Spitzname Hannibal sagt schließlich alles); Templeton Face Peck, der Weiberheld, der sich für unwiderstehlich hält; B. A. Baracus, der gewaltige Neger; H. M. Murdock, der Borderline-Verrückte. Gelegentlich gehen sie zu viert in differenzierter Macho-Manier auf die einzige Frau los, die hier geduldet wird – Lt. Sosa. Sie trägt übrigens Uniform, wie alle in dem Film, und sie ist hart im Nehmen: Das muss sie auch bei dieser Horde.
 
Die vier sind natürlich Soldaten von der brillantesten Sorte (was immer man darunter versteht). Anfangs erleben wir sie im Irak-Krieg, wo Saddams Bösewichte die Druckstöcke für Hundert-Dollar-Scheine klauen. Das kriegten sie doch fraglos hin, doch dann legt sie offenbar jemand rein (wie kann das so klugen Burschen nur passieren?), und die Armee buchtet sie doch tatsächlich ein! (Natürlich haben sie nichts verbrochen, ist doch klar!) Womit der erste längere Teil der Handlung bestritten wird – viermal Ausbruch aus vier verschiedenen Gefängnissen, und wenn es schon nicht eine Nano-Sekunde glaubhaft ist, so einigermaßen (wenn man alle Augen zudrückt) witzig ist es allemale.
  
 
Ja, und nachher wollen sie ihre Namen reinwaschen und Rache nehmen, und das gelingt selbstverständlich auch – aber niemand möge eine Nacherzählung der Handlung verlangen. Man wüsste kaum, wie man den vielen Tschin-Bum-Krach, der da passiert, einordnen sollte. Action-Unterhaltung? Offenbar. Sein Hirn braucht man als Zuschauer dabei nicht, und selbst, wenn man es einsetzte, käme man bei der Handlung nicht mit (zumal, wenn am Ende ein Verwechslungsspiel mit Frachtcontainern stattfindet…).
 
Regisseur Joe Carnahan ist dafür zuständig, dass es in regelmäßigen Abständen kracht. Im übrigen versucht man sich an die Darsteller zu halten. Liam Neeson, der doch einmal ein ernsthafter Schauspieler war (sogar ein heroischer schottischer Held namens Rob Roy oder ein irischer Freiheitskämpfer wie Michael Collins?), aber in letzter Zeit harte Action offenbar lukrativer findet (oder gibt es so wenige ordentlichen Rollen mehr?). Also spielt er den souveränen, Zigarre kauenden Recken, der als Einziger des Teams so wirkt, als hätte er ein Hirn zwischen den Ohren. Mit cooler Haltung hat er keine Schwierigkeiten, mehr ist nicht gefragt. Denn der beängstigend monströs, erschreckend aussehende Schwarze (Quinton 'Rampage' Jackson) ist für die Freaks, der immer so blöd-eitel grinsende Schönling „Face“ (Bradley Cooper) vermutlich für die Frauen, der durchgeknallte „Howling Mad“ Murdock (Sharlto Copley) für den schrägen Humor. So hat jeder seine Funktion, aber besonders „teuer“ (im Sinn von Star-Power) ist die Besetzung nicht, auch nicht bei der Dame, wobei Jessica Biel äußerst herben Charme (wenn überhaupt) ausstrahlt. Aber verkauft wird das Ganze ohnedies nur unter dem offensichtlichen Gütesiegel (?) „A-Team“.
 
Der magersüchtige Filmsommer hatte schon entschieden Besseres zu bieten. Aber es gibt zweifellos genau für diese Art immer gleicher Action ein Publikum, das hier seinen schlicht gestrickten Knaller-Spaß haben wird.
 
Renate Wagner
 

Ab 6. August 2010 in den österreichischen Kinos
 
 
MÄNNER AL DENTE
Mine Vaganti / Italien /   2010
Regie: Ferzan Özpetek
Mit: Riccardo Scamarcio, Nicole Grimaudo, Alessandro Preziosi u.a.
 
Opernfreunde wissen genau, wie sie Regisseur Ferzan Özpetek bezeichnen können: Er ist „der Türke in Italien“, der als 19jähriger von Istanbul nach Rom kam und hier künstlerisch eine Heimat fand. Seit über einem Jahrzehnt macht er hier Filme, anfangs mit teils türkischer Thematik, nun so ganz und gar „italienisch“, dass man sie von original-italienischen Produkten nicht unterscheiden kann: Er hat das Wesen seines zweiten Vaterlandes vollkommen in sich aufgesogen.
 
„Männer al dente“ ist eine große Familiensaga, die in Lecce spielt – Apulien, knapp 100.000 Einwohner, da ist ein Patriarch, der eine Pasta-Fabrik besitzt, schon jemand, der von allen gekannt wird und der sich sehr darum kümmern muss, was die Mitmenschen von ihm denken und halten. Abweichendes, unbürgerliches Verhalten ist unerwünscht, und allzu viele Blamagen kann er sich nicht leisten. Wenn er schon eine „verrückte“ Schwester hat und eine Tochter, die nicht sehr gut geheiratet hat, so verfügt er doch über zwei Juwelen von Söhne, wie er meint. Antonio wird das Familienunternehmen leiten, und Tommaso, der in Rom Wirtschaft studiert, kommt natürlich später auch nach Hause…
 
Aber bekanntlich läuft das Leben nicht immer so, wie Familienväter sich das vorstellen. Özpetek erzählt mit Humor, mit liebevollem Verständnis und mit unleugbarer  filmischer Meisterschaft eine ganz breit angelegte Geschichte über drei Generationen, wobei sich in Rückblenden immer wieder Szenen aus der unglücklichen Vergangenheit der „Nonna“, der innerlich so aufmüpfigen Großmutter, in die Gegenwart einblenden. Hauptfigur des Geschehens ist Tommaso, der jüngere Sohn, der sich bei einem Familienessen endlich outen will – erstens ist er schwul, zweitens will er nicht Pasta produzieren, sondern Romane schreiben, drittens studiert er Literatur und nicht Wirtschaft, und man soll ihn doch bitte loslassen. Schließlich ist ja noch der ältere Bruder da…
 
Als dieser ihm zuvorkommt und sich seinerseits als homosexuell bekennt, was einen Rausschmiß und einen Herzinfarkt des Papa zur Folge hat, liegt alles auf Tommaso, der nun wahrlich nicht mit der Wahrheit herausrücken kann, sondern dem zutiefst verzweifelten, verunsicherten Vater in jeder Hinsicht den Rücken stärken muss – in der Fabrik, in der Öffentlichkeit, möglichst auch im Privatleben, denn eine Ehe mit der Tochter des Geschäftspartners wäre doch äußerst erwünscht…
 
Tatsächlich ist – und das hat Betroffene verärgert – nicht die Homosexualität der Brüder das eigentliche Thema des Films, ihre diesbezüglichen Gefühle bleiben am Rande. Es geht darum, wie eine bürgerliche Gesellschaft in einer Stadt, die eben keine liberale, ihren Mitmenschen gegenüber gleichgültige Großstadt ist, auch heute noch mit ihren Vorurteilen und ihren Ängsten zu kämpfen hat.
 
Das Geheimnis des Films besteht in der Sorgfalt, mit welcher der Regisseur das breite Panorama der Figuren entfaltet und jeder einzelne – bis zum Dienstmädchen – sorglich ausgefeilt wird. Natürlich dreht sich alles um den jungen Hauptdarsteller Riccardo Scamarcio, der in Italien nicht zuletzt seines Aussehens wegen längst ein Titelbild-Star ist. Wenn man im Zusammenhang mit ihm immer wieder einmal Marcello Mastroianni genannt findet, so ist das angesichts seiner jungendlichen Latin-Lover-Attraktivität ebenso angemessen wie angesichts der Sensibilität, mit der er die Nöte dieses Tommaso zwischen Sohnesliebe, Pflichtgefühl und seinen Neigungen auspendelt. Auch Alessandro Preziosi als sein Bruder Antonio macht schmerzlich klar, wie schwer es ist, seine Gefühle gegen eine geschlossene Welt des Widerstandes zu vertreten. Sehr stark kommt die hübsche Nicole Grimaudo als Tochter des Geschäftspartners zur Geltung, die anfangs einfach wie das hochmütige reiche Gör erscheint, aber bald eine durchaus verwundete Seele offenbart und sich großäugig zu fragen scheint, ob man wohl einen Schwulen verführen kann...
 
Ebenso wunderbar die Leistungen der älteren Generation, voran von Ilaria Occhini als der klugen, alles durchschauenden Großmutter, die von ihrem eigenen jugendlichen Ich (schön, leidenschaftlich und unglücklich: Carolina Crescentini) begleitet wird und am Ende auf grotesk-großartige Weise aus dem Leben geht. Hinreißend ist Elena Sofia Ricci als die „seltsame“ Tante, die so gern den heimlichen, tröstenden Schluck aus der Flasche nimmt und deren tragisches Schicksal man wie nebenbei erfährt. Ennio Fantastichino und Lunetta Savino als Papa und Mama Cantone kämpfen für das Publikum ergötzlich, aber für sie selbst keinesfalls einfach den Kampf zwischen sentimentalen Elternherzen und abgrundtiefer Empörung über alles, was in ihrer Welt nicht sein darf (und lernen im Lauf der Handlung glücklicherweise, die Dinge etwas weniger starr zu sehen).
 
Ein wenig reißt die Handlung ins Groteske aus, wenn Tommasos römischer Geliebter mit noch drei weiteren Freunden in Lecce „vorbeischaut“, um einmal scheinbar ganz harmlos guten Tag zu sagen (!), und diese Freunde sich wie die Tunten aus dem „Käfig voller Narren“ aufführen – dieses Klischee würde ja das bürgerliche Entsetzen bestätigen, um dessen Auflösung sich der Regisseur so liebevoll bemüht. Denn er weiß, dass das Leben voll von Treibminen ist (so der Originaltitel des Films), an die man besser nicht ankommt, weil sonst die Explosion unvermeidlich ist…
 
Renate Wagner
 
 
  
 
Ab 5. August 2010 in den österreichischen Kinos
 
 
KISS & KILL
Killers / USA / 2010 
Regie: Robert Luketic
Mit: Katherine Heigl, Ashton Kutcher, Tom Selleck, Catherine O'Hara u.a.
 
 
Gerade hatten wir erst „Knight & Day“. Jetzt haben wir „Kiss & Kill“, und das ist in fast erschütternder Weise weitgehend dasselbe. „Er“ ist Geheimagent, „Sie“ ist blond, ein bisschen doof und guckt ihn mit bewundernden Augen an. Der Unterschied? Dieser Film ist um eine Kinogeneration jünger, wenn auch nicht besser besetzt.
 
„Er“ ist Ashton Kutcher und hat bisher seinen einzigen medialen Ruhm daraus bezogen, dass er einen sehr berühmten, sehr attraktiven Star geheiratet hat (um von Demi Moore nicht als „Altstar“ zu sprechen, was allerdings angesichts ihres heutigen Status in der Filmindustrie und des Altersunterschieds zum zweiten Gatten berechtigt wäre – aber vielleicht ist der Jüngling im Vergleich zu Bruce Willis ja handzahm…). Im übrigen ist Kutcher noch steifer und unbegabter als Tom Cruise (was nicht unbedingt eine Karriere garantiert). Sie ist Katherine Heigl und nahm nach einigen Jahren im Fernseh-Krankenhaus von „Grey’s Anatomy“ den Weg auf die Leinwand, wo sie als Doris Day des dritten Jahrtausends fungiert, blond und nett und ohne ersichtliche Chance, jemals wieder aus diesem Klischee heraus zu finden. Im Gegensatz zu Cameron Diaz, die in „Knight & Day“ wie stets ihr überdrehtes Grimassieren nicht lassen kann, versucht es die Heigl mit einer Art von Natürlichkeit, die allerdings schnurstraks in die Farblosigkeit führt. So haben sie und Kutcher eigentlich nichts anderes zu bieten als oberflächlich gutes Aussehen – und auch das vermag in Hollywood schon zu reichen. Zumal, wenn es eine strohdumme Komödie zu realisieren gilt.
 
Es beginnt an der Cote d’Azur, denn europäische Schauplätze bewähren sich in einem Zeitalter, wo sich die meisten Amerikaner einmal ihren Europa-Trip geleistet haben und möglicherweise angesichts von Nizza sagen: Look Dear, that’s exactly where we have been! Wer allerdings als erwachsene Frau wie Jen mit seinen Eltern hierher reist, ist selbst schuld, und da scheint sich anfangs eine möglicherweise witzige Satire anzudeuten: Papa (Tom Selleck, lang nach seinen Serienstar-Zeiten) ist lästig fürsorglich und besitzergreifend und möchte Töchterchen am liebsten an der Gängelleine führen, Mama (so, wie Catherine O'Hara aus dem Leim geht, ist sie eine deckende Besetzung für die ältliche US-Dame) plaudert alles aus, was man besser für sich behält, und Töchterchen Jen windet sich in Peinlichkeit, was man ihr nachfühlen kann. Wenn sie allerdings einen dunkelhaarigen jungen Mann erblickt, der prompt auch Brustmuskeln und Waschbrettbauch zeigt, benimmt sie sich selbst dermaßen blöd, dass man angesichts eines solchen Frauenbildes vor Nervosität in den Kinosesseln zu wetzen beginnt. Nun, der junge Spencer führt sich auch nicht besser auf…
 
Aber er ist ja dabei, hier an der Cote d’Azur ein bisschen herumzukillen, denn das ist sein Geheimdienst-Job. Sehr witzig, denn es kommt ohnedies niemand auf die Idee, dergleichen Blödsinn ernst zu nehmen. Zumal, wenn Spencer lieber Jen heiratet und ihre Eltern noch als lästige Draufgabe bekommt. Wenn Spencer dann von seiner so abrupt zurückgelassenen Vergangenheit eingeholt wird – dann, ja dann werden die Purzelbäume des Drehbuchs geradezu atemberaubend. Die Pointe errät man natürlich gleich, aber davor soll darüber gelacht werden, dass sich auch der unscheinbarste Nachbar plötzlich als Geheimagent entpuppen kann…! Sollte Regisseur Robert Luketic hier die Geheimdienst-Paranoia eines ganzen Landes auf die Schaufel genommen haben? Wenn ja, hätte man sich dazu eine etwas ideenreichere, niveauvollere Komödie gewünscht.
 
Renate Wagner
 

 
Ab 29. Juli 2010 in den österreichischen Kinos
 
 
INCEPTION
USA / 2010 
Regie und Drehbuch: Christopher Nolan
Mit: Leonardo DiCaprio, Ken Watanabe, Cillian Murphy, Marion Cotillard, Ellen Page u.a.
 
Der immer wieder zitierte Werbetext des Verleihs verkündet beharrlich, Leonardo DiCaprio spiele in diesem Film einen „begnadeten Dieb“, und das erweckt, wenn man nicht weiterliest, grundfalsche Vorstellungen – von irgendeiner Komödie vielleicht (er war doch in „Catch me if you can“ lustig? Wenn man es genau betrachtet, war das sein letzter unbeschwerter Film!).  Aber auch, wenn man weiterliest, kann man sich nicht viel vorstellen: „Cobb stiehlt wertvolle Geheimnisse aus den Tiefen des Unterbewusstseins, wenn der Verstand am verwundbarsten ist - während der Traumphase.“ Um zu begreifen, was in dem Film von Christopher Nolan wirklich (wirklich? Was ist schon Wirklichkeit???) vorgeht, muss man ihn sehen. Und auch dann gibt es keine Garantie dafür, dass man ihn wirklich begreift…
 
Erstens: Wie haben es mit Sci-Fi zu tun (und zwar vom Feinsten) – irgendwann in der Zukunft, wo vieles möglich ist. Zweitens: Es geht um eines unserer Lieblingsthemen, nämlich um die Möglichkeit, das menschliche Gehirn zu manipulieren. Drittens: Dies geschieht mit Hilfe der irrealen Welt des Traumes, aber nicht vielleicht nur ein Traum, nein, man wendet sich an die Spieler der Video-Games, für die verschiedene „Ebenen“ Selbstverständlichkeit sind (für Normalmenschen noch nicht) – kurz, man fliegt zwischen drei Traumebenenen hin und her, und vielleicht vermochte nicht einmal Regisseur / Drehbuchautor Nolan wirklich immer den Überblick zu behalten, wann wir uns denn – bitte schön! – in der Realität befinden? Beim Happy End womöglich? Oder ist das auch – geträumt?
 
Bis dahin hat man zweieinhalb anstrengende Kinostunden hinter sich, wobei man nicht sagen möchte, dass sie sich nicht lohnen, im Gegenteil – nachdem man sich geistig aus der totalen Verwirrung des Beginns so weit gefangen hat, dass man auf seiner persönlichen Ebene mit dem, was im Film geschieht, mitgeht (und das ist so surreal wie nur möglich), sieht man sich der echten Herausforderung gegenüber, sich selbst aus dem Puzzle ein Bild zu machen. Später bemerkt man auch, wie phantastisch gut das alles gemacht ist, aber solange man sich im Sog des Films befindet, gewissermaßen im Kampf damit, kommt man sowieso nicht zum distanzierten Denken. Da zappelt man nur um das eigene Überleben in der düsteren Welt, in die man wie in einen Abyss stürzt… 
 
 
Der Film beginnt mit Leonardo DiCaprio, der irgendwo in Japan an den Strand gespült wird. Mittlerweile ist er 35, ein Alter, in dem Kollegen noch jungenhaft aussehen. Er forciert jedoch auch im Aussehen den Mann in seinen mittleren Jahren, der Schmelz der blonden Jugend ist weg, seine Rollen werden immer böser und verbiesterter,  er geht noch einen Schritt weiter über den verwirrten Cop hinaus, den er in „Shutter Island“ spielte. Hier ist er Cobb, der Mann, der in das Hirn der Mitmenschen eindringen kann und dies mit einem edel besetzten Team tut: Joseph Gordon-Levitt (gut wie noch nie und hier wirklich gefordert) mit harmlosem Gesicht hintergründig als Arthur, Tom Hardy äußerst reich facettiert als Eames, dazu ein Inder namens Yusuf (Dileep Rao) mit großen Kenntnissen über bewusstseinsverändernde Drogen – keiner stiehlt dem Star die Show, aber alle sind präsent und nötig für die Story. So wie die junge Ariadne (Ellen Page aus „Juno” mit liebenwerter Ausstrahlung), die ihren Namen nicht von ungefähr trägt, denn sie „entwirft“ als Architektin die Traumwelten, in die Cobb seine Opfer entführt (da gibt es atemberaubende Bilder, aber kein Ariadne-Faden führt heraus!): Wer das von der Schilderung her nicht versteht, muss sich den Film ansehen, man wird von Nolan leicht überfordert…
 
Cobb hat einen Auftraggeber, der zu den interessantesten Darstellern des Films zählt: Seit Ken Watanabe in „The Last Samurai“ 2003 Tom Cruise platt an die Wand spielte, hat man sein Gesicht nicht vergessen. Man würde ihn sich weit öfter amerikanischen Filmen wünschen – der „undurchdringliche Asiate“ ist schließlich ein Klischee, das sich immer bewährt hat? Hier bestellt dieser Multi-Konzernchef Saito von Cobb, dass er das Hirn seines großen geschäftlichen Konkurrenten manipuliert (und in diesem Versuch besteht großteils die Handlung des Films): Robert Fischer, Jr. (gespielt von dem herausragenden Cillian Murphy) soll sich aus einem Vaterkomplex heraus entschließen, das eben ererbte Imperium (Pete Postlethwaite stirbt, ein unendlich fleischig gewordener Tom Berenger bleibt als dessen Berater weitgehend undurchschaubar) zu zerschlagen, um Saitos Weltstellung zu sichern…
 
Wenn der Angriff auf das Hirn von Fischer auf drei Traumebenen erfolgt, ist man – obwohl es an „vordergründiger“ Action gar nicht sooo viel zu sehen gibt – völlig beschäftigt, aber das würde die Vorrangsstellung von Cobb in diesem Film nicht garantieren (ein Star ist immer noch ein Star und verlangt eine entsprechende Rolle): Also braucht Leonardo DiCaprio noch mindestens eine Frau und einen schweren Komplex. Die Frau ist die nicht konventionell schöne, aber immer zauberhafte Marion Cotillard (hier beispielsweise viel überzeugender denn als Edith Piaf), der Cobb das Gehirn so manipuliert hat, dass sie nicht mehr imstande ist zu erkennen, was Wirklichkeit ist und was Traum (darin ähnelt sie dem Kinobesucher). Sie mag sich irgendwann umgebracht haben – aber die Handlung läuft kreuz und quer zwischen allen Zeitebenen, also ist sie auch immer wieder da, um Leonardo das Seelenleben entsetzlich schwer zu machen. Da kann nicht einmal Michael Caine in Mini-Auftritten (und mit seiner unverwechselbar britischen Sprache) trösten…
 
 
Hektik und Düsternis liegen über Christopher Nolans Film, in dem man sich zwischen Japan, Paris, Mombasa und irgendwo im hohen Norden bei Schnee und Eis auf Skiern bewegt. Traumwelt ist Wunderwelt, also sieht man die unglaublichsten optischen Tricks (auf die erst jemand kommen muss!), und Hans Zimmer lässt uns hören, was außergewöhnliche Filmmusik noch zur Erhöhung von Mystery und Spannung beitragen kann.
 
Fazit: Platz nehmen in Christopher Nolans Hochschaubahn! Ein Kinoerlebnis der anderen Art erwartet Sie! Nicht wenige werden den Film mit dem Gefühl verlassen, dass man ihn mindestens noch einmal sehen müsste, um vielleicht den einen oder anderen Zusammenhang zu erkennen, der beim ersten Mal einfach nicht zu begreifen war… Kann aber auch gut sein, dass jemand mit Kopfweh aus dem Film wankt und sich fragt: Wer spinnt da eigentlich? Ich oder die anderen?
 
Renate Wagner
  

  
 
Ab 30. Juli 2010 in den österreichischen Kinos
  
 
TOY STORY 3
USA / 2010 
Regie: Lee Unkrich
Animationsfilm. Im Original mit den Stimmen von Tom Hanks, Tim Allen u.a.
 
Die Kinder, die 1995 möglicherweise mit großen Augen die erste „Toy Story“ gesehen und damals die zwar grotesken, grob gezeichneten, aber liebevoll ausgeformten Spielzeugfiguren lieb gewonnen haben, sind heute wohl schon junge Erwachsene (die sich vor ihren Computern und im Kino mit dergleichen wohl kaum abgeben). Aber ein wenig handelt die dritte „Toy Story“ von 2010 genau davon – dass die Kinder außer Haus gehen und die Spielsachen weggepackt werden. Das heißt, im besten Fall weggepackt. Vielleicht einfach verschenkt und weitergegeben, ohne dass man sich viel fragt, an wen. Oder in den Müll geschmissen. Wir leben schließlich in einer Wegwerfgesellschaft.
 
Und das erzählt die dritte „Toy Story“, die so reichliches Nachdenken über „Dinge“ ermöglicht. Haben sie wirklich keine Seele? Man benützt sie, und wenn sie ausgedient haben, wirft man sie gedankenlos weg? Nun, da hat ja nun gerade Spielzeug seine besondere Geschichte – von der getanzten Puppenfee und dem getanzten Nussknacker bis zur Toy Story wissen wir, dass sie zu leben beginnen, entweder, wenn die Geisterstunde schlägt, oder einfach, wenn die Menschen nicht in der Nähe sind.
 
Im Film herrscht im Kinderzimmer die volle Aufregung, weil Andy, ihr Andy, dem die ganzen Spielzeug-Geschöpfe gehören, ins College geht. Was wird aus ihnen? Es ehrt ihn, dass er angesichts seines alten Freundes „Sheriff“ Woody sentimental genug wird, ihn mitnehmen zu wollen, aber nur ihn allein. Alle anderen sollen auf den Dachboden. Aber erstens will Woody die anderen nicht verlassen, und zweitens gibt es ein Missverständnis mit Mama…
 
Es ist interessant, wie viel sich die Drehbuchautoren für einen Zeichentrickfilm ausgedacht haben – und wie seit sie gingen, Negatives und Bedrohliches in die Kinderwelt einfließen zu lassen. Sind die Kleinen, die als heutige Besucher der „Toy Story“ ja auch wieder Kinder sind, so fortgeschritten, dass sie im „Sunnyside“-Kindergarten (der gar nicht so sonnig ist) – wohin Andys Spielzeuge verschenkt werden – das Terrorregime des rosa Plüschbären Lotso auch erkennen und in seiner erschütternden Gleichnishaftigkeit zu würdigen wissen (die Brutalität hinter der scheinbaren Jovialität)? Da steckt doch fast ein wenig „Animal Farm“ dahinter – alle Spielzeuge sind gleich, aber einige sind gleicher als die anderen…
 
 
Und wenn Woody und seine Gefährten dann auf der Flucht mit allergrößter Mühe der Zerstückelung und dem Feuerbrand der Müllverbrennung entgehen (es ist so spannend gemacht wie in jedem „Menschenfilm“, der diese dramatische Situation kreieren würde), ist das nicht ein bisschen starker Tobak? Da nützt zwischendurch die Romanze von Barbie und Ken auch nichts, „Toy Story 3“ bleibt extrem für einen Kinderfilm.
 
Das Ende ist natürlich sentimental genug, wenn Andy seine geretteten Spielzeuge einem kleinen Mädchen schenkt, das eine besondere Begabung fürs Spielen hat: Diese „Botschaft“ kommt vielleicht an, dass die Würdigen beschenkt werden sollen – und dass „Dinge“, die mehr bedeutet haben als das Material, aus dem sie hergestellt sind, verdienen, nach ihrer „Würde“ behandelt zu werden…
 
Übrigens: Die dritte „Toy Story“ (Regie: Lee Unkrich) kommt in 3 D auf den Zuschauer zu. Auf Deutsch haben sich Bully Herbig, Rick Kavanian und Christian Tramitz der Hauptfiguren angenommen, und was hier als stimmliche Charakterisierung geleistet wird, ist stets ein wichtiger Teil des Ganzen in der Welt der Pixar-Klassiker.
 
Renate Wagner
 

Ab 22. Juli 2010 in den österreichischen Kinos 
 
 
KNIGHT AND DAY
Knight & Day / USA / 2010 
Regie: James Mangold
Mit: Tom Cruise, Cameron Diaz, Peter Sarsgaard u.a.
 
Dieser Film ist in seinen Grundzügen so dumm, dass man darüber ins Philosophieren kommen könnte. Denn Regisseur James Mangold (vielfältig genug zwischen „Walk The Line“ und „Todeszug nach Yuma“, zwei handfeste „Melodrame“ auf solidem Niveau) ist es sicher nicht, dumm nämlich. Also muss dieser Film absichtlich so sein, wie er ist, fern jeder Logik nämlich. Fern jeder einigermaßen nachvollziehbaren Struktur. Also was? Na, da bleibt dann immer noch eine Menge, wenn man „the willing suspension of disbelief“ (die „freiwillige Ausschaltung der Ungläubigkeit“) voraussetzt, wie die englische Formulierung dafür lautet, dass Leute übereinkommen, angesichts eines Buches, eines Stückes, eines Films etwas als glaubhaft anzunehmen, auch wenn es völlig unmöglich und unglaubwürdig ist (also, kurz gesagt, den kritischen Verstand freundlichst auszuschalten). So wie in diesem Film die Heldin immer wieder in einen nicht ganz freiwilligen Schlaf versinkt und dann gleich in einem anderen Ort und Kontinent (Salzburg!) aufwacht, ohne dass sie weiß, wie sie hergekommen ist – oder der Film es für nötig fände, dies zu erklären…
 
Denn sieht man die gespannte Miene, mit der Tom Cruise versucht, ironisch zu sein, dann weiß man schon zweierlei: Dieser Film ist „lustig“ gemeint. Und er ist ein Star-Vehikel. Darum gibt er Tom auch Cameron Diaz zur Partnerin. Weder er noch sie stehen auf der Spitze der Super-Super-Stars noch ganz, ganz oben (dazu muss man schon ein bleichsüchtiger, unbegabter Teenager-Vampir sein), und „Knight & Day“ tümpelt im amerikanischen Box-Office auch unter „ferner liefen“. Aber die Österreicher und die Spanier können da noch gewaltig was ändern, schließlich muss man sich Salzburg bzw. Sevilla & Cadiz auf der Leinwand ansehen… Oder?
 
Ehrlich: ganz so wild ist es nicht. Es waren natürlich (zumindest für angereiste Journalisten und Fotografen) schrecklich aufregende Tage für Österreich, als sich Tom Cruise und Cameron Diaz (immerhin waschechte Weltstars) in Salzburg aufhielten und hier Sequenzen dieses Films drehten. Und natürlich schaut man hierzulande besonders aufmerksam, was man davon auf der Leinwand sieht. So toll wie bei James Bond und der Bregenzer Seebühnen-„Tosca“ ist die Reklame allerdings nicht ausgefallen, kein „Jedermann“ und auch kein Mozart. Immerhin wohnt das Pärchen in einem Hotel mit Blick auf die Festung, Tom trifft in einem kuscheligen Kellerlokal eine fremde Schöne, und Cameron schleicht durch die bestens bekannten Gässchen der Salzburger Altstadt, um hinter ihm herzuspionieren… Der Kontrast zu den USA ist zwar entsprechend romantisch, aber besonders hat man sich um Salzburg nicht gekümmert, und ob die Betrachtung dieses Films den US-Tourismus so gewaltig ins Rotieren bringt, möchte man bezweifeln. Zumal bei den europäischen Schauplätzen Spanien immerhin zu die hechelnde Aufregung bieten hat, dass des Kinos Traumpärchen ganz gewaltig vor einer Herde Stiere davonlaufen muss… Ein bisschen Karibik bekommt man auch noch, abgesehen von Flugzeugen und Autos und Motorrad (für wüste Hetzjagd) als hektische Fortbewegungsmittel.
 
  
Wir haben also: Cruise und Diaz (und hier sei bitte die Bemerkung einer Frau gestattet, die einfach nicht weiß, was die Männerwelt an dieser nicht einmal besonders hübschen Durchschnitts-Blondine findet, aber bitte, davon verstehen wir Frauen nichts. Wir verstehen ja nicht einmal Geschlechtsgenossinnen, die - den als Darsteller und Persönlichkeit so steifen – Tom Cruise sexy finden), wir haben hipp hipp Möchtegern-Humor mit höchst trivialen Dialogen, und wir haben besagte logikfreie, rasante Handlung, die als Hetzjagd von einem Ort zum anderen gedacht ist, wobei die „cineastischen“ Anspielungen des Regisseurs auf Hitchcock und Co. niemandem die Schuhe ausziehen.
 
Worum geht’s? Die Wunderwaffe, hinter der alle herhecheln, ist eine Art Batterie, die nie aufgeladen werden muss – nie versiegende Energie, das ist immerhin eine Idee, da versteht man, dass Cruise als „Agent“ Roy Milner (bzw. Ex-Geheimagent, auch das wird nie wirklich geklärt) dies retten will. Man versteht natürlich nicht, dass er sich dabei mit June belastet, auch wenn sie die immer freundliche, gutgläubige und willige Cameron Diaz ist. Man erblickt in dem milchgesichtigen Peter Sarsgaard und in der etwas harscheren Maggie Grace keine wirklichen Gegenspieler in dem „Ich laufe davon – vor wem nur und warum?“-Spiel.
 
Aber, wie gesagt, wenn man sich auf Logik oder den Einsatz seines Verstandes kapriziert, sollte man in diesen Film nicht hineingehen. Der lohnt sich höchstens, wenn man zumindest für einen der beiden Hauptdarsteller etwas übrig hat, die so tun, als hätten sie an dem dümmlichen „tongue in cheek“, das sie vorspielen, enormen Spaß. Aber so gute Schauspieler sind leider beide nicht.
 
Renate Wagner
 

  
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