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Merker 2002-2007
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22. Jahrgang
Juli/August/Septemb.
2010
168
- - - - -
Anton Cupak
19.07.2010
13:35:40
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Kritiken  
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WIEN / Bank Austria Kunstforum: 
FRIDA KAHLO
Vom 1. September 2010 bis zum 5. Dezember 2010)
 
 
Die Künstlerin der
hintergründigen Details
 
Frida Kahlo macht es den Betrachtern scheinbar leicht: Ihre Werke sind in vielen Fällen  grellbunt, großflächig, kraftvoll und zumindest wenn es um die berühmten Selbstporträts geht, die mehr als ein Drittel ihres Schaffens  umfassen, unverkennbar. Sie selbst hat ihr ungewöhnliches Leben bewusst „gestaltet“, der „Mythos“ ließ nicht auf sich warten. Mit dem Mythos geht dann leicht und gern ein „Markt“ einher, und das bedeutet Millionensummen bei Versteigerungen, überfüllte Ausstellungen und ein florierendes Marketing. Die überfüllte Ausstellung wird Wien nun – nach Berlin – erleben, denn Frida Kahlo ist ins Bank Austria Kunstforum eingezogen. Dass ihre Berühmtheit nicht nur „Mache“ ist, kann man hier in vielen Details nachvollziehen.
 
Von Heiner Wesemann
 
Leben     1907 wurde Frida Kahlo in Mexiko City geboren, wo sie 1954 eine Woche nach ihrem 47. Geburtstag starb. Schon sechsjährig an Kinderlähmung erkrankt, wurde Frida 1925 bei einem Busunglück schwer verletzt. Gips und Stahlkorsette wurden ihr Schicksal, bettlägerig begann sie zu malen. In ihrem Lebenswillen ungebrochen, heiratete sie 1929 den schon berühmten Maler Diego Rivera, mit dem sie die kommunistische Überzeugung teilte. Die Beziehung war wild und nicht glücklich. Zu ihren Liebhabern gehörte Leo Trotzki, als dieser sich im mexikanischen Exil befand. Frida Kahlo, die sich immer wieder auf Reisen aufhielt und vor allem in Frankreich viel Anerkennung fand, erarbeitete sich neben der erdrückenden Gestalt Riveras ihren Ruf als eigenständige Künstlerin, und ihre Bilder erzielten schon bald nach ihrem Tod Höchstpreise. Es war ein bewegtes, leidenschaftliches, tragisches Leben, das schnell zum Mythos wurde und das ihre Bilder bis ins Detail zu kommentieren scheinen.
 
 
Hauptthema: Leiden     Die Frage stellt sich, ob in diesem Fall das Leiden die Künstlerin gemacht hat. Wäre diese Frida Kahlo auch dieselbe Meisterin geworden, hätte sie nicht 17jährig die Eisenstange in ihren Körper gejagt bekommen und wäre nicht lebenslang ein von ihrem Körper geplagter Halbkrüppel gewesen? Wäre sie überhaupt zum Malen gekommen, das sie nie gelernt hat, das autodidakt aus ihr wuchs, als sie ins Bett gezwungen war? Oder hätte eine glückliche Frida wilde Blumen und die Herrlichkeit des Lebens gemalt? Denn an sich sind viele ihrer Bilder von großer Buntheit und Schönheit und reflektieren mexikanische Folklore – aber der Verdacht liegt nahe, dass diese Werke allein nicht den Weltruhm gebracht hätten… Es ist der Schmerz, den sie in ihren Bildern schildert, zumal in den berühmtesten Selbstbildnissen. Im mittleren Saal der Ausstellung im Wiener Kunstforum hängt jenes Werk mit „Signalcharakter“, das wohl jeder irgendwann einmal irgendwo abgebildet gesehen hat – jene „Zerbrochene Säule“, das Bild, das sie im Stahlkorsett zeigt, mit geöffnetem Leib, in dem eine Eisenstange zu sehen ist, die den Kopf trägt (die Kahlo musste sich in ihrem Leben zahlreichen Wirbelsäulen-Operationen unterziehen). In den Körper selbst sind überall Nägel eingeschlagen. Eine „Frida Dolorosa“, die weiße Tränen weint – ein Werk, das in seiner Erfindungsgabe und Aussagekraft schlechtweg unheimlich ist. Damit wird alles, was sich an Frida Kahlo „folkloristisch“-bunt verkaufen lässt, in hohem Grade relativiert.
 
Immer nur Frida?       Mit gut einem Dutzend der berühmten Selbstporträts im Zentrum der Wiener Ausstellung würde man die obligate Meinung bestätigt finden, dass sich das Werk der Kahlo immer nur um sich selbst gedreht hat. Sie war sich zweifellos Thema Nr. 1, und so sehr sie ideologisch den sozialistischen Ideen verbunden war, so stellte sie doch ihre Kunst nur selten in den Dienst der Armen und Geschundenen – arm und geschunden war sie selbst, nicht nur körperlich, auch seelisch. Man lernt vieles in der Ausstellung, zumal von den ausführlichen Bildbeschreibungen. So würde man das relativ kleine Ölbild „Ohne Hoffnung“ einfach als Meisterstück des Surrealismus verstehen: Frida liegt mit offenen Haaren und verwirrtem Gesichtausdruck im Bett. In ihren Mund schiebt sich ein Trichter, der so groß ist, dass er von einem Holzgerüst getragen werden muss. Was in dem Trichter steckt (und daraus herausquillt), ist eklig – ein Totenkopf, tote Tiere. Aber weil bei der Kahlo (fast)  alles Biographie ist, sieht man das nicht als abstrakte Horrorvision, sondern liest, dass dieses Symbol des Trichters im Spanischen bedeutet, jemanden zu betrügen, und dass sie damit auf Riveras Verhalten ihr gegenüber reagierte.
Und doch ist es nicht Frida allein, die Frida malte und zeichnete – man sieht schlicht und einfach „Experimente“ in Abstraktem und Ornamentalen in den Zeichnungen. Man findet ihre Variationen mexikanischer Folklore und die seltsamen Verbundenheit mit dem ganz realen Tod (so malte sie die Leiche eines Dreijährigen). Manche ihrer Porträts anderer ordnet man im Stil der „Neuen Sachlichkeit“ zu: Sie war eine anerkannte Künstlerin, sie bewegte sich nicht nur in der Welt Mexikos, sondern in der internationalen Kunstszene, und sie hat darauf reagiert.
 
 
Was Fotos erzählen     Fridas deutschstämmiger Vater war Fotograf, und das erklärt die wichtige Stellung von Fotografie in Frida Kahlos Leben. Bei der Presseführung schien es, als ob die Besucher in diesen Räumen besonders fasziniert in den Alben der Familie „blätterten“ (im übertragenen Sinn natürlich, denn die Fotos hängen an den Wänden): Ihre schönen Verwandten und Vorfahren, alles wohlhabendes Bürgertum reflektierend, und immer wieder Frida selbst, schwarzweiß und manches auch in Farbe. Das sind dann schon regelrechte „Starfotos“, wo sie größten Wert auf reizvolle Kleidung, Schmuck und entsprechende Haartracht legte. (Die Ausstellung zeigt Kleider dieser Art, aber sie stammen nicht aus Frida Kahlos persönlichem Besitz.) Der Hang, sich selbst zu zelebrieren, wurde durch eine fotografierende Familie zweifellos bestärkt und setzt sich vielfach im Werk fort.
In manchen Fällen liefern die Fotos unmittelbare Kommentare zum Werk: So sieht man Frida Kahlo in jenem heimischen Tehuana-Gewand, wo der Kopf der Frau rundum so von Spitzen umgeben ist, dass das Gesicht wie aus einem weißen Heiligenschein blickt. Einen Raum weiter findet sich ihr Selbstbildnis, wo sie sich genau in dieser Art gemalt hat – und man erfährt auch noch, dass es für ihren Zahnarzt gedacht war, womit sie für eine kostspielige Behandlung bezahlte… Anderswo sieht man Frida im Bett liegend, beengt von einem Gipskorsett. Dieses ist die wichtigste Devotionalie der Ausstellung, es liegt im Mittelraum vor den Selbstbildnissen, und sie selbst hat es, wie die Fotos zeigen, mit Hilfe eines Spiegels bemalt. U.a. mit Hammer und Sichel.
 
Ikone mit vielen Seiten     Gewiss, die Kahlo hat sich selbst zum „Star“ stilisiert (man wundert sich eigentlich, dass Hollywood mit dem Film so spät kam, in dem Salma Hayek eine hinreißend schöne Frida spielte), aber sie ist keinesfalls so einseitig, wie das Marketing und Merchandising glauben machen wollen. Man versenke sich nur in ihre Zeichnungen – und finde dort beispielsweise hoch vergnügte, freche Karikaturen wie den „Schönheitssalon“, wo ein bärtiger alter Mann unter der Trockenhaube sitzt, in der Hand ein Eis am Stil, neben sich eine gewaltige Pistole liegend. Offenbar konnte Frida Kahlo unter Männern nicht nur leiden, sondern auch über sie lachen. Auch das gehört zu einer Ikone, die nicht nur von Mexiko, sondern auch von den Feministinnen beansprucht wird, vor allem aber der Kunst des 20. Jahrhunderts gehört.
 
 
Bank Austria Kunstforum: FRIDA KAHLO RETROSPEKTIVE.
Bis 5. Dezember 2010, täglich 10 - 19 Uhr. Freitags 10 - 21 Uhr
Der 246 Seiten starke Katalog ist im Prestel Verlag erschienen
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