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WIEN / Scala:
WAS GESCHAH WIRKLICH MIT BABY JANE?
Stück von Henry Farrell. Bühnenfassung von Marcus Ganser
Premiere: 6. März 2010, besucht wurde die Vorstellung vom 10. März 2010
Filmfreunden, auch wenn sie keine Horror-Freaks sind, läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn sie „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ hören. Das ist wahrlich ein Klassiker – die zwei alten Ex-Filmstar-Schwestern, Joan Crawford im Rollstuhl, um tyrannische Vorherrschaft bemüht, während Bette Davis langsam in den Wahnsinn schlittert. Gott, machen die beiden schonungslos herrliches Theater daraus! Und wenn man in Wien nur so in exzellenten Schauspielerinnen jenseits der 60 wühlen kann, die meist unbeschäftigt zu Hause sitzen, dann könnte man doch „Baby Jane“ spielen, meinte offenbar Bruno Max, der in seinem Theater Scala überhaupt keine Berührungsängste kennt – Theater ist für ihn offenbar alles, was das Publikum erreicht. (Und den Untertitel „Theater zum Fürchten“ kann man schließlich auch von Zeit zu Zeit gelegentlich bedienen.)
Nun hat es Baby Jane auf der Bühne allerdings nicht ganz leicht, das muss man offen sagen. Was das Kino mit Kamerapositionen und Schnitteffekten tun kann, um Horror zuzuspitzen, muss auf der Bühne bestenfalls mit ein paar Lichteffekten und gelegentlicher Slow Motion erzeugt werden, und vieles, das im Kino so selbstverständlich dramatisch wirkt, kann live eher plump ausfallen (etwa das Morden und das Wegschleppen von Leichen). Also, keine „gemähte Wiesen“ für Regisseur Marcus Ganser, der sich selbst ein vorzügliches Bühnenbild gebaut hat (dass es die Arme-Leute-Fassung einer Villa von einstigen Hollywood-Stars ist, war wohl unvermeidbar). Mit der zähneklappernden Spannung klappt es nicht so recht – oder ist dies das ungerechte Urteil des Filmfreaks, der schließlich immer weiß, wie es weitergeht?
Die Schauspieler bringen es weitgehend. Sylvia Eisenberger in der Joan Crawford-Rolle des rücksichtslosen Superstars im Rollstuhl spielt die Wandlung zum hilflosen Opfer sehr überzeugend, muss aber nach kürzester Zeit alle Wirkungen an ihre Schwester abgeben. Diese, der ehemalige Kinderstar „Baby Jane“, wirkt anfangs wie der gehetzte Underdog in dieser Beziehung, fühlt sich aber zu Recht so bedrängt, dass sie ausflippt – Erika Mottl lässt nach und nach das Irrationale hochkommen, das nicht nur der Schwester, sondern auch dem Publikum Angst machen soll, und wenn sie in die Kinderkleidchen und Lockenperücken schlüpfen darf (Kostüme: Alexandra Fitzinger), dann ist die Rolle sozusagen aufgelegt. Der tragisch „poetische“ Schluss wäre sogar auf die Tränendrüsen angelegt.
Interessant, dass ausgerechnet Brigitte Kren, eine der ursprünglichsten „Wiener Goschen“, die man hierzulande kennt, als spanische Putzfrau radebrechen muss. Sie tut es ausgezeichnet, ist aber natürlich unterfordert – für diese Frau muss man Rollen finden (oder schreiben, wir haben doch genug Dialekt-Künstler im Land?). Als einziger Mann im Geschehen begnügt sich Thomas Groß nicht damit, als Objekt von Baby Janes Begierde der Katalysator der Ereignisse sein. Obwohl man nicht, wie im Film, seine Mama zu sehen bekommt, macht er aus der unglückseligen Figur des opportunistischen Mamasöhnchens eine runde Leistung.
Eindreiviertel Stunden ohne Pause (denn man darf den ohnedies nicht allzu straff gespannten Spannungsfaden nicht abschneiden), Horror-Boulevard in der Scala. Mal was anderes.
Renate Wagner |