Berlin/ Flughafen Tempelhof: Tanz um den „PASS“, 27.08.2010
Der Spielort könnte nicht besser gewählt sein: der stillgelegte Flughafen Tempelhof. Hier sind während der Blockade 1948/49 die „Rosinenbomber“ gelandet, haben über die legendäre Luftbrücke die Menschen versorgt und Westberlin die Freiheit bewahrt. Die unter Denkmalschutz stehende Anlage wird bislang nur sporadisch genutzt, und in der Dunkelheit wirkt das leere Flugfeld etwas gruselig.
Das passt genau zum Thema „PASS“, den alle Einreisenden aus fernen Ländern vorweisen müssen. Wer keinen besitzt, wer als Asylbewerber ankommt, hat einen schwierigen und oft gruseligen Weg vor sich, um dieses äußert wichtige Papier zu erhalten. Vielen gelingt es nicht, sie leben in ständiger Angst vor Befragungen und Abschiebung. In der Transithalle läuft das Vorspiel. Die Premiere ist ausverkauft.
Das eigentliche Stück beginnt mit einer großen gestreiften Plastiktasche, die ein früheres Gepäckband herunter rutscht. Ihr entsteigt ein kleiner Junge. Kinder auf der Bühne rühren bekanntlich die Herzen.
Bald sammelt sich die bunt gemischte Truppe, rennt und hetzt umher, immer in der Furcht aufgegriffen zu werden. Jetzt werden einige Kinder von den auf der Flucht Befindlichen sogar von einem Erwachsenen zum anderen geworfen.
Gestaltet wird das Stück - Idee und Choreografie Lena Strohmaier – von rund 50 Tänzerinnen und Tänzer aus 15 Nationen der lis:sanga dance company im Alter zwischen 5 und 75 Jahren.
Doch niemand erscheint in Lumpen. Alle tragen Alltagskleidung, so wie in Berlin üblich. Ruth Pulgram, verantwortlich für Kostüme und Szenografie, hat darauf verzichtet, die Darsteller zu kostümieren. Deren Outfit wirkt, als hätten sie mal kurz in den eigenen Kleiderschrank gegriffen. Gut so.
Musikalisch begleitend wird ein Bogen zurück zu denen geschlagen, die schon früher einsam, fremd und mittellos waren. So erklingt u.a. Franz Schuberts „Wohin“ und „Das Wirtshaus“ sowie Robert Schumanns „In der Fremde“ und einige moderne Stücke. Musikalische Leitung und am Flügel Raminta Lampsatis. Als Sängerinnen und Sänger gefallen Tamara Haskin (Sopran), Amelie Meik (Mezzosopran) und Jianeng Lu (Tenor).
Bedrückend wirkt das Video von Anna Henkel-Donnersmark, das eine triste Amtsstube zeigt, wo die Asylbewerber Rede und Antwort stehen müssen. Vor diesem Hintergrund läuft das Geschehen in loser Folge ab. Einmal ziehen die Tänzer ihre Hemden und T-Shirts aus, ein demütigender Vorgang und eine packende Szene. Sie soll wohl vermitteln, wie sehr sich die Fremden seelisch entblößen müssen.
Auch die Zuschauer werden miteinbezogen. Polizisten erscheinen und fordern alle in barschen Worten auf, aufzustehen und wie eine Herde Getriebener auf die andere Seite zu wechseln. Manche scheinen das ernst zu nehmen, weigern sich und rufen entrüstet: „Fassen Sie mich nicht an.“ Das Publikum erhält so einen Eindruck, wie schutzlos sich Asylbewerber ohne Pass fühlen müssen.
Was das Tanzen betrifft, überzeugen zwei blonde, hoch gewachsene junge Männer und einige Frauen. Ansonsten bewegt sich jeder und jede nach eigenem Stil und Können. Die Älteren – gut, dass sie mitmachen dürfen – schreiten eher. Sie wirken sehr deutsch und nicht wie Asylsuchende (oder Wirtschaftsflüchtlinge). Vielleicht, so denke ich, gehören sie zu diejenigen, die nach jahrzehntelanger regulärer Arbeit ihren Job quittieren mussten und sich nun für Hartz IV ebenfalls in gewisser Weise entblößen müssen. Ihnen gönnt der vielfach geforderte Staat nur Almosen für ihre Lebensleistung.-
Den ersten Zwischenbeifall gibt es nach einer eindringlich getanzten, zarten Liebesszene. Zwei dunkelhäutige Menschen nähern sich vorsichtig einander an, doch es bleibt bei einer einzigen Begegnung. Die junge Frau, am Boden liegend, streckt sehnsüchtig die Hand nach dem sich entfernenden Partner aus. Der aber, schon stolzer Pass-Besitzer, tanzt nun mit einer hellhäutigen Frau weiter. Zufall der Inszenierung oder ein Hinweis??
Haben die engagierten Mitwirkenden die Zuschauer mit ihren Bemühungen beeindruckt oder gar überzeugt? Der Schlussbeifall des Multi-Kulti-Publikums ist herzlich. Die jungen Leute kreischen und küssen hinterher die Darsteller ab. Offenbar kennt man sich, hat vielleicht selbst Ähnliches erlebt. Die Stimmung ist fröhlich. Nachdenklich oder betroffen scheint niemand zu sein.
Ursula Wiegand |