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Merker 2002-2007
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22. Jahrgang
Januar/Februar
2010
163
- - - - -
Anton Cupak
15.02.2010
20:32:20
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Kritiken  
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Berlin, Schaubühne: „MEGALOPOLIS“, Schrecken der Riesenstädte, 6.3.10

 


Photo-Copyright: Thomas Aurin

In der Schaubühne am Lehniner Platz stellt Constanza Macras ihr neueste Stück vor: „MEGALOPOLIS“, eine Koproduktion mit Dorky Park, dem Europäischen Zentrum der Künste Hellerau und MESS Sarajewo. Ihr Thema: das Leben in Riesenstädten.


Frau Macras, 1970 in Buenos Aires geboren, kennt sich in diesem Sujet aus. Sie weiß um die Probleme von Metropolen, wo Menschen unterschiedlichster Rassen und Religionen zusammenleben, zusammenprallen und viele in Elendsvierteln hausen, wo Brutalität und Drogen dominieren.


Was sie uns vor Augen führt, ist vielerorts bereits raue Realität, drängt doch die Landbevölkerung armer Länder in die Städte in der (oft vergeblichen) Hoffnung, eine Arbeit zu finden. Die Slums werden immer größer, die urbanen Probleme ebenfalls. Große Videos zeigen Hochhäuser, Bretterbuden und wuselnde Menschenmassen.

Seit 1995 lebt die Argentinierin - nach der Tanzausbildung in Buenos Aires und New York - in Berlin. So schlimm sieht es hier glücklicherweise nicht aus. Noch nicht und hoffentlich nicht in der Zukunft. Doch auch in der deutschen Hauptstadt gibt es Problembezirke. Seit Jahren.


Klar, dass solches sich anders ausdrückt als in üppiger Ausstattung und klassischen Posen. Tanz alleine reicht da auch nicht. So vermengen sich an diesem Abend Großstadtlärm, Wortfetzen und Songs mit Alltagsbewegungen, Ballettelementen, Breakdance und Artistik. Die multikulturelle Truppe spricht und singt, begleitet von drei Musikanten, auf Deutsch, Englisch, Japanisch, Spanisch usw., ähnlich wie in der Berliner S- und U-Bahn. Der tägliche Wahnsinn einer Großstadt, verstörend und faszinierend auf die Bretter gebracht.

Aus der anonymen Masse wollen sich Einzelne jedoch herausheben und zelebrieren ihre Individualität mit schäbiger Grandezza und immanenter Komik, die die Zuschauer nicht selten zum Lachen bringt. Tragik und „trash“, die Grenzen sind fließend.


Da ist die angebliche Nichte von Che Guevara, Straßenmädchen und angehende Sängerin zugleich. Da sind die Drogensüchtigen und Behinderten, die über die Bühne zucken, kreischen, stolpern und sich doch immer wieder aufrappeln.


Da ist die zukunftsorientierte Referentin, die einen Plan präsentiert. In feinen Floskeln, beschwört sie die unglaublichen Chancen, die solche Reisenstädte angeblich bieten. Als man ihr die Broschüre mit all’ den Heilsversprechen entreißt, steht sie in der Pose der amerikanischen Freiheitsstatue hilflos da, bevor sie in verzweifelt zuckenden Bewegungen ihren Frust abreagiert.


Rechts ein kleines Call Center mit Uralttelefonen. Mehrmals hören wir, wie eine Mutter ihren Sohn anruft, eine Tochter ihren Papa, zuletzt als HIV-Infizierte, die um Geld für die Behandlung fleht. Doch die Angerufenen reagieren und kommen nie, die Anrufer bleiben allein und hilflos und bewahren dennoch Haltung. Einmal freunden sich zwei telefonierende Frauen miteinander an. „I like you,“ sagt die eine zur anderen.

Das war’s denn auch schon. Mitgefühl oder Hilfsbereitschaft sind in diesem Daseinskampf keine gängige Münze. Statt Liebe gibt’s (angedeuteten) brutalen Sex. Nicht nur die Männer gehen hier rüde zur Sache, auch die Frauen prügeln auf sie ein. Und die Braut im weißen Kleid hält mit blödem Lächeln lieber einen Plüschteddy im Arm als ihren Business-Ehemann.


Einmal tritt kurz ein Mann auf, bläst – unten ohne – auf einer Trompete einen todtraurigen Blues. Ein armes Schwein, in der Tat, aber nichts für Voyeure.

Der Star der agilen Truppe ist (nicht nur) für mich ein braunhäutiger,superfitter und schalkhafter Wuschelkopf. Vermutlich ist das Ronni Maciel, das Programmheft gibt darüber keine Auskunft. Die einzelnen Darsteller bleiben anonym.


Was dieser junge Mann an Artistik und Tanzelementen bringt, ist sensationell. Der exakte Pas de Deux, den er fröhlich grinsend mit einer zarten Koreanerin tanzt, wird zur perfekten Persiflage. Ja, tanzen und sich ausdrücken, das können sie alle, aber in neuen Formen und mit unglaublichem Körpereinsatz. Hebefiguren, kraftmäßig anspruchsvoller als im Ballett, da müssen auch die Frauen ran. Und wie oft schliddern und rollen sie über die Bretter, verrenken die Glieder, werfen sich selbst oder einander krachend zu Boden. Schonungslos loten sie alle Stimmungen körperlich aus. Behaupte nur niemand, so zu tanzen und zu „turnen“sei leichter als klassisches Ballett.

Links auf der Bühne ein Müllhaufen, ein gängiges Accessoire bei den Stücken von Constanza Macras. Hier klauben sich die Darsteller einiges zusammen, was sie für brauchbar halten. Eine junge Frau offeriert mit gewinnendem Lächeln ihre Fundstücke zum Kauf an, auf Japanisch, und doch verstehen wir genau, um was es hier geht. Als niemand ihr etwas abkauft, erstirbt ihr Lächeln.


Auch dem Wuschelkopf, nun als „Cop“, ist längst das Lachen vergangen. Wütend schlägt er mit dem Gummiknüppel gegen die Wand, mal auch sich selbst an den Kopf, vielleicht um sich zu vergewissern, dass er das alles nicht träumt. Während ein Mann selbstvergessen mit einer „I love New York“-Tüte tanzt, will er eine junge Frau, die im Müllberg kauert, arrestieren. Als er ihr die Decke vom Leib reißt, steht sie (die HIV-Infizierte) nackend und schutzlos da. Der Cop und die Umstehenden schauen verlegen, ja indigniert. Keiner hilft, und sie tanz verzweifelt von dannen. Der Vorhang fällt, und heftiger Beifall brandet für die Darsteller auf. In alphabetischer Reihenfolge sind das Fernanda Farah, Anouk Froidevaux, Hyoung-Min Kim, Denis Kuhnert, Johanna Lemke, Ronni Maciel, Ana Mondini, Franz Rogowski, Miki Shoji und Damir Zisko.    

Ursula Wiegand

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