Le Sacre du Printemps (Strawinsky) & Bruckner Sinfonie Nr.3
Vorwort: Wer hat 32 gigantische und hinreißende Sinfonien im Mahler-Format geschrieben und ist hierzulande völlig unbekannt? Ein Engländer (1876 – 1976!). Antwort am Ende.
Die Wiener Philharmoniker lassen bitten; endlich auch einmal in der schönsten und akustisch besten Tonhalle Deutschlands in Essen. Gefördert von der NATIONAL-BANK AG lagen die Preise noch relativ publikumsfreundlich zwischen 150 und 20 Euro; da spreche noch einer von vom Bürger nicht bezahlbarer Spitzenkultur. Ich erinnere noch gut daran, daß man den großen Pavarotti kaum je unter einem dreistelligen Betrag live zu hören bekam, letztlich nur noch in Fußballstadien. Es gab sogar noch ein paar Restkarten im Billigsegment, wobei die Karten auf der Chorempore face to face zum Dirigenten nicht die schlechtesten sind.
Was nun soll ein Kritiker ernsthaft kritikastern, wenn eines der besten Orchester der Welt mit einem der größten und letzten Giganten am Dirigierpult, Lorin Maazel, aufspielt? Nichts! Ich gebe mich hin und lasse mich berauschen von perfekter Musik, bestens aufspielenden konzentrierten Spitzenmusiker und einem auf den Punkt stimmigen Zusammenspiel der Tutti-Massen. Nach geradezu überwältigen Fortissimo-Ausbrüchen ist man binnen hundertstel Sekunde wieder im gehauchten Pianissimo – so wird Stille beinah hörbar.
Konzentrierte Rhythmen im ersten Teil bei Strawinsky Frühlingsopfer und golden strahlendes Blech im zweiten bei Bruckners 3. Sinfonie. Fehlerlos, tadellos, vorbildlich und göttergleich musiziert– das Maß der Dinge, besser kann klassische Musik nicht rüberkommen. In dieser Kombination und blitzsauberen Interpretation reiht sich die gestrige Bruckner-Wertschöpfung in der Essener Philharmonie nahtlos an die genialen Umsetzungen von Brucker-Größen wie Wand oder Celibidache ein. Sonst hat der Kritiker nichts mehr zu sagen, außer…
...daß er sich wünschte (aber wen schert das? Die Meinung und der Geschmack des Publikums zählt/zahlt ja bei solchen Events!) irgendwann in diesem Leben noch vielleicht einmal ein Programm erleben zu dürfen, welches nicht die immer und immer und immergleichen Werke offeriert. Diesmal waren es neben den erwähnten noch die „selten“ aufgeführte Pastorale von Beethovens, Debussys „La Mer“ und die üblichen „Daphnis und Cloe“ Suiten, der Montag mitgerechnet. Na wenigstens diesmal nicht Beethovens 5. und Ravels Bolero.
Der Rezensent wäre ja schon mit einer Eigenkomposition Maazels zufrieden gewesen, aber für Interessanteres wie Janacek, Szymanowski oder Boulez (Die WiPhis können tatsächlich auch anders!) muß man wohl nach Wien fahren. Ich würde mir persönlich mal wünschen auf so hohem Orchesterniveau: Schreker, Krenek, Schostakowitsch, Zemlinsky, Busoni, Korngold, Respighi, Britten, Copland, Yves oder Schnittke zu hören die Gnade haben zu dürfen. Post Scriptum an die Musikfachleute die Beantwortung der Eingangsfrage: Havergal Brian!
Peter Bilsing / 24.2.2010