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Merker 2002-2007
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22. Jahrgang
Juli/August/Septemb.
2010
168
- - - - -
Anton Cupak
19.07.2010
13:35:40
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Berliner Ensemble startet mit „ÖDIPUS auf KOLONOS“ am  29.08.2010

 


Katharina Susewind (Antigone), Klaus Maria Brandauer (Ödipus) und Anna Graenzer (Ismene). Foto-Copyright: Monika Rittershaus

Zum Auftakt der neuen Saison bringt das Berliner Ensemble einen bissfesten Brocken, „Ödipus auf Kolonos“, eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, die dort im Juli Premiere hatte. Es ist das letzte Stück des 90jährigen Sophokles. Sein Thema ist der Tod und die Erlösung des Ödipus. Den hat seine Tochter Antigone nun nach Kolonos geführt.


Hier möchte er endlich von seinem grausamen Schicksal erlöst werden und friedlich sterben. Nach einem Orakelspruch soll er dort rehabilitiert werden, wegen seiner Leiden als Heros in den Hades eingehen und dem Land seiner letzten Bleibe Segen bringen.


Bekanntlich haben ihn die Götter schlimme Taten tun lassen. Ohne dass er es wusste, hat er seinen Vater ermordet, seine Mutter geheiratet und mit ihr zwei Söhne und zwei Töchter gezeugt. Aus seinem Land hat man ihn verstoßen, nun tapert er erblindet und in Lumpen umher. Antigone, die ihn führt, und die später auftauchende Tochter Ismene sind also gleichzeitig seine Schwestern.


Regie führt Peter Stein, und bei diesem Altmeister der Theaterkunst muss niemand fürchten, mit Auswüchsen des Regietheaters konfrontiert zu werden. Das Haus ist bei dieser Vorstellung ausverkauft, und alle lauschen während dieser pausenlosen 2 ½ Stunden konzentriert den von Peter Stein neu übersetzten Versen des alten Griechen.


Als Alter mit wirrem, weißem Haar schlurft dieser Ödipus heran, setzt sich erschöpft auf ein Mäuerchen im Hintergrund. Ein Durchgang führt dort in einen Olivenhain (Bühne: Ferdinand Wögerbauer).


Es ist Klaus Maria Brandauer, Steins Lieblingsmime in den letzten Jahren. Der trumpft hier keineswegs so auf wie im Zerbrochenen Krug (ebenfalls im Berliner Ensemble). Nein, er nimmt sich deutlich zurück, vermeidet seine Eitelkeiten und überrascht als Mann der leisen Töne. Zunächst jedenfalls. Wenn ihn später Empörung und Jähzorn packen, lässt er sein kräftiges Organ in eine Altmänner-Fistelstimme abkippen. Das Publikum lauscht ihm gebannt.


Zum Höhepunkt wird die Konfrontation mit seinem Schwager Kreon, der einst dafür gesorgt hatte, dass Ödipus aus seinem Land weggejagt wurde. Der ist ebenfalls ein Alter, kahlköpfig und schon an den Rollstuhl gefesselt, doch noch immer voller List, Tücke und Grausamkeit. Aber auch er kennt den Orakelspruch und will Ödipus deswegen nach Theben zurückholen.


In ein knallrotes Gewand gehüllt (Kostüme Moidele Bickel) versucht er zuerst mit Schmeicheleien und dann mit Drohungen, Ödipus zur Rückkehr zu bewegen. Jürgen Holst gibt diesen Kreon, drückt seine Verschlagenheit allein mit der Modulation seiner Stimme, seinem Gesicht und dem Spiel seiner Hände aus. Bei ihm versteht man, ähnlich wie bei Brandauer, jedes auch noch so leise gesprochene Wort.


Doch Ödipus ist bereits Gast des Atheners Theseus, des Begründers der griechischen Demokratie. Vielleicht muss dieser deshalb – genau wie seine Mannen – ganz in weiß auftreten. Fabelhaft sieht der schlanke, lockige Christian Nickel in diesem Outfit aus, spricht seinen Text ebenfalls vorzüglich, aber doch etwas monoton. Insgesamt gibt diese vor Edelmut triefende Rolle nicht viel an Wandlungsmöglichkeiten her, so dass er sie womöglich mit Absicht karikiert.


Tapfer stürzt sich dieser Theseus in die Schlacht, um Ödipus’ Töchter zu befreien, die der rachsüchtige Kreon mit Gewalt entführen ließ. Auch deren Rollen sind eher undankbar, immer wieder müssen die beiden jungen Frauen jammern und wehklagen.


Fast übertrieben rührend kümmert sich Katharina Susewind als Antigone um den hilflosen Vater. Wenn sie sich ihm zuwendet, spricht sie jedoch so leise und unartikuliert, dass sie schon in der 10. Reihe oft nicht zu verstehen ist. Herber gibt sich ihre Schwester Ismene (Anna Graenzer).


Eine gute Figur in jeder Hinsicht macht Dejan Búcin als Polyneikes, einer von Ödipus’ Söhnen. Auch er hat den Vater verraten und möchte sich nun mit ihm aussöhnen. Einer, der sein Tun bedauert, aber gleichzeitig aus des Vaters Verzeihung politischen Nutzen ziehen will. Und so sehr die beiden Töchter für ihren Bruder flehen – Ödipus bleibt hart bis zuletzt und lädt den Sippenfluch auf dessen junge Schultern. Der endgültig verstoßene Sohn, schwankend zwischen Ungläubigkeit und Verzweiflung, trägt es schließlich mit mannhafter Fassung. Dejan Búcin macht was aus seinem Part.


Eine Schlüsselrolle spielt der Chor und tut es mit Können und spürbarem Engagement. Als alte Dörfler treten die Herren auf. Mal klingt Skepsis aus ihren Worten, mal Mitgefühl mit dem Fremden, also Ödipus.

Wer Peter Steins legendäre Ödipus-Inszenierung in den 80er Jahren gesehen hat, kennt diese ebenfalls älter gewordene Truppe. Einige müssen und unnötigerweise ihre Hände zittern lassen, als hätten sie Parkinson.

Die Zuschauer in den vorderen Reihen können die Männer genau beobachten, denn oft stehen sie rechts und links an den Wänden im Saal. Mal tritt der eine, mal der andere hervor, dann wieder sprechen sie tatsächlich im Chor. Die Stimme des Volkes, nicht gleichgeschaltet, sondern individuell aufgefächert. Wie sie ihre Verse mit Mimik und Gesten sparsam begleiten, das ist Klassik mit Klasse! Großartig, dass es solche Aufführungen noch gibt. Das Publikum sieht es offenkundig genau so und bedankt sich mit kräftigem, rhythmischem Applaus. Insbesondere bei Brandauer, Holst und dem Chor.    

Ursula Wiegand

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