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Der Mont-Saint-Michel, Kunstwerk und Gottesfestung
von Ursula Wiegand

Totalansicht. Photo-Copyright: Ursula Wiegand
Gewaltig ragt der Mont-Saint-Michel empor, das Highlight der Normandie. Ein religiöses und architektonisches Kunstwerk seit mehr als tausend Jahren. Die einen Kommen als Pilger zu diesem ehrwürdigen Klosterberg, die anderen nur als Besucher. Jährlich sind es drei 3 Millionen Menschen aus aller Welt. Sie wollen den berühmten „Mont“ mit eigenen Augen sehen und erleben und scheuen dafür weder Kosten noch Mühen.
Solch einem Ausnahmewerk sollte man sich langsam nähern, wie es viele seit Jahrhunderten tun, also bei einer Wanderung durchs Watt. Denn dieser Klosterberg erhebt sich auf einer kleinen Felseninsel im Ärmelkanal.
Zahlreiche Gruppen machen sich zu früher Stunde barfuß auf den Weg. Die meisten gehen mit einem Führer und das aus gutem Grund. „Die See weicht langsam, doch sie galoppiert zurück,“ weiß Guide Bertrand. Wer hier zur falschen Zeit losmarschiert, in den Nebel oder auf tückischen Treibsand gerät, kann ertrinken.
Jetzt ist Ebbe, und alle stapfen über geriffelten, manchmal auch glitschigen Sand. Nach einer Weile zeichnet sich die Silhouette des Klosterbergs schemenhaft ab, wird langsam deutlicher. Klarer und klarer tritt er hervor, wie ein Wunder aus einer anderen Welt. Winzig wirken die Menschlein vor dieser grandiosen Gottesfestung.
Nur einige Male müssen alle durch tieferes Wasser waten, ist doch der Mont-Saint-Michel nur noch an rund 50 Tagen im Jahr ganz vom Meer umspült. Die Bucht versandet. Ursache ist der 1869 gebaute Straßendamm, der die Insel mit dem Festland verbindet und es Besuchern ermöglicht, auch per PKW oder Bus anzureisen.
Doch das soll sich ändern. Vor einigen Jahren begannen Renaturierungsmaßnahmen, die den heiligen Berg bis 2014 wieder zu einer echten Insel machen sollen. Fertig ist schon die Schleuse am Fluss Couesnon, der nun die Sedimente verstärkt wegspülen kann. „Zuletzt wird der Straßendamm abgetragen und durch eine hohe Brücke ersetzt,“ weiß Bertrand.
Die störenden Parkplätze vor dem „Mont“ werden gerade aufs Festland verlegt. Alle, die nicht durchs Watt wandern wollen oder können, gelangen danach nur noch per Shuttle-Bus hinüber. Der Mont-Saint-Michel präsentiert sich so in einstiger Würde, bereits passend zum Festjahr 2011, wenn die Normandie ihren 1.100. Geburtstag feiert.
Derweil sind die Wattwanderer und Pilger angekommen, waschen den Schlamm von den Füßen und eilen durchs Tor des Königs. In diversen Sprachen erklingt die Legende, wonach der Erzengel Michael im Jahr 708 den Bischof von Avranches beauftragte, eine Kirche auf dieser Felseninsel zu errichten. Das geschah, doch bald war sie zu klein für die wachsende Zahl von Ordensleuten und Pilgern.

Kreuzgang: Photo-Copyright: Ursula Wiegand
Kühne Baumeister des Mittelalters schichteten daraufhin ein Gotteshaus auf das andere. Im Laufe der Jahrhunderte entstand so ein großartiges Gesamtkunstwerk, geschützt durch starke Mauern und seit 1979 ein UNESCO-Weltkulturerbe. Ein güldener St. Michael blickt vom Turm der Abteikirche über Land und Meer. Weiter unten klammert sich ein kleines Dorf an den Felsen. Ein einmaliges Ensemble.
Viele Menschen besuchen nur die Pfarrkirche des Dorfes, sitzen dann auf sonnigen Café-Terrassen und kaufen Souvenirs. Andere steigen stattdessen brav die unzähligen steilen Stufen zur Abteikirche empor. Ein Parcours durch 13 Jahrhunderte.
Auf etwa halber Höhe steht das allererste Gotteshaus, die Kirche „Notre Dame sous Terre“ aus der Karolingerzeit. Ihr folgte ein romanischer Bau mit einem 70 m langen Kirchenschiff. Da es nirgendwo auf der Insel eine solch große Fläche gab, wurde dieses Gotteshaus durch einen Kranz von Krypten und die Kirche „Notre Dame sous Terre“ abgestützt.
Ganz oben erhebt sich die gewaltige Abteikirche. Hinter ihrer klassizistischen Fassade verbirgt sich ein romanisches Kirchenschiff mit gotischem Chor und einem schönen Kreuzgang. Doch trotz dieser unterschiedlichen Stile wirkt sie ebenso einheitlich wie der gesamte Mont-Saint-Michel.
Nach wie leben Ordensleute auf diesem Klosterberg, und genau wie zu früheren Zeiten sind Gäste willkommen, seien sie ernsthafte Pilger, Wanderer oder Weltenbummler. Und sie werden auch nicht unchristlich geneppt.
Wer diesen heiligen Berg noch intensiver erleben möchte, sollte beizeiten ein Zimmer im Dorf buchen. Wie wunderbar still wird es abends, wenn die Tagesbesucher weg sind! Nun schleichen die Katzen auf leisen Pfoten durch die engen Gassen, jetzt flüstert oder braust nur noch der Wind. Die uralten Steine, noch warm von der Sonne, erzählen Geschichten aus fernen Zeiten. Die Hände ertasten ungestört etwas vom Geheimnis dieses singulären Kunstwerks, von Menschen gemacht, für Gott und die Menschen. Wenn es dunkelt, wird der Mont-Saint-Michel angestrahlt. Magisch leuchtet er nun weit übers Watt.
Infos: Atout France (Französische Zentrale für Tourismus), Lugeck 1-2/1 Top 7, 1010 Wien, Tel. 0900-250015 und www.franceguide.com.
Spezielles zur Normandie unter www.normandie-tourisme.fr . - Übernachtung auf dem Mont-Saint-Michel in L’Auberge Saint-Pierre. Tel. 0033-233 601403, www.auberge-saint-pierre.fr
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