Kritiken  
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Baden: „POLENBLUT“ von Oskar Nedbal am  29.12.2007
Das ist eine gute Operette, die es verdienen würde, auch an anderen Bühnen gespielt zu werden. Oskar Nedbal (1874-1930), Deutsch-Tscheche aus Tabor, Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie in Prag, Gründer und Leiter des Wiener Tonkünstlerorchesters, Direktor des Slowakischen Nationaltheaters in Bratislava, Komponist von 7 Operetten und einer Oper („Bauer Jakob“, UA 1922 in Brünn), hat für sein bekanntestes Bühnenwerk, „Polenblut“ (UA 1913 im Wiener Carltheater) ein gutes Libretto erwischt, das Leo Stein nach einer Erzählung von Puschkin („Das Adelsfräulein als Bäuerin“) verfasst hat.
Die Geschichte von Helena Zaremba, der adeligen Tochter eines reichen Diplomaten, der sie dem leichtsinnigen jungen Grafen Bolo Baranski verheiraten will, der nicht nur sein ganzes Vermögen durchgebracht hat, sondern die junge Frau am Abend, da sie ihm vorgestellt werden soll, wegen anderer Amouren gar nicht beachtet, hat jenen moralischen Dreh, der nicht nur dezidierte Freunde dieses Genres immer wieder beeindruckt: Die wahre Liebe siegt über Berechnung und Glücksspiel. Der attraktive junge Mann gefällt Helena, die sich nicht verschachern lassen will, so gut, dass sie beschließt, sich inkognito als Haushälterin auf seinem Gut zu verdingen, so quasi nebenbei die vernachlässigte Wirtschaft wieder anzukurbeln und ihren Auserwählten auf die richtige Bahn zurückzuführen. Da es sich sowieso bei beiden um Liebe auf den ersten Blick handelt, bleibt es nur noch eine Frage der Zeit, bis das gegenseitige Liebesgeständnis erfolgt und Helena ihre wahre Identität offenbart.
Die Handlung ist so spannend aufgebaut, dass die finale leidenschaftliche Umarmung zum echten Höhepunkt wird.
Natürlich gibt es ein zweites Paar, mit dem anfangs kreuz und quer geliebt wird, eine dominante Schwiegermutter in spe und die köstliche Rolle des Diplomaten-Vaters, der für die Operetten-gemäßen politischen Anspielungen sorgt. Da alle Szenen im adeligen Nobel-Milieu spielen, ergeben sich ganz natürlich die Gesellschafstänze, und beim Erntedankfest, wo Helena die Früchte ihres Wirkens als „Wirtschafterin“ präsentiert, stellt sich mit einem bunten Bauerntanz der gehörige Kontrast ein. So ist für Abwechslung und Bewegung gesorgt, und Nedbals Musik tut ein Übriges, um durchgehend Stimmung zu machen. Es ist eine gekonnte, melodienreiche, forsche Musik, sie kommt ohne Sentimentalität aus – auch die Liebesszenen sind angenehm frisch und mit Humor gewürzt – und mit viel Schlagzeug und Blecheinsatz dominiert die dramatisch-beschwingte über die lyrische Dimension.
Für das Hauptpaar hat der Komponist zwei Bombenrollen parat, und das Badener Stadttheater kann sie nahezu optimal besetzen. THOMAS SIGWALD ist ein fescher, charmanter junger Operettenheld mit starker Bühnenpräsenz. Dieser junge Adelige, der allen Freuden des Lebens geneigt ist, sprüht vor guter Laune, blödelt köstlich mit seinen Sauf- und Spielgenossen, tanzt, was das Zeug hält, und ist ein sehr überzeugender Liebhaber. Wenn er kurz vor Schluss fürchten muss, dass seine Helena ihm doch nicht das Ja-Wort gibt, spielt sich in seinem Gesicht ein ganzes Drama ab. Was heute bei Operettentenören ganz selten vorkommt: Er hat eine profunde Mittellage, die auch in den fast bassalen Regionen der Partie noch gut zu hören ist, sodass die Stimme in den Ensembles trägt. Die Höhe geht zwar nicht so auf, wie man es sich von jedem Tenor wünscht, der Sänger hat aber alle Töne sicher im Griff. FRAUKE SCHÄFER spielt die willensstarke hübsche Diplomatentochter temperamentvoll und zielbewusst, mit der gehörigen Portion erotischer Ausstrahlung, der entsprechenden Gesichts- und Körpersprache und mit gut geführter, kräftiger Stimme. Eine Luxusbesetzung erlebten wir mit RAINER ZAUN als gewitztem Vater Zaremba. Sein klangvoller Bassbariton ließ sofort aufhorchen. Kein Wunder, denn, wie dem Programmheft zu entnehmen war, hat er nicht nur Figaro und Leporello, Baculus und Ollendorf, sondern auch Pizarro und Mephisto, Alberich und Gurnemanz im Repertoire und sang in Bayreuth 2007 einen der Meister. Entsprechend sonor war auch seine Sprechstimme. Ja, mit solchen Kalibern kann die Operette Staat machen…
Die übrige Besetzung brauchte sich nicht zu verstecken, wenn auch die Stimmen kleiner waren. THOMAS MARKUS, der zweite gut klingende Tenor des Abends, war köstlich als Bronio von Popiel, Bolos ständig verliebter Freund, der sich jedes Mal aufhängen will, wenn ihm wieder eine Beziehung auseinander geht, schließlich aber die Sängerin Wanda Kwasinskaja bekommt, die von der jungen Slowakin SIMONA ORAVCOVA mit der richtigen Primadonnen-Allüre und nettem Stimmchen rollendeckend dargeboten wurde. Als komische Schwiegermutter bewährte sich FRANZISKA STANNER. Gute Typen verkörperten auch ANTON GRANER (von Mirski), JONNY KREUTER (von Gorski), ROMAN LAUDER (Von Wolenski); ROBERT SADIL (Wlastek), DESSISLAVA VALEVA-PHILPOVA (Frau von Drygalska) und CAROLA BAUMANN (Komtesse Napolska).
Mit Unerstützung von MÁTYÁS JURKOVICS’ schöner Choreographie und OLIVER OSTERMANNS guter Choreinstudierung vermochte das Regie-Duo VOLKER WAHL / MICHAELA RONZANI  in der überaus geschmackvollen Ausstattung von STEFANIE STUHLDREIER aus dem gesamten Bühnenpersonal ein Ensemble von Persönlichkeiten zu formen.
So kann die Kunstgattung Operette Freunde gewinnen!  
Sieglinde Pfabigan

PS.: Bis zum 24. Jänner 2007 gibt es noch 7 Vorstellungen dieser Produktion.

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