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WIEN / Festsaal der Akademie der Wissenschaften:
KUNQU-OPER
Erstmals in Österreich ein Gastspiel der Kunqu-Oper aus Suzhou
(14. Jänner 2010)
Es ist nicht die Peking-Oper, die kam später und ist bunter, lauter, greller. Die klassische chinesische Kunqu-Oper hingegen gibt es seit dem 16. Jahrhundert und wird heute noch gepflegt. Die UNESCO setzte sie auf die „repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“, und man weiß, wie die Chinesen glücklicherweise wieder mit ihrer alten Kultur umgehen. Für sie jedenfalls ist Tradition nicht Schlamperei. Sondern kunstvollste Reproduktion alter Formen.
Wer vor Jahren bei den Festwochen viele, viele und noch mehr Stunden lang den „Päonien-Pavillon“ erleben durfte, weiß, was Kunqu ist: Vor allem einmal eine ganz besondere, auch für unsere Ohren angenehme, tonale Musik, die nur deshalb „anders“ klingt, weil sie von wunderbar anderen Instrumenten vermittelt wird. Sechs Herren und vier Damen – sie sitzen immer am rechten Seitenrand der Bühne, in Blickkontakt mit den Sängern - führten hier als Streicher, Bläser, Zupfer und Schläger das Besondere vor, etwa „Guzheng“, eine Wölbebrett-Zither, die geradezu magisch klingt, oder jenen mit Holz geschlagenen Gong „Xia Luo“, der die so charakteristischen „chinesischen“ Töne erklingen lässt. Die Bambusflöte „Dizi“ ist das führende Instrument. Eine Kunqu-Oper ist musikalisch fast nach unserer Form von Ouvertüre – Rezitativ – Arie gebaut, wobei bei Sprechgesang-Rezitativen vor allem Klappergeräusche zum Einsatz kommen.
Das Kunqu-Opernensemble ist derzeit auf Europa-Tournee. In Wien hat man kein großes, abendfüllendes Werk gesehen, ist aber dankbar, dass die Akademie der Wissenschaften ihren Prunksaal (ja, jenen, wo Haydn selbst seine „Schöpfung“ dirigierte – nicht die Uraufführung, aber sein letztes öffentliches Auftreten) den so ungemein sympathischen Gästen aus China geöffnet hat. Sie kamen an zwei Abenden und zeigten jeweils drei Stücke – Ausschnitte, Gustostückerln aus großen Werken. Am zweiten Abend mischte sich hier Humor, Eleganz und Dramatik auf das schönste.

In „Niehaiji“ laufen Mönch und Nonne unabhängig von einander aus ihren Klöstern weg, treffen sich an einem Fluß, flirten, und als er galanterweise sie über den Fluß trägt, weil das Wasser so kalt ist (sie hopst geradezu auf seinen Rücken), scheint dem Happyend nichts im Wege zu stehen. In dem erwähnten „Päonien-Pavillon“ träumt die schöne Heldin von ihrem Geliebten, und in „Baituji“ schließlich (was auf Deutsch „Die Geschichte des weißen Hasen“ bedeutet) lieferte der Star der Truppe, die „A-Klasse-Darstellerin“ (wie es so schön heißt) Wang Fang eine ihrer berühmtesten Szene, nämlich die einer schwangeren Frau. Wie sie inmitten des fest gefügten Kunqu-Gebärden- und Bewegungs-Rituals dennoch die Wehen-Schmerzen (natürlich in aller Eleganz!) glaubhaft macht, unter einem Tischchen „gebiert“ und schließlich mit einem kleinen Bündel hervorkommt… das war ein Gustostück.
Schöne Frauen, elegante, aber auch viele komische Männer errangen durch das formvollendete Spiel ihrer Hände, Beine und Körper die volle Bewunderung der Zuseher und agierten auch noch als Sänger, vom Diskant bis zum Parlando. Ein wunderbares Spiel der Ästhetik, das bei Publikum in dem gut gefüllten Saal helle Begeisterung erregte.
Renate Wagner |