Die Deutsche Oper Berlin startet mit “I CAPULETI e i MONTECCHI“, 6.9.2009
Von zwei Schauspielern nachgestelltes Photo auf dem Originalschauplatz in Verona. Photo: Ursula Wiegend
Auf dem Ankündigungsfoto ist die schöne lettische Mezzosopranistin Elîna Garanèa mit wallenden blonden Locken zu sehen, doch in der konzertanten Aufführung von Vincenzo Bellinis obiger Opersind die Haare straff zurückgekämmt und zum Mozartzopf geflochten. Denn hinter diesem sperrigen Titel verbirgt sich die weltbekannte Liebesgeschichte „Romeo und Julia“, was die Deutsche Oper Berlin schon auf den Plakaten deutlich macht. Diesen Romeo verkörpert nun Elîna Garanèa.
In unzähligen Theater- und Musikstücken, Büchern und Filmen ist die Tragödie der jungen Liebenden aus zwei verfeindeten Veroneser Familien, den Capuleti und den Montecchi, behandelt worden. Bei uns besser bekannt als Guelfen und Ghibellinen.. Im Opernsektor ragt Bellinis Version heraus. Mit ihr startet das Haus an der Bismarckstraße in die neue Saison und bietet dem Publikum sogleich Belcanto vom Besten.
Für den jungen Bellini war diese Oper ein Auftragswerk und musste in nur 6 Wochen fertig gestellt sein. Die Kürze der Kompositionszeit merkt man ihr jedoch keineswegs an. Allerdings konnte Bellini auf seine zuvor geschaffene, aber erfolglose Oper „ZAIRE“ zurückgreifen und sie in das neue Werk integrieren. Das nun wurde bei der Uraufführung 1830 am Teatro la Fenice in Venedig ein großer Erfolg des damals 29-Jährigen. Dazu beigetragen hat sicherlich auch das Libretto von Felice Romani. Der ist von Shakespeares berühmten Stück abgewichen, hat die Handlung gestrafft und sie operngemäß auf das unglückliche Liebespaar konzentriert.
Kommen wir nochmals auf Bellini zurück, den Heinrich Heine in seiner ironischen Art als zarten, hoch aufgeschossenen Mann mit einem schönen „Milchgesicht“ beschrieben hat. „Der ganze Mensch sah aus wie ein Seufzer en escarpins“, will heißen ein Seufzer auf Pumps.
Doch Bellinis Musik ist durchaus nicht nur weich und elegisch. Er nennt seine Oper zwar eine „Tragedia lirica“, doch bei der Ouvertüre geht es unter der Leitung des jungen, international gefragten Dirigenten Karel Mark Chichon (Gatte von Elîna Garanèa) sofort schwungvoll und energisch zur Sache. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin folgt ihm mit Engagement und Wohlklang.
High Heels zum Hosenanzug trägt auch Elîna Garanèa als Star des Abends. In Stimme, Ausdruck und mit ihrer schlanken Figur gestaltet sie einen zwar schwärmerischen, aber auch handfesten und kernigen Romeo. Der ist bei ihr als Liebender ebenso waghalsig und tapfer wie als junger Krieger. Elîna Garanèa erweist sich (nicht zum ersten Mal) als ideale Besetzung für diese Rolle.
In der jungen Russin Ekaterina Siurina als Giulietta (die als Puppe Olympia an der Wiener Staatsoper debütierte), erwächst ihr alsbald eine ebenbürtige Partnerin. Schon die erste Sehnsuchtsarie nach dem schmerzlich vermissten Romeo, wunderbar von Horn und Harfe gerahmt, lässt aufhorchen und beschert ihr einen Zwischenbeifall. Ihr warmer lyrischer Sopran kennt in der Höhe keine Schärfen und zeigt sich im Laufe des Geschehens auch als sehr wandlungsfähig. Für mich die Entdeckung des Abends.
Vor allem passen die beiden Frauenstimmen großartig zueinander und ranken sich förmlich aneinander empor. Nach jeder Szene ernten die beiden Damen die verdienten Bravos, und wie schön wäre es, sie dürften sich selbst bei dieser konzertanten Aufführung nicht nur anschauen, sondern sich auch mal verliebt an den Händen halten.
Die „richtigen“ Männer geraten in Anbetracht dieser Glanzleistungen etwas ins Hintertreffen. Schon bei Bellini und seinem Librettisten sind sie mehr Staffage als Handelnde. Mit imponierendem Bass überzeugt Ante Jerkunica als friedensunwilliger Lord Capulet. Der weist das Versöhnungsangebot der Montecchis zurück und will seine Tochter Giulietta nicht dem Romeo, sondern entgegen ihrem Willen seinem Gefolgsmann Tebaldo (Dario Schmunck, Tenor) zur Frau geben. Die kindliche Liebe und Ehrfurcht, die sie auf die Flucht mit Romeo verzichten lässt, wird von ihm nicht erwidert.
Die Rolle von Pater Lorenzo, dem Unterstützer der beiden heimlich Liebenden, ist mit Reinhard Hagen zuverlässig besetzt. Noch mehr als zuverlässig, nämlich glanzvoll und mit hoher Präsenz, wird der Chor unter der Leitung von William Spaulding seinen unterschiedlichen Aufgaben gerecht.
Insgesamt ein gelungener und heftig umjubelter Saisonauftakt für die Deutsche Oper Berlin, mit Bravos für alle Beteiligten, insbesondere für Elîna Garanèaund Ekaterina Siurina.Wer dieses Gesangsfest ebenfalls genießen will, muss sich sputen, gibt es doch nur zwei Wiederholungen, nämlich am 9. und 12. September.
Ursula Wiegand |