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Merker 2002-2007
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22. Jahrgang
Januar/Februar
2010
163
- - - - -
Anton Cupak
15.02.2010
20:32:20
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Kritiken  
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WIEN / Volksoper: 
SOUTH PACIFIC von Richard Rodgers, Gesangstexte von Oscar Hammerstein II.
Konzertfassung: David Ives (für die Carnegie Hall 2005)
16. Jänner 2010, Premiere
  
 
Monatelang allabendlich am Broadway den Emile de Beque in „South Pacific“ zu singen, dazu hatte Ferruccio Furlanetto, wie er in Interviews offen zugab, keine Lust. Aber die berühmte, für Ezio Pinza geschaffene Hauptrolle dreimal „halbkonzertant“ an der Volksoper zu verkörpern, hat ihn offenbar gereizt, zumal er sich hier mit keinem Regisseur herumschlagen musste. Das hat seine Vorteile. Aber auch seine Nachteile. Denn da kann ein großes, rundes Werk in jeder Hinsicht fragmentarisch auf die Bühne kommen.
 
Wem muss man es denn sagen: Musicals bestehen eben nicht nur aus Musik, wenn dies auch ihr entscheidender Anteil ist. Aber oft genug haben Ausstattung und Choreographie den Erfolg entschieden, und ein bisschen Regiezauber von kompetenten Händen hat noch nie geschadet. Gewiss, die Herrschaften in der Volksoper haben etwas wie „Kostüme“ an, der Chor marschiert gelegentlich im Gänsemarsch (die im Programm aufgeführten „Tänze“ sind allerdings Angeberei), Marjana Lipovsek wackelt hingebungsvoll mit den Hüften, das Liebespaar küsst sich sogar mehrfach, der Komiker outriert. Das macht allerdings noch keinen Theaterabend. „South Pacific“ ohne Südseezauber wirkt anämisch.
 
Dieses Musical des Erfolgspaares Rodgers & Hammerstein liegt zwar in den Broadway-Hitlisten der beiden nur an Platz 2 nach „Oklahoma“, weltweit wurde es aber von „The Sound of Music“ and „The King and I“ weit überholt. 1949 spiegelte „South Pacific“ amerikanischen Patriotismus und Stolz auf den auch im Pazifik (dort gegen die Japaner) gewonnenen Zweiten Weltkrieg, hatte aber noch eine politisch äußerst korrekte Botschaft – schließlich verweigert der Tenor der schönen Einheimischen die eheliche Hand, und die Krankenschwester will den französischen Plantagenbesitzer nicht zuletzt deshalb nicht heiraten, weil er zwei farbige Kinder von einer Polynesierin hat. Und da wird dann ernsthaft-reflektiv darüber gesungen, dass man dem weißen Amerikaner ja doch die Angst vor dem Andersartigen und Andersfarbigen anerzieht (was auch dem Bestsellerautor James A. Michener, der die literarische Vorlage für „South Pacific“ lieferte, am Herzen lag, war er doch selbst mit einer Polynesierin verheiratet). Nun, wie man weiß, schickte später Marlon Brando eine Indianerin, seinen „Oscar“ zurückzuweisen, und heute heißt der amerikanische Präsident Barak Obama und ist ein Farbiger. Die Zeiten ändern sich ja doch…
 
Wollte man „South Pacific“ spielen, hätte man da die heldenhaften Jungs in Uniform und die attraktiven Krankenschwestern, die schönen Insulanerinnen (Hula-Zauber auf Bali Ha’i…), den Luxus der Plantagenbesitzer, also jede Menge pittoreskes Ambiente, in dem sich die Qualitätsmusik von Richard Rodgers entfalten kann, wenn auch unter den vielen Songs wohl nur „There is Nothin’ Like a Dame“ über das unmittelbare Werk hinaus überlebt hat. Das Problem der Volksopernaufführung lag nicht nur daran, dass sie szenisch nicht stattfand, sondern auch an Dirigent David Levi, der gut sichtbar dem Publikum einen Schwung vordirigierte, der das vor ihm liegende Orchester offenbar nicht erreichte. Rodgers hat eine Fülle verschiedener Stile und Rhythmen eingebracht, dem Milieu entsprechend, sentimental bis grotesk, romantisch bis martialisch, aber vor allem „swingt“ die Musik, das heißt, sie müsste es…
 
Immerhin, Ferruccio Furlanetto tat gut daran, sich den Emile de Beque einmal zu geben, denn die Rolle liegt ihm wunderbar, und obwohl sie keineswegs ohne Anspruch ist, fordert sie doch nicht so extrem wie eine große Opernpartie. Hier schwingt die Stimme wunderbar aus, und er erreichte hohe Bariton-Töne, die wirklich Achtung gebietend waren. Zudem machte er im weißen Jackett hervorragende Figur – kurz, man würde ihm die Rolle in einer echten Aufführung gönnen. Er muss sie ja nicht monatelang spielen…
  
 
Die Volksoper hat noch einen Opernstar in die Produktion  locken können, und man sah Marjana Lipovsek den Spaß an, mit dem sie die „Bloody Mary“ wogte, die alles zu verkaufen hat, vom Bastrock bis zur eigenen Tochter, Schrumpfköpfe und Walfischzähne sowieso.
 
Sandra Pires stand mit ihrer ganzen Musical-Erfahrung im Zentrum des Geschehens, sympathisch und routiniert, nah am Mikro, weil die Stimme ja nicht wirklich groß ist. Wenig tenoraler Glanz kam von Stephen Chaundy, der für den tragischen Zweig der Geschichte zuständig war, und Christoph Wagner-Trenkwitz spielte den komischen Intriganten in voller Peter-Lorre-Manier.
 
Der Rest der Nebenrollen hatte sich, wie alle an diesem Abend, mit der englischen Sprache zu plagen, was keiner so gut hinbekam wie Vernon Rosen als Captain Brackett – ihn würde man für einen Original-Amerikaner halten. Direktor Meyer hat übrigens seine scheinbar so unerschütterlich vorgetragene Versicherung, bei ihm werde auf der Bühne nur Deutsch gesprochen, stillschweigend vergessen. Auf die Frage bei der Pressekonferenz, wie er es mit „South Pacific“ halten würde, meinte er damals im Brustton der Überzeugung, man werde die Nummern englisch singen, die Zwischentexte natürlich Deutsch sprechen. Keine Spur – vermutlich weil Ferruccio Furlanetto, der nichts tut, was er nicht will, sich auf diese Mühe nie und nimmer eingelassen hätte (als man von ihm in der Staatsoper verlangte, außer Pater Guardian noch den Calatrava zu singen, wie es das wunderbare Regiekonzept vorsah, hat er nur gelacht). Mit einem Wort – alle sprechen Englisch, mit den Texten in der Hand, sie können es unterschiedlich gut, nun ja, oben läuft die Übersetzung. Und wir, die wir immer für die Originalsprache plädieren, beschweren uns ja nicht. Wir finden nur Politiker-Verhalten auch bei Theaterdirektoren – à la das „Was gebe ich auf mein Geschwätz von gestern“ des guten Konrad Adenauer…
 
Renate Wagner
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