|
|
Wien/Staatsoper: TANNHÄUSER am 5. September
Wagner hat seinen Tannhäuser nach der Uraufführung in Dresden im Jahre 1845 mehrfach umgearbeitet, sehr einschneidend für Paris, und noch im Jahre 1875 hat er das Werk, basierend auf der Pariser Fassung, für Aufführungen in Wien eigens eingerichtet. Diese letzte vom Meister vorgelegte Version muss wohl als die authentische angesehen werden und wurde bis vor wenigen Jahren auch den meisten Aufführungen in aller Welt zu Grund gelegt.
Unsere Zeit hegt eine Vorliebe für „gereinigte Urfassungen“, gewiss in der von Hybris erfüllten Meinung, von der Materie mehr zu verstehen als die Komponisten selbst, denn die haben Änderungen und Zusätze zweifellos in der Absicht vorgenommen , ihr Werk zu verbessern, das ihnen in seiner Urgestalt ungenügend erschien. Im Fall des Tannhäuser wird immer wieder von Musiktheoretikern vorgebracht, die für die Pariser Aufführung erzwungene Einführung eines Balletts hätte ein gewisses szenisches und musikalisches Ungleichgewicht des ersten Aktes gegenüber dem Rest der Oper bewirkt. Außerdem seien die Zusätze stilistisch abweichend. Ob dieser engherzige Purismus auch für die Theaterpraxis gilt ? Generationen von Opernbesuchern konnten dafür das grandiose Bacchanale , eines herrlichsten Tonstücke seiner Art, erleben und nicht nur ich, sondern auch viele anderer Besucher, mit denen ich sprach, haben es in der nun in Wien auf Wunsch des neuen Generalmusikdirektors aufgeführten Dresdener Version schmerzlich vermisst.
Einen negativen Vorteil hat die gewählte Version freilich: Die Partie der Venus ist wesentlich kürzer und so lange Michaela Schuster sie verkörpert, muss man dafür dankbar sein. Weder ihre schrille Tongebung, ihr quälendes Vibrato, noch ihr reizloses, langweiliges Spiel prädestinieren sie für diese Rolle, für die im heimischen Ensemble zweifellos bessere Vertreterinnen gefunden werden könnten. Mir dröhnt jetzt noch ihr Duett mit Tannhäuser im Ohr- sie erreichte darin geradezu beängstigende Phonstärken. Anja Kampe als Elisabeth machte ihrer Kollegin Schuster mit messerscharfen Höhen und Tremolo Konkurrenz. Sie ist noch jung , hat aber offenbar bereits zu viele und zu schwere Rollen gesungen. Als Schauspielerin stellte sie leider ein Vacuum dar.
Johan Botha hielt die mörderische Partie des Titelhelden, eine der schwierigsten der gesamten Opernliteratur, abgesehen von ganz unbedeutenden stimmlichen Schwächen jeweils gegen Ende des 2. Und 3. Aktes, vollständig durch und zwar so, wie ich es vor ihm noch von keinem Sänger gehört habe. Von Gestaltung und gedanklicher Durchdringung der Partie konnte aber leider, wie bei ihm üblich, keine Rede sein, auch von keiner Bühnenillusion… Er wirkt wie ein Fossil aus einem anderen Zeitalter, als der Begriff Singschauspieler noch nicht existierte und es reichte, den vorgeschriebenen Notentext wiederzugeben. Ich glaube aber nicht, dass man damals an emotionslosem Singen Genüge fand. Einzig die Romerzählung war wirklich mit dynamischen Abstufungen und verschiedenen Stimmfarben gestaltet. In der ersten Aufführungsserie konnte Christian Gerhaher als Wolfram den größten Erfolg unter allen Mitwirkenden für sich verbuchen. In Mathias Goerne hat man wiederum einen führenden Lied-Interpreten verpflichtet, dessen Auftritt gleichfalls erfolgreich verlief, der aber seinen Vorgänger Gerhaher weder vokal noch darstellerisch erreichen konnte. Auch ein Textausstieg muss vermerkt werden. Eine erhebliche Verbesserung gegenüber der Première stellte Caitlin Hulcup als Hirt dar und der Biterolf von Alexander Moisiuc fiel diesmal ebenso wenig negativ auf wie die Sänger der Comprimario-Rollen.
Franz Welser -Möst, der Dirigent des Abends, wird von der heimischen Kritik mit Glacéhandschuhen angefasst, wer aber ein wenig über den Tellerrand blickt , weiß, dass ausländische Rezensenten da oft eine ganz andere Meinung vertreten . Der Kritiker der Zeitschrift Opernglas bescheinigt dem Generalmusikdirektor beispielsweise in seiner Tannhäuser Kritik zwar bestes handwerkliches Können, meint aber, er sei bis zum Schluss eine persönliche Handschrift schuldig geblieben und er führt die “Eintönigkeit der musikalischen Interpretation als Ganzes“ auch auf die Mitwirkung Bothas zurück. Welser-Mösts Dirigat gefiel mir diesmal zwar besser als bei der Première, aber auch mich überzeugte sein trockener, nüchterner Wagner-Klang nicht ganz. Man könnte sagen, dieser Dirigent verharrt in der Immanenz und dringt nicht in die Transzendenz vor. Meine beiden Sitznachbarinnen nervten mich dadurch, dass sie dauern auf ihre Armbanduhren sahen, aber ein ganz klein wenig vermochte ich sie zu verstehen… Welser -Möst konnte sich aber über viel Applaus, den diesmal keine Buhs störten, freuen.
Die Leistung des Regisseurs Klaus Guth kann ich durchaus nicht als innovativ bezeichnen, er arbeitet vielmehr mit dem ältesten und verbrauchtesten Klischee des Regietheaters: Das Stück als Phantasmagorie des Protagonisten oder einer anderen Opernfigur. Erste Versuche in dieser Art gab´s schon vor Jahrzehnten: der fliegende Holländer als Traum des Steuermannes, Tristan als Traum des Hirten, Lohengrin als Elsas Traum etc. Dass derartige Regiemodelle sich kaum je in Einklang mit Text und Musik bringen lassen, stört die selbsternannten Regiestars nicht. Sie suchen ja die Provokation: „épater le bourgeois“ ist ihre Devise und jedes Buh aus dem Publikum steigert ihren Ruhm beim deutschen Feuilleton . Immerhin sind die nicht zum Werk passenden Bühnenbilder und Kostüme diesmal wenigstens gefällig anzusehen und es wurde uns der Anblick des gegenwärtig sehr en vogue befindlichen sich drehenden, hebenden und senkenden Gerümpels und der ausschließlich in Schwarz oder Weiß eingekleideten Sänger erspart. Der Nachbau des Schwind-Foyers für den zweiten Akt sieht übrigens zwar prächtig aus, aber warum hat man den Komponistenbüsten falsche Lünettenbilder zugeordnet? Das beginnt mit Dittersdorf, der vor einem Bild von Spontinis Vestalin steht und setzt sich fort.
Wenig erfreulich ist der Gedanke, dass wir den Tannhäuser nun viele Jahre lang in dieser ungereimten, pseudomodernen Version sehen müssen. Gegenüber der ersten Aufführungsserie erschienen einige alberne Hüpfmanöver des Chores etwas gemildert und auch sonst ging´s nicht mehr ganz so zackig zu, was zustimmend bemerkt werden muss.
Zwei Tage vor der Vorstellung gab´s noch jede Menge Karten, gestern prangte aber an der Abendkasse das Schild „Ausverkauft“. Ob man da kunstvoll auswattiert hat ?
Dr. Georg Freund
|