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Merker 2002-2007
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22. Jahrgang
Januar/Februar
2010
163
- - - - -
Anton Cupak
15.02.2010
20:32:20
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Kritiken  
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WIEN / Theater an der Wien:
L'INCORONAZIONE DI POPPEA von Claudio Monteverdi
Eine Koproduktion mit dem Glyndebourne Festival und der Opéra National de Bordeaux
21. Jänner 2010, Premiere
 
 
Die Nonne in der allerersten Reihe des Theaters an der Wien ist nicht echt. Denn da schlängelt sich schon eine Dame im Abendkleid daher, beginnt ein ungeheures Gezanke und begehrt deren Platz. Als die Nonne weicht und auf die Bühne flüchtet, setzt die andere ihr nach, Musik hebt an, die Damen singen – kurz, wir sind schon mitten im Prolog von „L'incoronazione di Poppea“, Madame Fortuna scheucht Madame Virtù, und Amor wirft sich dazwischen – dem jungen Mann (eigentlich eine junge Frau) wird noch dramaturgisch die wichtigste Rolle des Abends zukommen. Währenddessen marschiert eine wahre Phalanx von Mitwirkenden durch den Zuschauerraum auf die Bühne – und werden hier immer wieder auf- und abtreten. Ein so langer Abend (dreidreiviertel Stunden) braucht Bewegung, wo er sie bekommen kann.
 
„L'incoronazione di Poppea“ von 1642 also, wir sind dort, wo die Kunstform „Oper“ einst begann. Und Opernfreunde reiferen Alters werden nie vergessen, wie Ponnelle / Harnoncourt Ende der siebziger Jahre in Zürich mit historisierenden, prunkvoll-festlichen Interpretationen der drei großen Monteverdi-Opern eine Renaissance einleitenden. Die Aufführungen kamen übrigens zu den Wiener Festwochen für den Live-Genuß, und man kann ihre Qualität heute noch auf DVD überprüfen. Dann ergibt sich der Kontrast zur Arbeit von Robert Carsen besonders stark – nach mehr als 30 Jahren unser so total veränderter Blick auf alles, was Oper ist. Und der Beweis, dass man es nur richtig (nämlich gut) machen muss, um auch mit einer optisch gänzlich „minimalistischen“ Interpretation stärkste Wirkung zu erzielen.
 
Wahrscheinlich werden sich wenige Leute daran stoßen, aber gerade diese „Poppea“ ist ein seltsamer Fall – mit Orfeo und Ulisse, den Geschöpfen aus Mythos und Literatur, geht es leichter. Aber Nero und Poppea sind historische Gestalten, und man weiß, dass sie (da kann niemand widersprechen) zu den ruchlosesten Geschöpfen zählen, die im Sex & Crime-Spiel des alten Rom federführend waren. Und einige ihrer Verbrechen finden sich ja auch in dieser Oper – die Ermordung Senecas, die Verbannung Ottavias, alles wegräumen, was der eigenen Beziehung im Wege steht. Dennoch sorgt Amor dafür, dass alles für sie gut geht und dass sie ein großartiges, auch von einem herrlichen musikalischen Aufschwung getragenes Happyend erleben… So ungerecht ist die Opernwelt. Immerhin, nehmen wir es vorweg, ein wenig relativiert Regisseur Carsen das große Glück doch. Statt dass beide sich am Ende selig umarmen, geht Nero nach dem gemeinsamen Duett weg und lässt Poppea allein und verblüfft zurück. Das Publikum war auch ein wenig erstaunt, bevor es sich fing und in den verdienten Riesenapplaus ausbrach…
 
Diese „Poppea“-Geschichte spielt auf der Bühne von Michael Levine und in den absolut heutigen Kostümen von Constance Hoffmann im Niemandsland. Riesige rote Vorhänge in der Höhe der gesamten Bühne verschieben sich in immer wieder andere Positionen, stellen aber nichts dar als Begrenzung. Auch an Versatzstücken braucht die Aufführung nicht mehr als Doppelbett zum Liebensgeturtel, einmal einen Tisch – ja, und einmal eine große Badewanne. Und weil sie schon da ist, müssen dann gleich drei Leute hintereinander baden, ob es passt oder nicht: erst Nero (der dabei ganz nebenbei einen Mord begehrt, indem er einen seiner Gefährten, den er eben noch geküsst hat, erdrosselt und ersäuft), dann Ottavia (was besonders sinnlos scheint), schließlich Drusilla mit viel Schaum. Sonst bekommt man nichts zum Schauen und nie den geringsten Hinweis, dass man sich in einer realen Welt befindet.
 
Und dennoch ist man so ziemlich von Anfang an fraglos mitten im Geschehen, was zweifellos mit der intensiven Personenführung zu tun hat. Ob sie lieben, ob sie leiden, ob sie morden, ob sie herumalbern, sie tun es mit der gleichen nachdrücklichen Überzeugungskraft. Dabei hat Carsen die beiden komischen alten Ammen mit Tenören besetzt, die im Stil der englischen Vaudevilles in Frauenkleidern einen wahren Affen herunterreißen, und auch sonst wird jedes Element der Lockerheit (etwa rund um Amor) genützt. Was nicht heißt, dass Neros Gefährlichkeit nicht herauskäme. Tragik gibt es genug, und im Grunde wird das Stück so, wie es hier auf der Bühne steht, relativ unverzerrt erzählt. Roter Samt reicht uns gleichnishaft als imperialer Aufwand. Der Rest sind die Interpreten und die Musik.
 
Die Musik ist wunderbar, wenn man dergleichen mag. Sie kennt noch keine „Arien“, wie sie später im Barock ausgeformt wurden, ist vielmehr eine Art endloses Rezitativ, das sich allerdings immer wieder zu großen Szenen verdichtet – Ottavias Abschied von Rom ist eine solche, Senecas Abschied vom Leben, die hinreißende Verwandlung von Poppeas Amme Arnalta in eine große Dame sowie Duette des Liebespaars, vor allem das letzte. Das Balthasar- Neumann-Ensemble kommt mit seinen alten Instrumenten (darunter solche, die man nur in diesem Zusammenhang sieht wie etwa die Theorben) und klingt anfangs unendlich spröde, spröder noch als Harnoncourt. Aber dann öffnet sich die Musik unter der Leitung von Christopher Moulds, gibt ihren Stimmungsreichtum preis, wird gelegentlich sogar schwelgerisch, ist meisterlich in der pointierten Groteskkomik, pastos in der Tragik. Wunderbar.
 
In dem Stück der vielen, vielen Rollen gibt es im Grunde keine Hauptfigur. Von Titelheldin Poppea hätte man gern noch viel mehr gesehen, denn erstens ist die Columbianerin Juanita Lascarro eine exotische Schönheit und zweitens eine fabelhafte Sängerin, die optisch und akustisch nicht nur die Erotik, sondern auch die ihr zugeteilte wahre Liebe formt. Was den Nerone betrifft, so erschrickt man beim ersten Hören vor der Stimme von Jacek Laszczkowski – einen solchen Countertenor hat man noch nie vernommen, das klingt absolut unglaublich, die englischen Bezeichnungen „weird“ oder „creepy“ fallen einem ein, man kann eine Gänsehaut bekommen. Allerdings spricht die Stimme in den Lagen „hoch“, „ganz hoch“ und „unglaublich hoch“ nicht gleich an, die letzte Lage ist seine beste.
 
Noch ein Countertenor ist der Amerikaner Lawrence Zazzo als Ottone, der im Vergleich zu seinem polnischen Kollegen fast „normal“ klingt und fabelhaft singt. An seiner Seite die Drusilla der Schwedin Ingela Bohlin, auch sie eine der intensivsten, eindrucksvollsten Figuren des an künstlerischen Leistungen so starken Abends.
 
Marcel Beekman als Poppeas Amme Arnalta und Andrew Watts als alte Nutrice sind zwei wahre Erzkomödianten. Auch Cornelia Horak (in Hosen) und Beate Ritter dürfen ein heiteres Pärchen geben. Aber für Höhepunkte sorgen zwei tragische Szenen: Die elegante italienische Mezzosopranistin Anna Bonitatibus sang Ottavias „Addio Roma“ einfach hinreißend (die Regie ließ sie dabei neben dem Bett stehen, auf dem sich Nero und Poppea räkelten), und David Pittsinger nahm als Seneca mit beispielhafter Würde und klangvollem Baß Abschied. Neben Dominik Köninger, Michael Dailey (er muss sich von Nero auf offener Bühne ermorden lassen), Nicholas Watts, Andreas Wolf, Ruby Hughes und Renate Arends holte sich die Norwegerin Trine Wilsberg Lund als Amore viel Beachtung, denn die Regie hat sie immer wieder in den Vordergrund geschoben – das blutige Drama ist schließlich auch als große Liebesgeschichte gedacht.
 
Der Beifall war frenetisch, auch für die Regie, und das zu Recht.
 
Renate Wagner
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