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Oper Graz
“DIE CSARDÁSFÜRSTIN”
Premiere 23.Jänner 2010
Der lustige Krieg
Es ist kaum zu glauben, dass diese Produktion vor zehn Jahren in der Semperoper einen veritablen Skandal hervorgerufen hat, den Intendanten zur Streichung einzelner Szenen veranlasste, die Gerichte beschäftigte und bis heute die Rechtsexperten mit der Urheberrechtsfrage für Regiearbeiten zum Nachdenken bringt. Aber eine Dekade später gehen wir schon gefasster an die Darstellung des Krieges in Operetten heran, noch dazu, wo für Peter Konwitschny das Inszenieren in Graz bereits ein Heimspiel darstellt. Die Buhrufer am Schluß der Vorstellung konnte man an einer Hand abzählen und der Applaus und der Jubel für den Regisseur galt einer überdrehten Aufmischung eines Operettenstoffes, einer Art von “Absurder Operette”, deren Schwächen aber in der etwas langatmigen Wiedergabe der von Haus aus schon schwachensinnigen Dialoge lag, sowie der für mich nicht überzeugenden Verlegung von Handlungsabschnitten mitten in den ersten Weltkrieges hinein, Szenen, die eher an einen billigen Militärschwank erinnerten. Oder hätte etwa das pseudohumorige Krüppelballett oder der Tanz Sylvias mit einer kopflosen Soldatenleiche Betroffenheit oder Verstörung hervorrufen sollen, daran erinnern sollen, dass diese Operette mitten in einem der verheerendsten Weltkriege zur Uraufführung gelangte? Dafür waren die Kriegszenen letztlich doch zu oberflächlich und billig dargestellt, eben in genau jener Art von herkömmlicher Operette, die der Regisseur selbst einmal als “speziellen Schwachsinn” denunziert hat.
Immerhin schufen Konwitschny und sein Ausstatter Johannes Leiacker mit Fortschreiten des Abends beachtliche Bilder, vom Eingangs plüsch-und plunderverzierten Fin de Siecle des Budapester Etablissements bis hin zur totalen Kriegszerstörung, welch letztere in einem gelungenen Kontrast zu den Ensembles der Gesangsnummern steht, einem ständigen Tanz auf dem Vulkan, unterstützt durch entsprechend martialischen Krieglärm, eine “Verkaufts mei Gwaund”-Stimmung mit den melodienseligen Operettenschlagern von Emmerich Kálmán als Gegenwelt. Dazu trägt auch musikalisch der geborene Neuseeländer Tecwyn Evans zusammen mit den Grazer Phiharmonikern mit nahezu perfektem Operettensound bei. Da schmieren sich die Walzer richtig, da gibt es gekonnte Rubatoeffekte, eine scheinbar lippensynchrone Begleitung der Sänger sowie Zurücknahme der Lautstärke des Orchesters bei jenen Stellen, wo die Stimmen Gefahr laufen zugedeckt zu werden. Die Sängerinnen und Sänger sollten ihm sehr dankbar sein.
Nach eher vorsichtigem Beginn gewann die Stimme von Éva Bátori in der Titelrolle an Wärme und Durchschlagskraft, ihren musikalischen Ausdruck und ihre Stilsicherheit dankt sie ihrer schon zwei Jahrzehnte anhaltenden Karriere, ein Umstand, der gerade dem Operettengesang zu Gute kommt, eine Erfahrung, die bei ihren Partnern hörbar noch fehlte. Dem großen Star des “Orpheums” blieb sie allerdings optisch einiges schuldig. Als fesche Komtesse Stasi schlug sich Sieglinde Feldhofer mit glasklarem Sopran und quirligem Spiel ganz hervorragend. Ein gekonntes Rad schlug auf der Bühne Ladislav Elgr, seinen anfangs spröden Tenor setzte er geschmackvoll für den Edwin ein, die höchsten Regionen mied er aber hörbar, während Martin Fournier in der Rolle des Grafen Boni vor allem in der Tiefe zu wenig Substanz zu bieten hatte. Beide Herren warfen sich mit großem Einsatz in das Regiekonzept, dass sie dabei viel auf allen Vieren herumzukriechen hatten war zu erwarten, eine schon bekannte Manie Konwitschnys bei der Darstellung von Emotionen.
Routiniert, sympathisch, quasi aus dem Handgelenk dank langer Erfahrung spielte und sang der köstliche Götz Zemann den Feri bácsi, auf dem Niveau gewohnt lustiger Operettenroutine wandelten Gerhard Balluch und Uschi Plautz als Fürstenehepaar Lippert-Weylersheim. Eine Unmenge von Varietédamen, Kavalieren, Girls und Soldaten (Chor Bernhard Schneider, Choreographie Enno Markwart) waren ständig in Bewegung, ob hinter den Tischen hervorkriechend oder im Schützengraben steckend. Ein allmählich zu Hitler mutierender Diener war Daniel Doujenis, als kopflose Leiche tanzte Shaohui Yi, eine Zigeunerkapelle fiedelte ordentlich, János Mischuretz als Rohnsdorff, Zoltán Galamb als Notar und T.G.Schubert als Amerikaner ergänzten den Abend, alles unter dem wie immer gekonnten Lichtspielen von Friedewald Degen.
Die Intendantin freute sich sichtlich über den, trotz aller Einwände gelungenen Abend, Streichungen und ein Skandal blieben ihr erspart, die Direktoren der beiden großen staatlichen Musikbühnen Wiens beehrten Graz durch ihre Anwesenheit. Wie schon erwähnt viel Jubel und kaum Protest. Das Grazer Publikum hat eben nur wenig Berührungsängste mit dem sogenannten Regietheater.
Peter SKOREPA
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