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Helsinki: FAUST am 22.1.2010
Während es heutzutage Mode ist, ein Stück in die Jetzt-Zeit zu versetzen, um es dem Zuschauer von heute nahe zu bringen, gehört JUSSI TAPOLA zu der seltenen Spezies von Regisseuren, die sich dieser Methode verschließen und den entgegen gesetzten Weg beschreiten. Bei ihm wird man verführt, in eine zurück liegende Zeit einzutauchen. So auch bei seiner „Faust“-Produktion, die am 22.1. an der Finnischen Nationaloper Premiere hatte. Doch auch sie spielt nicht im 16. Jahrhundert, sondern zur Zeit Goethes, den wir während des Vorspiels in der bekannten „Goethe in Italien“-Pose sehen, eben jenen Kontrakt Mephistos ablehnend, den dieser danach mit Faust abschließen wird. Mephisto ist in seiner Kleidung nicht als Teufel, sondern als Edelmann zu erkennen, eine Art Zauberer. Wie von dem handwerklich versierten Tapola nicht anders zu erwarten, wird dem Stück kein Tort angetan, stimmt die Konstellation der Figuren zueinander.
Zu Tapolas Eigenarten gehört es weiterhin, sich der Mitarbeit von äußerst geschmackvollen Bühnen- und Kostümbildnern zu versichern, in diesem Fall ist es MARK VÄISÄINEN, der nicht nur wunderschön anzuschauende Bühnenbilder entworfen hat, sondern auch äußerst praktikable, die einen raschen Wechsel der Szenen zuließen. Zudem waren sie – heutzutage auch nicht gerade die Norm – sehr sängerfreundlich. Doch diese Komponente barg auch Tücken in sich, ließ sie so auch kleine Stimmen groß erscheinen und machte das Klangbild insgesamt zu kompakt, so dass die französische Eleganz der Partitur nur selten zum Vorschein kam – sicherlich nicht die Schuld des die Sänger hervorragend begleitenden Dirigenten KARI TIKKA.
Auch wenn man beklagen mag, dass die Globalisierung der Finnischen Nationaloper weiter fortschreitet und alle vier Hauptpartien mit Gästen (zudem noch Helsinki-Debütanten) besetzt waren, so muss doch konstatiert werden, dass ein äußerst geglückt zusammen gestelltes Stück-Ensemble verpflichtet worden war. Freilich mag ich nicht in den großen Beifall für den Mephisto des armenischen Bassbaritons ARUTJUN KOTCHINIAN einstimmen. Hier schien das Motto „Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus“ gegolten zu haben, denn laut war die Tonproduktion allemal, doch weder französisch-elegant noch slawisch-dämonisch, so dass man besser nicht an große Vorgänger dachte. Dagegen war der Faust des tschechischen Tenor PAVEL ÈERNOCH eine wirkliche Entdeckung – ein edles lyrisches Material (sicher auch durch das Bühnenbild begünstigt) mit eleganter Linienführung und strahlenden Höhen. Mit dem Timbre der albanischen Sopranistin ERMONELA JAHO hatte ich anfangs meine Probleme, es wollte nicht im Ohr haften bleiben, doch siegte letztendlich die Bewunderung für die Bewältigung der diffizilen Anforderungen der Marguerite, angefangen von der Geläufigkeit der „Juwelen“-Arie bis hin zur Dramatik der Kirchenszene – eine eher fragile Stimme, doch sehr tragfähig, zudem eine äußerst überzeugende Darstellerin. Beim Valentin des Österreichers MICHAEL KRAUS litt die Linienführung seiner Partie durch eine zu grobe Vergrößerung seines Material. Das finnische Rest-Ensemble (ANNA-LISA JAKOBBSON als Marthe, RIIKKA RANTANEN als Siebel, JUSSI MERIKANTO als Wagner) entledigte sich seiner Aufgaben kompetent, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Nicht zu vergessen den Chor, der durch das Bühnenbild eine sonst nicht so gewohnte Klangfülle erhielt.
Alles in allem eine gelungene Premiere, ausnahmsweise einmal eine, die den konservativer eingestellten Opernfreund nicht verschreckte oder verärgerte. Letzten Endes sollte es in der Kunst nicht um Moden gehen, also weder um „modern“ oder „altmodisch“, sondern um „gut“ oder „schlecht“. Ob Tapolas Produktion nun „gut“ war, möchte ich nicht entscheiden, aber sie passte zum Stück und zur Musik und war in sich stimmig. Dies ist heute schon sehr viel. Dazu war sie ein Fest für die Augen.
Sune Manninen |
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