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Operetten-Rarität im Stadttheater Baden
„Der Orlow“ von Bruno Granichstaedten (Vorstellung: 23. 1. 2010)
Im Stadttheater Baden steht wieder einmal eine echte Rarität auf dem Programm: die im Jahr 1925 im Theater an der Wien uraufgeführte und leider nur selten gespielte Operette „Der Orlow“ von Bruno Granichstaedten (Libretto vom Komponisten und Ernst Marischka). Der 1879 in Wien geborene Granichstaedten war zuerst als Konzertsänger tätig, ehe er sich Bühnenwerken zuwandte, wobei er mit einigen Operetten Erfolge erzielte („Bub oder Mädel“, „Auf Befehl der Kaiserin“, „Walzerliebe“). Sein größter Erfolg war und blieb „Der Orlow“. 1938 musste er seine Vaterstadt verlassen und emigrierte in die Vereinigten Staaten, wo er 1944 in New York starb.
Beim Orlow handelt es sich um einen blaugrünen Diamanten, der 1680 in Golkonda (Indien) gefunden wurde und als der beste indische Diamant gilt. Der ursprünglich etwa 400 Karat schwere Diamant wurde zu einem 199,6 karätigen Brillanten verarbeitet und von Fürst Grigori Grigorjewitsch Orlow, der mit seinem Bruder Alexei maßgeblich am Sturz des Zaren Peter III. beteiligt war, im Jahr 1776 der Zarin Katharina II. geschenkt. Sie ließ den Orlow-Diamanten in die Spitze des goldenen Zepters einarbeiten. Seit 1967 befindet er sich in der Rüstkammer des Moskauer Kremls.
Der Inhalt der Operette kurz zusammengefasst: John Walsh, Besitzer einer Automobilfabrik in New York, umschwärmt vergeblich die russische Tänzerin Nadja. Sie interessiert sich hingegen nur für ihren Landsmann Alex Doroschinsky, der als Maschinist in der Fabrik arbeitet. Er ist der aus Russland geflohene Großfürst Alexander, der nach der Revolution alles verloren hat – bis auf den berühmten Orlow-Diamanten. Jolly, der Kompagnon von Walsh, soll den Diamanten im Auftrag von Alex verkaufen, damit Doroschinsky die Tänzerin Nadja für sich gewinnen kann. Als sich herausstellt, dass Alex im Besitz des Diamanten ist, hält Nadja ihn vor versammelter Menge für einen Dieb. Man ruft die Polizei – da erkennt der Polizeidolmetscher Stepanoff in Alex den einstigen, ihm durch seine Güte unvergesslich gewordenen Großfürsten. Nadja bitte ihn um Verzeihung, doch er zeigt sich unversöhnlich und schleudert ihr den Orlow zornig vor die Füße. Als Nadja vor ihrem Auftritt im Theater erfährt, dass Alex New York verlassen will, provoziert sie auf der Bühne einen Skandal und tut, als verschenke sie den Diamanten, worauf Alex – von der Szene aufs Höchste betroffen – Nadja seine Liebe zu ihr offenbart. Happyend.
Die Inszenierung, für die Volker Wahl und Michaela Ronzoni verantwortlich zeichnen, bietet neben der gelungenen revueartigen Ausstattung von Stefanie Stuhldreier beste Operettenatmosphäre mit ausgezeichneter Personenführung. Manche klamaukartigen Szenen wären entbehrlich gewesen, wenngleich gerade sie bei einem Teil des Publikums Gelächter erzeugten. Bestechend die hohe tänzerische Qualität nicht nur des Balletts, sondern auch der Sängerinnen und Sänger. Mit Mátyás Jurkovics hat die Operettenmetropole Baden einen exzellenten Choreografen, der es bestens versteht, die Balletteinlagen mitreißend schwungvoll zu gestalten.
Als Alex Doroschinsky überzeugte Marko Kathol sowohl stimmlich – gut getroffen auch sein fremdländisches Idiom – wie auch darstellerisch. Starker Beifall des begeisterten Publikums für sein Lied „Da nehm’ ich meine kleine Zigarette“. Ihm ebenbürtig Frauke Schäfer als Nadja, die für ihre gut gesungenen Ohrwürmer „Für dich, mein Schatz, hab ich mich schön gemacht“ und „Einmal kommt die Zeit, wo man Dummheiten macht“ verdient Szenenapplaus erhielt. Auch das Buffopaar Iva Mihanovic als „Brillenschlange“ Dolly und Stephan Wapenhans als Jolly sorgten mit adäquaten Leistungen für beste Operettenstimmung im Theater.
Das Orchester der Bühne Baden unter der Leitung von Oliver Ostermann im Orchestergraben sowie die Band – mit Saxophon, Trompete, Klavier und Percussion – auf der zweistöckigen Bühne brachten die teils walzerseligen, teils zündenden Melodien des Komponisten, die durch die Klänge des Jazz auch für das amerikanische Kolorit dieser Operette sorgten, klangvoll über die Rampe. Das Publikum in Baden belohnte alle Mitwirkenden mit lang anhaltendem Applaus. Gratulation der Intendanz für diese „Ausgrabung“!
Udo Pacolt, Wien - München
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