Der neue Merker
blank
blank
blank
   
blank
blank
blank
STARTSEITE
AKTUELLES
BILDERGALERIE
KÜNSTLER-INFO
THEATER-INFO
INTERVIEWS
SPIELPLÄNE
KRITIKEN
blank Musiktheater
blank Ballett
blank Konzert
blank Sprechtheater
blank Ausstellungen
REVIEWS
WIEN-INFOS
TANZ-NEWS
JUBILÄEN
CD/DVD/BUCH
FILM/TV
FORUM
ARCHIV
BESTELLEN
EVENT-SEITEN
KONTAKT
WERBEPARTNER
IMPRESSUM
Merker 2002-2007
blank
blank
blank
blank
blank
blank
22. Jahrgang
Januar/Februar
2010
163
- - - - -
Anton Cupak
15.02.2010
20:32:20
blank
blank
blank
blank
Kritiken  
Die Kritiken früherer Ausgaben sind unter dem entsprechenden Menüpunkt "Merker 2002-2007" abrufbar, auf unserer neuen Website finden Sie die älteren Kritiken wie gewohnt unter dem Menüpunkt "Archiv" - auch nach Jahren! Keine Kritik geht daher verloren.
 
Besuchen Sie auch die Site unseres Kooperationspartners www.deropernfreund.de
 
blank

Berlin: “RIENZI“-Premiere an der Deutschen Oper, 24.01.2010
von Ursula Wiegand


Photo Bettina Stoess im Auftrag der Deutschen Oper Berlin


Eigentlich lautet der Titel „Rienzi, der letzte der Tribunen“, und diese Überschrift ist das einzige, was an diesem großartigen Abend eigentlich falsch ist. Denn jener Cola Rienzi, eine historische Figur aus dem Rom des 14. Jahrhunderts, war leider nicht der letzte Tribun, den das geplagte Volk zunächst als Heilsbringer bejubelte und dem es blindlings in seine Eroberungsfeldzüge folgte, die dann statt der versprochenen Freiheit und Größe letztlich nur Blut und Tränen gebracht haben.

Der junge Adolf Hitler war von dieser Oper begeistert, hat sich offenbar an den Visionen des Macht besessenen Rienzi orientiert. Nach anfänglichem Erfolg verschwand das Werk nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Versenkung. Einmal wegen der politischen Parallelen, wohl aber auch, weil sich Richard Wagner später selbst von dem Frühwerk distanzierte und nicht in den Bayreuther Spielplan integrierte. Daneben sind vermutlich auch die Länge der Oper und die Anforderungen, die sie stellt, der Grund dafür, dass die Häuser auf Distanz gegangen sind.

Doch die Deutsche Oper Berlin traut sich, dieses Werk auf die Bühne zu bringen, und Philipp Stölzl, der Regisseur, traut sich überdies, das Geschehen nahe heran zu holen und opulent zu bebildern. Und zudem wagt er es, das längliche Stück auf 2 ½ Spielstunden einzudampfen und einen Extrakt heraus zu filtern. Das ist ihm überzeugend gelungen. Da vermisst man/frau nichts.

Wagner war 26 Jahre jung, als er den gleichnamigen Erfolgsroman des Briten Edward Bulwer Lytton (1803-73) als Vorlage für sein Libretto nutzte und das Ganze im Stil der damals populären französischen Grand Opéra mit allem Pomp vertonte. Die Uraufführung war aber nicht, wie er erhofft hatte, in Paris, sondern am 20. Oktober 1842 in Dresden. Dennoch hatte dieses  Sturm- und Drang-Werk gleich großen Erfolg. Genau darum ging es Wagner, dem mit „Rienzi“, seiner vierten Oper, der Durchbruch gelang.

Heutzutage ist eigentlich nur die Ouvertüre bekannt und in vielen Wunschkonzerten zu hören, denn die ist ein frühes Meisterwerk, das das ganze spätere Geschehen vorab Revue passieren und bereits die Qualitäten des späteren Wagner erkennen lässt. Unter der musikalischen Leitung von Sebastian Lang-Lessing sorgt das Orchester der Deutschen Oper Berlin dafür, dass die Melodien aufblühen und liefert während der ganzen Aufführung eine mustergültige Leistung.
Wie immer öfter üblich, müssen die Besucher nicht nur den Klängen der Ouvertüre lauschen. Wir blicken in ein Arbeitszimmer, in dem ein Double Rienzis (Gernot Frischling) dessen Visionen körperlich auslebt. Durch das Fenster blickt er auf schneebedeckte Gipfel. Klar, das ist der Obersalzberg bei Berchtesgaden, ein Lieblingsort Hitlers. Stölzl duckt sich also nicht weg. Nein, er packt den Stier – also die spätere Vorliebe des deutschen Diktators für diese Oper – gleich bei den Hörnern.

Das tut er im weiteren Verlauf ebenfalls auf höchst anschauliche und einprägsame Weise. Zusammen mit Ulrike Siegrist hat er die Bühne gestaltet, auf der nun die Darsteller agieren, zumeist in den Kostümen (Kathi Maurer / Ursula Kudrna) des mittelalterlichen, von blutigen Familienfehden geplagten Roms.

Die nahe Vergangenheit präsentiert Stölzl auf einer großen Videoleinwand. Solche Videos gehören heutzutage zum Repertoire vieler Opern- und Theateraufführungen und sind oft total überflüssig. Hier aber bilden sie die Brücke zur neueren Zeit, verbinden das Geschen im damaligen Rom mit dem im Nazi-Deutschland.

Der Filmemacher Stölzl kann das und entlockt auch dem Hauptdarsteller Torsten Kerl als Rienzi überraschende mimische und darstellerische Qualitäten. Hier agierte kein Double! Beim Singen erscheint sein Gesicht auf der Großleinwand und lässt klar das Machtstreben in seinen Zügen erkennen. Ein Volkstribun und ein Verführer, der sich ohnehin gerne ablichten lässt, ein Kinder streichelnder Medienstar (siehe das Photo), der dem Volk auch dann noch den Endsieg verspricht, als schon fast alles verloren ist. Ohne diese Bilder auf der Leinwand, könnten wir das nur mit dem Opernglas nicht genau erkennen.
Während auf dem Schlachtfeld die Soldaten sterben und Rienzi sich markig im Durchhalte-Stahlhelm präsentiert – Aufnahmen, die vermutlich vorab gemacht wurden - weilt er in Wirklichkeit unten im Führerbunker. Er streitet mit den Generälen über die Strategie und baut zufrieden lächelnd aus Klötzchen das Neue Rom zusammen, sprich das neue Berlin nach den Entwürfen von Albert Speer und jongliert mit der Siegessäule. Als er einem Attentat entgeht, sieht er sich vom Herrgott geschützt. „Die Vorsehung hat es nicht gewollt,“ tönte es vor einigen Jahrzehnten aus den Volksempfängern. Wie sich die Bilder und die Entwicklungen gleichen…

Auch gesanglich stemmt Torsten Kerl die fordernde Rolle. Anfangs klingt sein geübter Heldentenor noch etwas belegt, doch bald singt er sich frei und bietet eine sehr gute Leistung. Noch übertroffen wird er von Kate Aldrich als Adriano, gleichzeitig der Sohn von Rienzis Todfein Steffano Colanna (Ante Jerkunica) und Geliebter von Rienzis schöner Schwester Irene. Ein junger Mensch, der von diesem Zwiespalt zerrissen wird.

Mit warmem, kraftvollem Mezzo kennzeichnet Frau Aldrich seine Seelenqualen ebenso anrührend wie seine Tapferkeit. Als er Irene aus dem brennenden Capitol retten will, kommt er selbst ums Leben. Camilla Nylund als Irene bringt dazu ihren strahlenden Sopran ins Spiel. Vom Typ und der Frisur her wäre die große, blonde Schwedin - sie möge den Vergleich verzeihen - die „ideale deutsche Frau der Nazizeit.

In weiteren Rollen gefallen Krzysztof Szumanski als Paolo Orsini (Haupt der mit den Colannas verfeindeten Adelsfamilie) und Lenus Carlson als Kardinal, der Rienzi erst segnet, dann aber entsetzt das Weite sucht.

Der eigentliche Star ist jedoch der von William Spaulding geleitete Chor der Deutschen Oper Berlin. Einfach sensationell, wie die Damen und Herren dieses Werk darbieten, vom feinsten Piano bis zum grandiosen, doch niemals gewalttätigen Forte. Sie tragen das Geschehen, das durch die Kürzungen weitgehend zur Choroper geworden ist. Der Chor wird zuletzt mit vielen Bravos zu Recht gefeiert, ebenso die fabelhafte Kate Aldrich. Auch die anderen ernten kräftigen Beifall, nur dem Regieteam schallen die üblichen Premieren-Buhs entgegen. Haben diese Besucher die Bilder nicht verstanden oder gefällt ihnen die ganze Richtung nicht?

Vergessen wir die Schreihälse. Denn der Deutschen Oper Berlin ist mit diesem „Rienzi“ ein hoch interessanter, ansehens- und anhörenswerter Abend gelungen. Weitere Vorstellungen am 30.01., 07. und 10. 02. sowie am 05. und 11.04. 2010.    

Ursula Wiegand

 

Diese Seite drucken
blank
 
Adminblank Copyright 2009 DER NEUE MERKERblankHosted by KingBill Rechnungenblank