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Tannhäuser

Wiener Staatsoper, 8.9.2010

 

Es ist ein schier unmögliches Vorhaben, es bei einer Neuinszenierung eines Wagner-Werkes jedem Recht zu machen. Während Wagner-Reisende sich langweilen, wenn der Regisseur es wagt, schlicht und einfach die Geschichte zu erzählen und mehr auf das eingeht, was sich zwischen den Beteiligten abspielt, so kreischen die Wagner-Fundis auf, wenn eine Produktion dazu benutzt wird, eine neue Sichtweise auf das Werk zu bringen. Egal, was man tut, von einer Seite wird man immer angefeindet.

 

So erntete im Juni auch Regisseur Claus Guth teilweise sehr herbe Kritiken, während die musikalische Seite gefeiert wurde. Ich hatte im Juni nicht die Gelegenheit zum Besuch des neuen Tannhäuser, deswegen ist es auch nicht möglich, auf eventuelle Änderungen im Vergleich zur Premierenserie einzugehen.

 

Um es vorweg zu sagen – es waren vier überaus spannende Stunden, und die Inszenierung hat mich sehr  zum Nachdenken angeregt, war ungemein spannend und – unter dem Betrachtungswinkel von Claus Guth, in sich absolut stimmig. Sie gehört meines Erachtens durchaus zu den guten Wagner-Produktionen des Hauses. Allerdings ist es für den Besucher sicherlich hilfreich, wenn er bereits Erfahrungen mit der Ästhetik eines Peter Lynch (konkret „Twin Peaks“) oder Stanley Kubrick („Eyes Wide Shut“) gemacht hat, da sich Guth und Ausstatter Christian Schmidt bewusst oder unbewusst daran orientiert haben.

 

Guth verlegt den Zeitpunkt der Oper auf die Wende zum 20.Jahrhundert hin und changiert immer wieder zwischen Tannhäusers Wahn und Wirklichkeit – Ähnlichkeiten zu Schnitzler (auf dessen Traumnovelle auch Eyes Wide Shut basiert) sind naturgemäß gewollt. Wir beginnen mit einem Sänger im Wahn. Man kann nun vermuten, dass er die vordergründigen, katholisch dominierten Moralvorstellungen einfach satt hat und er sich quasi in eine Traumwelt flüchtet, wo ihm die Elisabeth, die er anscheinend liebt und auch von ihr geliebt wird, nicht nur als Heilige, sondern auch als Hure in der Gestalt der Liebesgöttin Venus erscheint. Es bleibt nun Spekulation, ob Tannhäuser schon einen Klinikaufenthalt hinter sich hat, als man ihn vor einem etwas zwielichten Etablissement am Boden liegend findet. Er hat Visionen einer sich selbst flagellierenden Schar in eleganten Anzügen. Seine Freunde, die ihn auflesen, kommen gerade aus dem Hotel heraus – und sind ebenso gekleidet wie die Personen aus dem Fiebertraum des Tannhäuser. Schon hier wird auf den Zwiespalt zwischen dem Schein und Sein angespielt.

 

Der zweite Aufzug spielt in der Hofoper Wien, im Schwind-Foyer. Tannhäuser trifft auf Elisabeth, die vielleicht seine Künstleragentin (oder die Tochter seines Agenten) ist. Beide küssen einander – und in dem Moment, als der Kuss passiert, zerbricht etwas in Tannhäuser, wunderbar dargestellt durch das Auseinaderklaffen der Wände des Saales. Wieder kommt es zu Wahnvorstellungen. Eine Auseinandersetzung zum Begriff der „Liebe“ wird zu einem dramatischen und folgereichen Ereignis. Während die Fraktion um seinen Freund Wolfram an den mittelalterlichen Werten der „minniglichen“ und unschuldigen Liebe festhält (dies die Herrschaften aber nicht davon abzuhalten scheint, gewisse Etablissements aufzusuchen), bekennt sich Tannhäuser zu exzessiver Lust und Lustbefriedigung. Diese Offenheit – und die Tatsache, dass er seinen Freunden – und auch Elisabeth – quasi einen Spiegel vorhält, kann  und wird nicht akzeptiert. So viel Lust ist unsittlich, gefährlich, ist nicht in die Gemeinschaft passend. Weg mit dem Kerl, auf zur geistigen Läuterung, in den Schoß der katholischen Kirche. Dies alles passiert während des Kusses. Tannhäuser bricht ob der Last der Eindrücke zusammen und fällt ins Koma.

Der dritte Aufzug spielt in einem Spital – nachempfunden der Pflegeanstalt „Am Steinhof“. Tannhäuser liegt noch immer im Koma,  phantasiert über den Pilgerchor, der selbst durch den Konflikt zwischen der katholischen Moralvorstellung und den unterdrückten Neigungen verrückt geworden ist. Elisabeth besucht ihn und nimmt in ihrer Verzweiflung eine Überdosis Tabletten. Auf Tannhäusers Freund Wolfram, der selbst in Elisabeth verliebt ist, erscheint. Er sieht, dass er Elisabeth nicht mehr helfen kann. Wolfram besingt den Abendstern, Heinrich erwacht und schildert seine Visionen, die Tatsache, dass seine Moralvorstellungen mit denen seiner Zeit inkompatibel sind und er daran zerbricht. Das dürfte für Wolfram, den Schöngeist, zu viel sein und er nimmt sich das Leben, da er langsam begreift, dass es neben seinen Werten auch andere gibt, die er aber nicht zu akzeptieren bereit ist. Schlussendlich stirbt auch Tannhäuser – auch er zerbricht an dem Widerspruch (?) zwischen Heilger und Hure.

 

Ist das die Geschichte, die Guth erzählen will? Ich weiß nicht, allerdings ist es das, was ich für mich herausgelesen habe. Eine wirklich spannende Inszenierung, die sehr zum Nachdenken anregt. Die meist negativen Kritiken kann ich in keinster Weise nachvollziehen, vielleicht ist aber das „Generation-Gap“ daran schuld, dass es ein Unter-50-Jähriger schon mit etwas anderen Augen sieht.

 

Die musikalische Seite erbrachte viel Licht, aber auch etwas Schatten. Johan Botha in der Titelrolle sorgte für einige wundervolle Momente, allerdings dürfte er nicht bei bester Gesundheit gewesen sein. Besonders im dritten Akt hustete er mehrmals. Im zweiten Akt musste er gegen Ende an seine Grenzen gehen, auch im 1.Akt war eine ganz kleine Unsicherheit zu hören. Das alles soll aber die außergewöhnliche Leistung nicht schmälern – es gibt wahrscheinlich nicht so viele Sänger heutzutage, die eine solch anstrengende Partie überhaupt stemmen können. Ich wünsche Botha auf jeden Fall baldige Besserung. Eine Bekannt erzählte mir, dass dieses Mal dafür gesorgt wurde, dass sich der Sänger mit Hilfe eines Sessels vom Boden erheben konnte. Eine gute und sängerfreundliche Idee. Ein großer Schauspieler wird er nie, aber in seinem Fall gestehe ich, dass auch auf „Stimmenporno“ stehe und seine Defizite gerne in Kauf nehme.

 

Matthias Goerne kommt vom Liedgesang, und das konnte man deutlich spüren. Eine sehr genaue Diktion und Phrasierung überzeugte er auf ganzer Linie. Der „Abendstern“ war eine Meisterleistung des Liedgesangs, toll getragen von Dirigent und Orchester. Keine Spur von „Deklamieren“, was man ihm noch bei der ersten Vorstellung nachgesagt hat. Wunderbar.

 

Das dritte Highlight des Abends war der Walther von der Vogelweide, Gergely Némethi. Dieser junge Sänger besticht durchs eine hervorragende Technik, ein schönes Timbre und die Tatsache, dass seine Stimme sich im letzten Jahr größer geworden ist. Es war eine wirklich Freude, ihm zuzuhören und man kann sich schon darauf freuen, wenn er in dieser Saison größere Partien singen wird.

 

Etwas enttäuscht war ich von Ain Anger als Landgraf Hermann. Seine Stimme klang müde und es war da ein leichtes „Wobble“ zu hören – noch viel zu früh für einen Sänger seines Alters. . Peter Jelosits und Marcus Pelz waren unauffällig solide, das Timbre von Alexandru Moisiuc kann man mögen oder auch nicht. Ich gehöre zur zweiten Fraktion.

Caitlin Hulcup war ein gut intonierender und spielender Hirte.

 

Es wurde die Dresdner Fassung gespielt, wo die Rolle der Venus kleiner ist als in den folgenden. Im Hinblick auf die stimmliche Verfassung von Michaela Schuster tat man damit sowohl der Sängerin als auch dem Publikum einen Gefallen. Ich war wirklich schockiert, die Sängerin, die ich noch als wunderbare Fricka im Ohr hatte, mitzuerleben. Schrill, tremolierend – es ist, als ob da eine andere Person auf der Bühne gestanden hat als die, die ich kenne und sehr schätze.

 

Sehr positiv aber Anja Kampe als Elisabeth, die auch schauspielerisch überzeugte. Die Töne saßen, auch klare Diktion.

 

Ein ganz großes Kompliment geht an den von Thomas Lang geleiteten Chor der Wiener Staatsoper, ebenso an das Staatsopernorchester. Franz Welser-Möst nahm das Ende des Vorspiels zum 1.Aufzug etwas sehr langsam, verlor aber niemals den großen Bogen. Er bot die Interpretation, die man von ihm erwarten darf. Sehr analytisch, Hervorheben von Nebenstimmen, alles immer mehr Kopf- als Bauchgeburt. Dem Publikum gefiel dies sehr, wie der starke Schlussbeifall bewiesen hat.

 

Alles in allem ein wirklich gelungener Start der neuen Direktion, Direktor Meyer und GMD Welser-Möst erhalten viele Vorschusslorbeeren, Presse und Publikum sind freundlich gesonnen. Auf dieser Basis können sich beide nur selbst schaden – ich denke, dass in den letzten Jahrzehnten kaum eine Direktion so freundlich aufgenommen wurde.

 

Ein kleines P.S. zum Schluss – für Sammler von Abendzettel wäre es durchaus hilfreich, wenn man sich möglichst rasch auf ein einheitliches Format einigen könnte! Und es ist ein schöner Service, dass nun auch die Biographien der Hauptdarsteller am Abendzettel enthalten sind.

 

Kurt Vlach

 

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